Bundesnetzagentur: Stromnetzausbau für die Energiewende gewinnt an Dynamik

Im Zuge der Energiewende ist der Stromnetzausbau bislang eine gewaltige Baustelle. Denn die Stromautobahnen werden gebraucht, um elektrische Energie beispielsweise von den Küsten in die Industriezentren zu transportieren. Durch mehrere Beschleunigungsgesetze, die das Bundeswirtschaftsministerium von Robert Habeck verabschiedet hat, gewinnt der Ausbau der Stromleitungen seit 2023 entscheidend an Dynamik. Die Übertragungsnetzbetreiber können mit dem Bau von 1.000 Leitungskilometern beginnen.

Laut Bundesnetzagentur (BNetzA) konnten 2023 600 Kilometer solcher Stromleitungen genehmigt werden. Weitere 400 Kilometer Leitungen können begonnen werden, weil die Beschleunigungsgesetze hier eine „gesetzliche Beschleunigung“ erlauben. „Wir gehen davon aus, dass wir in den kommenden Jahren noch deutlich größere Fortschritte sehen werden“, so Klaus Müller, der Präsident der BNetzA.

Für die Energiewende ist der Stromnetzausbau entscheidend, weil dadurch sogenannte Redispatch-Maßnahmen reduziert werden können – also zentral gesteuerte Eingriffe aufgrund von drohenden Netzproblemen. Solche Situationen sind in den letzten Jahren deutlich häufiger geworden, weil die Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen nicht immer minutiös vorhersehbar ist.

Momentan ist der Ausbau des Stromnetzes auf rund 14.000 Kilometern gesetzlich beschlossen. An der Zahl der Stromautobahnen und der Länge der Stromleitungen gibt es durchaus Kritik von Verfechtern erneuerbarer Energien, die deutlich dezentralere Strukturen anstreben. Für etwa die Hälfte der 14.000 Kilometer Stromnetzausbau ist die BNetzA zuständig. Den Rest koordinieren die Bundesländer in Eigenregie.

Bis Ende 2024 plant die Bundesnetzagentur mit Genehmigungen für dann insgesamt rund 2.800 Kilometer. Bis Ende 2025 sollen insgesamt 4.400 Kilometer Leitungen genehmigt sein.

Mehr Stromnetzausbau bis 2045

Bis 2045 braucht es zudem 5.600 Kilometer neue Leitungen und Offshore-Anbindungen. “Wir prüfen aktuell 7.500 Kilometer Stromautobahnen, die bis 2028 gebaut werden sollen”, sagt Klaus Müller. Den aktuellen Trend zur Beschleunigung des Ausbaus der Stromnetze bringt Müller konkret mit den drei Beschleunigungsgesetzen der Bundesregierung zusammen.

Dadurch können neue und vorhandene Infrastruktur leichter gebündelt und teilweise auf aufwändige Prüfungen verzichtet werden. „Zum Teil sind ganze Verfahrensschritte entbehrlich“, sagt Müller. „So können wir zukünftig die Genehmigungszeiten für den Netzausbau um ein Drittel bis um die Hälfte reduzieren.”

Ausbau auf Verteilnetzebene

Zum Ausbau des Stromnetzes auf Hochspannungsebene kommen weitere Maßnahmen auf der Ebene der Verteilnetze auf die entsprechenden lokalen Netzbetreiber zu. Denn diese Letztverbraucher-Netze werden durch Wärmepumpenbuy online, Solaranlagen oder Wallboxen stärker beansprucht als bislang. Neben der Ertüchtigung der Netze spielen aber auch Digitalisierung und Flexibilisierung eine entscheidende Rolle.

So können dynamische Stromtarife wie der von Tibber oder awattar entscheidend zur Lastverschiebung beitragen. Voraussetzung dafür ist aber der Ausbau der Smart Meter – intelligenter Stromzähler, die Transparenz und Steuerbarkeit ermöglichen. Auch an dieser Stelle gibt es in der deutschen Energiewende eine jahrelange Baustelle, die von der Großen Koalition nie geschlossen wurde (vgl. diesen Beitrag dazu).

2025 müssen die Netzbetreiber nun verpflichtend loslegen, betont Wissenschaftlerin Prof. Dr. Anke Weidlich im Interview mit der WirtschaftsWoche. Flexible Nutzung wird dann flächendeckend belohnt, was das Gesamtsystem entlastet. Eine weitere Veränderung könnte neben dem Stromnetzausbau auch die Verteilung der Netzentgelte betreffen: Denkbar ist eine dynamische Abrechnung. Das würde die Regionen, die frühzeitig erneuerbare Energien ausgebaut haben, entlasten.

Hintergrund: Das deutsche Stromnetz

Derzeit hat das deutsche Stromnetz eine Gesamtlänge von 37.000 Kilometern. Der Ausbau des Stromnetzes erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Zum einen werden die Übertragungsnetze ausgebaut, um den Strom von den erneuerbaren Energiequellen zu den Verbrauchszentren zu transportieren. Zum anderen werden auch die Verteilungsnetze verstärkt, um den dezentral erzeugten Strom direkt vor Ort nutzen zu können.

Der Netzausbau ist mit einigen Herausforderungen verbunden. Der Trassenbau für die Übertragungsnetze stößt oft auf Widerstand in der Bevölkerung, da dies mit Eingriffen in die Umwelt und Landschaften verbunden sein kann. Zudem gibt es technische Hürden wie die Stabilität des Netzes und die Einbindung der dezentralen Stromerzeugung.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, werden verschiedene Maßnahmen ergriffen. Dazu gehören unter anderem der verstärkte Einsatz von intelligenten Netzen, die Flexibilisierung der Nachfrage, um den Stromverbrauch an das Angebot anzupassen, sowie der Ausbau von Energiespeichern, um die fluktuierende Energieproduktion auszugleichen.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

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