Kraftwerksstrategie: Fossile Autobahn bis 2045 statt Wasserstoff-Brücke

Deutschland auf dem Weg zur LNG-Republik – Howarth-Studie zeigt: LNG klimaschädlicher als Kohle

Anfang Januar 2026 meldet der EU-Klimadienst Copernicus: Die Jahre 2023 bis 2025 lagen erstmals über der 1,5-Grad-Marke. Die Pariser Leitplanke ist nicht mehr abstrakte Zukunft – sie ist real überschritten. Nur Tage später verkündet das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin die Einigung auf die Kraftwerksstrategie: Neue Gaskraftwerke dürfen bis 2045 mit LNG betrieben werden – einem Brennstoff, der nach aktueller Forschung klimaschädlicher sein kann als Kohle. Willkommen auf der fossilen Autobahn Richtung LNG-Republik Deutschland.

Am 15. Januar 2026 verkündete das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche (CDU) die Grundsatzeinigung mit Brüssel. Im Kern: Zwölf Gigawatt (GW) an neuer steuerbarer Kapazität sollen noch 2026 ausgeschrieben werden, davon zehn GW mit einem „Mindesterbringungszeitraum“ von zehn Stunden – eine Anforderung, die praktisch nur Gaskraftwerke erfüllen können. Lediglich zwei Gigawatt werden technologieoffen ausgeschrieben, sodass auch Batteriespeicher eine Chance haben.


Was die Pressemitteilung verschweigt: Ein „Non-Paper“ zur Einigung, das der Deutschen Umwelthilfe nach eigenen Angaben aus dem Wirtschaftsministerium zugespielt wurde, zeigt ein weit größeres Ausschreibungsvolumen. Das Ministerium hat die Echtheit des Dokuments bislang weder bestätigt noch dementiert.

Demnach sollen 2027 weitere 21 bis 26 GW und 2029 nochmals drei bis acht GW für den sogenannten Kapazitätsmarkt ausgeschrieben werden. Insgesamt also rund 41 GW an steuerbarer Leistung – mehr als das Dreifache dessen, was öffentlich kommuniziert wird.

Die Wasserstoff-Lücke: Acht Jahre ohne Anreiz

Der eigentliche Skandal beim Bau der fossilen Autobahn in Richtung LNG-Republik liegt im Detail. Von den zwölf GW der ersten Ausschreibung 2026 sind zehn GW durch den „Mindesterbringungszeitraum“ von zehn Stunden praktisch auf Gaskraftwerke festgelegt – Batteriespeicher können das nicht leisten. Nur zwei GW werden tatsächlich technologieoffen ausgeschrieben.

Für eine vorzeitige Wasserstoff-Umstellung sieht die Strategie insgesamt nur vier GW mit finanziellen Anreizen vor: Zwei GW bis 2040, weitere zwei GW bis 2043. Diese Anreize gelten für alle Ausschreibungsrunden – auch für die Modernisierung von Bestandskraftwerken, von denen es in Deutschland rund 36 GW gibt.

Die restliche Kapazität? Darf bis 2045 mit fossilem Gas betrieben werden – gesetzlich erlaubt, aber ohne jeden Anreiz zum früheren Umstieg.

Besonders pikant: Das deutsche Wasserstoff-Kernnetz soll bereits 2032 betriebsbereit sein. Die 9.700 Kilometer Pipeline-Infrastruktur wird mit 18,9 Milliarden Euro gefördert und soll grünen Wasserstoff zu den Kraftwerksstandorten transportieren. Doch die Kraftwerke müssen erst ab 2040 umsteigen – eine Lücke von acht Jahren, in der fertige Infrastruktur auf willige Abnehmer wartet.

Sönke Tangermann von Green Planet Energy bringt es auf den Punkt: Die Vorgaben zur Wasserstoff-Umrüstung seien ein „hellgrünes Feigenblatt“ – „too little, too late“.

Das LNG-Problem: 33 Prozent klimaschädlicher als Kohle

Die Kraftwerksstrategie setzt auf LNG als Brückenbrennstoff. Was verschwiegen wird: Flüssigerdgas ist klimapolitisch keine Lösung, sondern verschärft das Problem.

