Mutmacherin Svenja: Heute macht sie Luftsprünge (Bild: privat)
Mutmacherin Svenja: „Wir wollten keinen Krieg mitfinanzieren mit unserem Geld!“
In der Mutmacher-Serie (Teil 2) erzählen Cleanthinking-Leser über ihre persönliche Transformation
Mutmacherin Svenja (39) und ihr Mann sitzen im Februar 2022 in einer Romantikhütte im Harz. Urlaub. Draußen, wo Wald sein sollte, ist eine Mondlandschaft: Borkenkäfer-Kahlschlag, mit Wasser gefüllte Krater, Spuren schwerer Forstmaschinen. Am 24. Februar kommt die Nachricht vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein Krieg in Europa, wenige hundert Kilometer entfernt – finanziert auch mit deutschem Gasgeld. Ihrem Gasgeld.
An diesem Abend, vor dem offenen Feuer, mit einem Glas Rotwein in der Hand, fällt eine Entscheidung, die ihr Leben verändern wird: Omas Haus in Ostwestfalen übernehmen und komplett fossilfrei sanieren. Ohne Handwerker-Budget. In Eigenleistung.
Ein Reihenhaus aus den 70ern – und die Ohnmacht der Mieter
Um zu verstehen, warum diese Entscheidung so radikal war, muss man wissen, wo Svenja und ihr Mann vorher lebten. In einem gemieteten Reihenhaus aus den 70er Jahren, errichtet vor der ersten Energieeinsparverordnung. Die Gaskosten waren hoch, obwohl sie sparsam heizten: 18 Grad im Wohnzimmer, 20 Grad im Bad, die übrigen Räume so gut wie unbeheizt.
Svenja ist beruflich im Klimaschutz tätig — und musste trotzdem zusehen, wie ihr Vermieter sich weder für Photovoltaik noch für Fassadendämmung interessierte. Das Dach wäre ideal für eine PV-Anlage gewesen, aber als Mieter blieb ihnen nur ein Steckersolargerät im Garten.
„Das Desinteresse und die Motivationslosigkeit unseres Vermieters und unsere Machtlosigkeit demgegenüber war mir schon länger ein Dorn im Auge“, sagt Mutmacherin Svenja.
Eine Situation, die Millionen Mieter in Deutschland kennen: Man weiß, was technisch möglich wäre – und kann nichts tun.
Omas Haus: Baujahr 1932, erbaut vom Urgroßvater

Ein paar Monate vor dem Harz-Urlaub war Svenjas Großmutter ins Pflegeheim gekommen. Ihr Haus – 150 Quadratmeter Wohnfläche, großes Grundstück, ein Anbau von 1945 – stand leer. Svenjas Urgroßvater hatte es mit eigenen Händen erbaut, den Keller mit Freunden und Schaufeln ausgehoben. Nebenan wohnen Svenjas Mutter und Tante. Ein Familienhaus mit Geschichte, aber in schlechtem Zustand. Ohne Sanierung hätte ein Käufer es vermutlich abgerissen.
„Was wäre, wenn wir dieses Haus komplett energetisch sanieren — PV-Anlage, Speicher, Wallbox, Wärmepumpe?“, fragten sich Svenja und ihr Mann. Den Rest des Urlaubs und die gesamte Rückfahrt wogen sie das Pro und Contra ab. Denn die Hürden waren enorm: kaum Erspartes, kein Budget für Handwerker, und ein Haus, das praktisch von Grund auf neu aufgebaut werden musste.
Die Entscheidung fiel trotzdem. Auf dem Rückweg aus dem Harz fuhren sie direkt bei der Familie vorbei und verkündeten ihren Plan. Svenjas Mutter holte eine Flasche Sekt aus dem Keller.
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Dreieinhalb Jahre Eigenleistung: Entkernung bis auf die Balken
Ostern 2022 begann das Ausräumen durch Mutmacherin Svenja und ihrem Mann. Was folgte, war eine Komplettsanierung in Eigenleistung, die bis Ende 2025 dauerte. Die Liste liest sich wie ein Lehrbuch für energetische Altbausanierung:

