E10-Gipfel: Ist der Biokraftstoff E10 bereits ‚tot‘?

Verträgt Ihr Fahrzeug E10Jeder gegen jeden – was derzeit mit der Einführung des „Biosprits“ E10 in Deutschland passiert, ist schier unglaublich: Da sorgt die Regierung überstürzt für die Einführung von E10, lässt es aber zu, dass die Verbraucher weder von Mineralölkonzernen noch von Autoherstellern vernünfig darüber aufgeklärt werden. Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat zur Einführung von E10 viel zu lange geschwiegen – statt aus seiner Sicht einmal die Vorteile von Super E10 auf den Tisch zu legen.

Und dann kommt, was kommen musste: Die Verunsicherung bei den Verbrauchern wächst und wächst – und weitet sich zu einem Verbraucher-Boykott aus. Doch protestieren wir Verbraucher eigentlich wirklich gegen E10, dessen Umweltfreundlichkeit wir bezweifeln? Oder haben wir wirklich Angst, dass ein bißchen mehr Bioethanol all unsere Automotoren zerfrisst? Oder ist es doch eher ein Boykott gegen die Mineralökonzerne, deren Spritpreis-Politik schon lange mehr als zweifelhaft ist? Wir haben einmal eine Bestandsaufnahme rund um E10 versucht.

Was waren die größten Fehler bei der Biosprit-Einführung?

Die Frankfurter Rundschau sieht vor allem zwei Kernprobleme: Erstens habe man es versäumt, die Aufklärung über E10 zum Teil des entsprechenden Gesetzes zu machen. So hätte das Kraftfahrzeugbundesamt ohne Probleme alle Besitzer von Autos anschreiben können, deren Fahrzeuge nicht E10-geeignet sind.

Darüber hinaus müsse die Preis-Differenz zwischen Super Plus und E10 größer sein. Weniger als acht Cent reichten nicht aus, um den Mehrverbrauch aufgrund der geringeren Energiedichte auszugleichen und die gefühlte Unsicherheit der Verbraucher wegzubekommen.

Was macht eigentlich der Bundesumweltminister in der ganzen Debatte?

Er gibt – na klar – der Bild-Zeitung ein Interview und verteidigt E10. Nachzulesen aktuell auf bild.de mit folgenden Worten:

„E 10 ist billiger als die herkömmlichen Benzinsorten. E 10 trägt dazu bei, unsere Abhängigkeit von Leuten wie Gaddafi zu verringern. E 10 ist gut für die Umwelt und ein gutes Produkt für unsere hochwertigen, leistungsstarken Motoren. Noch Fragen?“

Wie steht der ADAC zu E10?


Der ADAC kritisiert vor allem die verpasste Verbraucher-Information rund um E10, ist aber grundsätzlich Befürworter des neuen Sprits mit höherem Bioethanol-Anteil. Reinhard Kolke, Leiter des ADAC-Technikzentrums, betonte zuletzt, die Angst der Verbraucher vor Motorschäden sei unbegründet – zumindest bei Autos mit Motoren, die als unbedenklich eingestuft würden.

Verursacht E10 kürzere Ölwechselintervalle?

Nein. Sowohl Vertreter von Automobilkonzernen als auch der ADAC sagen, dass dies nicht der Fall ist. Ein BMW-Entwickler hatte sich kürzlich missverständlich geäussert – sich dabei aber auf E10 außerhalb der europäischen Union bezogen. In Deutschland sei E10 unbedenklich, sagte ein BMW-Sprecher am Montag.

Wird es einen Brief an alle Verbraucher zur E10-Verträglichkeit vom Kraftfahrtbundesamt geben?

In dieser Frage sind die Meinungen gespalten: Ekhard Zink, Präsident des Kraftfahrt-Bundesamtes sagte gegenüber dem Flensburger Tageblatt, „zur Auswirkung des Biosprits auf Automotoren könne seine Behörde keine Angaben machen“. Der ADAC und andere hatten die Brief-Aktion gefordert. Mal sehen, ob sie heute beim Benzin-Gipfel als eines der Ergebnisse herauskommen wird.

Wer ist beim E10-Gipfel eigentlich dabei?

Neben den Ministern Brüderle, Röttgen, Aigner und Ramsauer sind beispielsweise der ADAC, der vzbv, die Autohersteller, die Mineralölkonzerne, die Bioethanolwirtschaft und der Bauernverband dabei. Wer hat eine Lösung im Gepäck?

