Bild: Hagedorn
Kraftwerk Ibbenbüren gesprengt: Kohle geht, 2.000 Megawatt Offshore-Windstrom kommen
Erst Ibbenbüren, dann Frimmersdorf: Zwei Kohle-Sprengungen in einer Woche zeigen, wie Electrotech fossile Infrastruktur verdrängt.
Sonntag, 11 Uhr: Das Kraftwerk Ibbenbüren gesprengt: Überall in Deutschland fallen derzeit fossile Kraftwerke – und machen Platz für die Infrastruktur der Electrotech-Ära. In Ibbenbüren entsteht Amprions Konverterstation BalWin2, in Frimmersdorf weicht Braunkohle einem Transformationsstandort. Warum die Sprengungen keine Zerstörung sind, sondern das sichtbarste Zeichen disruptiver Innovation.
In Deutschland fallen die Schornsteine der fossilen Ära – und es ist kein Ende in Sicht. Am Sonntag brachten 600 Kilogramm Sprengstoff den 275 Meter hohen Schornstein des Steinkohlekraftwerks Ibbenbüren zu Fall. Am kommenden Donnerstag (26. Februar 2026) folgt der nächste Akt: In Grevenbroich sprengt RWE den 117 Meter hohen Kühlturm des Braunkohlekraftwerks Frimmersdorf.
Zwei Sprengungen innerhalb einer Woche, zwei ehemalige Kraftwerksstandorte in Nordrhein-Westfalen, dasselbe Muster: Die fossile Infrastruktur verschwindet, an ihrer Stelle entsteht etwas Neues.
Wer in diesen Sprengungen nur Abriss sieht, hat den Kern der Sache nicht verstanden. Was gerade in Deutschland passiert, ist kreative Zerstörung im Lehrbuch-Sinn: Die Technologien der Electrotech-Revolution – Solarenergie, Windkraft, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Elektromobilität – verdrängen fossile Systeme nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt, physisch sichtbar, Kraftwerk für Kraftwerk.
Und an die Stelle des Alten tritt nicht Leere, sondern Infrastruktur, die effizienter, sauberer und zukunftsfähiger ist.
In Ibbenbüren zeigt sich das besonders eindrucksvoll. Denn auf genau dem Gelände des ehemaligen Kraftwerk Ibbenbüren, auf dem eben noch 15.500 Tonnen Stahlbeton in sich zusammengestürzt sind, entsteht die Konverterstation für BalWin2 – das Offshore-Netzanbindungssystem, das erstmals Windstrom direkt aus der Nordsee nach Nordrhein-Westfalen bringen wird.
Wo einst 838 Megawatt Kohlestrom erzeugt wurden, werden künftig 2.000 Megawatt sauberer Offshore-Windstrom ins Netz fließen. Die Transformation, komprimiert auf ein einziges Grundstück im Tecklenburger Land.
Kraftwerk Ibbenbüren gesprengt: 40 Jahre Steinkohle, dann Schluss
Das Kraftwerk Ibbenbüren ging am 29. November 1985 offiziell ans Netz – per symbolischem Knopfdruck durch NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Mit einer Leistung von zunächst 808, nach einer Revision 2009 sogar 838 Megawatt war es eines der leistungsstärksten Steinkohlekraftwerke Deutschlands. Sein Schmelzkammerkessel galt als der größte der Welt, befeuert mit bis zu 1,4 Millionen Tonnen Anthrazitkohle jährlich aus der benachbarten Zeche Ibbenbüren.
Im Juli 2021 ging das Kraftwerk im Zuge des Kohleausstiegs endgültig vom Netz. Zusammen mit dem Kraftwerk Westfalen in Hamm waren es die letzten Steinkohlekraftwerke von RWE in Deutschland. 2023 übernahm die Hagedorn Unternehmensgruppe aus Gütersloh das Gelände – ihr fünftes Kraftwerks-Abbruchprojekt.