Die vielbeachtete Studie des Cornell-Professors Robert Howarth aus dem Jahr 2024 analysierte erstmals umfassend den gesamten Lebenszyklus von LNG – von der Förderung über Verflüssigung und Schiffstransport bis zur Regasifizierung und Verbrennung. Das Ergebnis: LNG verursacht rund 33 Prozent mehr Treibhausgasemissionen als Kohle.

Der Schlüssel liegt in den Methan-Emissionen entlang der Lieferkette. Bei der Förderung entweicht Methan durch undichte Bohrlöcher und Leitungen. Die energieintensive Verflüssigung auf minus 162 Grad Celsius verursacht weitere Emissionen. Während des mehrwöchigen Schiffstransports verdampft kontinuierlich sogenanntes „Boil-off-Gas“. Und bei der Regasifizierung in den Importterminals treten erneut Verluste auf.

Methan ist über einen Zeitraum von 20 Jahren etwa 80-mal klimawirksamer als CO₂. Selbst geringe Leckagen haben daher massive Auswirkungen auf die Klimabilanz. Howarth beziffert die Methan-Emissionen von LNG auf 2,6 Prozent der transportierten Gasmenge – genug, um jeden vermeintlichen Vorteil gegenüber Kohle zunichtezumachen. Besonders schädlich? Fracking-LNG, wie es Deutschland aus den USA unter Donald Trump bereits heute in rauen Mengen importiert.

Die Gegenposition – und warum sie nicht trägt

Die Gasindustrie wies die Ergebnisse umgehend zurück. Die Annahmen seien zu pessimistisch, die verwendeten Leckageraten zu hoch. Tatsächlich arbeitet Howarth mit Werten am oberen Ende der wissenschaftlichen Bandbreite.

Doch unabhängige Messungen stützen seine Größenordnung. Die Satellitenmission MethaneSAT, finanziert vom Environmental Defense Fund, dokumentiert seit 2024 Methan-Emissionen entlang globaler Gaslieferketten. Die Ergebnisse: Die realen Leckagen liegen oft höher als von der Industrie angegeben – teils um den Faktor zwei bis drei.

Selbst konservativere Annahmen ändern das Grundproblem nicht: Bereits ab einer Leckagerate von etwa drei Prozent verliert Erdgas seinen Klimavorteil gegenüber Kohle. Bei LNG mit seiner energieintensiven Verflüssigung liegt die Schwelle noch niedriger.

Für Deutschland hat das konkrete Konsequenzen: Die neuen LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin wurden als Beitrag zur Energiesicherheit gefeiert. Doch wenn die dort angelandete Energie in Kraftwerken landet, die bis 2045 ohne Wasserstoff betrieben werden dürfen, zementiert das eine klimaschädliche Infrastruktur für zwei Jahrzehnte.

Freiwillige Pioniere vs. abgesagte Projekte

Die Realität zeigt bereits, wie wenig die Wasserstoff-Rhetorik mit der Praxis zu tun hat. Während die EnBW aus eigenem Antrieb rund 1,5 GW an wasserstofffähigen Kraftwerken baut – mit eigenem Geld und eigenem Klimaziel (klimaneutral bis 2035) – haben andere ihre Pläne auf Eis gelegt.

LEAG Boxberg: 58 Millionen Euro – ungenutzt

Der Lausitzer Energiekonzern LEAG stoppte im Juni 2025 sein ambitioniertes Wasserstoffprojekt am Kraftwerksstandort Boxberg. Das geplante „H2UB“ sollte das größte Wasserstoffzentrum Ostdeutschlands werden: ein Elektrolyseur mit 2.100 kg Wasserstoff pro Stunde, eine Brennstoffzelle mit perspektivisch 500 MW Leistung, eine GigaBattery mit über 1.000 MWh Speicherkapazität. 58 Millionen Euro EU-Fördermittel aus dem Just Transition Fund waren bereits bewilligt.