Könnten Garantien der Autohersteller das Problem reduzieren?

Der Verbraucherschützer Holger Krawinkel fordert in der Süddeutschen Zeitung eine klare Ansage von Wirtschaftsminister Brüderle: Er müsse beim E10-Gipfel den Autoherstellern deutlich machen, dass die Garantien zur Verträglichkeit verbindlich gegen werden müssten. Nur wenn es Garantien gebe, habe E10 in Deutschland noch eine Chance. Anderenfalls sei E10 bereits tot.

Liebe Leser, wir bleiben für Sie am E10-Gipfel dran und werden voraussichtlich heute Nachmittag einen weiteren Beitrag zu den Ergebnissen veröffentlichen – sagen Sie uns Ihre Meinung zum gesamten Desaster in den Kommentaren, stimmen Sie bei unserem Voting ab und informieren Sie sich auf unseren weiteren Hintergrundseiten ausführlich über den neuen Biokraftstoff E10:

12 Kommentare

  • Biosprit war von Anfang an ein Fehlgriff. Strom ist die Lösung. Holt Euch Elektroautos oder Hybridwagen!

  • Solange das Zeug nicht einmal wirklich umweltschonender ist, ist die ganze Debatte die da auf lustigen Gipfeln und vor Zapfsäulen geführt wird obsolet. Das Zeug nutzt ausschließlich der deutschen Autoindustrie. Der Wähler ist nur wieder der Dumme und ich weiß nicht, was man da noch sagen sollte.

  • Wir werden in dem Staat doch nur noch von vorn bis hinten verarscht!

    Diesen Mist mit angeblich zu wenig Informationen kann ich nicht mehr lesen.

    Wir sind alle gut genug informiert, und deshalb Tanken wir die Brühe nicht.

    Ich hab unsere Bonzen sowas von satt!!!

    Genau wie die (Wort gelöscht, Anm. der Redaktion: Bitte sachlich bleiben) vom ADAC.
    Sind sie heute mit einmal auf’s andere Ufer gerudert und halten jetzt auch schön die Füße still, das ist doch zum k….
    Meine ADAC-Mitgliedschaft habe ich heut gekündigt…

    Lieber Herr Röttgen, sie sollten mit sofortiger Wirkung zurücktreten,
    und Ihre riesige Abfindungssumme nehmen wir um die evtl. Strafzahlungen zu begleichen!
    Das wär doch mal was!

    (Beleidigungen gelöscht, Anm. der Redaktion: Bitte sachlich bleiben)

  • Auf „ARTE Thema“ kam ein langer, ausführlicher Beitrag zum Thema Biosprit mit dem Titel „Die Biosprit-Lüge“. Sehr sehenswert! Habe den TV-Beitrag auf YouTube entdeckt (Beitrag ist mehrteilig!): http://www.youtube.com/watch?v=iogLGQBv36Y

  • Oldtimerfan

    … die Proteststicker gibt es hier: http://www.2CVonline.de

  • Martin Jendrischik

    Die sueddeutsche.de kommentiert lesenswert:

    Ein Flop von Anfang an: Der Treibstoff E10 hat nicht nur Startprobleme. Er ist vielmehr pflanzlich gewonnener Selbstbetrug – die Verbrennung nachwachsender Rohstoffe soll die technologische Umkehr hinauszögern. Damit ist E10 selbst Teil eines Problems, das der sogenannte Biosprit eigentlich lösen soll.

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/umstrittener-biotreibstoff-e-der-sprit-der-nicht-bio-ist-1.1069056

  • Marcus Kämmer

    Mich als Techniker interessieren hier vor allem belegbare und nachvollziehbare Fakten. Es muss doch möglich sein, auszurechnen, welche Fläche Ackerland ich tatsächlich brauche um die theoretisch gebrauchte Menge Ethanol für Deutschland und Europa herzustellen. Dann kann man doch einschätzen, ob für die Produktion von Lebensmitteln überhaupt noch etwas übrig ist. Aber ich denke, man will diese Zahlen nicht veröffentlichen, da man das Ergebnis schon kennt. Ob mein Motor das verträgt oder nicht ist doch gar nicht das Thema, dazu kann man ganz einfache Tests auf dem Prüfstand durchführen. Diese sogenannte freiwillige Einführung von E10 zeigt mir vor allem wie dumm die Deutschen mittlerweile eingeschätzt werden. Gebildete Bürger hinterfragen zu viel, deshalb die große Masse so gut wie möglich mit Slogans abspeisen.

