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Mirko Hannemann: „Wir haben uns breitschlagen lassen!“

Im Interview mit kenFM berichtet Hannemann über die Umstände der Elektroauto-Rekordfahrt und kenntnisreich über Batterietechnologie.

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Mirko Hannemann ist wieder da. Der Erfinder einer Batterietechnologie, die 2010 eine Fahrt in einem umgebauten Audi A2 von Berlin nach München und zurück ermöglichte, hat sich bei kenFM in einem langen Interview geäußert. Dabei wird deutlich: Hannemann ist ein intelligenter, differenziert argumentierender Mensch, der sich nicht zu schade ist, auch technische Details durch bildhafte Vergleiche auf ein allgemein verständliches Niveau zu bringen. Es geht um Batterietechnologie, um historische Vergleiche und das Streben nach Autarkie.

„Wir haben uns breitschlagen lassen“, ist einer der zentralen Sätze, die Hannemann sagt. Im Jahr 2010 hätten Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums sein damaliges Unternehmen DBM Energy besucht und einen Beweis für die damalige These gefordert, mit einem Elektroauto und ohne Nachladen 300 Kilometer fahren zu können. „Ausgangspunkt war also diese Forderung, die Reichweite von 300 Kilometern nachzuweisen“, so Hannemann rückblickend. Also habe man bei einem Partner in Leipzig einen Audi A2 innerhalb von sechs Wochen umgerüstet.

„Wir haben uns breitschlagen lassen“, sagt Hannemann: In Verbindung mit einem weiteren Sponsor („lekker energie“) und um das eigene Ego zu befriedigen, entschied man sich, nicht nur 300 Kilometer zu fahren, sondern im Konvoi, einem Bild-Reporter im Auto und einem Bus mit 20 Journalisten dahinter, jeweils 605 Kilometer zurückzulegen. Trotz widriger Umstände – auf der Rückfahrt war offenbar die A9 wegen eines Unfalls gesperrt und der Konvoi fuhr über teilweise vereiste Landstraßen – schaffte Hannemann am Ende die Sensation. In Berlin wurde er vom damaligen Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle empfangen:

„Jetzt kommt es darauf an, dass aus dieser Meisterleistung made in Berlin ein Welterfolg wird.“

Auto-Brand und die Autoindustrie: Hannemann ordnet ein

Doch nach der Rekordfahrt erlebte Mirko Hannemann mit seinem Team und DBM Energy verschiedenes: Einerseits wurde seine Rekordfahrt und die Technologie dahinter immer wieder in Frage gestellt. Nach dem Motto es könne nicht sein, was nicht sein dürfe, wurden gezielt Zweifel gestreut. Rückblickend und mit den Erkenntnissen aus Diesel-Skandalen und dem zögerlichen Umschwenken der  Autoindustrie auf Elektroautos wird deutlich, wer nicht wollte, dass Hannemann einen Stand der Technik demonstriert, der zwar fortschrittlich, aber nur durch gezielte Fehlinformationen zuvor, überhaupt als Sensation bezeichnet werden konnte. Zum damaligen Zeitpunkt war die veröffentlichte Meinung, dass ein Elektroauto nur 30, vielleicht 50 Kilometer weit fahren könne.

Neben dieser Skepsis, geschahen andererseits auch seltsame Dinge rund um DBM Energy. So verbrannte das Rekordfahrzeug in einer Lagerhalle. Leider wird Mirko Hannemann im kenFM-Interview danach nicht gefragt, unter welchen Umständen und welche Erkenntnisse letztlich blieben. Womöglich könnte es Brandstiftung gewesen sein. Im Januar 2011 schließlich räumte Mirko Hannemann im Cleanthinking-Interview ein, man sei dem Ansturm nicht gewachsen gewesen. Offenbar gab es damals beispielsweise das Interesse aus dem Logistik-Bereich, etwa von einem großen Discounter. Denn in der Logistik werden bis heute überwiegend Blei-Batterien eingesetzt, die den wachsenden Anforderungen, so erklärt es Hannemann im Interview, nicht standhalten konnte.

Restrukturierung, Insolvenz: Hannemann-Rausschmiss und die heutige Colibri Energy

Letztlich wurde DBM Energy immer wieder restrukturiert, u.a. als Kolibri Power Systems AG, die bis 2015 existierte und dann vom damaligen Vorstand in einem Zerwürfnis, u.a. ausgetragen in der Frankfurter Allgemeinen, und der Insolvenz endete. Heute leiten Helmuth von Grolman als CEO und James A. Astorian als CFO und COO eine Gesellschaft, die Colibri Energy GmbH heißt und in Berlin Adlershof einen Produktionsstandort hat. Colibri ist heute ein Nischenanbieter, der zuletzt bekanntgab, die elektrische Gepäckwagen-Flotte eines Flughafens im Oman mit Batterien auszustatten.

Laut Mirko Hannemann verfügt die heutige Gesellschaft aber nicht mehr über die ursprüngliche Feststoff-Batterie. Mehr zur aktuellen Batterietechnologie des heutigen Unternehmens gibt es in diesem Artikel.

Das Hannemann-Interview ist hochinteressant, wenn man sich für Batterietechnologie interessiert. Offen bleiben durchaus Fragen, was Hannemann eigentlich heute macht – über seine Webseite und den Twitter-Kanal bewirbt er das Interview und zeigt sich als leidenschaftlicher Motorsportler auf einem Elektro-Motorrad oder bei der Formula E. Dennoch ist es hörenswert, denn ganz anders als vor acht Jahren werden keine obskuren Verschwörungstheorien verbreitet, sondern ganz sachlich und offenbar kenntnisreich informiert. Hannemann ist glaubwürdig und kein Hallodri oder Schaumschläger. 

Fazit: Deutschland hat eine Chance verspielt

Im Rückblick ist vor allem eines traurig: Mit der Aufmerksamkeit von damals hätte Deutschland einen wichtigen Schritt im Hinblick auf den Aufbau einer Zellfertigung für Elektromobilität machen können. Heute rennt man der Musik hinterher. Es wäre schön, in Zukunft mehr von diesem Erfinder zu hören. Denn Deutschland braucht Menschen wie ihn, die sich derart viel Know-How aneignen und Technologie vorantreiben wollen.

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1 Kommentar
  1. ar12 sagt

    Hammer-Sendung, unglaublich!

    Danke dafür.

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