Better Place-Chef Shai Agassi: “Die Autoindustrie will zurecht Beweise sehen!”
Shai Agassi gilt in der Cleantech-Branche als einer der Visionäre, die notwendig sind, um grüne Technologien breit in der Gesellschaft zu verankern. Der ehemalige SAP-Vorstand bastelt seit Jahren an seiner Idee, Elektroauto nicht an der Steckdose zuhause oder untwegs selbst aufzuladen – sondern schlicht und ergreifend die Batterien jeweils in Sekundenschnelle auszuwechseln.
Europa-Chef Rolf Schumann zeigte zuletzt am Montag beim Green Venture Summit in Berlin interessante Einblicke in die Entstehung des Unternehmens und die Geschäftsidee, die sich dahinter verbirgt. Schumanns Vortrag war einer der herausragenden Momente beim Green Venture Summit.
Damit die Batterie-Wechseloption möglich wird, müssen die Fahrzeuge so konzipiert sein, dass der Zugang zur Batterie ermöglicht und entsprechend erleichtert wird.
“Die meisten Modelle von Daimler haben einen Sandwich-Boden, es gibt also unter dem Wagen einen Platz für auswechselbare Batterien”, sagt Shai Agassi nun im Interview mit dem Handelsblatt. “Wenn sie wollten, wäre es ein Leichtes!”
Bislang sind aber gerade die deutschen Autohersteller skeptisch, was das Better Place Konzept angeht. Das weiß auch Agassi, der sagt, dass die Industrie Beweise sehen will – den berühmten Proof of concept – bevor 100prozentig an eine neue Technologie-Idee wie die von Better Place geglaubt wird.
Mit viraler Verbreitung zum Proof of Concept
Um diesen Beweis anzutreten, setzt der Better Place-Gründer auch auf virales Marketing: Kürzlich weihte Agassi in Tokio eine erste Batteriewechselstation ein, die immerhin von drei Taxen täglich angesteuert wird. Und: Nach rund 300 Kilometern mit dem Elektroauto wird eine kurze Pause eingelegt und die Batterie gewechselt. Nach Einschätzung von Better Place funktioniert es.
Der virale Effekt, dass jeder Fahrgast den Taxifahrer fragt: “Funktioniert das wirklich?” kann kaum überschätzt werden. Gerade in einer Metropole wie Tokio mit einer riesigen Anzahl an Taxis, mit zunehmender Luftverschmutzung und großem Verkehr könnten die Argumente für Better Place kaum besser sein.
Allerdings ist eine einzelne Batteriewechselstation in einer Metropole wie Tokio natürlich nicht genau dort, wo sie gerade gebraucht wird – Sonderfahrten, um zur Ladestation sind auch an der Tagesordnung.
Interessante Einblicke gibt das Better Place Video zur Wechselstation in Tokio:
Um die gesamte Taxiflotte Tokios elektrisch zu betreiben, wären ca. 300 Wechselstationen notwendig – ein gigantischer Markt für Better Place, der die massive VC-Unterstützung des Unternehmens ansatzweise rechtfertigen kann. Lukrativ ist das Geschäft momentan allerdings noch nicht, weil Better Place massiv an der Infrastruktur werkelt und viele teure Batterien vorhalten muss, damit das System funktioniert.
Better Place: Viel Venture Capital, aber auch eine lange Liste mit Mitstreitern
Doch Agassi hat in den letzten Jahren mehr als eine Milliarde US-Dollar an Venture Capital eingesammelt und beispielsweise die Bank HSCB zuletzt im Januar bei der zweiten Finanzierungsrunde über 350 Millionen Dollar ins Boot geholt. Gleichzeitig hat er Partner gewonnen wie etwa Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn, der eine Flotte von 9 Fahrzeugen Batteriewechsel-fähig austattet. Agassi bezeichnet Ghosn als Visionär und vergleicht ihn mit Apple-Genie Steve Jobs:
“Zum Glück gibt es auch visionäre Leute wie Carlos Ghosn. Er führt die Industrie beim Übergang zur Elektromobilität an. Ohne Renault wären wir nicht dort, wo wir jetzt sind. Als wir unser Konzept vorgestellt hatten, erklärten uns die meisten Autobosse für verrückt. Bis auf Ghosn, der sagte: Ich habe das Auto und die Batterie. Niemals wird ihm das einer nehmen können. Ghosn kann der neue Henry Ford der Autoindistrie werden – er verfolgt seine Ideen mit enormem Weitblick.”
