Christian Dürr bei Markus Lanz: Scheinheiligkeit statt (Technologie-)Offenheit

Kommentar: ZDF-Sendung zeigt, wie die scheinheilige FDP-Politik dem Land rund um Cleantech schadet.

Christian Dürr und die FDP verfolgen eine an Scheinheiligkeit kaum zu überbietende Politik-Strategie, die diesem Land in erheblichem Maße Schaden zufügt. Grundlegend ist die Aussage des Fraktionschefs der FDP im Deutschen Bundestag, er halte es für „vollkommen verrückt“ von 100 Prozent erneuerbaren Energien auszugehen. Heute sei der Anteil an der Primärenergie schließlich bei 17 Prozent.

Mit Primärenergie zu argumentieren, wenn man weiß, dass darin auch die Abwärme eingeschlossen ist, die dank Verbrennungsmotor in die Luft entweicht, ist schon hanebüchen genug. Soll aber nicht der Kern der Überlegungen sein. Vielmehr geht es um die Frage, wie die FDP mit ihrer Technologie-Scheinheiligkeit die Debatte über echten Klimaschutz und wirksame, ja auch radikale Maßnahmen immer wieder gezielt ausbremst.

Anstatt darüber zu sprechen, wie 100 Prozent Erneuerbare, gepaart mit Energiespeichern und Wasserstoff hinzukriegen ist, wird über Scheinlösungen wie Heizen mit Wasserstoff oder Fahren mit HVO100-Diesel aus Schnitzelfett gesprochen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie solche Vorschläge wie HVO-Diesel in der FDP auf die Agenda kommen.

Es ist klar: Das geschieht nicht auf Basis wissenschaftlicher Fakten oder sonstiger, fundierter Erkenntnisse, sondern auf Basis von „Gesprächen“ der FDP mit Lobbyverbänden mit dem DVGW oder dem BDEW oder Mineralölverbänden beispielsweise. Das zeigt die Scheinheiligkeit: Die winken mit ein paar Auftragsstudien, die – oh wunder – exakt zu ihren Plänen passt, und schon ist die FDP überzeugt. Um E-Fuels im PKW oder ähnliche Dinge durchzusetzen, geht die FDP allerhöchstes Risiko ein.

In dem Artikel zur Abrechnung mit der Lindner-FDP beschreibe ich diese Zusammenhänge rund um die Technologie-Scheinheiligkeit der FDP genauer. Das führt an dieser Stelle zu weit. Wichtig ist: Hier werden echte Lösungen, die von der Wissenschaft durchgängig empfohlen werden, durch solche Schein-Lösungen ersetzt, die entweder noch gar nicht existieren oder völlig überteuert sind oder gar nicht das Potenzial haben, in skalierbarer Größenordnung eingesetzt zu werden.

Scheinheiligkeit: HVO100 und Heizen mit Wasserstoff

Beispiel: HVO100 – schon heute werden für HVO-Beimischungen signifikante Mengen importiert. Häufig muss in den Herstellerländern dann mangels Reststoffen stattdessen mehr Erdgas genutzt werden. Statt Unabhängigkeit wieder nur Scheinheiligkeit ohne Potenzial für Skalierung.

Info-Box: Paraffinische Dieselkraftstoffe

Werden paraffinische Dieselkraftstoffe ausschließlich aus biogenen Rest- und Abfallstoffen hergestellt, könnten die Treibhausgasemissionen aus Verbrennungsmotoren deutlich reduziert werden – vorausgesetzt die Stoffe sind ausreichend verfügbar. Die Mengen sind aber in jedem Fall begrenzt – selbst „altes Frittenfett“ fällt nicht in unbegrenzten Mengen an. Werden paraffinische Dieselkraftstoffe aus anderen fossilen Quellen beigemischt, ist die Klimabilanz des Kraftstoffs zudem von der ⁠Klimawirkung⁠ der fossilen Beimischung abhängig. 
Viele Ausgangsstoffe für paraffinische Dieselkraftstoffe, darunter Abfälle werden heute aber schon sowohl stofflich als auch energetisch anderweitig sinnvoll genutzt. Setzt man sie im Verkehr ein, kann es erforderlich sein, in der bisherigen Anwendung fossile Ausgangstoffe zu nutzen. Der Klimanutzen würde also nur in den Verkehrssektor verlagert. Zudem kann der Einsatz der Abfallströme in anderen Bereichen wie Kraftwerken sinnvoller sein, da dort höhere Wirkungsgrade als im Verbrennungsmotor eines Autos erzielt werden – und damit im Kraftwerk eine höhere Treibhausgasminderung als im Auto. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, wie weit die Abfall- und Reststoffe vor der Nutzung transportiert werden müssen und wie aufwändig die Verarbeitung ist, bevor man entscheidet, wo sie bevorzugt eingesetzt werden sollten. (Quelle: Umweltbundesamt)

Beispiel: Pellets – wir machen nicht nur unsere Wälder kaputt, sondern gleich noch die in anderen Ländern dazu (vgl. Rumänischer Wald). Glasklare Aussagen zu fehlgeleiteten Maßnahmen von Peter Wohlleben:

Peter Wohlleben über Heizen mit Pellets.

