“Gaskraftwerke sind die wahre Brückentechnologie”

DIW-Expertin Prof. Dr. Claudia Kemfert im CleanThinking.de-Interview

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Die AKW-Katastrophe von Fukushima hat die Debatte über die Energiewende in Deutschland intensiviert und beschleunigt. Doch wie kann der schnelle Ausstieg aus der Atomenergie gelingen, ohne noch mehr fossile Stein- und Braunkohle zu verfeuern? Darüber sprach CleanThinking.de-Chefredakteur mit Prof. Dr. Claudia Kemfert vom DIW in Berlin – sie ist eine der renommierten Energie-Experten in Deutschland.

CleanThinking.de: Wie hat sich die Energiedebatte in Deutschland seit Fukushima verändert?

Prof. Dr. Claudia Kemfert DIW Gaskraftwerke sind die wahre BrückentechnologieClaudia Kemfert: Sie hat sich vor allem bei der Frage des zukünftigen Einsatzes der Atomkraft in Deutschland verändert. In dem Energiekonzept aus dem vergangenen Jahr wollte man zwar den Anteil der erneuerbaren Energien erhöhen, hat aber die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert ohne gleichzeitig darauf zu achten, dass man keine neuen Kohlekraftwerke baut, zudem hat man die Rolle von Gas unterschätzt. Das will man nun korrigieren, denn Gaskraftwerke sind die wahren Brückentechnologien, da sie gut kombinierbar sind mit erneuerbaren Energien.

CleanThinking.de: Wie viel Stromnetzausbau ist in Deutschland notwendig und wie kann dieser durchgesetzt werden?

Claudia Kemfert: Zum einen benötigen wir den dezentralen Stromnetzausbau, da der ansteigende Anteil von erneuerbaren Energien insbesondere auch Anlagen in Städten und Kommunen erhöhen wird. Zum anderen wird auch ein verstärkter Stromtransport über lange Distanzen benötigt, um zum Beispiels den Windstrom aus der Nordsee nach Bayern transportieren zu können.

Zur Person: Prof. Dr. Claudia Kemfert (42) leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. Claudia Kemfert war Beraterin von EU Präsident José Manuel Barroso und ist Gutachterin des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC). Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. Weitere Infos: http://www.claudiakemfert.de

CleanThinking.de: Wir berichten beispielsweise immer wieder über junge Unternehmen wie Entelios und Next Kraftwerke, die intelligent sowieso vorhandene Verbraucher (etwa Notstromaggregate oder Pumpen in der Industrie) zu virtuellen Kraftwerken zusammenschließen und dadurch schmutzige andere Reservekraftwerke überflüssig machen: Welche Bedeutung kommt auch schon kurzfristig dem „Demand Side Management“ zu?

Claudia Kemfert: Eine sehr große. Ohne Demand Side Management wird man bei immer weiter steigenden Anteilen von erneuerbaren Energien sonst Netzstabilitätsprobleme bekommen. Einerseits ist die optimale Steuerung der Nachfrageseite elementar, aber andererseits auch die verbesserte Angebotsseite über Speicherung und optimale Steuerung.

CleanThinking.de: Wie können Sonnen- und Windenergie marktfähig werden? Hilft die „optionale Marktprämie“?

Claudia Kemfert: Windenergie ist ja teilweise schon gar nicht mehr weit weg von der Marktfähigkeit. Da macht es schon Sinn, dass Unternehmen auch Ihren Strom an der Börse selbst vermarkten und in Zeiten hoher Börsenstrompreise auch eigenständig Gewinne machen können. Genau darum muss es ja gehen, dass man wegkommt von der Dauersubventionierung und hinkommt zu einer marktgerechten Produktion. Allerdings spielt bei einem optimalen Angebot vor allem die Speicherung eine wichtige Rolle. Zur Förderung von Energiespeichern werden weiterhin finanzielle Anreize notwendig sein.

CleanThinking.de: Ist es wirklich attraktiv für die Erzeuger, ihren Strom an der Börse zu verkaufen?

Claudia Kemfert: Manchmal schon, denn gerade im Moment steigt der Börsenpreis aufgrund des Abschaltens der Atomkraftwerke und dem Einleiten der Energiewende. Da kann es durchaus wirtschaftlich attraktiv sein, den Strom direkt an der Börse zu verkaufen.

CleanThinking.de: Ziel ist es ja, dass auch in Stromspeicher investiert wird: welche Stromspeicher empfehlen Sie einem Betreiber eines Windparks?

Claudia Kemfert: Die größten Kapazitäten bieten derzeit die Pumpspeicherkraftwerke. Bei Offshore Windparks ist es jedoch entscheidend, dass das Stromnetz ausgebaut wird und das Engpassmanagement durch mehr Transparenz und unabhängigen Systembetreibern optimiert wird.

CleanThinking.de: Wie sehen Sie das Thema „Windgas“ – also Umwandlung in Methan und Speicherung über das Erdgasnetz?

Claudia Kemfert: Ich denke, dass es ein wichtiger Baustein sein kann und viele Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden könnten. Die Volatilitäten der erneuerbaren Energien könnten aufgefangen werden, die Infrastruktur des Erdgasnetzes könnte genutzt werden und man hätte zudem einen neuen Energieträger, der auch für die Mobilität genutzt werden könnte. Die Effizienz ist allerdings nicht so hoch, zudem ist es derzeit nicht wirtschaftlich.

CleanThinking.de: KWK, Geothermie, Offshore-Windenergie – die Debatte zu Erneuerbaren Energien wird breiter: Geht die Energiewende nur durch Nutzung aller Optionen?

Claudia Kemfert: Eindeutig ja. Wenn wir einen Anteil erneuerbarer Energien von 80 Prozent erreichen wollen, wird man keine Option aussparen können.

Das Gespräch führte Martin Jendrischik.

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