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FFF-Studie fordert Deutschlands Klimaneutralität bis 2035

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Wuppertal-Institut legt im Auftrag von Fridays for Future Eckpunkte eines deutschen Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze vor.

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie fordert in einer Studie im Auftrag der Klimaaktivisten von Fridays for Future, finanziert von der GLS Bank, einen radikal schnelleren Umbau der Sektoren Energie, Verkehr und Gebäude. Ziel ist es, dass Deutschland Klimaneutralität nicht erst bis 2050 erreichen werde, sondern bis 2035, so Prof. Dr. Manfred Fischedick, Instituts- und Studienleiter. Die Eckpunkte sollen eine Diskussion über die Ausrichtung der Bundespolitik nach der kommenden Bundestagswahl anstoßen.

Letztlich ist der Bericht „CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen
Beitrags zur Einhaltung der 1,5-°C-Grenze“ zunächst eine glasklare Abrechnung mit der Klimapolitik der aktuellen und früherer Bundesregierungen. Selbst fünf Jahre nach der Einigung über das Pariser Klimaschutzabkommen gäbe es keine Erkenntnis darüber, was getan werden müsse, um das Ziel zu erreichen.

Vielmehr orientierten sich Maßnahmen, aber auch die Aussagen der Wirtschaft, ausschließlich an den von der Regierung vorgegebenen Zielen – diese, so Prof. Fischedick, reichten aber nicht für das 1,5-Grad-Ziel, sondern maximal für ungefähr 2-Grad.

Davon abstrahierend dreht der Bericht die Gedankenwelt um: Demnach darf Deutschland auf Basis der Berechnungen des Sachverständigenrats für Umweltfragen ab 2020 noch 4,2 Gigatonnen CO2 ausstoßen. Um das zu erreichen, müssen die teilweise bereits angestoßenen Maßnahmen wie der Ausbau der Erneuerbaren Energien oder die Elektrifizierung des Verkehrssektor radikal beschleunigt werden. Nur so könne Klimaneutralität bis 2035 erreicht werden.

Energiesektor: 25 bis 30 Gigawatt Erneuerbare-Ausbau pro Jahr

Um ein klimaneutrales Energiesystem bis 2035 sicherzustellen, erscheint ein Ausbau von Wind- und Solarenergie von zusammen mindestens 25 bis 30 Gigawatt pro Jahr sinnvoll, schreiben die Experten vom Wuppertal Institut. Die aktuellen Ziele der Bundesregierung implizieren einen Ausbau von 9,6 GW pro Jahr, was mindestens um einen Faktor 2,5 zu langsam wäre.
Im Durchschnitt der Jahre 2018 und 2019 lag der Ausbau bei 6,3 GW pro Jahr, also bei nur einem Viertel des mindestens notwendigen Wertes.

Zusätzlich zum inländischen Ausbau der erneuerbaren Energien müssten Importe von im Ausland mit erneuerbaren Energien produzierten klimaneutralen Energieträgern (Wasserstoff, Synfuels) hinzukommen.

Um sicherzustellen, dass der Einsatz von fossilem Gas und Öl bis 2035 auf Null zurückgeht, wäre eine Beimischungsquote für CO2-neutrale synthetische Energieträger hilfreich, zu deren Einhaltung die Unternehmen der Gas- und Ölwirtschaft verpflichtet werden. Diese könnte 2026 bei 10 Prozent beginnen und bis 2035 jedes Jahr um weitere zehn Prozentpunkte erhöht werden, sodass ab 2035 kein fossiles Gas und Öl mehr vertrieben werden darf.

Insbesondere für die Versorgungssicherheit sowie für die Dekarbonisierung der Industrie (z. B. Stahlerzeugung) wird Wasserstoff benötigt. Für die inländische Produktion des Wasserstoffs empfehlen die Autoren bis 2035 eine installierte Kapazität an Elektrolyseuren in Höhe von 70 bis 90 Gigawatt. Die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sieht 2035 eine Leistung von 10 Gigawatt vor.

Verkehrswende: Halbierung des PKW-Verkehrs bis 2035

Auch die Pläne für die Verkehrswende sind radikal: Der Autoverkehr müsse bis 2035 halbiert werden, parallel sollten Kapazitäten des ÖPNV verdoppelt werden (Förderung mit 24 Milliarden pro Jahr). Bei diesem Ziel könnte der Wandel hin zu autonomem Fahren entscheidend mithelfen – weniger Fahrzeuge, stehen weniger herum, transportieren aber mehr Menschen pro Tag.

