Augsburgs Wärmeplan: Vorfahrt für Fernwärme – Heizschock für Millionen Deutsche?

BILD und rechte Medien verbreiten irreführende Falschmeldungen und schüren Ängste.

Die Stadtwerke Augsburg stellen ihre Wärmeversorgung konsequent von Erdgas auf Fernwärme um – das sieht Augsburgs Wärmeplan vor. Im Extremfall kann das in einer Dekade zu einem partiellen Rückbau des Erdgasnetzes führen. Derzeit sorgen individuelle Anschreiben der Stadtwerke an große Wärmeverbraucher sowie ein Green Paper zur Gasnetz-Transformation des Bundeswirtschaftsministeriums für mediale Furore: BILD und rechte Medien fabulieren von einem „Heizschock für Millionen Deutsche“ – mit Recht?

Was sind also die Fakten von Augsburgs Wärmeplan? Die Stadtwerke Augsburg investieren seit Jahren in das Fernwärmenetz. Seit vier Jahren erhalten individuelle Großverbraucher (Industrie, Gewerbe oder Wohnbaugesellschaften) per Anschreiben die Information, wenn in den kommenden zehn Jahren der Ausbau des Fernwärmenetzes im jeweiligen Quartier geplant ist. Solche Briefe wurden auch Anfang 2024 verschickt – woraus zunächst das Handelsblatt einen Beitrag machte.

Die frühzeitige Information der Kund*innen hat einen klaren Hintergrund, wie einem Schreiben zu entnehmen ist: „Sollte eine Heizungserneuerung anstehen, sollte dies in die Überlegungen einbezogen werden, vor dem Hintergrund, dass ab 2040 in Bayern nach geltendem Recht keine Heizung mehr mit Erdgas betrieben werden darf.“ Im Mittelpunkt steht also nicht die Information, dass das Gasnetz rückgebaut würde, sondern dass das Fernwärmenetz an einem Standort verfügbar und ein Wechsel möglich ist.

Die Stadtwerke Augsburg investieren seit Jahren konsequent in den Ausbau des Fernwärmenetzes. Bereits 39 Prozent der eingespeisten Fernwärme ist regenerativ. Bis 2040 liegen die Investitionen bei einer weiteren Milliarde Euro. Neben der Versorgung mit Fernwärme stehen auch Nahwärmeoptionen wie Wärmepumpen oder Pellet-Heizungen zur Verfügung.

Wenn sich die Verbraucher für die Fernwärme entscheiden, werde in diesem Gebiet nicht weiter in das Erdgasnetz investiert, teilten die Stadtwerke Augsburg mit. Dabei stehe noch nicht fest, inwieweit künftig Wasserstoff etwa für Industrie über das Erdgasnetz transportiert werden wird.

Generell sei nicht absehbar, wann oder in welchen Mengen alternative Gase wie Wasserstoff oder Biogas für die breite Wärmeversorgung zur Verfügung stehen. Auch wenn bezweifelt werde, dass sich in absehbarer Zeit damit der allgemeine Wärmebedarf decken lässt, bereiteten auch die Stadtwerke Augsburg ihr Gasnetz in Teilen auf mögliche alternative Gase vor.

Augsburgs Wärmeplan als Landkarte – Ausbau Fernwärme

„Wir bieten mit der Fernwärme eine Alternative zu Erdgas“, so Ulrich Längle, Vertriebsleiter der Stadtwerke Augsburg. „Und dort wo wir das Angebot machen, wird es fast ausschließlich dankend angenommen.“ Schließlich sei mit der Energiekrise die Nachfrage nach Fernwärme um 2.000 Prozent gestiegen.

Damit sind die Regelungen in Bayern auch schärfer als die bundesweiten Regeln, die im Gebäudeenergiegesetz festgeschrieben wurden.

Habeck-Ministerium veröffentlicht Green Paper

Nahezu zeitgleich, Mitte März 2024, veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium ein Green Paper, also ein Diskussionspapier, in dem es um die Gasnetz-Transformation geht.

Das Bundeswirtschaftsministerium plant – mit Recht – einen neuen Ordnungsrahmen für die zukünftige Gas- und Wärmeversorgung. In dem aktuellen „Green Paper“ geht es um die Frage, wie die Erdgasversorgung bis 2045 wirtschaftlich bleiben kann, wenn immer weniger Kunden Gas benötigen. Das Gasverteilnetz umfasst 500.000 Kilometer Länge – ein größerer Anteil davon wird in Zukunft stillgelegt, rückgebaut oder auf Wasserstoff umgerüstet.