  • Martin Jendrischik

    Noch ein interessanter Aspekt: Die Meinungen von Sauter und Sinn widersprechen sich – dabei geht es um die Notwendigkeit von Flächennutzung für Bioethanol usw. siehe hier: http://www.cleanthinking.de/e10/2/ Wer hat Recht?!

  • Martin Jendrischik

    Hallo Herr Dehler — vielen Dank für Ihre Meinung. Es ist wirklich interessant, dass die Umweltverbände gegen E10, die Autolobby und andere aber dafür sind. Es gibt in dieser Debatte kaum eine Gruppe, die wirklich unabhängig agiert – die Autoindustrie hat Vorteile, die Bioethanolwirtschaft ebenso, die Politik steht deutschlandbezogen auch besser da (Verschiebung der Probleme in andere Regionen is ja „egal“ in deren Augen) usw.

    Interessant auch: Umweltminister Röttgen stellt sich gegen die Umweltverbände. Das ist doch alles sehr merkwürdig.

    Halten Sie uns auf dem Laufenden zu Ihrem Boykottaufruf!

  • Frank Dehler

    Als Chef eines internationalen Autoclubs setze ich mich (gerade deshalb) für Natur und Umwelt ein. Für mich ist zweitrangig, ob Motoren kaputt gehen (auch wenn das bitter ist), wenn hier mit politischem Aktionismus der Hunger in der Dritten Welt verstärkt wird und Regenwälder gerodet werden. Wenn sich sogar BUND und Greenpeace auf die Seite der Autofahrer stellen, sollte das unseren Politikern zu denken geben. Deutschland will mal wieder „Vorbild“ für andere sein und verlagert aber in Wirklichkeit Probleme an andere Orte dieser Welt. Und bei aller Entrüstung über die Ölmultis muss man zugeben, dass diese zu diesem Schwachsinn gezwungen wurden. Und die Spritpreiserhöhungen, jegliche Schäden, evtl. notwendiger Kauf eines anderen Autos usw. passen doch wunderbar in das Konzept dieser Mafia aus Politik und Industrie. Alle verdienen hervorragend daran. Wir haben in Foren heiß diskutiert und fast alle sind gegen E10. Sollte der Gipfel keine Rücknahme erbringen, geht heute noch der Auftrag für einen E10-Boykott-Aufkleber in die Druckerei!

  • Martin Jendrischik

    Guten Morgen, margor und vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir von CleanThinking.de sind uns ebenfalls sicher, dass Sie mit dieser Meinung nicht alleine dastehen. Uns quält die Frage: Wurden die Rahmenbedingungen richtig gesetzt, damit die Bioethanol-Produktion die Hungerproblematik anderswo nicht verstärkt? Zweifel sind angebracht.

    Vielleicht noch ein Hinweis auf einen hervorragenden Kommentar bei Spiegel Online zur Thematik E10. Darin wird auch gefordert, die Politik müsse endlich allgemein über eine sinnvolle und nachhaltige Verkehrspolitik sprechen -> http://bit.ly/gCIC6V

  • E10 ist genau so eine Umweltlüge wie die Energiesparlampe!
    Wir hatten noch nie in der Geschichte dieser Republik eine offensichtlichere und plattere Lobbypolitik wie unter der Staatsratsvorsitzenden Merkel (Hoppla: „Bundeknanzlerin“ natürlich).
    Da war ja die Rot-Grüne Politsuppe noch leichter zu verdauen als die Schwarz-Gelbe.
    Die Ethanol-Produktion (bewusst ohne „Bio“) vernichtet Ackerland in Asien und Südamerika, verursacht unmengen Umweltdreck in eben diesen Ländern, vernichtet Regenwälder und verursacht Hunger, Elend und Tod in eben diesen Ländern.
    Und das für unseren erste-Welt-Egoismus. Mir wird schlecht, wenn ich da weiter drüber nachdenke.
    E10 ist ein Verbrechen an der Menschheit, an den Tieren der Regenwälder und an der Natur.
    E10 ist kein Segen sondern ein Fall für die Staatsanwaltschaft.
    Röttgen, Brüderle, Merkel, die Lobbyisten und die anderen Befürworter von E10 handeln kriminell und gehören vor Gericht gestellt!
    Das ist meine Meinung zu dieser Thematik und ich bin sicher, daß ich damit nicht alleine stehe.

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