Terralayr: Wie virtuelle Batterien die Energiewende skalierbar machen

Cleantech-Unternehmen wandelt Batteriespeicher mit Software in handelbare Flexibilität – und löst ein zentrales Erneuerbaren-Problem.

An windreichen Tagen im Januar 2026 fällt der Strompreis in Deutschland regelmäßig gegen null. Wer dann einen Batteriespeicher besitzt, kann günstig laden. Wenige Stunden später, wenn die Sonne untergeht und der Wind nachlässt, schnellt der Preis nach oben. Zeit zum Entladen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn zwischen Batterie und Markt klafft eine Lücke, die viele Speicherbetreiber nicht schließen können. Genau hier setzt die Lösung von Terralayr an.

Das 2020 gegründete, schweizerisch-deutsche Cleantech-Unternehmen Terralayr projektiert nicht nur eigene Großbatteriespeicher, sondern hat mit „Layr“ eine Plattform geschaffen, die physische Speicher in Echtzeit mit den Anforderungen der Strommärkte verknüpft. Die Besonderheit: Mehrere dezentrale Batteriespeicher werden zu einer virtuellen Großbatterie zusammengefasst, die dann an Energieversorger wie RWE oder Vattenfall vermietet wird.


Terralayr: Von der Hardware zur Plattform

Philipp Man, der zuvor das Uhren-Start-up Chronext gegründet hatte, erkannte früh, dass die Zukunft der Batteriespeicher nicht im reinen Hardwaregeschäft liegt. „Wir haben schon 2022 Netzanschlussanträge gestellt – zu einer Zeit, als andere noch fragten, ob Deutschland überhaupt Batteriespeicher braucht“, erklärt der Co-Gründer. Diese Weitsicht zahlt sich aus: Terralayr hat heute vier Batteriespeicher am Netz und zehn weitere im Bau, zusammen 150 Megawatt Leistung. Weitere 200 Megawatt sind baureif.

Doch das eigentliche Geschäftsmodell liegt eine Ebene höher. Die Layr-Plattform ermöglicht es Speicherbesitzern, ihre Kapazitäten flexibel aufzuteilen: Die eine Hälfte wird über Händler an den volatilen Strommärkten vermarktet, wo hohe Gewinne möglich sind. Die andere Hälfte wird über langfristige Tolling-Verträge fest vermietet, was planbare Einnahmen garantiert. Ein Algorithmus entscheidet in Echtzeit, wann Laden, Entladen oder Vermieten ökonomisch am sinnvollsten ist.

Virtuelle Batterien für RWE und Vattenfall

Das prominenteste Beispiel für diese neue Form der Speichervermarktung ist der Vertrag mit RWE. Der Energieversorger nutzt über Terralayr eine virtuelle Batterie mit 50 Megawatt Leistung aus mehreren physischen Speichern in der 50Hertz-Regelzone. RWE bekommt dabei keinen einzelnen Großspeicher, sondern Zugang zu einem Portfolio, das Terralayr im Hintergrund orchestriert. Die technische Anbindung erfolgt über standardisierte Schnittstellen, die Plattform übernimmt Entwicklung, Finanzierung, Bau und Betrieb der Anlagen.

Ähnlich funktioniert die Zusammenarbeit mit Vattenfall. Hier bündelt Terralayr Kapazität aus acht dezentralen Speicherstandorten zu einer virtuellen Einheit von 55 Megawatt. Anders als bei klassischen Tolling-Verträgen, bei denen ein einzelner Großspeicher im Mittelpunkt steht, erhält Vattenfall Zugriff auf eine aggregierte Flotte. Das senkt Risiken, vereinfacht die Refinanzierung und macht auch kleinere Anlagen marktfähig.

Skalierung durch Standardisierung

Die Relevanz für die Energiewende liegt auf der Hand. Deutschland benötigt bis 2030 Großspeicher-Kapazitäten zwischen 15 und 100 Gigawattstunden, je nach Szenario. Derzeit sind laut Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme 16,4 Gigawatt Batteriespeicherleistung installiert. Die Lücke ist gewaltig.

