Allianz für Präzisionsfermentation will Lebensmittelindustrie nachhaltig verändern

Aus den USA kommt die Meldung, dass neun Unternehmen der Industrie den Verband Allianz für Präzisionsfermentation gegründet haben.

Eine neue ins Leben gerufene Allianz für Präzisionsfermentation (Precision Fermentation Alliance) will die Lebensmittelindustrie nachhaltig verändern. Denn die Technologie ermöglicht es nicht nur, Zutaten wie Vitamine, Enzyme oder künstliche Aromen herzustellen, sondern kann auch für Proteine und Fette genutzt werden. Bedeutet: Eine Vielzahl der beliebtesten Lebensmittel kann „tierfrei“ und mit erheblich kleinerem ökologischen Fußabdruck produziert werden. Der im Februar 2023 gegründete Handelsverband rund um Präzisionsfermentation soll die Kommunikation verbessern und die Regulierung gezielt und wissenschaftlich fundiert unterstützen.

Die Präzisionsfermentation ermöglicht es, Mikroorganismen so zu programmieren, dass diese fast jedes komplexe, organische Molekül produzieren können. Aktuell wird das Thema deshalb, weil es durch Verbesserungen in IT und Biotechnologie günstiger geworden ist, die Technologie einzusetzen. Übertragen auf den Lebensmittelsektor bedeutet es, dass ein Produktionsmodell namens Food-as-Software entstehen wird. Konkret wird es Datenbanken als molekulare Kochbücher geben, auf die Lebensmittelingenieure weltweit zugreifen können.

In diesem Produktionsmodell des Food-as-Software gibt es eine Fülle von Iterationen, so dass die daraus entstehenden Produkte schnell verbessert werden. Und: Mit jeder neuen Version werden die Produkte günstiger. Damit entsteht ein vollständig dezentralisiertes Produktionssystem, das stabiler, widerstandsfähiger und nachhaltiger ist als industrielle Tierhaltung. Denn sogenannte Fermentationsbetriebe sind eher klein und modern – und werden sich in jeder größeren Stadt befinden.

Hat die Kuh bald ausgedient?

Experten wie Tony Seba von RethinkX sagen voraus, dass diese moderne Art der Produktion von Lebensmitteln demnächst Preisparität mit herkömmlicher Herstellung erreichen wird – und das womöglich schon im Jahr 2023. Die Akzeptanz wird sich dann exponentiell beschleunigen.

Der Umbruch wird sich auf verschiedene Weise vollziehen und beruht nicht nur auf der direkten Eins-zu-eins-Substitution von Endprodukten. In einigen Märkten muss nur ein kleiner Prozentsatz der Zutaten ersetzt werden, um ein ganzes Produkt umzukrempeln. Die gesamte Kuhmilchindustrie zum Beispiel wird zusammenbrechen, sobald die modernen Lebensmitteltechnologien die Proteine in einer Flasche Milch ersetzt haben – nur 3,3 Prozent ihres Inhalts. Die Branche, die jetzt schon auf Messers Schneide balanciert, wird – so die Prognose von RethinkX – bis 2030 so gut wie bankrott sein.

Umso wichtiger ist es, dass die Cleantech-Unternehmen, die stattdessen in die Bresche springen wollen, klar und gleichlautend kommunizieren und sich etwa an regulatorischen Prozessen beteiligen. Genau hierfür ist die Allianz für Präzisionsfermentation oder im Original-Titel „Precision Fermentation Alliance“ ins leben gerufen worden. „Mit der Ausweitung der Technologie werden wir in der Lage sein, eine Vielzahl unserer beliebtesten Lebensmittel tierfrei und mit einem wesentlich geringeren ökologischen Fußabdruck zu produzieren“, ist sich Irina Gerry, die stellvertretende Vorsitzende der neuen Allianz sicher. Im Hauptberuf leitet Gerry das Marketing des Gründungsmitglieds Change Foods.

Das Cleantech-Unternehmen New Culture hat beispielsweise einen Mozzarella entwickelt, der für Tiefkühlpizzen schon zeitnah eingesetzt werden könnte. Und NX Foods arbeitet an einer Schokolode, die Zutaten auf Basis von Fermentation enthält. Das zeigt, wie nah die Disruption in diesem Bereich mittlerweile ist. Die Milch und Fleischindustrie steht vor der „Zerstörung“, wie es Tony Seba beschreibt.

Klare Kommunikation, durchdachte Politik

Neben einer klaren Kommunikation, braucht die neue Industrie eine durchdachte Politik, konsequente Regulierung und das Engagement der Interessengruppen. So soll Precision Fermentation als vertrauenswürdige Lösung für ein widerstandsfähigeres und nachhaltigeres Lebensmittelsystem etabliert werden.

Eines der bedeutsamsten Ziele der Allianz ist es, Transparenz in Bezug auf Zutaten und Lebensmittel herzustellen. Denn häufig wird die neue Technologie mit Gentechnik in einen Topf geworfen, was aber nicht zwingend stimmt. Entlang der Wertschöpfungskette der Lebensmittelindustrie sollen bewährte Verfahren in Bezug auf Vorschriften, Sicherheit und Kommunikationsstandards etabliert werden.

Auch Remilk gehört zum neuen Handelsverband (Foto: Remilk)

Diese Allianz bestätigt, woran wir schon immer geglaubt haben: Eine freundlichere, grünere Zukunft ist durch Zusammenarbeit möglich“, sagt Nicki Briggs, die Vorsitzende der Precision Fermentation Alliance, die als Managerin beim Gründungsmitglied Perfect Day arbeitet. Die Precision Fermentation Alliance wird sich auch darauf konzentrieren, sicherzustellen, dass bei der Regulierung von Präzisionsfermentationsprodukten und -technologien, die in Lebensmitteln eingesetzt werden, eine wissenschaftlich fundierte Entscheidungsfindung und eine informierte öffentliche Politik zum Tragen kommen.

9 Unternehmen bilden die Precision Fermentation Alliance

Konkret diese neun Unternehmen bilden die neue Allianz:

  • Change Foods
  • The EVERY Co
  • Helaina
  • Imagindairy
  • Motif FoodWorks
  • New Culture
  • Onego Bio
  • Perfect Day
  • Remilk

Es ist eine Art Renaissance der Fermentation, was der Milch- und Fleischindustrie, ja der zellulären Landwirtschaft unmittelbar bevorsteht. Jetzt kommt es für die aufstrebende Industrie darauf an, Vertrauen zu gewinnen und relevante, preislich vertretbare Produkte zu entwickeln – und diesen Erfolg dann tatsächlich großflächig zu skalieren.

Wie ist die Definition von Präzisionsfermentation?

Bei der Präzisionsfermentation werden mithilfe von Mikroorganismen hochwertige Inhaltsstoffe hergestellt, die sich dann zu Endprodukten weiterverarbeiten lassen. Dabei werden Mikroorganismen wie Hefe in einem biochemischen Verfahren darauf programmiert, bestimmte Inhaltsstoffe herzustellen. Dies können zum Beispiel reine Milch- oder Eiproteine, Fett für pflanzenbasierte Produkte oder auch funktionale Inhaltsstoffe wie Enzyme, Vitamine und Geschmacksstoffe sein. Produkte sind zum Beispiel tierfreier Käse oder tierfreie Eiprodukte. Mehr dazu gibt es unter anderem beim Good Food Institute.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

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