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„Das Gelingen der Energiewende erfordert unsere ganze Kraft“

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Energiewende auf mitteldeutsch: REGJO Magazin 4/2011CleanTech & Energie / Leipzig. Die Energiewende soll dezentrale Strukturen zur Energieerzeugung schaffen. Damit kommt den Energieversorgern eine besondere Rolle zu. Hierüber sprach REGJO mit Thomas Prauße, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig. Thomas Prauße ist seit 2009 Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke Leipzig GmbH. Der Familienvater, gebürtig aus Brandenburg an der Havel, ist Elektromonteur und Diplom-Ingenieur (Instandhaltung industrieller Anlagen). Frühere Karriere-Stationen führten Prauße u.a. zu AEG, RWE und zur N-ERGIE AG.

Herr Prauße, welche Position nehmen die Stadtwerke bei der Energiewende ein?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Eine ganz Entscheidende: Denn wir haben die meisten Endkunden in den Ballungszentren Deutschlands. Die Stadtwerke sind seit vielen Jahren Vorreiter bei der regenerativen Energieerzeugung. In Leipzig verfügen wir über eine Gas- und Dampfturbinen-Anlage in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), zwei Biomassekraftwerke in Wittenberg-Piesteritz (KWK) und Bischofferode und haben in Windparks in Sachsen-Anhalt investiert. Im Stadtwerke-Verbund 8KU sind wir in der Lage, Investitionen in Höhe von 10 Mrd. Euro in 10 Jahren zu realisieren und dabei 10 Gigawatt zu erzeugen. Einige Projekte liegen bereits in den Schubladen.

… es fehlt aber an Unterstützung, diese Pläne in die Tat umzusetzen?

Geschäftsführer Thomas Prausse, Stadtwerke Leipzig
Energiewende im Blick: Thomas Prauße, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig (Bild: SWL)

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Ja, richtig. Seit dem Atomkonsens 2003 wurde erzählt, wir würden aus der Atomenergie aussteigen. Dann kam die Kehrtwende, die zu einem Aufschrei der kommunalen Energiewirtschaft führte. Auch das ist Geschichte: Nach Fukushima wurden vor der Sommerpause gute Gesetzesvorhaben angeschoben. Doch all die Gesetze sind erst sinnvoll, wenn die entsprechenden Durchführungsbestimmungen erlassen werden: Aber diese widersprechen teilweise den Gesetzen. Es herrscht derzeit eine wahrlich chaotische Situation.

Wo liegen momentan die entscheidenden Herausforderungen der Energiewende?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Viele sagen, wenn wir aus der Atomenergie ausgestiegen sind, dann haben wir die Energiewende doch geschafft. Ich sage: Dann geht die Arbeit erst richtig los. Uns erwartet in den kommenden Jahren ein völlig neues Marktdesign, weil Generationen von neuen Kraftwerken entstehen müssen und die stark schwankenden Energiequellen Sonne und Wind zunehmend eingespeist werden. Diese sind aber nicht dauerhaft verfügbar und stark volatil in der Einspeisung.

Das bedeutet, wir brauchen Kraftwerke, die schnell auf Schwankungen reagieren können. Diese – insbesondere Gaskraftwerke – laufen nicht mehr wie früher 4.000 bis 5.000 Stunden im Jahr, sondern deutlich weniger. Und das Ganze muss sich irgendwie rechnen – in dieses Spannungsfeld passt es überhaupt nicht hinein, dass wir derzeit keinerlei Planungssicherheit haben. Wir können kein weiteres Kraftwerk für 200 Millionen Euro bauen, wenn wir lediglich für die nächsten zwei Jahre eindeutige Rahmenbedingungen haben – wir brauchen Sicherheit für 15 bis 20 Jahre.

Gibt es weitere Beispiele?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Wir müssen Anreize setzen, dezentrale, lastnahe Kraftwerke in den Ballungszentren zu betreiben. Wenn die Transportwege kurz sind, wird Geld beim Transport und Netzausbau gespart. Es darf nicht passieren, dass unsere GuD-Anlage so behandelt wird, als stünde sie an der Nordsee und der Strom müsste über die Übertragungsnetze erst nach Leipzig transportiert werden. Wir transportieren den darin erzeugten Strom ausschließlich über unsere eigenen Hochspannungsnetze.

Die energieintensive Industrie wird von den Netzentgelten befreit. Wer zahlt die Zeche?