Die Sprengung vom Kraftwerk Ibbenbüren am heutigen Sonntag war akribisch vorbereitet: Sprengmeister Eduard Reisch, einer der erfahrensten Sprengtechniker Deutschlands, ließ allein in den Schornstein 1.204 Bohrlöcher setzen. Sprengladungen an drei Stellen – am Fundament sowie in 110 und 190 Meter Höhe – sorgten dafür, dass sich der Betonriese quasi in sich faltete.
Kraftwerk Ibbenbüren gesprengt – die tagesschau dokumentiert das im Video: Ein Fallbett aus 35.000 Tonnen Bauschutt fing die Trümmer auf. 170 eigens aufgestellte Wasserpools mit je vier Kubikmetern wurden zeitgleich in die Luft gesprengt – eine aufschießende Wasserwand, die den Staub bindet, bevor er sich verteilt.
Mehr Infos: Gundremmingen: Aus Atomruinen wird Deutschlands Energiezukunft
Neben dem Schornstein fielen auch die 60 Meter hohe Rauchgasentschwefelungsanlage und die 50 Meter hohe Entstickungsanlage. Insgesamt 15.500 Tonnen Masse, von denen laut Hagedorn 97 Prozent recycelt werden. Bereits im April 2025 waren das Kesselhaus und der 125 Meter hohe Kühlturm gesprengt worden.
In der 50.000-Einwohner-Stadt ist die Sprengung ein emotionales Thema. Der Schornstein war jahrzehntelang das Wahrzeichen des Tecklenburger Landes – bis nach Niedersachsen sichtbar, für viele Ibbenbürener der Orientierungspunkt schlechthin. Schon als im Vorjahr das Kesselhaus und der Kühlturm fielen, flossen bei Zuschauern Tränen.
BalWin2: 380 Kilometer Kabel von der Nordsee nach Westfalen
Was auf dem geräumten Gelände nun entsteht, ist alles andere als Leere. Hinter dem Kürzel BalWin2 (kurz für „BaltrumWind“) steckt eines der größten Infrastrukturprojekte der deutschen Energiewende. Das Offshore-Netzanbindungssystem verbindet Windparks im BalWin-Cluster der Nordsee mit dem Übertragungsnetz an Land – über eine Strecke, deren Dimensionen beeindrucken.
Rund 165 Kilometer Seekabel verlaufen von den Windparks durch die Nordsee, unterqueren die Insel Norderney und erreichen bei Hilgenriedersiel die niedersächsische Küste. Von dort werden etwa 215 Kilometer Erdkabel bis zum Netzverknüpfungspunkt an der Umspannanlage Westerkappeln verlegt. Insgesamt über 380 Kilometer Leitungslänge.
Warum diese Distanz nicht mit herkömmlicher Wechselstromtechnik überbrückt werden kann, hat physikalische Gründe: Bei solchen Entfernungen wären die Übertragungsverluste zu hoch. Amprion setzt deshalb auf Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ). Der Windstrom wird bereits auf einer Konverterplattform in der Nordsee von Wechsel- in Gleichstrom umgewandelt und verlustarm über die Kabel transportiert. In Ibbenbüren verwandelt die Konverterstation den Gleichstrom dann wieder in netzkompatiblen Wechselstrom.
Die Konverterplattformen für BalWin1 und BalWin2 werden gemeinsam von Dragados Offshore, Siemens Energy und der Meyer Werft gefertigt – der Fertigungsstart wurde bereits gefeiert. Es ist die Electrotech-Lieferkette in Aktion: Windturbinen auf See, HGÜ-Kabel durch die Nordsee, Konverterstation an Land – ein integriertes System, das fossile Punkt-zu-Punkt-Erzeugung durch ein intelligentes, vernetztes Energiesystem ersetzt.
4.000 Megawatt für vier Millionen Menschen
BalWin2 ist dabei nur die eine Hälfte. Parallel entsteht mit BalWin1 ein zweites Netzanbindungssystem mit ebenfalls 2.000 Megawatt Übertragungsleistung. Der zugehörige Konverter wird in Bohmte im Landkreis Osnabrück errichtet und soll 2030 in Betrieb gehen – ein Jahr vor BalWin2.
