Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen – Buchkritik & Analyse

Die „Achse des Öls“: Wie fossile Konzerne mit Kulturkampf und Desinformation den Diskurs manipulieren

Wer Schockwellen und Die Klimaschmutzlobby (Provisions-Links) verschlungen hat, wird „Männer, die die Welt verbrennen“ in Kürze in einem Rutsch durchlesen. Es ist der neue Spiegel-Bestseller des renommierten Wissenschaftsjournalisten und Psychologen Christian Stöcker, der auch als Hochschulprofessor tätig ist. Der Autor legt dar, wieso wir den Kampf gegen skrupellose Geschäftemacher, Staatslenker und verlogene Propagandisten gewinnen müssen. Wer sind die Männer, denen Stöcker unterstellt, die Welt zu verbrennen? Mit welchen Strategien lenken uns fossile Konzerne vom schmutzigen Zeugverbrennen ab? Welche Rolle spielen Politiker wie Frank Schäffler und Jens Spahn?

Diese und viele weitere Fragen beantwortet Christian Stöcker in seinem gut lesbaren Werk Männer, die die Welt verbrennen kenntnis- und faktenreich. Ähnlich wie Claudia Kemfert („Schockwellen“ – Rezension) und Susanne Götze („Klimaschmutzlobby„) ist nun auch Stöcker besonders scharfer, öffentlicher Kritik ausgesetzt. Denn: Ein Autor wie Stöcker, der behauptet, die progressiven Transformierer hätten bereits gegen die fossilen Kräfte gewonnen, ist nicht besonders hoch im Kurs.

In „Männer, die die Welt verbrennen“ präsentiert der Spiegel-Kolumnist sein Konzept der „Achse des Öls“. Diese Achse umfasst nicht nur die Ölkonzerne selbst, sondern auch ein weitreichendes Netzwerk aus Akteuren, die ein gemeinsames Interesse am Erhalt des fossilen Status quo haben. Dazu gehören Politiker, Lobbyisten, Medienunternehmen, Think Tanks und sogar Teile der Wissenschaft.

Stöcker argumentiert, dass diese „Achse des Öls“ seit Jahrzehnten gezielt daran arbeitet, den öffentlichen Diskurs über Klimawandel und Energiewende zu manipulieren. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Interessen, sondern auch um ideologische Überzeugungen und den Erhalt von Machtstrukturen.

Die „Achse des Öls“ setzt dabei auf verschiedene Strategien, um ihre Ziele zu erreichen:

  • Desinformation und Leugnung: Sie verbreitet Zweifel an der wissenschaftlichen Erkenntnis über die Klimakrise und stellt die Notwendigkeit einer Energiewende infrage.
  • Lobbyismus und Einflussnahme: Sie nutzt ihre finanziellen Ressourcen, um Politiker und Entscheidungsträger zu beeinflussen und Gesetze zu verhindern, die ihren Interessen schaden könnten.
  • Kulturkampf und Polarisierung: Sie schürt gesellschaftliche Konflikte, um von den eigentlichen Problemen abzulenken und eine breite Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen zu verhindern.
  • Greenwashing und Scheinlösungen: Sie präsentiert sich als Teil der Lösung und propagiert scheinbar umweltfreundliche Technologien, die jedoch den Ausstieg aus fossilen Energien verzögern oder verhindern.

Stöcker zeichnet ein düsteres Bild einer mächtigen und gut organisierten Gruppe, die bereit ist, alles zu tun, um ihren Einfluss und ihre Profite zu sichern – auch auf Kosten der Zukunft unseres Planeten.

Der Autor macht deutlich, worum es geht: Ums Geld. Die Öl-Giganten und -Staaten profitieren täglich von drei Milliarden Dollar Gewinn. Wer so reich ist, macht sehr viel, um sein Geschäft abzusichern. Beispielsweise Netzwerke aus Wissenschaftlern und Unternehmern schmieden, um Politik gezielt im eigenen Sinne zu beeinflussen. Charles Koch, einer der Ölmagnaten, ist hierfür das Paradebeispiel: Vor 14 Jahren verhinderte der mittlerweile 88jährige, dass in den USA eine CO2-Steuer eingeführt wird.

In seinem Buch beleuchtet Stöcker aber nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Machenschaften der „Achse des Öls“, sondern auch die psychologischen Mechanismen, die es den Akteuren ermöglichen, ihre zerstörerischen Handlungen zu rechtfertigen und zu verharmlosen.

