Nach wie vor ist die Aufregung groß im Internet über die Berichte der WirtschaftsWoche zur Netzparität und die im Kommentar getätigten Äußerungen von Roland Tichy, dem Chefredakteur der WirtschaftsWoche, zu den Stichworten Netzparität, Hartz IV und Solarsubventionen. Wir von Cleanthinking.de freuen uns sehr, dass wir zu diesen kontroversen Themen ein Interview mit dem Leiter des Deutschen CleanTech Instituts (DCTI), Philipp Wolff, führen konnten – Wir finden: Prädikant: Lesenwert!
Cleanthinking.de: Herr Wolff, die WirtschaftsWoche berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe, die Netzparität bei Solardachanlagen sei erreicht. Dabei bezieht sich das Magazin auch auf Ihre CleanTech Studienreihe Solarenergie – wie stehen Sie dazu?
Philipp Wolff: Erst einmal freuen wir uns natürlich, dass wir mit der WirtschaftsWoche einen starken, unabhängigen Medienpartner an unserer Seite haben, der das Thema CleanTech so prominent auf die öffentliche Agenda setzt. Die Berichterstattung in dieser Woche zeigt doch, dass die Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und alternative Energieerzeugung unsere Gesellschaft heute mehr denn je bewegen.
Über die Netzparität, also die kostenmäßige Wettbewerbsfähigkeit von Solarstrom zu konventionell erzeugtem Strom wird seit Jahren hitzig diskutiert. Das hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab und ist in der Regel nicht mit einer Einzelfallberechnung zu beantworten. Richtig ist aber, dass gerade die Solartechnik in Deutschland in den vergangenen Jahren einen großen Schritt in Richtung Wettbewerbsfähigkeit gemacht hat. Auch und vor allem wegen der guten Rahmenbedingungen die das deutsche EEG vorsieht. Das ist positiv.
Bislang – und das kommt mir bei der Berichterstattung vielleicht etwas zu kurz – sind Solaranlagen allerdings noch nicht flächendeckend so kostengünstig einsetzbar wie in manchen Berechnungen angenommen. Gleichwohl zeigen die ersten Reaktionen aus dem Lager der Solarindustrie, dass bei der Solarförderung künftig noch Luft drin ist.
Cleanthinking.de: Welche zentralen Aussagen enthält besagte Studienreihe aus Ihrer Sicht – wohin steuert die Solarbranche?
Philipp Wolff: Die zentrale Aussage der Studienreihe ist schnell formuliert: Solarenergie ist heute schon eine wirklich ernstzunehmende Alternative der regenerativen Energieerzeugung mit einem enormen Potential für die Zukunft. Mir ist dabei aber eines ganz besonders wichtig.
Unsere Studie nimmt bewusst nicht nur die ökologischen Aspekte in den Blick, auch die wirtschaftliche Relevanz wird thematisiert. CleanTech ist keine „Gutmenschen-Branche“, CleanTech ist eine reale Zukunftsindustrie. Hier entstehen die Jobs von morgen. Die Solarindustrie ist dabei ein Modellfall, der zeigt wie schnell sich Nischentechnologien zu wirtschaftlich relevanten Zukunftsmärkten entwickeln können.
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Was die WirtschaftsWoche am kommenden Montag in Heft 39/2009 vermeldet, ist eine echte Sensation und dürfte von der Solar-Branche nicht gern gelesen werden: Das Wirtschaftsmagazin berichtet unter dem Titel “Ende der Schonzeit” in einem Aufmacher, der Cleanthinking.de bereits vorliegt:
“Schon heute ist Sonnenenergie vom Dach für Verbraucher genauso billig wie Strom vom Elektrizitätswerk”
Sprich: Die Netzparität, die von den Solarunternehmen zwar oft als mittelfristiges Ziel ausgegeben wird, aber bislang nicht ausgerufen wurde, ist laut WirtschaftsWoche damit erreicht.
Die Netzparität sei dann der Fall, wennn Solaranlagen zwischen 2400 und 2600 Euro pro Kilowatt Spitzenleistung kosten würden – und genau dies sei nun eingetreten. Weiter heißt es:
“Damit ist Solarstrom aus der privaten Fotovoltaikanlage im Durchschnitt nicht mehr teurer als die Energie aus dem Netz der großen Stromversorger. Die sogenannte Netzparität ist erreicht.”