Zusammen bringen beide Systeme 4.000 Megawatt Offshore-Windleistung ans Netz. Das entspricht rechnerisch dem Strombedarf von rund vier Millionen Menschen. Die See- und Erdkabel beider Projekte verlaufen größtenteils parallel und trennen sich erst auf dem letzten Streckenabschnitt zu ihren jeweiligen Netzverknüpfungspunkten in Wehrendorf (BalWin1) und Westerkappeln (BalWin2).
Ursprünglich sollte BalWin2 erst 2033 fertig werden. Die Bundesregierung zog die Inbetriebnahme im Rahmen der beschleunigten Offshore-Ausbauziele auf 2030 vor. Amprion musste den Zeitplan inzwischen leicht anpassen – realistisch ist nun 2031 – liegt damit aber immer noch zwei Jahre vor dem ursprünglichen Plan.
Bonus: CO2-freie Fernwärme aus dem Konverter
Ein Aspekt, der in der Berichterstattung über die Sprengung komplett untergeht: Die Konverterstation wird nicht nur Strom umwandeln, sondern auch CO2-freie Wärme liefern.
Beim Betrieb der HGÜ-Konverter entsteht Abwärme als Nebenprodukt. Amprion hat erstmals ein technisches Konzept vorgelegt, um diese Energie nutzbar zu machen. Die Konverterstationen von BalWin1 und BalWin2 dienen dabei als Pilotprojekte. Nach Berechnungen von Amprion kann jeder Konverter eine mittlere Energieausbeute von rund 40 Gigawattstunden pro Jahr liefern – genug für den durchschnittlichen Wärmebedarf von rund 6.500 Menschen.
Für Ibbenbüren und Bohmte bedeutet das: Lokale Energieversorger und Kommunen können von dieser CO2-freien Wärmequelle profitieren. Amprion hat ein Markterkundungsverfahren gestartet und bereitet eine Ausschreibung vor. Die Wärme soll ab Inbetriebnahme der Konverter zur Verfügung stehen.
Nach dem Netzentwicklungsplan plant Amprion bis 2045 insgesamt 19 Konverterstationen. Ibbenbüren und Bohmte sind die Blaupause für ein Modell, das die kommunale Wärmewende an vielen Standorten unterstützen könnte. Auch das ist typisch für die Electrotech-Ära: Neue Technologien lösen nicht nur ein Problem, sondern schaffen durch Sektorkopplung gleich mehrere Vorteile – hier Strom und Wärme aus einer Infrastruktur.
Die sechs Kohlegemeinden, die sich die Zukunft holten
Ein oft übersehenes Detail verdeutlicht, wie aktiv die Region selbst den Wandel vorangetrieben hat. Bereits Anfang 2022 – noch bevor Amprion eine finale Standortentscheidung getroffen hatte – sprachen sich die sechs Kohlegemeinden der Region in einer gemeinsamen Resolution für den Standort Ibbenbüren aus.
Von ursprünglich fünf gutachterlich identifizierten Potenzialflächen waren drei aus artenschutzrechtlichen Gründen ausgeschieden. Es verblieben eine Fläche in Lotte-Halen und das ehemalige Kraftwerksgelände. Die Resolution der Gemeinden gab den Ausschlag – ein industriell vorgeprägtes Gelände mit bestehender Netzinfrastruktur war die logische Wahl. Im Sommer 2026 übergibt Hagedorn die baureife Fläche an Amprion, dann beginnt der Konverterbau.
Am Donnerstag fällt der nächste Kühlturm: Kraftwerk Frimmersdorf
Was in Ibbenbüren am Sonntag passiert ist, wiederholt sich in wenigen Tagen in Grevenbroich. Am 26. Februar sprengt RWE den 117 Meter hohen Kühlturm des stillgelegten Braunkohlekraftwerks Frimmersdorf. Die beiden 300-Megawatt-Blöcke P und Q werden demontiert, der Rückbau soll Mitte 2028 abgeschlossen sein.
