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Batteriezellen: BMZ, VW und Co. sichern sich Deals für Elektroautos

Europäische Batteriezellen-Produktion wird wahrscheinlicher - Volkswagen denkt intensiv darüber nach / Altmaier und EU-Kommission wollen fördern / Weltweite Kapazität steigt auf 500 Gigawattstunden bis 2022

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Bedenkt man, dass alleine Volkswagen ab 2019 ein Viertel der weltweiten Jahresproduktion an Batteriezellen für Elektromobilität benötigen wird, ist klar: Der Druck, sich mit langfristigen Lieferverträgen abzusichern, ist unermesslich. Autokonzerne aus Europa haben hier zudem einen Standortnachteil, weil die Zellhersteller hauptsächlich in Asien produzieren. Umso wichtiger wäre es, sollten mit Northvolt (Scania beteiligt sich) und TerraE die ersten beiden Projekte für europäische Batteriezellen funktionieren.

Das Cleantech-Magazin Cleantechnica hat heute die obige Übersicht, basierend auf Erkenntnissen von Nomura Research, veröffentlicht. Diese hatte Beststeller-Autor Tony Seba („Clean Disruption“) offenbar während seines Vortrages kürzlich in Amsterdam gezeigt. Es vermittelt ein Bild vom Weltmarkt für Batteriezellen, die für Elektromobilität produziert werden. Wenig überraschend: Die Produzenten sitzen überwiegend in Asien.

Die Produktionskapazitäten werden dieser Aufstellung zufolge von heute 200 Gigawattstunden auf mehr als 500 Gigawattstunden – und somit bis 2022 um den Faktor 2,5 – zunehmen. Allerdings ist zumindest die für das skandinavische Unternehmen Northvolt angegebene Kapazität von 32 Gigawattstunden übertrieben – diese maximale Kapazität will Northvolt erst deutlich später erreichen. Begonnen werden soll mit 1,5 Gigawattstunden.

Chinesische Batteriezellen: CATL beliefert Daimler, VW, BMW

Auf dem zweiten Platz der heutigen und auch künftigen Produktionskapazitäten taucht mit Contemporary Amperex Technology CATL ein chinesisches Unternehmen auf, das in Deutschland noch relativ unbekannt ist. Das stark von der chinesischen Regierung geförderte Unternehmen hat gerade einen weiteren Auftrag für Batteriezellen aus der deutschen Autoindustrie erhalten: Daimler verkündete unlängst, bei CATL Zellen kaufen zu wollen. Das Unternehmen beliefert darüber hinaus auch bereits Volkswagen und BMW.

Einen weiteren Deal hat jetzt der Batteriesystemhersteller BMZ, auch am Konsortium TerraE beteiligt, vermeldet: Das bayerische Unternehmen, das sein Wachstum auch mit dem Bau eines zwölfgeschossigen Gebäudes in China ausdrückt, wird langfristig mit LG Chem in Südkorea zusammenarbeiten. Im April schloss das Unternehmen einen Vertrag über die Lieferung von „mehreren hundert Millionen Lithium-Ionen-Zellen“ bis Ende 2022 ab.
Zellenversorgung entscheidend für Elektromobilität und Energiespeichermarkt

Die Lithium-Ionen-Technologie hat im Vergleich zu anderen heute am Markt verfügbaren Batteriesystemen eine höhere Energiedichte und spezifische Energie. Die Batteriezelle ist das Herzstück der Batterie. Hersteller, Zulieferer, Maschinen- und Anlagenbauer kämpfen international um die Pole-Position bei Elektromobilität und stationären Energiespeichern. Geht man vom gesamten Fahrzeugmarkt aus, liegt weltweit ein enormes Marktpotential für die Elektromobilität und somit die Lithium-Ionen Batterien vor. Der Zugang zu leistungsfähigen und kostengünstigen Batteriezellen ist dafür entscheidend.

Daimler will bei der Zellproduktion bzw. beim vorangehenden Abbau von Rohstoffen wie Cobalt besonders auf Einhaltung der Menschenrechte und Verhinderung von Kinderarbeit setzen. Kobalt kommt insbesondere aus dem Kongo – Daimler will ausschließlich Kobalt verwenden lassen, das aus industriellem Bergbau stammt. Ab 2025 hofft Daimler, bei der dann verfügbaren Batterie-Generation vollständig auf Kobalt verzichten zu können.