- Alle Böden, Decken und Leitungen — raus und neu.
- Eine wassergeführte Deckenheizung als Eigenkonstruktion in allen Räumen.
- Einblasdämmung in das vorhandene zweischalige Mauerwerk. Ein komplett neues Dach mit dicker Holzfaserdämmung. Alle Fenster auf Dreifachverglasung.
- Eine zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.
- Raumthermostate und zentrale Steuerung.
Im November 2025 zogen Svenja und ihr Mann ein.
Für Eigenheimbesitzer, die über eine Sanierung nachdenken, stecken in dieser Geschichte einige bemerkenswerte Details. Die wassergeführte Deckenheizung ist als Eigenkonstruktion ungewöhnlich – sie verteilt Wärme gleichmäßig von oben und eignet sich besonders gut für niedrige Vorlauftemperaturen, wie sie eine Wärmepumpe braucht.
Die Einblasdämmung im zweischaligen Mauerwerk ist eine der kosteneffizientesten Sanierungsmaßnahmen überhaupt: Die vorhandene Luftschicht wird einfach mit Dämmmaterial aufgefüllt, ohne die Fassade zu öffnen.

Und die Kombination aus Dreifachverglasung und zentraler Lüftungsanlage sorgt dafür, dass das Haus dicht ist, aber trotzdem frische Luft bekommt – ohne Wärme durch offene Fenster zu verlieren.
Noch Öl im Keller – und warum das okay ist

Ein Detail, das Svenja offen anspricht: Aktuell heizt sie noch mit Öl. Der Grund ist pragmatisch, nicht ideologisch. Im Sommer 2025 war der Ölpreis niedrig, der Tank fast leer, und die Förderung für eine Wärmepumpe lässt sich mit allen Bestandteilen erst beantragen, wenn man im Haus gemeldet ist. Also musste Svenja im Sommer 2025 – nach dreieinhalb Jahren fossilfreier Vision – Heizöl bestellen.
„Ich bin weit über meinen moralischen Schatten gesprungen”, sagt sie dazu. Ein Pelletofen im großen Wohn-, Koch- und Esszimmer trägt inzwischen einen großen Teil der Raumwärme bei und reduziert den Ölverbrauch deutlich.
Für die Wärmepumpe ist alles vorbereitet. Svenja weiß schon, wo sie stehen wird – und dass sie eine kleine eigene Dachbegrünung bekommt. Sobald der Öltank leer ist und das Budget steht, wird der letzte fossile Baustein aus dem Haus verschwinden. Nicht jeder Schritt muss perfekt sein, um in die richtige Richtung zu gehen – auch das ist eine Mutmacher-Botschaft.
Mutmacherin Svenja: Transformations-Steckbrief zur Komplettsanierung
✓ Gebäudehülle: Komplettsanierung mit Einblasdämmung, Holzfaserdach, Dreifachverglasung
✓ Lüftung: Zentrale Anlage mit Wärmerückgewinnung
✓ Strom: PV-Anlage mit Speicher
✓ Mobilität: Wallbox + E-Smart
✓ Warmwasser/Raumwärme: Noch Öl + Pelletofen, Wärmepumpe in Planung
„Ich bin stolz auf das, was wir geleistet haben”
Die Geschichte von Mutmacherin Svenja ist kein Beispiel dafür, wie man es schnell und günstig macht. Sie ist ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn man eine Entscheidung trifft und dann dreieinhalb Jahre durchhält — mit wenig Geld, viel Eigenleistung und einer Familie, die mithilft.
„Ich bin sehr stolz auf meinen Mann und mich für das, was wir in den letzten dreieinhalb Jahren gemeinsam geleistet haben”, sagt Svenja. „Ich bin dankbar für meine Familie, die uns immer unterstützt hat. Und ich bin glücklich, dass ich die Chance hatte und den Mut hatte, sie zu nutzen – dieses Haus, das mein Urgroßvater erbaut hat, zu erhalten und gemeinsam mit ihm in eine fossilfreie Zukunft zu starten.”
Ein Urgroßvater, der in den 1930er Jahren ein Haus mit den eigenen Händen baute. Eine Urenkelin, die es knapp hundert Jahre später mit den eigenen Händen für die Zukunft umbaut. Manche Geschichten schreibt nur das Leben.
Alle Geschichten der Mutmacher-Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite: Die Mutmacher
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
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