Fossile Brennstoffe und CCS: Kommt es bei COP28 zu einem faulen Kompromiss?

197 Länder ringen um den Ausstieg aus Öl und Gas sowie Carbon Capture and Storage.

Fossile Brennstoffe zu verbrennen ist entscheidend für menschengemachten Klimawandel und Erderwärmung. Momentan steuert die Welt beinahe ungebremst auf eine 2,4 Grad wärmere Welt zu. In Dubai bei COP28 ringen die 197 Länder um den Ausstieg („Phase-Out) aus fossilen Brennstoffen und um Carbon Capture and Storage, also das Auffangen und Wegspeichern von Kohlendioxid, als ernsthafte Lösung. Aber kann CCS wirklich mehr als ein grünes Feigenblatt der erdölexportierenden Länder sein?

Die Zahlen rund um Carbon Capture and Storage (CCS) sind eindeutig: Das, was die Bremser-Staaten wie Saudi-Arabien als Kompromiss vorschlagen, erscheint vollkommen unrealistisch – nicht mehr als Greenwashing oder eine grüne Beruhigungspille.

Die Zahlen dazu sind eindeutig und klar. Die Welt darf sich auf der noch wenige Tage dauernden Weltklimakonferenz in Dubai nicht auf einen faulen Kompromiss einlassen.

Kosten und Energiebedarf für Carbon Capture and Storage CCS

Die Erdöl-Staaten wollen im Prinzip weiter Gas und Erdöl fördern und verbrennen – und versprechen der Welt, das dabei entstehende Kohlendioxid einzufangen und zu speichern. Doch das Engagement dieser Länder, ähnliches beim Methan zu machen, das bei der Erdgas-Förderung freigesetzt wird, ist minimal. Im Februar 2023 forderte die Internationale Energie-Agentur beispielsweise, das unnötige Abfackeln zu beenden. Passiert ist: Nichts.

Der Versuch der erdölexportierenden Länder erschließt sich, wenn man bedenkt, dass die Öl- und Gasindustrie 800 Milliarden Dollar in neue Öl- und Gasprojekte investiert. Zum Vergleich: Lediglich 20 Milliarden Dollar fließen in erneuerbare Energien. Daneben fördern Länder – auch Deutschland – fossile Energieträger mit 1.000 Milliarden Dollar pro Jahr. Dieses Geschäft wollen sich die Fossil-Staaten nicht entgehen lassen.

Das fatale Problem ist: Würde sich die Welt auf einen Kompromiss einlassen, bei dem der Plan wäre, die weltweiten fossilen Öl- und Gasemissionen komplett unter die Erde zu leiten, dann würden diese Anlagen in etwa so viel Strom benötigen, wie alle heute existierenden Kraftwerke zusammen produzieren.

Doch neben dem Energiebedarf für Carbon Capture and Storage sind auch die Kosten fatal. Heute investiert die Industrie laut Internationaler Energie-Agentur vier Milliarden Dollar in CCS. Mehr als jemals zuvor. Aber: Um die fossilen Emissionen im großen Stil aufzufangen, wäre eine Steigerung um den Faktor 1.000 notwendig. Es würde also um 4.000 Milliarden Dollar gehen – pro Jahr. Selbst für die sehr, sehr gut verdienende Öl- und Gasindustrie eine unvorstellbare Summe.

Keine Frage: CCS wird gebraucht, aber der unglaublichen Kosten für die Technologie lediglich als letzter Ausweg für Emissionen, die etwa in der Industrie nicht zu vermeiden sind. Das ist auch die Haltung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck oder etwa dem dänischen Klimaschutzminister. Aber für die Erdöl- und Gas-Unternehmen dürfte das zu wenig sein.

Aber CCS darf keine Ausrede für die Energiemanager und Politiker werden, weiter business as usual zu machen.

Fatih Birol, Internationale Energie-Agentur

Gewaltiger Druck auf die OPEC-Länder

Es ist ein unglaublicher Vorgang, der für viel Aufregung gesorgt hat. In einem Brandbrief hat der Generalsekretär der OPEC-Länder die entsprechenden Minister, die bei COP28 sind, aufgefordert, jeden Text im Abschlussdokument abzulehnen, bei dem es unmittelbar um den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen geht. Die Kompromissformel lautet: Ausstieg aus „fossilen Emissionen“. Dieser Begriff bedeutet nichts Anderes als das, das grüne Feigenblatt CCS die Welt beruhigen soll.

Brief an die OPEC-Länder zum Thema Fossil Fuel Phaseout

Im Ringen um den bisherigen Paragraph 35 des Abschlussdokuments von COP28 gibt es mittlerweile vier Textoptionen, die den erdölexportierenden Ländern allesamt nicht passen dürfen. Doch, so beschreibt es Susanne Götze in ihrem Artikel für den Spiegel, diese Textpassagen allesamt wieder „herauszuverhandeln“, wird extrem schwierig. Der Brandbrief oder der Auftritt des Exxon-Chefs in Dubai sind klare Anzeichen dafür, dass die Nerven blank liegen. Oder andersherum: Der Druck auf die Fossil-Länder, einem Erdöl- und Gas-Ausstieg ohne faulen Kompromisse zuzustimmen, ist gewaltig.