FDP: Konzeptlos und lobbyhörig

Will sagen: Die FDP hat (offenbar) keine Konzepte rund um die Klimakatastrophe, die sie wirklich durchdacht hat. Oder sie hat keine Kompetenz, negative Konsequenzen ihrer politischen Vorschläge zu erkennen. Aber plötzlich stand im vergangenen Wahlkampf das Klima-Thema auf der Agenda, und man musste ein paar Themen „erfinden“, um in Diskussionen nicht komplett alt auszusehen. Diese Lösungen bestehen darin, Aussagen von Lobbyisten und Wirtschaftsverbänden zu übernehmen – ohne deren Sinn wirklich zu hinterfragen. Verkauft wird das als „Technologieoffenheit“ – und Wahrheit ist es „Technologie-Scheinheiligkeit„.

Dem Land wird somit ein Bärendienst erwiesen. Praktisch formuliert dürfen nun dank des verwässerten GEG 2023 weiter Öl-Heizungen verbaut werden, und Millionen Gasheizungen dürfen bis zum Laufzeitende 2043 mit Erdgas befeuert werden. Das nennt die FDP Klimaschutz. Ökonomische Gesetze, das zeigt auch der Auftritt von Adam Tooze werden von der FDP weitgehend ignoriert. Die Kraft der Disruption, die RethinkX so brillant beschreibt, wird komplett klein geredet.

Würden die Menschen dieser Scheinheiligkeit der FDP und des Christian Dürr in der Mehrheit Glauben schenken, hätten wir nicht ansatzweise mehr Chancen, die Klimaziele einzuhalten. Wie Petra Pinzler von DIE ZEIT richtig schreibt: Klimapolitik der Ampel ist durch das „Prinzip Hoffnung“ ersetzt worden. Hoffnung darauf, dass die ziemlich unsinnigen Aussagen der FDP nicht verfangen. Auch diese Diskussion hat wieder gezeigt, wie die FDP mit ihrer Strategie die Klimadebatte an Punkten festklebt, die aus wissenschaftlicher, unternehmerischer und eigentlich auch politischer Sicht, längst geklärt sind. Fragen, wie etwa die, wie Deutschland in Namibia zwar Wasserstoff produziert, aber eben gleichzeitig dafür sorgt, dass das aufwändig gesäuberte Wasser auch und zuerst den Menschen in Namibia zu Gute kommt, werden ausgeblendet.

Info-Box: Heizen mit Wasserstoff (Beispiel UK)

„Fast jedes Haus in Großbritannien wird wahrscheinlich bis 2050 eine Wärmepumpe benötigen, nachdem der Energieminister die Verrohrung von Wasserstoff in die Häuser der Menschen praktisch ausgeschlossen hat.“ Die Regierung hat die Möglichkeit geprüft, das derzeitige Erdgasnetz in den kommenden Jahren durch Wasserstoff zu ersetzen, um Netto-Null-Kohlenstoffemissionen zu erreichen. Ein geplanter Versuch in dieser Woche wurde jedoch nach lokalem Widerstand verworfen, und Energieminister Grant Shapps sagte nun, es sei „unwahrscheinlich“, dass Wasserstoff als Ersatz für gasbetriebene Heizkessel verwendet werden könnte, und wies auf die Notwendigkeit hin, Tausende von Kilometern Rohren bei einer Umstellung zu ersetzen.
Clem Cowton, Mitbegründer von Octopus Energy, antwortete: „Das Pumpen von buchstäblichem Raketentreibstoff durch die Gasnetze würde das Ausgraben und Ersetzen von Rohren Dutzende von Milliarden Pfund kosten und die Kunden zu dreimal so hohen Heizkosten verurteilen wie heute. „Da diese verrückte Option zu Recht vom Tisch ist, können wir uns jetzt darauf konzentrieren, der überwältigenden Mehrheit der Haushalte dabei zu helfen, ihre Heizkessel gegen Wärmepumpen auszutauschen, die sauberer, sicherer und effizienter – und damit letztendlich billiger – sind als die Verbrennung von Gas im Haus.“ Grant Shapps auf den Spuren von Robert #Habeck. Die FDP auf den Spuren der Lobbyisten von DVGW, die behaupten, das Erdgasnetz könne auf wundersame Weise auch für Wasserstoff genutzt werden. Reine Propaganda. (Quelle: news.co.uk)

Auszug aus der Markus Lanz-Sendung vom 13. Juli 2023 mit Adam Tooze und Christian Dürr.

Die Frage, an welchen Stellen mehr Klimaschutz Sinn macht angesichts der katastrophalen Bilder, die wir aus Kanada, den USA oder Spanien sehen, wird erst gar nicht gestellt. Die Scheinheiligkeit verfängt. DAS ist der große Schaden, den die FDP diesem Land zufügt. Und die Medien spielen mit, weil es cooler ist, über Schnitzelfett zu frotzeln als über Flutkatastrophen in Saragossa. Geht es ansatzweise so weiter, müssen wir in wenigen Monaten über ganz, ganz andere Themen diskutieren.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

Energiewende News - Die JahrhundertaufgabeKlima