Cleanthinking.de
Sauber in die Zukunft

Werbung

Wie Pyrum mit BASF den Durchbruch bei der Reifen-Pyrolyse schaffte

2

Gemeinsam könnten in fünf Jahren bis zu 50 Reifen-Pyrolyse-Reaktoren zum Recycling entstehen.

Pyrum Innovations ist in den vergangenen Monaten durch ein Investment des Chemiegiganten BASF der Durchbruch seiner Reaktoren zum Altreifen-Recycling gelungen. Zuvor hatte das auf die Reifen-Pyrolyse spezialisierte saarländische Cleantech-Unternehmen Schwierigkeiten Geldgeber einerseits und Abnehmer für die eigenen Produkte andererseits zu finden. BASF vereint beide Rollen – und stärkt die Hoffnung, auch die energieintensive Reifenindustrie umkrempeln zu können.

Pyrum ist ein Cleantech-Unternehmen, das wir seit vielen Jahren verfolgen. Vor drei Jahren entstand das Porträt der Pyrum Innovations AG. Das Unternehmen ist in gewisser Weise typisch für den Cleantech-Sektor: Es existiert seit mehr als dreizehn Jahren, entwickelte eine hoch innovative Technologie – und hatte über Jahre Schwierigkeiten, Vertrauen bei Investoren und Kunden in die eigene Innovation zu erzeugen.

Das hat auch damit zu tun, dass sich im Bereich Reifen-Pyrolyse speziell bzw. Pyrolyse oder Thermolyse allgemein eine Reihe von Unternehmen tummeln, die außer großen Versprechungen wenig auf die Beine stellen konnten. Klar ist: Einen solchen Reaktor so zu bedienen, dass unten tatsächlich ökologisch wie ökonomisch sinnvoll verwertbare Produkte herauskommen, ist keine leichte Aufgabe.

Pyrum mit seinen jungen Gründern Julien Dossmann und Pascal Klein sowie einem jungen Kernteam, das dazu angestachelt wird, alles zu hinterfragen und unkonventionell zu denken, haben die Herausforderung ganz offenbar bewältigt. Seit Mai 2020 läuft das Pyrolyse-Werk in Dillingen „ununterbrochen und störungsfrei“ – und liefert nach Angaben von Gründer Klein „Rohstoffe von gleichbleibend hoher Qualität“.

Einer der Gründe dafür, dass Pyrum eine Technologieentwicklung schaffte, an der Andere bislang scheiterten: Die Ingenieure haben ein verhältnismäßig einfaches Verfahren gewählt – beispielsweise bleibt die Reaktor-Temperatur im gesamten Vorgang konstant bei 700 Grad Celsius, um eine gleichbleibende Qualität der im Thermolyse-Verfahren zu erreichenden Produkte zu bewirken.

Diese erfolgreiche Entwicklung führte dazu, dass sich der Chemieriese BASF für die Technologie zu interessieren begann. Über Monate prüfte der Konzern das Unternehmen – Technologie, Finanzen, Patente, Mitarbeiter. Dann war klar: BASF schließt nicht nur einen Abnahmevertrag über 100.000 Tonnen Pyrolyse-Öl pro Jahr, sondern investiert für eine Zehn-Prozent-Beteiligung auch 16 Millionen Euro in das junge Unternehmen. Ziel: Den Weg zur Serienfertigung der Technologie ebnen.

Für Pascal Klein war das Bekenntnis von BASF zur Pyrum-Technologie im Herbst 2020 „der Durchbruch“. Denn damit steht nicht nur der Aufbau von bis zu 50 zusätzlichen Reaktoren im Raum. Der Vertrauensbeweis der BASF führte dazu, dass jetzt auch Kreditgeber an die Technologie glauben, und weltweites Interesse besteht.

Und, natürlich, hat auch der Druck, die CO2-Emissionen reduzieren zu müssen, mittlerweile auch die Reifenbranche erfasst, die nun ernsthaft nach besseren Lösungen sucht. Heute ist das Geschäft mit Altreifen ein schmutziges: Nicht nur, weil man schmutzige Hände bekommt, wenn man Reifen trägt, sondern auch weil Altreifen viel zu oft auf Müllhalden landen, und beispielsweise Krankheiten und Feuer begünstigen.