Die Begründung der LEAG ist bezeichnend: „Durch das Ampel-Aus hat sich das Kraftwerkssicherheitsgesetz als wichtige regulatorische Voraussetzung auf unbestimmte Zeit verzögert.“ Hinzu komme, dass die Wasserstoffwirtschaft „vom erwarteten Hochlauf weit entfernt“ sei. Die Ironie: Der LEAG-Standort Boxberg liegt direkt neben dem geplanten Wasserstoff-Kernnetz, das 2032 Wasserstoff liefern soll.

Das Muster ist klar: Unternehmen mit eigenen Klimazielen investieren. Unternehmen, die auf Subventionen warten, stoppen ihre Projekte. Die Kraftwerksstrategie schafft keine Anreize, die dieses Muster durchbrechen.

Widerstand aus der neuen Energiewirtschaft

Die Einigung von Katherina Reiche mit der EU-Kommission stößt auf massiven Widerstand – nicht nur von Umweltverbänden, sondern aus dem Herzen der Energiewirtschaft selbst. Seit Oktober 2025 haben mehrere Unternehmen formelle Beschwerden bei der EU-Kommission eingereicht.

Den Anfang machte 1Komma5° im Oktober 2025. Das Hamburger Unternehmen betreibt eines der größten virtuellen Kraftwerke Europas mit aktuell 600 MW aggregierter Flexibilitätsleistung. Bis 2030 will man 20 GW steuern können – exakt so viel, wie Reiche ursprünglich an neuen Gaskraftwerken forderte. CEO Philipp Schröder argumentiert, die Subventionen für Gaskraftwerke seien „ein unzulässiger Eingriff, der Verbraucher mit deutlich höheren Kosten belastet“ und verstoße gegen EU-Beihilferecht.

Die Klagefront wächst

Es folgten Green Planet Energy, Octopus Energy und ClientEarth. Am 15. Januar 2026 – dem Tag der Einigung – reichte auch die Deutsche Umwelthilfe Beschwerde ein. Ein von der DUH beauftragtes Gutachten der Kanzlei K&L Gates kommt zu dem Ergebnis, dass die Pläne „erhebliche rechtliche Risiken bergen und voraussichtlich nicht mit den Vorgaben des EU-Beihilferechts vereinbar sind“.

Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy, fasst die Kritik zusammen:

Mit der Beschwerde stellen wir uns nicht gegen Gaskraftwerke, sondern gegen marktverzerrende Subventionen auf Kosten der Verbraucherinnen und Verbraucher.

Selbstzweifel im Non-Paper

Brisant ist – sofern das Dokument authentisch ist – was das Non-Paper über die rechtlichen Grundlagen verrät. Demnach haben sowohl Bundesregierung als auch EU-Kommission selbst Zweifel an der Konformität der Ausschreibung mit EU-Recht – insbesondere bei den zehn GW mit „Mindesterbringungszeitraum“, die de facto auf Gaskraftwerke festgelegt sind.

Man wolle gemeinsam „prüfen“, wie die Vorgabe „bestmöglich zu begründen“ sei. Dafür seien „zusätzliche Analysen“ erforderlich. Constantin Zerger von der DUH nennt diese Vorgehensweise einen „handfesten Skandal“.

Die BDEW-Vorsitzende Kerstin Andreae kritisierte bereits im Dezember 2025 die unnötigen Verzögerungen: „Es wäre geschickter gewesen, wenn die neue Bundesregierung das Kraftwerkssicherheitsgesetz der Ampel übernommen hätte. Das war fast fertig ausgehandelt.“ Stattdessen versuchte Reiche erneut, 20 GW bei der EU durchzusetzen – ein Ansatz, an dem bereits Robert Habeck gescheitert war.

Merz’ Falschbehauptung zur H2-Readiness

Friedrich Merz
Bundeskanzler Merz irritiert mit Wasserstoffaussagen (Foto: CDU / Tobias Koch)

Bundeskanzler Friedrich Merz sorgte am 14. Januar 2026 in Halle für Irritationen. Auf Nachfrage erklärte er, die neue Kraftwerksstrategie unterscheide sich von Habecks Ansatz, weil die Kraftwerke nicht „von Tag eins an“ wasserstofffähig sein müssten.