Auch in Frimmersdorf steht kein Kahlschlag bevor. Das Land Nordrhein-Westfalen, der Rhein-Kreis Neuss und die Stadt Grevenbroich entwickeln das Gelände über die Zukunfts.Kraftwerk Frimmersdorf Strategie GmbH zu einem innovativen Gewerbe- und Transformationsstandort. Die markante Maschinenhalle und einige Anlagenteile sollen als Industriekultur erhalten bleiben.
Zwei Sprengungen in einer Woche, ein Muster: Fossile Kraftwerke weichen, Zukunftsinfrastruktur entsteht. In Ibbenbüren ist es ein Offshore-Wind-Knotenpunkt, in Frimmersdorf ein Transformationsstandort. Die Details unterscheiden sich, die Richtung ist dieselbe.
Kreative Zerstörung, nicht sinnlose Vernichtung
Die Sprengungen lösen erwartungsgemäß die üblichen fossilen Reflexe aus. Auf Plattformen wie Achgut und beim selbsternannten „Europäischen Institut für Klima und Energie“ (EIKE) wird das Ganze als „sinnlose Vernichtung von Wohlstand“ inszeniert. Das Narrativ: Funktionierende Kraftwerke würden zerstört und durch unzuverlässige Windkraft ersetzt.
Die Fakten erzählen eine andere Geschichte. Das Kraftwerk Ibbenbüren war nicht mehr „funktionstüchtig“ in einem wirtschaftlichen Sinn – es war im Kohleausstieg stillgelegt, die benachbarte Zeche bereits seit 2018 geschlossen. Auf dem gleichen Gelände entsteht nun eine Anlage, die mehr Leistung ans Netz bringt als das alte Kraftwerk je hatte – ohne CO2-Emissionen, ohne Feinstaub, ohne importierte Kohle. Zusätzlich liefert sie Wärme für Tausende Haushalte.
Was hier stattfindet, ist keine Zerstörung, sondern disruptive Innovation in ihrer reinsten Form. Solar, Wind und Batteriespeicher sind heute wirtschaftlich überlegen – die Grenzkosten von Sonne und Wind liegen bei null, die Kosten für Batteriespeicher fallen exponentiell.
Tiefergehend: Energietransformation: Entsteht mit Indien der nächste Elektrostaat?
Die Electrotech-Technologien verdrängen fossile Systeme nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie schlicht besser, billiger und sauberer sind. Die Sprengungen der Kraftwerke sind das physische Ergebnis dieses ökonomischen Prozesses – nicht seine Ursache.
Kraftwerk Ibbenbüren als Blaupause
Was mit dem Kraftwerk Ibbenbüren passiert, ist mehr als eine Sprengung und ein Bauprojekt. Es ist die konkreteste Form von Strukturwandel, die es in der Energiewende gibt: Derselbe Ort, dasselbe Grundstück, eine komplett neue energiewirtschaftliche Funktion. Von der zentralen fossilen Erzeugung zum Knotenpunkt eines erneuerbaren, elektrifizierten Energiesystems.
2031 soll BalWin2 in Betrieb gehen. Spätestens dann wird aus dem ehemaligen Kohlekraftwerksgelände das, was Amprion treffend zusammenfasst: „Aus Kohle wird Wind.“
Die Ibbenbürener werden sich an das neue Landschaftsbild ohne das Kraftwerk Ibbenbühren und dessen Schornstein gewöhnen müssen. Der Schornstein, ihr Wahrzeichen, ist weg. Aber was an seiner Stelle entsteht, wird für Millionen Menschen den Unterschied machen – leiser als ein Kohlekraftwerk, sauberer sowieso. Und effizienter, als die fossile Panik-Fraktion es wahrhaben will.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.

China baut und plant derzeit Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von über 240 Gigawatt (GW), wobei 2024 mit 94,5 GW neuem Baubeginn ein 10-Jahres-Hoch erreicht wurde. Indien baut oder plant etwa 50 bis 60 GW an neuer Kohlekapazität. Beide Länder dominieren den weltweiten Zubau, um den Energiebedarf zu decken.