  • Verleugnung: Ein zentraler Mechanismus ist die Verleugnung der Realität des Klimawandels und seiner Folgen. Stöcker beschreibt, wie viele Akteure innerhalb der „Achse des Öls“ die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel schlichtweg ignorieren oder als übertrieben abtun. Diese Verleugnung ermöglicht es ihnen, ihr Handeln fortzusetzen, ohne sich mit den moralischen Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen.
  • Rationalisierung und Rechtfertigung: Ein weiterer Mechanismus ist die Rationalisierung und Rechtfertigung des eigenen Handelns. Stöcker zeigt auf, wie Akteure innerhalb der „Achse des Öls“ ihre Handlungen oft als notwendig oder sogar als gut für die Gesellschaft darstellen. Sie argumentieren beispielsweise, dass fossile Brennstoffe für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand unerlässlich seien oder dass der Klimawandel nicht so schlimm sei, wie von Wissenschaftlern behauptet.
  • Kognitive Dissonanz: Stöcker weist auch auf das Phänomen der kognitiven Dissonanz hin. Dabei handelt es sich um einen unangenehmen inneren Konflikt, der entsteht, wenn das eigene Handeln im Widerspruch zu den eigenen Werten oder Überzeugungen steht. Um diesen Konflikt zu lösen, greifen Menschen oft zu Rechtfertigungen und Verleugnung, um ihr Handeln wieder in Einklang mit ihren Überzeugungen zu bringen.
  • „Petro-Maskulinität“: Stöcker führt zudem den Begriff der „Petro-Maskulinität“ ein, um die spezifische Form von Männlichkeit zu beschreiben, die mit der fossilen Industrie verbunden ist. Diese „Petro-Maskulinität“ zeichnet sich durch Werte wie Stärke, Dominanz und Risikobereitschaft aus und steht in engem Zusammenhang mit der Verleugnung des Klimawandels.

Stöcker argumentiert, dass das Verständnis dieser psychologischen Mechanismen entscheidend ist, um die Blockadehaltung der „Achse des Öls“ zu überwinden. Nur wenn wir die Motive und Rechtfertigungsstrategien dieser Akteure verstehen, können wir wirksame Gegenstrategien entwickeln und den notwendigen Wandel vorantreiben.

Kulturkampf als Ablenkungsmanöver

Kulturkämpfe um Fleisch, Gender-Sprache oder den Verbrennungsmotor sind gezielte Ablenkungsmanöver der Achse des Öls und ihrer Gefolgsleute, so Stöcker. Sie dienen etwa dazu, echtes Wissen über Elektroautos, Windkraft (Windenergie News hier) oder alternative Proteine zu verschleiern – oder umgekehrt Desinformation zu verbreiten. Erinnern wir uns an Markus Söder, der behauptet hat, Wärmepumpen würden 300.000 Euro kosten…

Der Kulturkampf in Deutschland ist auch vom Begriff der Technologieoffenheit geprägt – unter diesem Motto darf Jens Spahn die absurde Idee von Bioöl fürs Heizen in Talkshows verbreiten oder Wissing und Lindner Deutschlands Ruf in der EU für E-Fuels für PKWs aufs Spiel setzen. Dabei ist der wissenschaftliche Konsens auf Basis der physikalischen Gesetze seit Jahren klar: Wasserstoff, seine Derivate bzw. darauf basierende E-Fuels sollten nur dort einsetzen, wo Elektrifizierung keine Alternative ist.

Lesen Sie hierzu auch: Elektrifizierung oder Wasserstoff? Energiezukunft in der EU

Die Psychologie der „Verbrenner“: Blick auf die Motive der Akteure

Stöcker analysiert auch die psychologischen Motive der Akteure, die den Klimaschutz blockieren. Er identifiziert Gier, Machtstreben und Ideologie als treibende Kräfte hinter ihrem Handeln. Zudem beleuchtet er die psychologischen Mechanismen der Verleugnung und Rechtfertigung, die es diesen Akteuren ermöglichen, die Folgen ihres Handelns für Mensch und Umwelt zu ignorieren.

Stöckers Kritik richtet sich auch gegen die „Petro-Maskulinität“, ein Konzept, das die Verbindung zwischen fossilen Energien und traditionellen Männlichkeitsbildern beschreibt. Er argumentiert, dass diese Ideologie dazu beiträgt, den Widerstand gegen den Klimaschutz zu verstärken.