Die energieintensiven Unternehmen, die bereits zu 80 Prozent befreit sind, sollen ein weiteres Geschenk erhalten, in dem sie zu 100% von den Netzentgelten befreit werden. Dafür soll dieses Geschenk von den Normalverbrauchern mit einer neuen Umlage bezahlt werden. Allein dies verteuert unseren Strompreis um 0,6 Cent je Kilowattstunde.

Eine Verteuerung über die Ihre Kunden alles andere als froh sein dürften …

Gegenüber der Öffentlichkeit sind wir der Überbringer der schlechten Nachricht und können nur versuchen zu erklären, warum wir kaum Spielräume haben. Der Energiemarkt ist in Deutschland staatlich reguliert: Von den Einnahmen sind 50 Prozent Steuern, dazu 23 Prozent Netzentgelte. Rechnet man noch die Erzeugung ab, die rund 20 Prozent ausmacht, bleiben gerade 6 Prozent Spielraum übrig – und damit sollen wir Marketingaktionen, Kundenzeitungen und viele weitere Kundenmaßnahmen finanzieren.

Welche Rolle spielen Speichertechnologien?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Wir müssen Power-to-Gas und Power-to-Heating-Technologien erforschen, damit wir überschüssigen Windstrom etwa in großen Kesseln zwischenspeichern können. Doch diese großen Dimensionen, die wir für die Stadt Leipzig bräuchten, sind bislang nicht erforscht. Die Speicherthematik zu lösen, wird eine Aufgabe für die Zukunft sein, weit über die nächsten fünf Jahre hinaus.

Und wie wichtig ist Ausbau der Stromtrassen?

Der Ausbau der Trassen muss immer dazu führen, dass Stromnetze intelligenter und flexibler werden. Und gerade beim Ausbau der Stromnetze dürfen wir nicht die Dagegen-Republik sein – eine Republik, die alles will, aber bloß nicht vor der eigenen Haustüre.

Energieeffizienz kann eine Lösung sein?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Ja, wenn wir mit unseren Kunden reden, gibt es immer zwei Möglichkeiten, den Preis zu reduzieren – entweder sie diskutieren mit uns über eine Reduktion des Einzelpreises. Das geht einmal pro Jahr. Oder wir diskutieren gemeinsam über die Menge an Energie, die eingespart werden kann. Und die Potenziale der Energieeinsparung sind wesentlich größer als die des Preisdrückens.

Wie wollen Sie diese Potenziale ausschöpfen?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Wir haben gerade eine Grundsatzabteilung Energieeffizienz gegründet, mit der wir u.a. Energie-Checks, energetische Audits und Energieeinspar-Contracting anbieten werden. Wir spielen die ganze Klaviatur der Energieeffizienz viel intensiver als in den vergangenen Jahren.

Zusammen mit den Stadtwerken Jena und Halle haben Sie vor einem Jahr die Gesellschaft Meter1 gegründet – was verbirgt sich dahinter?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: In der Gesellschaft haben wir unsere Aktivitäten im Bereich Smart Metering mit denen der anderen Stadtwerke
gebündelt. Die intelligenten Stromzähler sind erst ganz am Anfang: mit unserem zeitvariablen Tarif Strom21.Smart gehören wir zu den ersten Stadtwerken, die die Vorgaben des Gesetzgebers nach entsprechenden Tarifen bereits umgesetzt haben. Mit der Verbindung zu Smart Home-Lösungen lässt sich dann in Zukunft via Smartphone die Heizung wieder anstellen, rechtzeitig bevor man aus dem Winterurlaub zurückkehrt – das spart Geld und erhöht Komfort.

Liegt hierin für Sie auch ein Schlüssel für die „Energiewende auf mitteldeutsch“?

Prauße, Stadtwerke Leipzig: Ja, wir bieten kleineren Stadtwerken aus Mitteldeutschland ganz gezielt Kooperationen an. Doch hier besteht oft noch die Furcht, wir wollten kleinere Stadtwerke übernehmen. Das ist aber nicht unser Ziel. Wir wünschen uns hier einen Vertrauensvorschuss, damit etwa Contracting-Modelle sinnvoll in Kooperation umgesetzt werden können: Das kleinere Stadtwerk berät seinen Kunden grundlegend und holt uns ins Boot, um das Energieeinspar-Contracting letztlich zu finanzieren. Dafür stehen wir bereit und sind optimistisch, eine kommunale, aber virtuelle energetische Allianz mitteldeutscher Stadtwerke schmieden zu können. Natürlich stellen wir unsere Kompetenz und die entsprechenden Ressourcen allen zur Verfügung, die daran interessiert sind.

Herr Prauße, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch.

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