Das Problem: Die Aussage widerspricht sowohl dem eigenen Koalitionsvertrag als auch den offiziellen Ministeriumsangaben. Auf der BMWE-Website heißt es unmissverständlich: „Alle Anlagen, die im Rahmen der Kraftwerksstrategie gebaut werden, werden H2-fähig sein und spätestens bis 2045 vollständig dekarbonisieren.

Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD formuliert: „Alle Gaskraftwerke im Rahmen der Kraftwerksstrategie müssen ‚H2-Ready‘ sein.“

Auch die EU-Kommission dürfte reine Gaskraftwerke ohne Wasserstoff-Option kaum genehmigen – sie wären mit den europäischen Klimazielen nicht vereinbar. Ob Merz schlecht beraten wurde oder bewusst Verwirrung stiftete, bleibt offen. Klar ist: Die Aussage nährte Spekulationen, die Regierung wolle bei der Wasserstoff-Verpflichtung zurückrudern.

Die Alternative: Absicherungspflicht statt Subventionen

Die Beschwerdeführer fordern nicht den Verzicht auf Versorgungssicherheit, sondern einen anderen Weg dorthin. 1Komma5° schlägt eine „Absicherungspflicht“ vor: Akteure am Energiemarkt müssten für ihre Leistung eine bestimmte Verfügbarkeit garantieren – vom großen Gaskraftwerk bis zum heimischen Batteriespeicher.

Wie das konkret funktionieren würde

Ein Stadtwerk mit 50 MW Blockheizkraftwerk, ein Aggregator mit 10.000 vernetzten Heimspeichern und ein Industriebetrieb mit flexiblen Produktionsprozessen würden alle gleich behandelt. Jeder müsste nachweisen: „Ich kann X Megawatt für Y Stunden garantiert bereitstellen.“ Wer das nicht selbst kann, kauft die Absicherung am Markt – von jemandem, der es kann.

Der entscheidende Unterschied zum Kapazitätsmarkt: Nicht der Staat entscheidet, welche Technologie gefördert wird. Der Markt entscheidet, welche Lösung am günstigsten liefert. Studien zeigen: Dezentrale Flexibilität schlägt zentrale Gaskraftwerke regelmäßig im Preis – wenn man sie lässt.

Der Vorteil: Das System wäre technologieoffen, würde dezentrale Lösungen gleichberechtigt einbeziehen und käme ohne Subventionen aus. Eine beihilferechtliche Genehmigung durch die EU wäre nicht erforderlich – die Einführung könnte sofort erfolgen.

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Eine Roland-Berger-Studie im Auftrag der New Energy Alliance beziffert den gesamtwirtschaftlichen Mehrwert dezentraler Flexibilität auf bis zu 255 Milliarden Euro bis 2045. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) rechnet hingegen vor, dass die geplanten Kapazitätsmarkt-Umlagen die Stromverbraucher mit bis zu 435 Milliarden Euro belasten könnten.

Der ZVEI warnt bereits: „Je nach Ausgestaltung geht es schnell um ein bis zwei Cent pro Kilowattstunde, die alle Stromkunden – Industrie, Gewerbe und private Haushalte – zahlen müssten.

Fazit: Brücke oder Sackgasse?

Die Kraftwerksstrategie steht exemplarisch für das Dilemma deutscher Energiepolitik. Auf der einen Seite milliardenschwere Investitionen in die Wasserstoff-Infrastruktur, die ab 2032 bereitsteht. Auf der anderen Seite Kraftwerke, die erst ab 2040 zum Umstieg verpflichtet sind – und auch dann nur zu einem Bruchteil mit finanziellen Anreizen.

Die Rechnung ist einfach: 37 GW neue Kapazität ohne vorzeitigen H2-Anreiz plus etwa 36 GW bestehende Gaskraftwerke ergibt eine fossile Infrastruktur von über 70 GW, die bis 2045 mit LNG betrieben werden darf. Einem Brennstoff, der klimaschädlicher ist als Kohle.

Das ist keine Brücke in die Wasserstoff-Zukunft. Das ist der Bauplan für eine LNG-Republik bis 2045 – während die 1,5-Grad-Grenze bereits im Rückspiegel verschwindet. Wer stoppt diese fossile Autobahn in Richtung LNG-Republik Deutschland?

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