STeamcracker von BASF in China (Bild: BASF)
BASF in China: Warum der größte Chemiekonzern der Welt auf 100 Prozent Erneuerbare setzt
Warum BASF im chinesischen Zhanjiang auf 100 Prozent Erneuerbare setzt – und was das für den Standort Deutschland bedeutet
Wer verstehen will, wohin sich die globale Industrie bewegt, muss nach Südchina schauen. In Zhanjiang, Provinz Guangdong, baut BASF seinen dritten großen Verbundstandort weltweit, nach Ludwigshafen und Antwerpen. Es ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Unternehmens: rund zehn Milliarden US-Dollar. Das Werk von BASF in China soll nicht nur den wachsenden chinesischen Chemiemarkt bedienen, sondern ein Vorbild für klimafreundliche Produktion werden. BASF selbst nennt Zhanjiang ein „role model for sustainable production“.
Im Januar 2026 ging der Steamcracker in Betrieb, das Herzstück der Anlage. Es ist der erste Cracker weltweit, dessen Hauptkompressoren vollständig elektrisch angetrieben werden, mit 100 Prozent erneuerbarem Strom. Bislang laufen solche Anlagen mit Gas. In Zhanjiang nicht. Die Kapazität liegt bei einer Million Tonnen Ethylen pro Jahr. Daraus entstehen Basischemikalien für Kunststoffe, Lacke und Industrieprodukte, die anschließend mit einem deutlich reduzierten CO₂-Fußabdruck auf den Markt kommen.
BASF in China setzt auf 25-Jahres-Verträge für Grünstrom
Die Energieversorgung des Standorts basiert auf langfristigen Stromlieferverträgen. BASF hat mehrere 25-Jahres-Direkverträge (PPA) abgeschlossen, unter anderem mit der State Power Investment Corporation (SPIC) und mit dem Energieunternehmen GEDI. Der Strom kommt aus dedizierten Offshore-Windparks und Photovoltaikanlagen in Guangdong.
Zusätzlich hat BASF mit dem kanadischen Investor Brookfield eine Vereinbarung über einen 25-Jahres-Fixpreisvertrag geschlossen. Brookfield entwickelt eigens Solar- und Windparks sowie mögliche Speicherlösungen, um den Strombedarf des Verbundstandorts zu decken. Die Architektur ist klar: kein Spotmarkt, keine Abhängigkeit von fossilen Preisschwankungen, sondern planbare Kosten über ein Vierteljahrhundert.
Prof. Michael Sterner von der OTH Regensburg, der den Standort in einem aktuellen Video analysiert hat, beziffert die Stromgestehungskosten auf 2 bis 3 Cent pro Kilowattstunde über die eigenen PPA-Beteiligungen, etwa 5 Cent über die reinen Lieferverträge. BASF selbst veröffentlicht keine konkreten Preise, doch die Größenordnung ist im chinesischen Kontext plausibel. Zum Vergleich: Neue Kernkraftwerke kommen in Europa auf 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde.
Was bedeutet das für Deutschland und die deutsche Industrie?
Die Standortentscheidung von BASF in China für Zhanjiang ist auch eine Standortentscheidung gegen andere Optionen. BASF-CEO Markus Kamieth betont, China werde für Forschung, Entwicklung und grüne Transformation immer wichtiger. Das Unternehmen wolle am Wachstum des chinesischen Marktes und seiner Kundenindustrien teilhaben.
Doch zwischen den Zeilen schwingt eine unbequeme Wahrheit mit: In Deutschland wäre eine vergleichbare Versorgung mit günstigem, planbar verfügbarem Grünstrom derzeit nicht realisierbar.
Sterner bringt es auf den Punkt: BASF flieht nicht vor dem Klimaschutz, sondern nutzt die Energiewende als Wettbewerbsvorteil. Der Grund, warum das in China funktioniert und nicht in Ludwigshafen, liegt im Ausbautempo. China installiert jährlich über 300 Gigawatt Photovoltaik und über 100 Gigawatt Windkraft. Guangdong hat spezielle Handelsregeln eingeführt, die langfristige PPAs und direkte Beschaffung durch Großverbraucher wie BASF erleichtern. Deutschland diskutiert derweil über Einspeisevergütungen, Netzentgelte und Dunkelflauten.
BASF vermarktet den reduzierten Fußabdruck seiner Produkte aus Zhanjiang aktiv: „Made in Zhanjiang“-Produkte sollen Kunden bei ihrer eigenen grünen Transformation unterstützen. Standortleiter Haryono Lim schreibt auf LinkedIn, das Werk sei bereit, hochwertige Chemieprodukte mit niedrigem CO₂-Fußabdruck an den schnell wachsenden Markt in China und im asiatisch-pazifischen Raum zu liefern. Das ist keine Nachhaltigkeitsprosa, das ist Vertriebsstrategie.
Noch nicht fossilfrei, aber auf dem Weg
Eine kritische Einordnung gehört dazu: Die Energieseite wird konsequent auf Erneuerbare umgestellt. Die Rohstoffseite bleibt vorerst fossil. Der Steamcracker verarbeitet weiterhin Naphtha und Butan, also langkettige Kohlenwasserstoffe. BASF deutet an, langfristig Power-to-X-Produkte und alternative Rohstoffe einsetzen zu wollen, nennt aber für Zhanjiang keine konkreten Zeitpläne.
Der Standort ist also low-carbon, aber noch nicht fossilfrei. Sterner beschreibt diesen Zustand treffend: Die Energie wird umgestellt, das spart schon die Hälfte der CO₂-Emissionen. Mittelfristig könne der günstige Grünstrom auch für die Wasserstoffgewinnung und die Umstellung der Rohstoffbasis genutzt werden.
Auch bei den Themen Batteriespeicher und Lastmanagement, die Sterner in seinem Video hervorhebt, fehlen offizielle BASF-Details. Brookfield spricht allgemein von möglichen Speicherlösungen, BASF selbst äußert sich dazu nicht konkret. Die Beschreibung eines hochintegrierten, lastflexiblen Betriebs mit LFP-Speichern und digitalem Demand-Side-Management entspricht dem Idealtyp einer solchen Anlage, ist aber bislang nicht durch offizielle Unternehmenskommunikation bestätigt.
Was Zhanjiang für die europäische Industrie bedeutet
BASF in China zeigt, was passiert, wenn ein Industriekonzern die Energiewende nicht als Belastung versteht, sondern als Geschäftsmodell. 10 Milliarden Dollar, 100 Prozent erneuerbarer Strom, 25-Jahres-Verträge zu Kosten, von denen europäische Standorte nur träumen können. Die Botschaft an die Politik in Berlin und Brüssel ist eindeutig: Unternehmen siedeln sich dort an, wo sie zuverlässige und preisstabile Erneuerbare bekommen. Nicht dort, wo über SMR und Kernfusion debattiert wird.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob BASF richtig entschieden hat. Die Frage ist, warum Deutschland die Bedingungen nicht schaffen kann, die eine solche Entscheidung für den Heimatstandort ermöglicht hätten.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.