Auch Tesla hatte zuletzt verkündet, die aktuelle Batteriezellen-Generation, die zusammen mit Panasonic entwickelt und gefertigt werde, enthalte weniger Kobalt. Stattdessen habe man den Nickel-Gehalt erhöht, so Tesla-CEO Elon Musk zuletzt im Analysten-Call. Außerdem seien die Lithium-Ionen-Zellen des Typs 2170 mit der marktweit höchsten Energiedichte ausgestattet und überdies die „Klassenbesten in Bezug auf Kosten pro Kilowattstunde sind.“

Dieses Video zeigt, wie die Batteriezellen aus dem Tesla Model 3  aufgebaut sind:

Batteriezellen sind der Verbrennungsmotor der Zukunft

Aus Sicht von Bernd Westphal, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, ist die Batteriezelle der Verbrennungsmotor der Zukunft. Soll heißen: Die technologische Abgrenzung von der Konkurrenz, die bislang über den komplexen Verbrennungsmotor möglich war und insbesondere der deutschen Automobilindustrie zu Weltruhm und einer Spitzenstellung verhalf, ist künftig nur noch über die Batteriezellen oder Batteriesysteme möglich. Und hier drohen Deutschland und Europa endgültig den Anschluss zu verlieren.

Auch und gerade deshalb drängt die EU-Kommission auf rasche Entscheidungen für den Aufbau einer europäische Produktion von Batteriezellen. Konkret werden 10 Großfabriken benötigt. Aus Sicht von Westphal ist damit sogar die wichtigste Herausforderung für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in dieser Legislaturperiode verbunden. Der Minister hat ebenfalls schon angedeutet, die Bundesregierung werde eine Zellproduktion in Deutschland finanziell kräftig unterstützen.

Doch bei der Entscheidung tut sich die deutsche Industrie durchaus schwer: Bosch hat sich ganz klar gegen eine Produktion von Batteriezellen gestellt. Continental hält sich eine Hintertür offen, will aber ausschließlich in Festkörper-Batteriezellen investieren – eine entsprechende Technologie scheint aber erst für 2025 spruchreif zu werden, so berichtet elektroniknet.

Will Tesla Batteriefabriken in Europa bauen?

Einem Bericht der WirtschaftsWoche zufolge bemüht sich auch Tesla um den Bau von Batteriezellfabriken in Europa. Schon 2015 habe es diesbezüglich Gespräche mit dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel gegeben – aber keinen Durchbruch. Nun soll Musk nicht nur mit der EU-Kommission, sondern auch mit den Regierungen der Niederlande und Polens im Verhandlungen sein. In den Niederlanden produziert Tesla auch Elektroautos.

Bei Volkswagen hingegen ist nach dem Führungswechsel an der Spitze von Matthias Müller („So einen Blödsinn machen wir sicherlich nicht“, 2016) zu Herbert Diess deutlich Bewegung in die Debatte um eine eigene Zellfertigung gekommen. Noch bevor Diess VW-Konzernchef wurde, positionierte er sich klar zu diesem Thema:

Ich bin der Meinung, wir brauchen eine Batteriefertigung in Deutschland. Das ist die Kerntechnologie der Elektromobilität.

Heute sind laut WirtschaftsWoche sämtliche Modelle denkbar: Der Konzern prüft demnach, bei der Batteriezellen-Produktion sämtliche Optionen wie Eigenfertigung, Joint Ventures oder Übernahmen. Gerade hat Volkswagen außerdem ein weltweites Auftragsvolumen für Batteriezellen von mehr als 50 Milliarden Euro ausgeschrieben, berichtet electrek.co. Interessant wiederum: BMW äußert die Besorgnis, bei einem Vorpreschen Volkswagens den Anschluss bei der Zelltechnologie zu verlieren…

All diese Entwicklungen zeigen, wie sehr der Kampf um die beste Ausgangsposition bei der Elektromobilität ausgebrochen ist. Zulieferer wie BMZ wachsen schon heute mit enormer Geschwindigkeit – dabei kommt derzeit „nur“ der Markt für Nutzfahrzeuge wie Elektrobusse in Schwung. Viele weitere Nischenmärkte werden folgen.

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