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Negative Emissionen: UK steckt 100 Mio. Pfund in CO2-Abscheidung

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Studie des Weltenergierats zeigt: Auch Deutschland erreicht die Klimaziele nur mit Direct Air Capture and Storage.

Vor wenigen Tagen hat der Weltenergierat in seiner neuen Studie „Energie für Deutschland“ unmissverständlich klar gemacht: Ohne Technologien für negative Emissionen sind die Pariser Klimaziele nicht zu erreichen. Aber: Kaum ein Land, das Klimaschutzpläne bis 2050 aufstellt, integriert entsprechende Lösungen wie insbesondere Direct Air Capture (DAC) in die entsprechende Strategie. In Großbritannien ändert sich das nun: Zwei hochrangige Mitarbeiter bzw. Berater von Boris Johnson wollen DAC mit 100 Millionen Pfund voranbringen.

„Ohne die Integration von negativen Emissionen in Klimaschutzstrategien werden die Pariser Klimaziele nicht erreichbar sein. Umso drängender ist es für Politik und Gesellschaft, deren Weiterentwicklung und Anwendung zu diskutieren und zu fördern“, sagt Carsten Rolle, Geschäftsführer des deutschen Teils des Weltenergierats bei der Vorstellung der Studie „Energie für Deutschland“. Die Studie steht hier zum Download bereit.

Was sind Negative Emissions-Technologien?

Klimaneutralität ist im Pariser Klimaabkommen verankert. Man versteht darunter ein Gleichgewicht zwischen dem Ausstoß anthropogener Emissionen auf der einen Seite und dem Abbau der Gase durch Senken auf der anderen Seite. Solche Treibhausgassenkungen bzw. negativen Emissions-Technologien sind insbesondere Aufforstung, Biomasseverstromung mit Carbon Capture and Storage (BECCS), Biokohle zur Anwendung auf dem Boden oder Kohlenstoffbindung im Boden, und Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS).

Diese Negativ-Emissions-Technologien sind auch aus Sicht des Weltenergierats notwendig, weil manche Emissionen der Industrie sich nur mit sehr viel finanziellem Aufwand überhaupt oder teilweise gar nicht vermeiden lassen. Außerdem müssen Emissionen kompensiert werden, die durch nicht rechtzeitigen Erfolg der Klimaschutzstrategien entstehen.

„Je später das Ziel einer vollständigen Vermeidung aller anthropogenen Emissionen erreicht ist, desto höher wird später der Bedarf an negativen Emissionstechnologien beziehungsweise Senken sein“, so Carsten Rolle.

Großbritannien will Direct Air Capture pushen

Die britische Regierung ist nach einem Bericht des Guardian ausgesprochen besorgt über das, was mit der Klimakrise auf das Land zukommt. Zuletzt hat mit Kevin Anderson einer der weltweit führenden Klimawissenschafter mit harschen Worten auf den jüngsten Bericht der Klimaberater der britischen Regierung geantwortet.

Das 196 Seiten starke Dokument des Ausschusses für Klimawandel (CCC) seit eine schallender Ohrfeige der Bilanz der Regierung. Die Regierung müsse ihre Arbeit dringend intensivieren, wenn sie nach der Corona-Krise einen signifikanten Wiederanstieg der Kohlendioxidemissionen vermeiden und das Nettoziel für 2050 erreichen wolle.

Aber selbst das, was die Regierung als Nettoziel definiere, sei weit von dem entfernt, was zur Erfüllung der Pariser Klimaziele erforderlich sei, so Anderson, der Professor für Energie und Klimawandel an Universitäten in Manchester, Uppsala und Bergen ist.

Anderson zeigt in einem wissenschaftlichen Papier, dass die Emissionssenkungen Großbritanniens um den Faktor 2 bis 3 höher sein müssten, um die Pariser Ziele zu erreichen. Ein Problem, das nach Einschätzung deutscher Wissenschaftler auch Deutschland betrifft.

So funktioniert die Direct Air Capture-Technologie (Bild: Climeworks)

Doch die britische Regierung scheint nun einen Ausweg zu sehen in Direct Air Capture and Storage, also der CO2-Filterung aus der Umgebungsluft in Verbindung mit der Speicherung des Klimgases, und einer der beschriebenen potenziellen Kohlendioxidsenken.

