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Der älteste Energieträger

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Energiewende auf mitteldeutsch im REGJO MagazinCleanTech & Energie / Leipzig. Die Entwicklung der Menschheit hat mit der Bioenergie angefangen – mit der Bändigung des Feuers. Heute gewinnt Biomasse als Energieträger rasant an Bedeutung. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Frank Scholwin vom Deutschen BiomasseForschungsZentrum in Leipzig.

Wie lautet der wissenschaftliche Auftrag des DBFZ?

Prof. Scholwin, DBFZ: Unser Forschungsauftrag ist klar umrissen: Es geht darum, die Position der Bioenergie im zukünftigen Energiesystem in Deutschland technisch, ökonomisch und ökologisch untersuchen und zu bewerten. Damit stellen wir eine wissenschaftlich fundierte Basis für politische Entscheidungen bezüglich des Umbaus des Energiesystems zur Verfügung. Weiterhin produzieren wir Fakten und Daten über die Leistungsfähigkeit der einzelnen Technologien. Forschung und Politikberatung sind zwei wesentliche Aspekte unserer Arbeit.

Welche Bedeutung hat die Bioenergie im Zusammenspiel mit den anderen erneuerbaren Energien für die Energiewende?

Prof. Scholwin, DBFZ: Heute stammen in Deutschland rund 11 Prozent der Endenergie, also der beim Verbraucher ankommenden Energie, aus erneuerbaren Energien, davon etwa drei Viertel aus Bioenergie. Schaut man sich die einzelnen Sektoren an, ergibt sich folgendes Bild: Erneuerbare Energie im Kraftstoffsektor stammt fast ausschließlich aus Bioenergie in Form von Biodiesel und Bioethanol, im Wärmebereich sind ebenfalls deutlich über 90 Prozent Biomasse, das reicht vom einfachen Kamin bis zum Biomasseheizkraftwerk.

Nur im Stromsektor ist Anteil der Bioenergie deutlich geringer, insgesamt stammen 16 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien, davon geht rund ein Drittel auf das Konto der Bioenergie. Ihr großer Vorteil im Vergleich zu Solaroder Windenergie ist, dass sie sich problemlos speichern lässt und genau dann eingesetzt werden kann, wenn sie benötigt wird.

Wie steht Deutschland mit diesen Zahlen im internationalen Vergleich da?

Prof. Scholwin, DBFZ: Das hängt davon ab, welchen Aspekt genau man betrachtet. Rein zahlenmäßig bewegt sich Deutschland vom Anteil der erneuerbaren Energien her im Mittelfeld. Betrachtet man jedoch die Geschwindigkeit der Entwicklung, so ist Deutschland das Land, in dem der Anteil der erneuerbaren Energien am raschesten zunimmt. Das liegt an den Anreizen, welche das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hier in den letzten Jahren gesetzt hat.

Das DBFZ arbeitet vorwiegend anwendungsorientiert. Wie gestaltet sich der Transfer der Forschungsergebnisse hin zu den Unternehmen?

Prof. Scholwin, DBFZ: Wir erwarten, dass die Ergebnisse unserer Forschungen in ungefähr drei bis sieben Jahren in konkrete Lösungen für den Markt münden. Wir arbeiten in sehr vielen Projekten mit Unternehmen zusammen, die ein starkes Interesse daran haben, die technologische Entwicklung in diesem Bereich voranzutreiben und die darüber hinaus auch Eigenmittel in die Forschung einbringen. So entwickeln wir zum Beispiel Katalysatoren, die die Emissionen von Biomasse-Blockheizkraftwerken senken. In diesen Projekten kooperieren wir sowohl mit den großen Energieunternehmen als auch mit oft hoch spezialisierten kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die technologischen Anwendungen in diesem Gebiet sind sehr komplex und vielfältig und erfordern deshalb auch dementsprechend komplexe Lösungen. Diese Diversität der Nutzungsmöglichkeiten ist zugleich Vorteil und Herausforderung der Bioenergie.

Würden Sie Firmen aus Mitteldeutschland empfehlen, sich im Geschäftsfeld Bioenergie zu engagieren?