Der Pkw-Bestand in Städten soll auf 1/3 des heutigen Wertes senken. Dafür Ausbau der Rad- und Fußinfrastruktur und des ÖPNVs, kombiniert mit Push-Faktoren wie City-Maut, Tempolimits und Reduzierung von Fahrspuren und Parkplätzen. Die meisten Verbrenner-PKW sollten bis 2035 ersetzt werden.

Für den Güterverkehr sind vor allem drei Maßnahmen vorgesehen:

  • Verlagerung von 30 % des Lkw-Verkehrs auf die Bahn bis 2035. Dafür unter anderem starke Erhöhung der Lkw-Maut und Verwendung der daraus folgenden Einnahmen für den Ausbau der Schieneninfrastruktur
  • Ersatz der verbleibenden kleinen Lkw, vor allem durch Batteriefahrzeuge
  • Ersatz der verbleibenden Sattelzüge durch Oberleitungs-Hybrid-Lkw; Dafür ist der Aufbau von 8000 km Oberleitungen auf Autobahnen bis 2035 notwendig. Das entspricht dem Zubau von durchschnittlich 550 km Oberleitungen pro Jahr.

Beim Flugverkehr ist die Formel relativ einfach: Keine innerdeutschen Flüge mehr, dazu Reduzierung des int. Flugverkehrs um 25 Prozent und Fliegen ausschließlich mit synthetischen Kraftstoffen ab 2035 – angesichts der bislang verfügbaren, sehr kleinen Mengen synthetischer Kraftstoffe ein überaus ambitioniertes Vorhaben.

Industrie: Wasserstoffnetz, klimaneutral nutzbare Neuanlagen und konsequente Kreislaufwirtschaft

Die Vorschläge der Studie für den Sektor Industrie enthalten wichtige Denkanstöße. Denn maßgeblich ist es, dass alle Investitionen ab sofort dahingehend überprüft werden, ob sie in der künftigen Welt der Klimaneutralität noch gebraucht werden. So können Stranded Investments oder Stranded Assets vermieden werden.

Konkret sollen Neuanlagen so ausgelegt werden, dass sie klimaneutral nutzbar sind. Eine Anlage, die heute beispielsweise mit fossilem Erdgas geplant wird, muss auf Biogas oder grünen Wasserstoff umstellbar sein. In der Konsequenz braucht es für die Industrie unbedingt ein Wasserstoffnetz – und die Umsetzung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft ist unabdingbar.

Wichtiger Diskussionsbeitrag von Fridays for Future

Der Bericht, der hier natürlich nur unzureichend zusammengefasst werden kann, gibt wichtige Impulse für die Diskussion in den Parteien und deren Wahlprogramme sowie für künftige Regierungspolitik. Wenngleich viele der angestrebten Maßnahmen nicht durchsetzbar erscheinen, ist es wesentlich, mit den Planungen möglichst nah an das 1,5-Grad-Ziel heranzukommen. Das hat die Politik bislang versäumt.

In den kommenden Wochen wird auch die Deutsche Energieagentur eine Studie präsentieren, die ähnliche Fragestellungen umfasst. Wichtig ist, dass endlich wirkliches Handeln passiert. Geredet wurde im Grunde genug. An radikalen Lösungen für die Eindämmung der Klimakrise führt kein Weg vorbei.

Ein Mitschnitt der Pressekonferenz von Fridays for Future und Prof. Fischedick ist hier zu finden.

Fridays For Future Bericht: Download

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1 Kommentar
  1. Wilfried Hahn sagt

    Der Abbau der restlichen 6 AKW, die bis zu 75 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr einsparen, ist unsinnig.
    Die Kosten des geplanten Umbaus auf Wind und Solar sind astronomisch, Strom wird sehr teuer werden (20 Cent Herstellungskosten mit Speicherung).
    Anstatt 30.000 Windräder brauchen wir dann 300.000 Windräder, pro Quadratkilometer eines mit riesigem Verbrauch an Fläche und Material. Teile unserer Industrie wird aus dem Land getrieben. Das wird nicht funktionieren.
    Glaube ersetzt nicht den Verstand.

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