Wie die Reifen-Pyrolyse-Technologie funktioniert

Bis zu 3.000 Altreifen werden am Standort von Pyrum im Saarland täglich verarbeitet. Der Stahldraht wird extrahiert und an die Stahlindustrie verkauft. Die Reifen werden in mehreren Stufen geschreddert. Das dann übrig bleibende Gummigranulat wird noch feiner gemahlen und dem Pyrolyse-Reaktor zugeführt.

Im Reifen-Pyrolyse-Reaktor selbst herrschen Temperaturen von 700 Grad Celsius. Diese sorgen dafür, dass das Gummi verdampft – und in seine Bestandteile Gas, Koks und Öl zerfällt. Der Kohlenstoff-Ruß, in der Reifenindustrie als Carbon Black bezeichnet, wird an Reifenhersteller verkauft. Aus dem Pyrolyse-ÖL macht BASF Kunststoffe, Medikamente oder Kosmetika (oder entsprechende Vorprodukte).

Für das Pyrolyse-Öl hat Pyrum Innovations AG mittlerweile als erstes Unternehmen im Sektor Altreifen-Recycling eine REACH-Zertifizierung der Europäischen Union erhalten. Bedeutet: Das Öl ist als offizieller Rohstoff anerkannt, und hilft Abnehmer BASF, die eigene Klimabilanz zu verbessern. Schon heute verwendet BASF das Öl am Standort Ludwigshafen.

Riesiger Recyclingmarkt für Altreifen

Pyrum adressiert nicht nur ein gewaltiges Problem – alleine in Deutschland fallen pro Jahr mehr als 500.000 Tonnen Altreifen an -, sondern auch einen großen Markt. Das Volumen weltweit schätzt das Cleantech-Unternehmen auf 39 Milliarden Euro. Es geht um nichts weniger als das Schließen eines gewaltigen Ressourcenkreislaufs. Selbst wenn es gelingt, gemeinsam mit BASF 50 Anlagen aufzubauen, wäre dies letztlich nur ein ganz kleiner Anfang.

Neben dem Vertrieb des Öls aus der Reifen-Pyrolyse ist Pyrum auch daran interessiert, die weiteren Ausgangsstoffe seiner Reaktoren sinnvoll zu verwenden (Gas, Koks). Ein Großteil des Gases wird genutzt, um den Reaktor über zwei Blockheizkraftwerke mit Strom zu versorgen – bei einem Input von 5.000 Tonnen pro Jahr, entstehen so 250 Kilowatt Energie. Der Reaktor braucht 165 Kilowatt, so dass 85 Kilowatt übrig bleiben, um Häuser mit Strom oder Wärme zu versorgen.

Bis 2022 sind zunächst zwei weitere Reaktoren zum Altreifen-Recycling per Thermolyse in Dillingen im Saarland geplant. Darüber hinaus arbeitet Pyrum kontinuierlich sowohl an neuen Input-Stoffen wie auch an neu zu produzierenden Rohstoffen, wie etwa Tests zur Extraktion von Wasserstoff aus dem mit der patentierten Technologie gewonnenen Gas, belegen.

Gab es bis vor einem Jahr reichlich Bedenken, ob es dem jungen Pyrum-Team wirklich gelungen sein konnte, eine solche Anlage zur Reifen-Pyrolyse zu entwickeln, mehren sich nun Bewunderung und Aufmerksamkeit. Bei den Recircle Awards ist das Unternehmen in zwei Kategorien nominiert. Die Veranstaltung hat zum Ziel, Unternehmen und Einzelpersonen innerhalb der Reifenbranche auszuzeichnen, deren Arbeit sich auf das Erreichen einer Kreislaufwirtschaft konzentriert. Die Sieger werden am 15. März 2021 bekanntgegeben.

% S Kommentare
  1. Schäfer Erich sagt

    Es wäre schön wenn man Adressen von Altreifen Sammler bekommen könnte die für diese Anlagen Altreifen einsammeln, ich habe im Internet gesucht aber ich finde keine Kooperations Partner

  2. […] Zahlreiche Unternehmen und Forschungseinrichtungen weltweit tüfteln an entsprechenden Lösungen. Oft werden dazu land- oder forstwirtschaftliche Biomasseabfälle geschreddert, und dann unter Ausschluss von Sauerstoff in die Bestandteile aufgeteilt. Ein Erfolgsprojekt ist die Technologie des Cleantech-Unternehmen Pyrum Innovations: Die Saarländer nutzen Altreifen als Ausgangsmaterial für Erzeugung von Pyrolyse-Öl und anderen Chemie-Rohstoffen. Der Chemiegigant BASF hat investiert. […]

Hinterlasse eine Antwort

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.