Terralayr trägt zum Schließen dieser Lücke auf mehreren Ebenen bei:

Erstens senkt die Plattform Markteintritts- und Finanzierungshürden für Speicherprojekte, indem sie langfristige, bankfähige Erlösstrukturen mit flexibler algorithmischer Vermarktung kombiniert. Banken, die Kredite für Speicherprojekte vergeben sollen, fragen nach Planungssicherheit. Genau die liefern Tolling-Verträge mit RWE oder Vattenfall.

Zweitens macht die Aggregation zu virtuellen Batterien Flexibilität handelbar wie eine digitale Ressource. Neue Anlagen können in bestehende Portfolios integriert und sofort marktfähig gemacht werden, ohne dass jeder Betreiber eigene Handels- und Optimierungsstrukturen aufbauen muss. Das beschleunigt den Ausbau erheblich.

Drittens erhöhen aggregierte Speicher die Aufnahmefähigkeit für erneuerbare Energien. Sie können kurzfristig auf die Volatilität von Wind- und Solarstrom reagieren, wodurch Redispatch-Maßnahmen und Abregelungen reduziert werden. Versorger und Stadtwerke erhalten Zugang zu Flexibilität ohne eigene Investitionen in Speicherkapazitäten.

192 Millionen Euro für den nächsten Schritt

Die frische Finanzierungsrunde in Höhe von 192 Millionen Euro, angeführt vom französischen Vermögensverwalter Eurazeo, unterstreicht das Vertrauen in dieses Modell. Melissa Cohen, Partnerin bei Eurazeo, erklärt die Investitionsentscheidung: „Terralayr ist eines der wenigen Unternehmen, denen es gelingt, nennenswerte Tolling-Verträge mit renommierten und kapitalstarken Unternehmen abzuschließen. Das gibt uns als Investor Sicherheit.“

Zunächst fließen 112 Millionen Euro, weitere 80 Millionen können folgen, wenn Projekte die geplanten Fortschritte erzielen. Das Ziel ist ambitioniert: Innerhalb von 36 Monaten will Terralayr die Leistung seiner Batteriespeicher auf ein Gigawatt erhöhen. Auch eine geografische Expansion nach Frankreich und Großbritannien ist geplant.

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Jan Zenneck, Partner bei der Boston Consulting Group, sieht den Markt weiterhin als attraktiv an: „Zehn bis 20 Gigawatt an Batteriespeicherzubau bis 2030 dürfte der Markt noch verkraften.“ Allerdings warnt er auch vor Kannibalisierungseffekten. Je mehr Speicher gebaut werden, desto weniger schwanken die Strompreise – und die Gewinne sinken. Wer aber jetzt schon eine gute Projektpipeline hat und intelligent vermarktet, für den bleibe der Markt extrem attraktiv.

Vom Betonklotz zum digitalen Asset

Terralayr zeigt exemplarisch, wie sich das Geschäftsmodell von Batteriespeichern wandelt. Weg vom Bau physischer Anlagen, hin zu einer integrierten Energie-Software-Wirtschaft. Batteriespeicher werden vom passiven Energiecontainer zum handelbaren digitalen Asset. Wer versteht, wie sich Speicher über Plattformen orchestrieren und vermarkten lassen, wird künftig nicht nur Strom handeln, sondern Flexibilität.

Diese Flexibilität ist der entscheidende Hebel für die Energiewende. Ohne funktionierende Speicher und intelligente Vermarktungssysteme wird Deutschland sein Ziel von 80 Prozent erneuerbaren Energien bis 2030 kaum erreichen können. Terralayr liefert mit seiner Plattform ein Werkzeug, das den Ausbau sowohl von erneuerbaren Energien als auch von Batteriespeichern beschleunigen kann – indem es aus vielen einzelnen Projekten ein skalierbares System macht.

Terralayr im Überblick

ThemaTerralayr
Gründung2020
GründerPhilipp Man (zuvor Chronext)
StandorteBerlin, London, Zug (Schweiz)
Speicher am Netz4 Projekte, 10 im Bau (150 MW)
Pipeline200 MW baureif, Ziel: 1 GW bis 2028
KundenRWE, Vattenfall, Stadtwerke Duisburg, Steag Iqony
Finanzierung192 Mio. € (Lead: Eurazeo)

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