Dennoch: Die Liste der Kritiker ist verständlicherweise lang – doch der Beweis, dass die Technologie-Idee funktionieren kann, wird täglich aufs Neue in Tokio und an anderen Orten erbracht. Die Frage ist nur: Geht irgendwann das Geld aus, bevor Better Place in der Lage ist, Geld im operativen Geschäft zu verdienen?
Better Place als Service-Provider für Elektromobilität
Better Place sieht sich als ein Service-Provider für Elektromobilität und E-Autos. Dabei will das Unternehmen Lösungen von eZapfsäulen über Batterwiewechselstationen bis hin zu Mobilitätsangeboten offerieren. Was dabei oft untergeht: Der Batteriewechsel ist dabei nur ein wichtiger Bestandteil der Service-Provider-Strategie. Vor allem dient der Batterwiechsel dazu, wichtige Nachteile der heutigen Elektroautos zu beseitigen: die geringe Reichweite, eine lange Ladezeit und womöglich auch den höheren Preis für Elektroautos, der im Wesentlichen von den Batterien geprägt ist.
Wenn die Batterien eines Tages nur geleased würden in einem System mit einer Monatspauschale hätte dies mehrere Vorteile: Es könnte schneller gelingen, immer wieder die modernsten Batterietypen in den Wechselstationen zu platzieren und der Preis für Elektroautos wäre wesentlich erschwinglicher als bislang.
Geniale Idee oder Geldverbrennungsmaschine?
Better Place ist nach wie vor eine spannende Zukunftsperspektive und stellt im Grunde frühere Visionen wie die vom Personal Computer usw. locker in den Schatten: Die Umsetzung solcher Ideen aus dem Cleantech Umfeld ist von hohem Kapitalbedarf geprägt – und es braucht Personen, die in der Lage sind, für Ihre Ideen zu kämpfen und genügend Startkapital einzusammeln.
Ob Better Place mit Shai Agassi an der Spitze am Ende reüssieren wird? Oder wird es eine Geldverbrennungsmaschine wie u.a. Martin Kölling vom Technology Review befürchtet?
Dies alles wird die Zukunft zeigen – hoffen, wir, dass Shai Agassi und Rolf Schumann die Welt zu einem Better Place machen werden.

“Zum Glück gibt es auch visionäre Leute wie Carlos Ghosn. Er führt die Industrie beim Übergang zur Elektromobilität an. Ohne Renault wären wir nicht dort, wo wir jetzt sind. Als wir unser Konzept vorgestellt hatten, erklärten uns die meisten Autobosse für verrückt. Bis auf Ghosn, der sagte: Ich habe das Auto und die Batterie. Niemals wird ihm das einer nehmen können. Ghosn kann der neue Henry Ford der Autoindistrie werden – er verfolgt seine Ideen mit enormem Weitblick.”
12:00
Hallo Roland — ich stimme Deinen Argumenten durchaus zu. Nur, ich entdecke keinen Widerspruch zu dem, was im obigen Artikel geschrieben wurde. Wo siehst Du konkret “kompletten Nonsens”?
Wie auch in diesem Beitrag zu Greenlots deutlich wird (-> http://www.cleanthinking.de/firmenportraet-greenlots-elektromobilitaet/5153/), bin ich absolut davon überzeugt, dass der Großteil des Ladevorgangs, Zuhause, auf dem Firmenparkplatz oder am Einkaufszentrum erfolgt.
Dies ändert aber nichts am gigantischen Kapitalbedarf bis sich eine Infrastruktur von Batteriewechselstationen vielleicht jemals rentieren wird. Genau darauf habe ich abgezielt.
VG Martin Jendrischik
08:26
Das was da geschrieben wird ist komplletter Nonsens. Natürlich wird der größte Teil zuhause geladen. Nur bei längeren Fahrten wird der Akku gewechselt.
Oder glaubt jemand im Ernst, man würde jeden 2. Tag an einer Akkuwechselstelle auftauchen, wenn man viel einfacher zuhause laden kann?
So entspricht es auch den vorgestellten Szenarien von Better Place. Überall Möglichkeit zum Nachladen, zuhause, beim Arbeitsplatz, beim Einkaufszentrum, nur für lange Strecken wird der Akku gewechselt.