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Deutschlands urbane Räume: Kraftwerke von morgen

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Günther Oettinger
EU-Kommissar Günther Oettinger (Quelle: Europäische Kommission)

Ende Juli positionierte sich EU-Energiekommissar Günther Oettinger mit der Bemerkung, Deutschland sei kein Solarland, Solarenergie habe hierzulande keine große Zukunft. Den Beweis dafür sieht er darin, dass Bauern hierzulande keine Orangenplantagen betreiben können. Ist der Vergleich stimmig oder springt Herr Oettinger zu kurz?

Ein Gastbeitrag von Martin W. Hoffmann für CleanThinking.de.

Niemand leugnet, dass die Sonneneinstrahlung in den Mittelmeerländern die Intensität in Deutschland deutlich übertrifft. Im „Land wo die Zitronen blühen“, in Italien, ist sie zum Beispiel durchschnittlich rund 40 Prozent höher. Lässt sich daraus aber die Schlussfolgerung ziehen, dass es in Deutschland quasi unmöglich ist, aus Sonnenlicht wirtschaftlich Energie zu gewinnen? Wo wird die meiste Energie verbraucht, wie lässt sich dort der Verbrauch senken und besser noch: vor Ort wirtschaftlich erzeugen?

Das solare Zeitalter hat begonnen

Cedric Philibert IEA
Cedric Philibert, Internationale Energie-Agentur (Quelle: IEA)

Ende August 2011 erklärte Cedric Philibert von der Internationalen Energie-Agentur (IEA), dass seine Organisation mittlerweile davon ausgeht, dass im Jahr 2060 50 Prozent des weltweiten Energiebedarfs mit Sonnenenergie gedeckt werden.

Das mit dem technischen Umbau der Gewinnung auch ein Strukturwandel der Energiewirtschaft zwangsläufig sein wird, erwartet der US-Ökonom und Regierungsberater Jeremy Rifkin. In einem Interview mit ZEIT online erklärte er: „Es geht unter anderem darum, dass Energie nicht mehr zentral hergestellt wird, sondern von den Bürgern selbst. Jedes der geschätzt 190 Millionen Gebäude in Europa könnte mit Solarzellen auf den Dächern oder Wärmepumpen zu Minikraftwerken werden.“ Seiner Annahme liegt die Feststellung zu Grunde, dass die auf Öl basierende Ökonomie zu teuer und technisch veraltet ist.

Solarkraftwerk Stadt – Eine nahe liegende Idee

In Europa wird die meiste Energie in Städten verbraucht, denn heutzutage leben dort 80 Prozent der Bevölkerung. Die Städte verschlingen 75 Prozent des Gesamtbedarfs an Energie und verursachen 75 Prozent aller CO2-Emissionen.

Will man die Klima- und Energieprobleme dauerhaft entschärfen, müssen also Lösungen gefunden werden, die direkt in den Ballungszentren greifen. Von allen verfügbaren Technologien auf Basis erneuerbarer Energien, bieten Solaranlagen das größte Potenzial für eine Fusion mit dem städtischen Raum. Die Städte können sich dadurch von Energieverbrauchern zu großen Erzeugern grüner Energie verwandeln. Wie diese Idee in konkrete Strategien münden kann, ist seit September 2009 Thema des europäischen Projektes POLIS (www.polis-solar.eu). Im ersten Schritt werden praktische Erfahrungen solarer Stadtplanung aus sechs europäischen Städten gesammelt und ausgewertet. Bis 2012 sollen aus den Erfahrungen und Best-Practice-Beispielen Leitfäden für Europas Stadtplaner entstehen.

Deutschland solar: Vision und Potenzial

Polis SolarBei POLIS hat man erkannt, dass sich Solarpaneele (Photovoltaik und Solarthermie) aufgrund ihrer sehr flexiblen Struktur, sowohl in der Form als auch in der Funktionsweise, besonders gut eignen für das Anwenden im städtischen Raum. Sie lassen sich besonders gut sowohl in Gebäude als auch in urbane Strukturen integrieren. Hinsichtlich des Erscheinungsbildes von Gebäuden und städtischen Strukturen ist die Bedeutung der Solarenergie ganz offensichtlich: Die Form der Gebäude und ihre Oberflächen bilden die Grundlage sowohl für die Verwendung von Solaranlagen als auch für die passive Nutzung von Sonnenenergie. Aus diesem Grund steht Sonnenenergie – mehr als jede andere erneuerbare Energiequelle – in engem Zusammenhang mit der Form, Funktion und der Anordnung von Gebäuden. Zusätzlich wird der Gebäudebestand für den Einsatz von Solaranlagen nutzbar gemacht.

Wie groß das Potenzial ist, wird zunehmend erschlossen. Seit Jahren lassen mehr und mehr Städte und Gemeinden Solarkataster erstellen. Sie geben auf Basis von mit Laserscannern oder Flugbildern gesammelten Daten Auskunft darüber, wo sich schon heute die Installation einer Photovoltaik- oder Solarthermieanlage in Deutschland lohnt. Die Entwicklerin einer dieser Methoden, Prof. Martina Klärle von der FH Frankfurt, beeindruckt mit wenigen Zahlen: „Wenn allein 20 Prozent der Dachflächen in Deutschland mit Photovoltaik-Anlagen bestückt werden würden, könnte man 100 Prozent des privaten Strombedarfs decken.“ Doch der Umbau verlangt hohe finanzielle Investitionen, auch von den Bürgern. Für Jeremy Rifkin ist dies jedoch allein eine Frage des politischen Willens und wirtschaftlicher Vernunft:

„Man könnte ihnen etwa „grüne Kredite“ gewähren, um die Häuser zu Kraftwerken umzubauen. Durch die eingesparten Energiekosten lassen sie sich abbezahlen. Auch für die Banken ist das interessant.“

Neu denken, anders bauen: Der Kongress Bauhaus.SOLAR

„Nicht die stärkste Idee ist die beste, sondern die, die sich über Generationen am besten an die Veränderungen anpassen kann.“ Diese, Charles Darwin entlehnte These, vertritt Kai-Uwe Bergmann, Projektarchitekt bei BIG Bjarke Ingels Group aus Kopenhagen. Das weltweit aktive Büro des Shooting-Stars Bjarke Ingels erregt immer wieder Aufmerksamkeit mit seinem architektonischen Ansatz, weniger die Form zu betonen, stattdessen Wert darauf zu legen, funktionale und zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln.

Bauhaus.SolarKai-Uwe Bergmann erklärt, dass für BIG nachhaltiges Bauen nicht zuerst ein anstrengender, weil ökologisch vernünftiger Akt ist, sondern vor allem auch Spaß erzeugt: „Hedonistic Sustainability“ ist der Vortrag betitelt, den Bergmann als Keynote Speaker am 8. November 2011 auf dem 4. internationalen Kongress Bauhaus.SOLAR in Erfurt halten wird (siehe hier und im Cleantech Eventkalender). Rund 400 Fachleute diskutieren dort vom 8. bis 9. November die aktuellen Möglichkeiten und Tendenzen des solaren Bauens. Dort wird auch Martina Klärle über Potenzialanalysen der Erneuerbaren Energien sprechen und Sigrid Lindner von Ecofys stellt das europäische Projekt POLIS vor.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, gab Albert Einstein der Welt mit auf den Weg. Höchste Zeit, dass auch Günther Oettinger dies erkennt und neue Schlüsse daraus zieht.

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