Neben eigenen Recherchen beruft sich das Magazin unter anderem auf eine Umfrage des auf Solartechnik spezialisierten Marktforschungsunternehmens EuPD aus Bonn. Berechnungen der Stiftung Warentest zeigten zudem: Bei 20 Jahren Laufzeit arbeiten Solaranlagen dieser Preisklasse auch ohne Subventionen rentabel. Offiziell liegen die Durchschnittspreise allerdings bei deutlich über 3.000 Euro.
Solarbranche sagt: Netzparitaet in wenigen Jahren erreichbar
Die ersten Reaktionen der Solarbranche hat die WirtschaftsWoche ebenfalls eingefangen: Demnach werden die Beispiele, in denen Solaranlagen für 2600 Euro pro Kilowatt verkauft würden, als Einzelfälle bezeichnet. Die abwehrende Reaktion ist logisch: Schließlich profitieren Installateure, Hersteller und Zulieferer besonders von den Subventionen – und je früher und stärker sie gekappt werden, um so mehr Geschäft geht ihnen verloren. Daher scheuen sie den stärkeren Wettbewerb, in dem es ausschließlich um Preise und Qualität geht.
In einem aktuellen Bericht des Hamburger Abendblatts mit Vorausschau auf die PVSEC in Hamburg ist davon die Rede, dass die Netzparität “schon in wenigen Jahren” erreicht werden könne. In der Öffentlichkeit sind die Vertreter der Solarbranche also eher zurückhaltend. Die Priogo GmbH verkündete kürzlich, man habe die Preise für Solarstromanlagen um 30 Prozent gesenkt und sei derzeit bei 3.200 Euro pro Kilowatt.
Wenn die Einspeisevergütung im kommenden Jahr um acht Prozent sinke, würde dies, laut Priogo, letztlich durch den technischen Fortschritt überkompensiert und die Preise pro Kilowatt auf 2800 Euro sinken – allerdings würden auch dann die Preise noch über denen liegen, die die WirtschaftsWoche schon jetzt als gängig ausfindig machte.
Konsequenz: Subventionen stärker kürzen
Die Konsequenz aus Sicht WirtschaftsWoche: Solarsubventionen, also die garantierte Einspeisevergütung aus dem EEG, können nach der Wahl gekürzt werden. Und genau dies wird zu heißen Diskussionen und hoch kochenden Emotionen in der Solarbranche führen.
Roland Tichy, Chefredakteur der WirtschaftsWoche, kritisiert in einem Kommentar die Solarbranche für ihre zurückhaltende Außendarstellung in Sachen Netzparität:
Also vielleicht die Förderungen der Solarenergie kappen – bis 2013 werden immerhin rund 77 Milliarden Euro fließen. Der Fortschritt macht Solarstrom aus neuen Anlagen so billig wie Haushaltsstrom. Es lohnt sich, das Dach mit Solarpanels vollzupflastern, ganz ohne Subvention – ein Triumph der Technik und eine Sensation. Statt darauf stolz zu sein, versteckt die Erfolgsbranche diese Zahlen lieber.
Denn: Jeder Arbeitsplatz in der Fotovoltaikindustrie erhält heute 177.000 Euro Subventionen – das Doppelte der früheren Steinkohlehilfe. Jeden Tag wachsende Beträge fließen direkt nach China: Immer mehr Panels kommen von dort; sie sind billiger und leistungsfähiger. Die deutsche Solarindustrie dagegen ist vor lauter Abkassiererei dabei, technologisch den Anschluss zu verlieren. Sie verschlingt die Mittel, die beim Umbau zur ökologischen Wirtschaft fehlen.
Die Redaktion von Cleanthinking.de interessiert Ihre Meinung: Steht die Netzparität wirklich kurz bevor? Müssen die Subventionen stärker gekürzt werden? Welche Auswirkungen wird die Bundestagswahl auf diese Fragen haben? Verpasst die deutsche Solarindustrie den Anschluss, weil sie sich nur aufs Abkassieren konzentriert wie Roland Tichy meint?