Die Förderung und Verbrennung von Öl und Gas muss sinken, wenn die Welt die Pariser Klimaziele einhalten will. Und das muss vor 2030 beginnen. Wer etwas anderes behauptet, verbreitet Fake-News und interessengeleitete Desinformation.

Susanne Götze, Journalistin

Sollen die Erdölländer doch für CCS bezahlen!

Direct Air Capture ist die Technologie, mit der CO2 aus der Luft gefiltert wird. Sie wird etwa von Climeworks, Carbon Engineering oder Heirloom als saubere Technologie eingesetzt. Doch die weltweite Kapazität der existierenden Anlagen schafft bislang 0,01 Megatonnen CO2 pro Jahr. Unglücklicherweise liegen die Emissionen der Welt aber bei 36.800 Megatonnen pro Jahr. Es braucht also auch hier einen Faktor von 100.000, wollte man ernsthaft mit dem Verbrennen von fossilen Brennstoffen ungezügelt weitermachen.

Problem an der Sache: pro Tonne Kohlendioxid, die aus der Atmosphäre gefiltert und etwa in Islang weggespeichert wird, werden 1.000 Dollar fällig. Es ist der reale Preis einer Tonne CO2-Entfernung.

Multipliziert man die jährlichen Emissionen der Menschheit mit diesen Tausend Dollar, wird klar, worum es geht: Entfernungskosten von 376 Billionen Dollar. Pro Jahr.

Laut Economist liegt der CO2-Preis der Systeme zum Emissionshandel, die weltweit etabliert sind, bei 20 Dollar. Zu den notwendigen 1.000 Dollar fehlen also noch 980 Dollar. Wollen die Erdölstaaten und Ölkonzerne weiter ohne Einschränkung emittieren, müssten sie für jede Tonne CO2, die sie verursachen, den realen Preis einer Tonne Entfernung bezahlen oder diese Angelegenheit selbst übernehmen.

Die ganze Idee, die Prof. Christian Stöcker in seiner Kolumne beschrieb, könnte über eine Internationale Kohlenstoffagentur oder -bank überwacht und kontrolliert werden.

Einen solchen, ehrlichen Markt zu schaffen, wird extrem schwierig. Dazu braucht es wenig Fantasie.

Die Ölkonzerne sind jahrzehntelang mit Desinformation durchgekommen, was ein zentraler Grund für das Dilemma ist, in dem wir uns jetzt wiederfinden. Wir sollten sie nicht mit weiteren Verzögerungstricks durchkommen lassen, sondern sie beim Wort nehmen.

Prof. Christian Stöcker

Emissions-Reduktion mit Elektroautos und Solar

Die Analyse zeigt: Ohne Emissions-Reduktionen geht es nicht. Für die Welt wäre es somit wesentlich effizienter, würden die Fossilkonzerne ihre Gewinne nicht mehr in neue fossile Projekte oder das Märchen vom großflächigen CCS-Einsatz stecken, sondern in die sauberen Technologien, die mit einer massiven Dynamik heute schon zu Emissions-Reduktionen entscheidend beitragen: Elektroautos und Solarenergie mit Speicherung.

Und neben den Konzernen müssten auch die Staaten von fossilen Subventionen herunterkommen und diese in klimafreundliche Technologien investieren. Damit würden positive Kipppunkte ausgelöst, die bereits unmittelbar bevorstehen, wie die Wissenschaft etwa hier und dort zeigt.

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Elektroautos, Solarenergie und Speicher sowie Windkraft, Geothermie und Wärmepumpen sind die Lösungen, die vorhanden sind, um die Emissionen in schnellem Tempo zu reduzieren. Ist der politische Wille vorhanden, Geschäftsmodelle der fossilen Konzerne zu kappen und Subventionen zu kürzen, wird viel Geld in die richtigen Bahnen gelenkt.

Fossile Brennstoffe und CCS: Keine Lösung!

Fossile Brennstoffe und CCS zu kombinieren, um so zu tun als ob damit Emissions-Reduktionen möglich wären, wäre ein fauler Kompromiss. Dieses Signal darf auf keinen Fall von COP28 ausgehen. Climate Analytics kommt etwa zu dem Schluss, dass es sogar zu einer Steigerung der Emissionen führen würde. Und das ist wenig verwunderlich, schaut man sich an, welche „Carbon Bombs“ die fossile Industrie in der Pipeline hat.

Eine gute Zukunft der Menschheit hängt in Dubai rund um COP28 weiter am seidenen Faden. In wenigen Tagen wissen wir, wohin die Reise geht. Los, raus aus fossilen Brennstoffen!

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

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