Kehrtwende in Sachen Atom

0

CleanTech News / Leipzig, Japan. Die Katastrophe von Fukushima hat das Denken über Atomkraftwerke und die hiesige Energiewirtschaft entscheidend verändert und greift infolgedessen auch in die Entwicklung der deutschen Energielandschaft ein.

Sehr geehrter Herr Smital, ohne Fukushima hätte die schwarz-gelbe Koalition wohl kaum den Atomausstieg beschlossen. Verfolgen auch andere Länder diesen Kurs?

Smital, Greenpeace: Fukushima hat weltweit zu einer veränderten Bewertung der Atomkraft geführt. Die Schweiz und Belgien haben den Atomausstieg ebenfalls beschlossen, auch die französische Opposition ist für den Ausstieg, die Bevölkerung sowieso. Global werden ohnehin nur zwei Prozent der Endenergie durch Atomstrom erzeugt.

Kommt der deutsche Atomausstieg 2022 früh genug?

Smital, Greenpeace: Ich denke nein. Nach einer Greenpeace-Studie wäre der Ausstieg schon 2015 möglich. Jedes weitere Jahr verlängert unnötig das Gefährdungspotenzial der Atomkraft, produziert mehr Atommüll und verhindert den Durchbruch der erneuerbaren Energien.

Mit der Abkehr von der Atomenergie wird in Mitteldeutschland wieder verstärkt die Nutzung der Braunkohle propagiert. Ist ein Ausbau der Tagebaue als Ersatz für die Atomkraft notwendig?

Smital, Greenpeace: Fossile Energien müssen definitiv nicht für den Atomstrom einspringen, Braunkohle erzeugt den höchsten CO²-Ausstoß von allen Energieträgern. Greenpeace hat nachgewiesen, dass ein Ausstieg aus der Braunkohle bis 2030 möglich ist, aus der Kohle insgesamt bis 2040. Die erneuerbaren Energien können diese Lücke füllen, wenn nicht mehr der Strom aus unflexiblen Atom- und Kohlekraftwerken die Netze blockiert. Zudem nutzen wir die vorhandenen Energiesparpotentiale bei Weitem noch nicht aus. Die Politik muss stärkere Anreize zum Energiesparen setzen.

Wie wird sich der Energiemarkt durch den Wegfall der Atomenergie in den nächsten Jahren verändern?

Smital, Greenpeace: Die großen Stromkonzerne werden vermutlich Einbußen erleiden. Sie werden sich auf neue Geschäftsfelder umstellen müssen. Insgesamt wird sich der Energiemarkt ausdifferenzieren, die Zahl kleiner und mittelgroßer Energieerzeuger wird steigen. Aufgrund der größeren Konkurrenz wird der Strom für den Endverbraucher wahrscheinlich günstiger werden.

Smital, Greenpeace: Kürzlich ist bekannt geworden, dass die Regierung von Gorleben abrückt und nun nach einem neuen Endlager für atomaren Abfall suchen will. Wie müsste dabei vorgegangen werden?

Zuerst müssten Kriterien festgelegt werden, wonach man eigentlich sucht. Dann muss man wissen, wie das Endlager finanziert und organisiert werden kann, vor allem über welchen Zeitraum der Müll dort gelagert werden soll und wie zukünftige Generationen damit verfahren sollen. Bestenfalls findet man einen Ort für einige hundert Jahre. Der Atommüll wird jedoch gut eine Million Jahre strahlen, diese Zeitdimension ist für Menschen nicht zu überschauen. Der Atommüll stellt ein globales Problem dar. Bislang hat kein Land eine akzeptable Lösung gefunden. Wir brauchen deshalb in dieser Frage keine schnellen Entscheidungen, sondern gut durchdachte.

Herr Smital, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Hinterlasse eine Antwort

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.