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Megaprojekt DESERTEC: Beginnt heute ein neues Zeitalter?

13/07/2009 13:59 2 Kommentare

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Über DESERTEC ist in den vergangenen Wochen wesentlich mehr berichtet worden, als den beteiligten Konzernen von Münchner Rück über Deutsche Bank bis zu ABB lieb sein dürfte. Eigentlich, so lautete der Plan, wollten sich die Konzernvertreter zunächst einmal in aller Stille darüber unterhalten, ob ein Mammutprojekt wie DESERTEC finanzierbar und umsetzbar ist. Mit der Stille ist es seit den ersten Berichten über das 1. Treffen der Konzerne am heutigen Montag längst vorbei – die heutige Pressekonferenz wird heute ab 12:30 live über das Internet übertragen, Medienverteter dürften Schlange stehen und schon in den letzten Tagen häuften sich wieder die mehr oder weniger gut recherchierten Beiträge rund um das Mammutprojekt. Grund genug, einmal etwas Ordnung ins Stimmen-Wirrwarr zu bringen. Cleanthinking.de hat es gemacht.

Was passiert heute?

Heute treffen sich Vertreter von 20 großen Konzernen sowie aus der Politik in der Zentrale der Münchner Rück in München, um sich erstmals über das Projekt Desertec auszutauschen. Bisher, und das geht in der öffentlichen Debatte völlig unter, äußerten die Konzerne lediglich die Bereitschaft, ein paar Tausend Euro in Studien zu investieren und sich an diesen letztlich zu beteiligen. Aus diesem Grunde wird heute wohl auch die Gründung einer GmbH, DIE ZEIT nannte sie “Desertec Industrie Initiative GmbH”, beschlossen. Nach dem Treffen wird es gegen 12:30 eine Pressekonferenz geben, die auch im Internet übertragen wird.

Geht es beim Projekt Desertec nur um Europa oder nicht vielleicht doch in erster Linie um Afrika?

Diese Antwort ist mit mehreren interessanten Aspekten verknüpft: Der steigende Strom- und Energiebedarf Afrikas könnte mit Solarkraftwerken in der Wüste als Erstes aufgefangen, ja kompensiert werden. Das wäre gut für den Kontinent und gut für die europäischen Konzerne wie Siemens, ABB und Co., die ihr Know-How einbringen oder wie Solar Millenium und andere ihre Produkte und Vorleistungen zur Verfügung stellen würden.
Allerdings müsste es eine europäische, politisch gewollte Anschubfinanzierung geben, da die afrikanischen Staaten dies nicht aus eigener Kraft schaffen würden. Eine Art EEG für Nordafrika sozusagen.
Andererseits würden deutsche Betreiber von Solarkraftwerken in der Wüste auch davon profitieren, dass sie durch die CO2-Freiheit der Kraftwerke Emissionszertifikate erhielten, die dann wiederum für deutsche Kohlekraftwerke verwendet werden könnten. Aber wäre dies politisch gewollt? Nein, natürlich nicht.

Desertec und Europa – also nur ein sehr langfristig Projekt?

Ja, Desertec sollte, wenn überhaupt, bis 2050 15 Prozent des Stroms für Deutschland bzw. Europa liefern. Damit ist klar, dass es sich um eine absolut langfristige Perspektive handelt.

Desertec wirklich eine Jobmaschine?

Die Rechnungen, Desertec könnte bis zu 240.000 Arbeitsplätze (wo eigentlich?) schaffen, sind doch recht weit hergeholt. Natürlich entstünden Arbeitsplätze, aber würden nicht in ähnlichem Maße auch Arbeitsplätze ersetzt, wenn Desertec wirklich europaweit ausgedehnt würde?

Milliardengewinne für Konzerne – realistisch?

Manche Medien rechnen vor, Desertec brächte Unternehmen wie Schott Solar, Züblin oder Siemens in den fünf Jahren von 2011 bis 2015 zwischen 8,4 und 24,4 Milliarden Euro Umsatz – so jedenfalls rechnen Greenpeace und der Club of Rome. Ich denke, dass es gar nicht so sehr auf diese Umsätze ankommt, die Desertec womöglich bringt. Es wird vor allem darauf ankommen, zu zeigen, dass solch gigantische Projekte möglich und umsetzbar sind und das gleichzeitig im Rahmen des Projektes der technische Fortschritt vorangetrieben werden sollte. Wenn Solarthermie-Kraftwerke anschließend zum Exportschlager würden, würde das Siemens und Co. wesentlich mehr bringen als ein einzelnes, wenn auch gigantisches, Projekt.

Ist Desertec nicht nur ein PR-Gag?

Es könnte tatsächlich so sein, dass sich die Konzerne mit Desertec ein grüneres Image verschaffen wollen und sich in 3 Jahren hinstellen und sagen: Das Projekt ist nicht zu stemmen, wir haben die Vision ernsthaft verfolgt, aber es geht nicht. DAS wäre ein Super-Gau. Denn: Das Großprojekt lenkt sicherlich auch von Unzulänglichkeiten im eigenen Land ab, behindert womöglich sogar die dezentrale Ausbreitung von Erneuerbaren Energien in Städten etc. Daher ist es sogar gut, dass die Medien mit ihrer “Das Projekt kommt”-Haltung einen öffentlichen Druck aufgebaut haben, der nicht so schnell zu beseitigen sein wird.
Den Verdacht, es handele sich um eine PR-Strategie, äußerte übrigens auch Stephan Kohler, der Chef der Deutschen Energieagentur (Dena): “Der Verdacht liegt nahe, dass auch ein bisschen PR dabei ist.” Immerhin verdiene gerade die Münchner Rück seit Jahren an den Folgen des Klimawandels. Siemens baue Atomkraftwerke, RWE und Eon machten aus Kohle Strom. Ein etwas grüneres Image würde den Konzernen nicht schaden. (Stuttgarter Zeitung)

Wie stehen Greenpeace und Co zu dem Projekt?

