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Seelig zu Masdar City: "Es wird spannend sein zu beobachten, wie die Bewohner die Stadt annehmen"

26/05/2009 10:00 0 Kommentare

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sebastian-seelig-tu-berlinMasdar City, die Ökostadt der Scheichs, ist ein für viele Menschen faszinierendes Projekt – nicht nur, weil ein kleiner Hauch Masdar auch durch Deutschland weht. Ein Wissenschaftler, der sich tagtäglich mit Stadtplanung und Städtebau beschäftt ist Sebastian Seelig von der TU Berlin. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Stadt- und Regionalplanung hat sich vor fünf Monaten Masdar City angeschaut – und stand Cleanthinking.de für ein interessantes Interview Rede und Antwort.

Cleanthinking.de: Herr Seelig, bitte stellen Sie sich allen Cleanthinking.de-Lesern in drei Sätzen vor!

Sebastian Seelig: Ich bin Stadt- und Regionalplaner, 33 Jahre und arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Berlin im Bereich Stadtplanung/Städtebau. Außerdem bin ich freiberuflich als Stadtplaner tätig. Ich arbeite und forsche zu „Low Carbon”-Städten und -Stadtteilen in Schwellenländern, also Siedlungen oder Stadtteile, die wenig oder keine klimaschädlichen Schadstoffe erzeugen.

Cleanthinking.de: Sie beschäftigen sich aus wissenschaftlicher Sicht mit Ökostädten – was zeichnet eine solche Stadt aus und gibt es bereits umgesetzte Beispiele?

Sebastian Seelig: Die Ökostädte die im Moment geplant werden (auch oft Zero- oder Low-Carbon Cities genannt), bauen auf den bekannten Elementen nachhaltiger Stadtentwicklung auf (z.B. kompakte Bauweise, gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr), konzentrieren sich dabei aber besonders auf die Einsparung von CO2. Das soll meist durch den Einsatz regenerativer Energien und die Schaffung lokaler Kreisläufe (z.B. Anbau von benötigten Rohstoffen in der Stadt und die Energiegewinnung aus Verbrennung der Abfälle, die bei Verwertung entstehen) erreicht werden. Durch die Mischung von Wohnen und Arbeiten und dichte bauliche Strukturen sollen die meisten Wege zu Fuß erledigt werden. Auch die Gebäude sind energieeffizient geplant.

Bei den meisten Vorhaben handelt es sich um sehr große Projekte mit bis 1 Millionen Einwohnern mit sehr langen Planungshorizonten von bis zu 40 Jahren. Die Maßstäbe sind also größer als früher, neu ist aber auch die radikale Fokussierung auf CO2-Einsparung. Es gibt eine Reihe von Projekten in der Planung, vor allen in China, in den USA und der arabischen Halbinsel. Umgesetzt werden aber zurzeit nur wenige (z.B. Masdar, Tianjin Eco-City).

Cleanthinking.de: Sie waren vor kurzem in Abu Dhabi und haben sich vom Projektstand in Sachen Masdar City überzeugt: Welche drei Dinge haben Sie bei der Reise besonders überrascht?

Sebastian Seelig: Überrascht hat mich die Größe des Projektes, die schnellen Abläufe zwischen Planung und Umsetzung und die Flexibilität und Experimentierfreudigkeit der Planer.

Cleanthinking.de: Aus der Perspektive des Städtebauers: Ist Masdar City eher als abgeschlossenes Projekt interessant oder lassen sich viele Erkenntnisse, die dort in der Praxis gewonnen werden, später auf andere, “gewachsene” Städte übertragen? Beispiele?

Sebastian Seelig: Im Grund trifft beides zu: Obwohl die Herausforderungen in Bezug auf energieeffiziente Stadtentwicklung global ganz klar in der Umrüstung und dem Umbau von bestehenden Stadtteilen liegen, können aus Projekten wie Masdar wertvolle Erkenntnisse für die Wirksamkeit von einzelnen Maßnahmen gezogen werden. Dies kann auf architektonisch-städtebauliche Elemente beziehen (z.B. die engen, verschatteten Gassen der arabische Stadt), aber auch auf einzelne technische Bausteine. Ich interessiere mich aber weniger für hochtechnologischen Lösungen (z.B. das Personal Rapid Transit System), sondern eher für planerische „low-tech”-Lösungen.

Außerdem ist Masdar natürlich interessant, weil es das weltweit erste fertig gestellte Modellprojekt ist, das radikal auf CO2-Einsparung basiert. Es wird spannend sein zu beobachten, wie die Bewohner die Stadt annehmen, welche Menschen in Masdar Wohnungen zu welchen Preisen kaufen – und schließlich ob sich ein echter nachhaltiger Lifestyle auch außerhalb Masdars durchsetzen kann, oder ob die Menschen eine Wohnung in Masdar lediglich als Statussymbol erwerben. Und damit auch, ob der Stadt echtes Leben eingehaucht werden kann.

Cleanthinking.de: Welche zentralen Probleme müssen die Städteplaner in Masdar City aktuell lösen?

Sebastian Seelig: Bei meinem Besuch vor fünf Monaten stellten sich die Planer gerade die Frage, ob die errechneten Flächen für die Photovoltaik ausreichen, um die Stadt mit Energie zu versorgen. Außerdem wurde diskutiert, ob Müll aus Abu Dhabi gekauft werden muss, um genügend Energie durch Müllverbrennung zu gewinnen. Womöglich wird es durch die globale Weltwirtschaftskrise schwieriger das Projekt zu  finanzieren und die Wohnungen zu vermarkten.

Cleanthinking.de: Nach Ihren Erfahrungen vor Ort: Werden die Scheichs Ihre ehrgeizige Vision für Masdar City wirklich verwirklichen können?

Sebastian Seelig: Ich bin mir recht sicher dass die Stadt realisiert wird, auch wenn es – gerade auch durch die Wirtschaftskrise – zu Verzögerungen kommen kann. Masdar ist ja nur ein, wenn auch der wichtigste, Baustein eines grundlegenden energiepolitischen Paradigmenwechsels der Vereinigten Arabischen Emirate.

Cleanthinking.de: Last but not least, mit welchen Forschungsfragen rund um Ökostädte beschäftigen Sie sich aktuell und in Zukunft?

Sebastian Seelig: Mich interessieren z.Z. besonders die klimagerechte und energieeffizienten Stadtentwicklung, die auf lokalen Ressourcen und auf lokalem Wissen basiert. Hier liegt auch die zentrale globale Herausforderung: Wie kann nachhaltige Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels in ärmeren Ländern aussehen, welche Modelle und welche Politikansätze sind dafür erforderlich?

Herr Seelig, ich bedanke mich für dieses interessante Gespräch und freue mich auf eine Fortsetzung nach Ihrer nächsten Reise nach Masdar City!

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