Im vergangenen Sommer beschrieb Stöcker Koch in seiner Spiegel-Kolumne als den FDP-Einflüsterer. Hinterbänkler Frank Schäffler organisierte in Koch-Manier eine Parteitags-Mehrheit gegen das Gebäudeenergiegesetz. Anschließend folgte dessen Verwässerung in einem für parlamentarische Verhältnisse unwürdigen teilöffentlichen Schauspiel. Im Ergebnis wurde die Klimatechnologie Wärmepumpe diskreditiert und Menschen ermutigt, noch einmal eine fossile Heizung einzubauen.

Jenseits des Verbrennungsmotors: Vision einer post-fossilen Zukunft

Trotz der düsteren Analyse zeigt Stöcker auch die Chancen einer post-fossilen Zukunft auf. Er betont die Möglichkeiten der Energiewende und der Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Dabei unterstreicht er die Bedeutung von Technologieoffenheit und wissenschaftlichem Konsens.

Stöcker appelliert an die Leser*innen, aktiv zu werden und sich für den Klimaschutz einzusetzen. Er fordert dazu auf, sich nicht von den Verleugnungsstrategien der „Verbrenner“ täuschen zu lassen und die notwendigen Veränderungen zu unterstützen.

Das Zeitalter des Feuers hinter uns lassen

Christian Stöckers Buch liest sich auch deshalb so gut, weil er als Psychologe das Verhalten der vielleicht einer Million Menschen beleuchtet, die mit Zeugverbrennen die Welt aufs Spiel setzen, und gleichzeitig deren Netzwerke und Methoden seziert. Das führt teilweise weit zurück in das vergangene Jahrhundert, wenn beleuchtet wird, wie die amerikanische Liebe zum SUV entstand und anschließend manifestiert wurde – beispielsweise mit TV-Serien wie Ein Colt für alle Fälle. Die Serie mit den fliegenden Autos kommt übrigens in diesem Frühjahr als Kinofilm zurück. Natürlich ohne Elektroautos, wie der Trailer beweist.

„Wir können und müssen, pathetisch gesprochen, das Zeitalter des Feuers hinter uns lassen und das Zeitalter des (Sonnen-)Lichts einläuten. Zur Sonne, zur Freiheit, buchstäblich. Wir alle haben lange von der Energie profitiert, die fossile Brennstoffe geliefert haben. Sie hat die Menschheit reicher, mächtiger und
sogar gesünder gemacht. Längst wissen wir aber, dass diese Form der Energiegewinnung sehr schädlich für uns Menschen ist. Und wir wissen auch, wie wir ohne sie auskommen können. Längst
profitieren nur noch die Hersteller fossiler Brennstoffe. Wir alle bezahlen dafür, mit unseren Steuern und unserer Zukunft.“

In Interviews zum Buch betont der Autor immer wieder, es gäbe durchaus ein Happyend am Ende des Buches. Denn all die Fakten und bösen Figuren, die die Welt verbrennen, können durchaus den Eindruck erwecken, wir Transformierer würden gegen eine Übermacht ankämpfen. Allerdings haben die disruptiven Veränderungen etwa bei Solar, Wind und Batterien längst dazu geführt, dass das fossile Netzwerk begriffen hat, dass das eigene Zeitalter abläuft – mit Ablenkung wird mit zunehmender Verzweiflung versucht, das Ende hinauszuzögern.

Interview mit Christian Stöcker zu seinem Buch.

Buchkritik: Stärken und Schwächen von „Männer, die die Welt verbrennen“

„Männer, die die Welt verbrennen“ ist ein wichtiges und aufrüttelndes Buch, das die komplexen Zusammenhänge zwischen fossilen Energien, Politik, Wirtschaft und Psychologie beleuchtet. Stöckers Recherche, Analyse und Schreibstil sind beeindruckend.

Allerdings gibt es auch Kritikpunkte. Einige Rezensenten werfen Stöcker Einseitigkeit vor und bemängeln, dass er die Komplexität des Themas teilweise vereinfacht. Zudem werden fehlende konkrete Lösungsansätze kritisiert.

Trotz dieser Kritikpunkte ist „Männer, die die Welt verbrennen“ eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich mit den Ursachen und Folgen der Klimakrise auseinandersetzen möchten. Das Buch regt zum Nachdenken an und motiviert zum Handeln.

Einladung zur Diskussion:

Was ist Ihre Meinung zu „Männer, die die Welt verbrennen“? Teilen Sie Ihre Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren!

(Dieser Beitrag entstand am 26. März 2024 und wurde im Juli 2024 vollständig aktualisiert und überarbeitet.)

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

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