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Drei-Löwen-Allianz fordert Klimaschutz-Stopp durch Gold-Plating-Verbot
Trotz Klima-Urteil: Söder, Hagel und Rhein wollen nationale Ambitionen deckeln
Das Bundesverwaltungsgericht hat gestern entschieden, dass das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung nicht ausreicht und rechtlich nachgebessert werden muss. Das Gericht stellte am 29. Januar 2026 klar, dass die bisherigen Maßnahmen nicht genügen, um die Ziele bis 2030 zu erreichen. Heute fordern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen in ihrer selbsternannten Drei-Löwen-Allianz ein Gold-Plating-Verbot – eine Maßnahme, die nationale Klimaziele über EU-Mindeststandards hinweg technisch ausschließen würde und die Ambition bewusst begrenzt. Der Zusammenschluss wurde offiziell von den drei Landesregierungen präsentiert.
Urteil des Bundesverwaltungsgerichts erhöht Druck auf Berlin
Deutschland bewegt sich damit zwischen einem klaren Klima-Urteil und einer politischen Neujustierung im Süden. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts machte unmissverständlich deutlich, dass Deutschland seine Klimaziele verfehlt und gesetzlich verpflichtet ist, Maßnahmen nachzuliefern. Klimaschutz sei damit nicht länger eine politische Optionsfrage, sondern eine einklagbare staatliche Pflicht.
Diese juristische Klarheit kontrastiert scharf mit der neuen süddeutschen Offensive, die unter dem Schlagwort „Gold-Plating-Verbot“ eine Limitierung nationaler Ambitionen vorschlägt. Der politische Vorstoß von Markus Söder, Boris Rhein und Manuel Hagel wurde im Forderungspapier der Allianz klar benannt.
Was bedeutet Gold Plating – und warum ist es umstritten?
Gold Plating beschreibt den Prozess, bei dem einzelne EU-Mitgliedstaaten strengere Standards umsetzen, als es die EU-Mindestanforderungen verlangen. Dazu zählen höhere Effizienzstandards für Gebäude, ambitioniertere CO₂-Grenzwerte oder strengere Energieeffizienzrichtlinien.
Ein Gold-Plating-Verbot würde Deutschlands Fähigkeit beschneiden, über das europäische Minimum hinauszugehen – selbst wenn es ökologisch, technologisch und wirtschaftlich sinnvoll wäre. Kritiker warnen daher, dass ein solches Verbot nationale Handlungsspielräume einschränkt und Klimaschutz faktisch durch die Hintertür schwächen würde.
Gebäudesektor im Fokus: Potenziale und Risiken
Besonders brisant ist das im Gebäudesektor: Deutschland hat im europäischen Vergleich einen energetisch weit überdurchschnittlichen Gebäudebestand. Nationale Verschärfungen wären technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll – und damit auch ein Wettbewerbsvorteil für Modernisierungs- und Effizienztechnologien.
Ein pauschales Gold-Plating-Verbot würde diese Chance jedoch zunichtemachen und ausgerechnet jenen Ländern schaden, die technologisch weiter sind als andere EU-Mitgliedstaaten.
Innovationsregion gegen politische Bremse
Vor diesem Hintergrund wirkt die Position der Drei-Löwen-Allianz widersprüchlich. Der Süden Deutschlands gilt seit Jahrzehnten als Innovationsmotor. Baden-Württemberg, Bayern und Hessen bringen gemeinsam rund 70 Prozent aller deutschen Patentanmeldungen hervor und gelten als technologisch führende Regionen. Diese Zahlen wurden auch im Rahmen der politischen Präsentation des Dreiländer-Bündnisses hervorgehoben.
Unternehmen vor Ort investieren bereits massiv in Energieeffizienz, klimaneutrale Industrieprozesse und modernste Produktionsmethoden – nicht aus regulatorischem Zwang, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Ein Verbot national höherer Standards wirkt vor diesem Hintergrund wie eine politische Bremse in einem Umfeld, in dem die Wirtschaft längst beschleunigt.
Bremsmanöver statt Zukunftsstrategie?
Dass nationale Ambitionen gedrosselt werden sollen, just während ein Bundesgericht verbindliche Nachschärfungen einfordert, verstärkt den Eindruck eines politischen Widerspruchs zwischen rechtlicher Pflicht, wirtschaftlicher Realität und parteipolitischer Rhetorik.
Die Drei-Löwen-Allianz inszeniert sich als „Koalition der Vernunft“, wie es die Initiatoren selbst formulierten. Doch ihr Gold-Plating-Ansatz unterläuft zentrale klimapolitische Verpflichtungen und orientiert sich eher am Minimum als an der realen Innovationskraft der Region.
CDU-Antrag zeigt: Gold Plating ist Teil eines größeren Trends
Hinzu kommt, dass ähnliche Diskussionen bereits in der CDU geführt wurden. Ein Antrag des wirtschaftsnahen Flügels sah vor, das nationale Klimaneutralitätsziel von 2045 an das EU-Ziel 2050 anzupassen und damit abzuschwächen. Dieser Kurs wurde zwar vor dem CDU-Parteitag entschärft, unterstreicht aber die größere Debatte um nationale Klimaschutzambitionen innerhalb des konservativen Spektrums. Die Drei-Löwen-Allianz bewegt sich also keineswegs außerhalb des Diskurses, sondern eher am unteren Rand eines breiter angelegten Zurückhaltungsnarrativs.
Zwischen Innovationskraft und Ambitionsbremse
Warum aber wäre ein pauschales Gold-Plating-Verbot nicht ausreichend – und sogar kontraproduktiv? Erstens würde es EU-Mindeststandards zur Obergrenze nationaler Politik machen und damit jede Form ambitionierter Klimagesetzgebung ersticken. Zweitens ignoriert es regionale Unterschiede in Technologie, Innovationskraft und wirtschaftlicher Struktur. Drittens würde es den Spielraum für ambitionierte Gebäudestandards, Energieeffizienz und Industriepolitik massiv beschneiden, obwohl gerade hier die größten Transformationspotenziale liegen.
Im Ergebnis zeigt die Debatte um das Gold-Plating-Verbot, wie weit juristische Verpflichtungen, wirtschaftliche Realität und politische Agenda derzeit auseinanderliegen. Ein solches Verbot mag technisch klingen – in der Sache würde es Deutschlands Klimapolitik auf das europäische Minimum reduzieren. In einer Phase, in der internationale Verpflichtungen, nationaler Klimadruck und wirtschaftlicher Strukturwandel gleichzeitig wirken, wäre das ein Schritt in die falsche Richtung: politisch bequem, aber fachlich rückwärtsgerichtet.
Deutschland steht nicht nur rechtlich, sondern auch wirtschaftlich und technologisch vor der Aufgabe, mehr als das Minimum zu leisten. Die Frage ist daher weniger, ob Gold Plating ein „bürokratisches Problem“ ist – sondern, ob sich Deutschland im Jahr 2026 wirklich erlauben kann, ausgerechnet dort den Fuß vom Gas zu nehmen, wo Wirtschaft und Rechtsprechung längst in eine andere Richtung zeigen.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.