Prof. Scholwin, DBFZ: Wir arbeiten mit einer ganzen Reihe von Unternehmen aus der Region zusammen. Wenn ich mir die letzten zehn Jahre anschaue, so sind es in Sachsen deutlich mehr Firmen geworden, die sich mindestens ein zusätzliches Standbein im Bereich Bioenergie aufgebaut haben. Aus meiner Sicht ist das ein sehr vielversprechender Zuwachsmarkt, insbesondere wenn man über die Landesgrenzen hinausdenkt. Doch auch in Deutschland selbst werden erst 30 bis 50 Prozent des Biomassepotentials genutzt. Da kann sicher eine Verdopplung erzielt werden. Außerdem gibt es großen Bedarf, die bestehenden Anlagen zu optimieren und ihren Wirkungsgrad zu erhöhen. Daher bieten sich viele Investitionsmöglichkeiten in diesem Bereich.

Nun ist Bioenergie nicht unumstritten: Da gibt es zum Beispiel die Diskussion um Energiepflanzen versus Nahrungspflanzen oder auch das Superbenzin E10. – Welche Position vertritt das DBFZ hierzu?

Prof. Scholwin, DBFZ: Global betrachtet läuft das auf die Frage hinaus, ob wir überhaupt genügend Landflächen haben, um die Bevölkerung zu ernähren. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass wir heute bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden noch relativ große Bodenressourcen – zum Beispiel in Osteuropa – haben, wenn wir sie denn effizient nutzen würden. In der EU gilt für die Nutzung von Kraftstoffen aus Energiepflanzen die sogenannte Nachhaltigkeitsverordnung, die Kriterien für den nachhaltigen industriellen Anbau dieser Pflanzen regelt. Das ist zwar kein Biolandbau, aber durch diese Regeln, deren Einhaltung kontrolliert wird, soll gewährleistet werden, dass u.a. die Bodenfruchtbarkeit erhalten bleibt.

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Für die Nahrungs- und Futtermittelproduktion gibt es bislang kein solches Zertifizierungssystem. Weltweit belegt der Anbau von Energiepflanzen derzeit weniger als fünf Prozent der Anbauflächen. Zum E10: Technisch und vom Umweltnutzen her ist das eine sinnvolle Lösung, das Problem hier liegt jedoch in einer verfehlten Informationspolitik, die bei Autoherstellern, Werkstätten und Endkunden unnötige Ressentiments geschürt hat. Generell muss an erster Stelle aber immer die Frage stehen, wie wir unseren Energieverbrauch senken können, was wir wirklich brauchen und worauf wir verzichten können. Das sind vor allem politische Entscheidungen.

Das DBFZ berät die Regierung im Hinblick auf die Energiewende: Was empfehlen Sie der Politik?

Prof. Scholwin, DBFZ: Wenn die Energiewende ernst gemeint ist, muss die Politik überlegen, in welche Technologien und Sektoren sie zukünftig investieren will. Nach wie vor gibt es sehr viele direkte und indirekte Subventionen im konventionellen Bereich. Zum Beispiel fließen erhebliche Mittel in die Kernfusion auch wenn man weiß, dass sie frühestens in 40 Jahren zur Verfügung stehen wird. Dann braucht man jedoch spätestens ein System, das auf erneuerbaren Energien beruht.

Man kann also fragen, ob es sinnvoll ist, überhaupt auf die Kernfusion zu setzen. Auch die Erforschung fossiler Energieträger wird nach wie vor stark gefördert. Die Forschungsförderung müsste also den politischen Prioritäten hin zur Energiewende angepasst werden. Auch eine weitere ökonomische Förderung der erneuerbaren Energien ist nach wie vor notwendig, da sie wirtschaftlich noch nicht mit den fossilen Energieträgern konkurrieren können. Das liegt vor allem daran, dass man die gesellschaftlichen Folgekosten der fossilen Energien nicht in deren Preis einrechnet.

Welche Einflussmöglichkeiten hat das DBFZ in diesem Bereich?

Prof. Scholwin, DBFZ: Wir haben über unsere institutionelle Anbindung einen guten Draht zum Umwelt- sowie zum Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium und haben so die Chance, unsere Erkenntnisse an die Politik heranzutragen. Was davon umgesetzt wird, ist natürlich letztlich eine Sache der Entscheidungsprozesse im Bundestag. So gestalten wir beispielsweise das EEG seit Jahren mit und sind an der Diskussion um das Erneuerbare-Wärme-Gesetz intensiv beteiligt.

Herr Scholwin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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