Andree Böhling, Energie-Experte von Greenpeace dazu: “Die Energiekonzerne, Finanzinstitute und Anlagenbauer können die Nutzung von Wüstenstrom zu einem weltweitem Vorbild machen. Den Ankündigungen müssen deshalb schnell Taten folgen und die Vision vom Sonnenstrom aus den Wüsten darf nicht als grünes Feigenblatt verkommen. Die dramatische Klimaveränderung macht einen noch schnelleren Abschied von fossilen und nuklearen Energiequellen und eine breite Nutzung von Ökostrom notwendig, der zukünftig auch aus Wüstenimporten bestehen kann. Der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik in Deutschland hat aber weiter Vorrang.”
“Deutsche Unternehmen haben das erforderliche Kapital und das technische Knowhow, um sauberen Strom aus den Wüsten zu einem globalen Erfolgsmodell zu machen. Dies gilt gerade für Schwellenländer wie China und Indien, wo heute noch immer massenweise auf neue Kohlekraftwerke gesetzt wird”, so Böhling.

Wie sehen die großen Konzerne Desertec?

Vor dem Gründungstreffen zum geplanten Wüstenstromprojekt Desertec hat Siemens-Chef Peter Löscher Kritik zurückgewiesen. Löscher bestritt im Interview mit dem Spiegel den Vorwurf, es sei unwirtschaftlich, in Afrika gewonnenen Strom aus Solarkraftwerken über Verteilnetze nach Europa zu transportieren. “Stromautobahnen können heute technisch und wirtschaftlich höchst effizient sein”, sagte Löscher. An diesem Montag wollen ein Dutzend Großunternehmen eine Initiative gründen. Diese soll prüfen, unter welchen Bedingungen es möglich ist, Strom in solarthermischen Kraftwerken der nordafrikanischen Wüste zu produzieren und nach Europa zu leiten.

Noch mehr Statements zu Desertec:
Der ehemalige Bundesumweltminister und Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, forderte die an der Desertec-Initiative beteiligten Unternehmen auf, ihre Pläne transparent zu machen: “Jeder muss nachvollziehen können, wer da welche Position vertritt”. Töpfer forderte zudem, dass das Projekt auch den Staaten in Afrika und im Nahen Osten einen Mehrwert bringen müsse. “Sollte da der Eindruck entstehen, dass es um eine neue Form der Ausbeutung geht, wird das Projekt scheitern”, so Töpfer.
Mehrere Umweltexperten haben das Großprojekt inzwischen kritisiert. So beklagte der SPD-Politiker Hermann Scheer eine Fixierung auf Solarthermie. Der Leiter der Deutschen Energieagentur, Stephan Kohler, forderte, den gewonnen Strom in erster Linie in Afrika zu verbrauchen.
Der Chef der Sparte für erneuerbare Energien beim Stromkonzern RWE, Fritz Vahrenholt, hat vor zu hohen Erwartungen an die Wüstenstrom-Initiative Desertec gewarnt. “Was mir an der ganzen Diskussion nicht gefällt, ist, dass Leute glauben, wir bauen einfach eine Leitung nach Deutschland und haben dann Wüstenstrom”, sagte Vahrenholt der “Financial Times Deutschland”. Dennoch hat Desertec nach Ansicht von Vahrenholt eine Chance. “Ich würde mir wünschen, dass die ersten solarthermischen Kraftwerke in der Sahara ab 2020 ans Netz gehen.”

Natürlich ist Desertec ein hochspannendes Projekt, über das es sich zu berichten und nachzudenken lohnt. Allerdings sollten wir alle nicht so tun, als könne es von heute auf morgen unsere Energieprobleme lösen, gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen und vielleicht sogar noch Stabilität in eine politisch nicht gerade ungefährliche Region wie Nordafrika bringen. Wichtiger wäre es, die Gespräche und Studien nun ergebnisoffen zu beginnen und nach und nach die Technologie zu verbessern, damit das Projekt ab 2011 wirklich umgesetzt werden kann. Wichtig wäre aber auch, dass sich die Europäer nicht als Konolialherren aufführen werden, sondern Afrika und die afrikanischen Staaten in ihre Initiative einbinden.
Afrika ist als Kontinent, auch durch die WM im kommenden Jahr, ein wichtiges Zukunftsfeld für deutsche und europäische Unternehmen. Ghana und Südafrika sind nur zwei Länder, deren politische Stabilität positiv und vorbildlich ist. Desertec kann einen Beitrag leisten, behutsames Nachdenken, wie es die Konzerne jetzt tun wollen, sollte aber wirklich an erste Stelle stehen.

2 Kommentare

  • @Uwe Ich gebe Dir Recht, dass die Politik Europas eigentlich dafür sein müsste, aber vor fünfzehn Jahren scheiterte auch schon eine Initiative in Richtung Elektroautos, weil die Politik vor der Lobby einknickte. Mal sehe, wie weit wir inzwischen sind…

  • Ich habe heute im Fernsehen davon erfahren und immer mal wieder davon klingeln gehört. Kann mich aber auch an einen großen Beitrag auf Pro7 erinnern. Es ist auf jeden Fall ein sehr mächtiges Vorhaben in einer kaum vorstellbaren Größe.
    Ich wünsche mir, dass dieses Vorhaben in irgend einer Form umgesetzt werden wird, es kann als Beispiel für zukünftige Projekte dieser Art nur wegweisend sein. Insofern müsste die Politik Europas eigentlich alles daran setzen, daß ein Gelingen garantiert ist.

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