Das Bundeswirtschaftsministerium plant – mit Recht – einen neuen Ordnungsrahmen für die zukünftige Gas- und Wärmeversorgung. In dem aktuellen „Green Paper“ geht es um die Frage, wie die Erdgasversorgung bis 2045 wirtschaftlich bleiben kann, wenn immer weniger Kunden Gas benötigen. Das Gasverteilnetz umfasst 500.000 Kilometer Länge – ein größerer Anteil davon wird in Zukunft stillgelegt, rückgebaut oder auf Wasserstoff umgerüstet.

Das Green Paper steht hier zum Download zur Verfügung. Hierzu wird es öffentliche Konsultationen geben.

Wenn aber das Gas-Verteilnetz in seiner Gesamtheit aufrecht erhalten wird, und hohe Umbaukosten für den partiellen Wasserstoff-Betrieb entstehen, müssen die Netzentgelte auf viel weniger Kunden verteilt werden. Auch das ist vollkommen logisch. Daher ist es nur rational, die Verteilnetze dort stillzulegen oder gar zurück zu bauen, wo nach 2045 kein Bedarf für Wasserstoff vorhanden ist.

Frühzeitige Planung, so heißt es im Green Paper des Habeck-Ministerium solle „überraschende Stilllegungen für Nutzer“ sollen vermieden werden. „Ausreichend langfristige Planungen der erforderlichen Transformation der Gasverteilnetze sollen sicherstellen, dass alle Kunden hinreichend Zeit haben, sich auf die Änderungen einzustellen.“

Und dann wird im Papier sehr klar und detailreich erläutert, wie die Transformation gelingen kann. Im Fazit heißt es: „Im Ergebnis liefert dieses Papier einen ersten Überblick über denkbare aufkommende Fragestellungen mit Bezug zur Transformation der Gasverteilernetze und identifiziert Bereiche, die weiterer Untersuchung und Prüfung bedürfen. Für die öffentliche Konsultation finden sich nachfolgend Fragen, deren Antworten wichtige Hinweise für die Entwicklung des Transformationskonzepts geben können. Sofern weitere Aspekte oder Lösungsvorschläge als relevant erachtet werden, können auch diese im Rahmen der öffentlichen Konsultation benannt werden.“

Augsburgs Wärmeplan ein Heizschock?

Screenshot von Aktien mit Kopf – Quelle siehe unten

Aus diesen Fakten-Fetzen zu Augsburgs Wärmeplan und dem Green Paper machen BILD und rechte Medien eine Berichterstattung, die Zigtausende Menschen verunsichert. BILD versteckt zunächst am 18. März Habecks Pläne hinter der Bezahlschranke, damit niemand mekt, dass es gar nicht um den Betrieb heutiger Gasheizungen geht. Der rechte Youtuber Aktien mit Kopf behauptet gar ohne Wahrheitsgehalt „Millionen Gasheizungen müssen weg“ und beschreibt „Habecks Desaster-Plan“ – Ziel: Feindbildpflege und Angtsmacherei. Substanzloses Geschwurbel inklusive.

Und auch „Apollo News“, eine weitere rechte Fake-News-Schleuder, verbreitet Panik und kultiviert das Feindbild Robert Habeck:

Screenshot von „Apollo News“ zum Gasnetz Rückbau und Green Paper

Mit dem Narrativ, Millionen Gasheizungen müssten weg, verdrehen BILD und die rechten Medien die Fakten vollständig. Sie ignorieren, dass die Gesetzeslage bereits bedeutet, dass ab 2040 bzw. 2045 keine klassische Gasheizung mehr betrieben werden darf. Der Hintergrund ist natürlich der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, der aus Sicht des Klimawandels zwingend ist, wie auch im Buch „Männer, die die Welt verbrennen“ nachzulesen ist.

Zweite Welle Desinformation im April 2024

Doch offenbar hat das Narrativ im März nicht gut genug gezogen. Denn: Ohne wirklich neue Fakten zu haben, hat BILD heute am 9. April die Geschichte einfach noch einmal wiederholt. Diesmal ohne Bezahlschranke und beschrieben als „Heiz-Schock für Millionen Deutsche„. Denn: Die erste Großstadt wolle das Gasnetz stilllegen. Aber stimmt das?