In Island haben Wissenschaftler bewiesen, dass Kohlendioxid durch eine chemische Reaktion in bestimmten Gesteinsformationen versteinert werden kann. Das Cleantech-Startup Climeworks, das kürzlich eine signifikante Finanzierungsrunde abschloss, bietet über diesen Mechanismus den Ausgleich etwa unvermeidbarer Reise-Emissionen an.

Die Sunday Times berichtet nun, zwei hochrangige Berater der Regierung Boris Johnson hätten dafür gesorgt, dass die Direct Air Capture-Technologie mit 100 Millionen Pfund aus dem Etat des Wirtschafts- und Finanzministeriums gefördert werde. Und zwar im Kontext des Green Deal für UK.

Bis zu 100 Millionen Pfund neue Mittel für die Forschung und Entwicklung einer brandneuen sauberen Technologie, Direct Air Capture (DAC), die CO2-Emissionen direkt aus der Luft um uns herum einfängt. Wenn sie erfolgreich ist, könnte die DAC-Technologie landesweit eingesetzt werden, um Kohlenstoff aus der Luft zu entfernen und damit Sektoren zu unterstützen, in denen eine Dekarbonisierung schwierig ist, wie etwa im Luftverkehr.

Um diese Technologie voranzubringen, untersucht die Regierung Optionen für die Preisgestaltung und Anreize für Kohlenstoff, wobei die Regierung einen Preis pro Tonne abgeschiedenes CO2 zahlen könnte.

Auszug aus New Deal for Britain.

Hintergrund ist, dass Direct Air Capture heute noch zu teuer ist: Die Kosten können nach Angaben von Climeworks oder Konkurrent Carbon Engineeirung von heute ca. 500 Dollar je Tonne auf 100 Dollar je Tonne reduziert werden.

Dominic Cummings, Hauptberater von Boris Johnson, hat sich für die Förderung der Technologie stark gemacht, weil er einerseits die Chance zur Erreichung der Klimaziele sieht und andererseits eine Möglichkeit für Großbritannien bei der Technologie auf den Weltmärkten zu reüssieren. Allerdings: Die beiden Cleantech-Unternehmen, die die Technologie bereits mit Anlagen bewiesen haben, Climeworks und Carbon Engineering, sitzen in der Schweiz und in Kanada.

Ein weiterer Fürsprecher ist Tim Leunig, Berater des Wirtschafts- und Finanzministers des Landes. Cummings und er glauben, mit frühzeitigen Investitionen eine weltweit führende Position in der Technologie einnehmen zu können. Wie das Geld nun genau ausgegeben wird, ist dem Artikel indes nicht zu entnehmen. Womöglich wird ein britisches Pilotprojekt damit finanziert um einen weiteren Schritt zur Dekarbonisierung zu machen.

Kann DAC-Technologie ein Alibi sein für weniger Klimaschutz-Engagement?

Die Beamten um die beiden Regierungsberater herum haben ihre Skepsis gegenüber Direct Air Capture in den vergangenen Wochen vorgetragen. Hauptsorge: Die Technologie könne ein Alibi werden, weniger in Klimaschutz zu investieren. Aber angesichts des Preises und der finanziellen wie technischen Anstrengungen zur Skalierung von DAC, erscheint das Argument wenig stichhaltig.

Aus Sicht der Negativ-Emissions-Technologien ist das Engagement Großbritanniens ein wichtiges Signal. Vertreter von Climeworks oder Carbon Engineering wissen, dass sie für die Skalierung ihrer Technologie den Rückhalt von Regierungen brauchen. Großbritannien dürfte nun das erste Land sein, dass diesen Rückhalt tatsächlich bietet.

% S Kommentare
  1. Lothar Mennicken sagt

    Aktuell soll die DAC-Technologie auch in Deutschland weiter erforscht und entwickelt werden, siehe aktuelle Förderbekanntmachung des BMBF:
    https://www.bmbf.de/foerderungen/bekanntmachung-3047.html
    Auch in Japan wird aktuell im Rahmen des Moonshot-Programms ein größeres Konsortium ein F&E-Programm mit dem Ziel Sprunginnovation starten.

    1. Martin Jendrischik sagt

      Hallo Herr Mennicken,

      vielen Dank für den Hinweis – das werde ich ergänzen!

      Danke, Martin Jendrischik

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