Verantwortungslos: Wie die Springer-Presse Blackout-Angst schürt

TransnetBW ruft zur Verschiebung von Stromverbrauch auf – Bild.de bezeichnet das als „drohende Stromflaute“ und „Blackout-Angst“.

Medien wie Bild, Welt oder Tichys Einblick schüren seit Monaten Blackout-Angst in Deutschland. Dafür werden Informationen aus dem Zusammenhang gerissen und Vorgänge falsch bezeichnet, die laut Definition lediglich regionale Stromausfälle sind. Heute berichtete bild.de wieder über „eine drohende Stromflaute“ in Baden-Württemberg – obwohl die Darstellung des zuständigen Netzbetreibers TransnetBW transparent und eindeutig ist – es drohte weder eine Stromflaute noch ein Blackout.

Das „Spiel“ konservativer und rechtskonservativer Medien wie Bild, Welt, Focus oder Tichys Einblick mit solchen Ängsten ist mittlerweile zu einem Geschäft geworden. Viele Online-Shops bieten nicht nur Bücher zum Thema Blackout an, sondern ganze Pakete, um sich den angeblich unmittelbar bevorstehenden und weitreichenden Stromausfall vorzubereiten. Und Online-Medien wie „blackout-news“ oder Youtuber wie Outdoor Chiemgau erreichen Zehntausende mit ihren Gründen, warum ein solch verheerender Stromausfall angeblich kommen wird.

Der Outdoor-Experte macht regelmäßig Videos darüber, dass ein Blackout angeblich bevorsteht.

Zurück zur heutigen Berichterstattung von Bild.de

Der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW bietet mit der StromGedacht-App seinen Kunden einen besonderen Service: In einer Ampel-Darstellung ruft der Dienstleister gelegentlich dazu auf, Stromverbrauch zu verschieben. Das passiert vor allem dann, wenn im Norden besonders viel Windstrom im Netz ist – und sich dadurch eine Unwucht zum süddeutschen Netz ergibt. Dann muss TransnetBW stärker als üblich über Redispatch-Maßnahmen teuren Strom aus dem Ausland beziehen.

Die StromGedacht-App zeigte für den heutigen Vormittag zweierlei: In den Morgenstunden zeigt die gelbe Ampelfarbe, dass Stromverbrauch wenn möglich in diesen Zeitraum vorgezogen werden sollte. Denn: Zwischen 11 und 13 Uhr schalte die Ampel auf Orange, weil „in dieser Zeit ein hohes Importvolumen zur Netzstabilisierung abgerufen wird.“ Genau deshalb bittet die App, die Nutzer darum, in diesem Zeitraum weniger Strom zu verbrauchen.

TransnetBW: Kosten für Redispatch reduzieren

Der Hintergrund ist einfach und ganz anders als es die Bild-Berichterstattung verkündet: Das hohe Windaufkommen im Norden führt im Süden dazu, dass großes Redispatch-Volumen aktiviert werden muss. Bedeutet konkret: Kurzfristig muss elektrische Energie aus dem Ausland zugekauft werden – und das zu hohen Kosten.

Wie hoch diese Kosten werden, die letztlich den Verbrauchern in Rechnung gestellt werden, hängt davon ab, ob die Kunden auf die Warnung der App reagieren oder nicht. In den USA macht Tesla Energy etwas Ähnliches: Hier können Powerwall-Kunden zustimmen, dass ihr Strom zu einer bestimmten Zeit zur Stabilisierung des Stromnetzes verwendet wird. Durch die Teilnahme an diesem „virtuellen Kraftwerk“ verdienten Tesla-Kunden in 2022 im Schnitt 500 Dollar.

TransnetBW macht auf seiner Webseite überdeutlich, dass es ausschließlich um „netzdienliche Verbrauchsanpassung“ geht und keine Gefahr von Stromabschaltungen besteht. Das zeigt, wie falsch die von der Springer-Presse verwendeten Begriffe wie „drohende Stromflaute“ und „Blackout-Angst“ sind. Um es klar zu sagen: Es ist vollkommen irrsinnig, aufgrund der Faktenlage davon zu sprechen, es gäbe möglicherweise zu wenig Strom. Nein: Es gibt zu viel Strom, der aufgrund süddeutscher Blockade nicht transportiert werden kann. Lesen Sie hier, ob Deutschland die Regelzone von TenneT übernimmt.

Absurd und verantwortungslos: Was Blackout bedeutet

Was ein Blackout aus Sicht der Bundesnetzagentur ist, ist auf deren Webseite definiert: Demnach handelt es sich bei einem Blackout um ein unkontrolliertes und vorhergesehenes Versagen von Netzelementen. Charakteristisch ist demnach, dass „größere Teile des europäischen Verbundnetzes oder das gesamte Netz ausfallen.“

Weil ein solches Ereignis in Deutschland mit sehr hoher Versorgungssicherheit auch etwa im Vergleich zu den USA so unwahrscheinlich ist, ergreifen Springer-Presse, Youtuber und Online-Medien jeden Strohhalm, um die Angst vor einem solchen Ereignis konstant hochzuhalten. Denn Angst ist eine Emotion, die für viele Klicks, Reaktionen und Verkäufe sorgt – genau darauf zielen die unseriösen Berichte ab.

Roman von Marc Elsberg

Wie gefährlich ein Blackout etwa durch einen Cyberangriff oder eine Attacke über Smart Meter werden kann, hat Marc Elsberg in seinem Roman „Blackout – Morgen ist es zu spät“ realitätsgetreu beschrieben. Das Werk ist beispielsweise bei Amazon als Hörbuch erhältlich (Provisions-Link). Ganz aktuell ist der Roman mit Moritz Bleibtreu auch bei Sat1 als Mini-Thriller-Serie gelaufen – und auf DVD erschienen (hier bei Amazon zu finden).

Pikant: Die angesprochenen Medien nutzen den Roman von Marc Elsberg immer wieder aus, um Furcht vor einem solchen Ereignis zu schüren. Dabei sind die, die das tun, meistens Gegner der Energiewende oder zumindest der Windkraft. Im Roman spielen die Erneuerbaren Energien einerseits und Brennstoffzellen andererseits aber eine herausragende und zwar positive Rolle. Das zeigt, wie oberflächlich die Berichterstattung von Bild, Welt, Focus oder Tichys Einblick ist. News zur Energiewende gibt es übrigens hier.

Einschätzung von Martin Jendrischik, Gründer von Cleanthinking

Es ist von deutschen Medien unverantwortlich, in der Bevölkerung Furcht und Angst zu schüren, um die eigenen Reichweiten- und damit Profit-Interessen zu befriedigen. Alle relevanten Stellen halten das Risiko vom Blackout in Deutschland, wie er definitionsgemäß länderübergreifend erfolgen müsste, für ausgesprochen unwahrscheinlich.

Und: Dezentrale erneuerbare Energien reduzieren die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis. Das Resultat kann also nur sein: Schnelle Energiewende mit Solar, Wind, Wasserstoff, Biogas, Wasserkraft und Geothermie realisieren – und so weit wie möglich energieunabhängig werden. Aber DAS gefällt den rechtkonservativen Medien so gar nicht – macht aber nichts.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

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