Nein. Gegenüber heise äußert sich eine Stadtwerke-Sprecherin wie folgt zum Bild-Bericht: Die Gasversorgung bleibe „im Rahmen der gesetzlichen Regelungen auch weiterhin gesichert.“ Es seit derzeit auch nicht geplant, das Gasnetz zurück zu bauen. Und wörtlich: „Anderslautende Presseberichte seien ‚irreführen.'“

Zitat aus dem BILD-Text:

„Augsburgs Plan ist ein Doppel-Hammer für Haushalte mit Gas-Heizung. Sie sollen bereits 2035 auf Gas verzichten – zehn Jahre früher als das Heizgesetz vorsieht. Und: Selbst der Einbau einer neuen (Wasserstoff-tauglichen) Gas-Heizung bringt nichts.

Damit ist das Versprechen von SPD, Grünen und FDP aus dem Sommer 2023 hinfällig. Damals hatte die Ampel erklärt, künftig sei auch der Einbau moderner Gas-Heizungen weiter möglich.“

Sogar ein Stadtwerke-Sprecher wird zitiert (ob richtig, ist ungewiss). Die entscheidende Aussage, dass die Kund*innen in erster Linie über die Verfügbarkeit von Fernwärme informiert werden, wird verschwiegen. Passt nicht ins Anti-Habeck- und Anti-Energiewende-Narrativ.

Was bezweckt das Wirtschaftsministerium?

Der Ansatz des Bundeswirtschaftsministeriums mit der Erarbeitung eines Green Papers, das die künftigen Anforderungen an eine Gasversorgung bis und nach dem Ende der Erdgasheizung spätestens 2045 ist vorausschauend und klug. Denn es geht dabei in erster Linie um Kostenfallen für Stadtwerke und andere Verteilnetzbetreiber einerseits und die Verbraucher*innen andererseits.

Hintergrund:

Etwa die Hälfte der deutschen Haushalte würde sich derzeit für eine neue Gasheizung entscheiden, wenn eine Renovierung ansteht. Allerdings ist der Hauptgrund dafür, dass die Kosten für Gas in den kommenden Jahren voraussichtlich stark ansteigen werden. Seit Anfang des Monats gelten für Gas und Fernwärme wieder die regulären 19 Prozent Mehrwertsteuer und die CO2-Abgabe wurde auf 45 Euro pro Tonne angehoben, mit weiteren Steigerungen bis zum Jahr 2025.

Allein die Rückführung des Mehrwertsteuersatzes auf 19 Prozent belastet eine Familie bei einem Gasverbrauch von 20.000 Kilowattstunden mit durchschnittlich rund 220 Euro pro Jahr an Mehrkosten. Gleichzeitig steigt für eine Gasheizung der CO2-Preis 2024 von 30 auf 45 Euro pro Tonne und schlägt im Beispielsfall mit weiteren rund 200 Euro pro Jahr zu Buche. Die Gesamtbelastung liegt damit bei einem Plus von 420 Euro.

Zusätzlich könnten Stadtwerke für den Fall, dass viele Kund*innen sich alternativ mit Wärme versorgen, zum Rückbau oder zur Stilllegung des spezifischen Teils des Gasnetzes entscheiden. Denn die Wirtschaftlichkeit leidet, wenn weniger Verbraucher identische Kosten für die Instandhaltung des Netzes finanzieren müssen. Daher ist es nur folgerichtig, die Kund*innen frühzeitig auf das Ende der Erdgasversorgung vorzubereiten.

Augsburgs Wärmeplan ist durchaus ein Vorbild für andere Kommunen in Deutschland. Die Stadtwerke agieren vorausschauend und konsequent im Sinne der Kund*innen. Ebenfalls positiv ist, dass das Bundeswirtschaftsministerium übergreifend Regeln schaffen will, um Verbraucher*innen und Netzbetreiber vor Kostenfallen zu schützen. Die bayerische Stadt zeigt, wie Wärmewende funktioniert und kommuniziert werden muss.

Was BILD und die rechten Medien daraus machen, ist hanebüchen. Hier wird dem Land über das Schüren von falschen Ängsten mal wieder ein Bärendienst erwiesen. Ähnlich wie die Verbrenner-Freunde handelt es sich um willfährige Helfer der Männer, die die Welt verbrennen und das fossile Zeitalter verlängern wollen. Die grüne Transformation wird trotzdem konsequent vorangehen.

Video von Cleanthinking-Gründer Martin Jendrischik über Elon Musk und autonomes Fahren sowie die deutschen Verbrenner-Freunde.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

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