Netzentgelte: 12 Milliarden Euro Einsparpotenzial pro Jahr im Verteilnetz

Eine neue Studie zeigt, warum die drohende Verdopplung der Stromkosten kein Naturgesetz ist

In der Debatte über steigende Strompreise haben die Netzentgelte eine steile Karriere hingelegt. Sie sind für Haushalte und Gewerbe in den vergangenen fünf Jahren um über 50 Prozent gestiegen und gelten als der zentrale Kostentreiber der kommenden Jahre. Prognosen warnen vor einer Verdopplung bis 2045. Wer das liest, könnte meinen, die Energiewende sei schlicht zu teuer. Doch eine neue Studie von 3Epunkt zeigt: Das Problem sind nicht die Investitionen in die Netze. Das Problem ist, wie Deutschland seine Verteilnetze organisiert, betreibt und reguliert.

Die Studie „Kostensenkungspotenziale im Verteilnetz" identifiziert Einsparmöglichkeiten von 12,4 Milliarden Euro pro Jahr bis 2045. Das entspricht 17 Prozent der prognostizierten gesamten Netzkosten. Schon heute könnten über fünf Milliarden Euro jährlich eingespart werden. Dr. Tim Meyer, Energieexperte und Autor des Bestsellers „Strom”, hat die Studie im Auftrag der European Climate Foundation erstellt und heute gemeinsam mit dem Bundesverband Neue Energiewirtschaft vorgestellt.

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851 Netzbetreiber, 851 eigene Welten

Deutschland leistet sich 851 Verteilnetzbetreiber. Jeder mit eigenen technischen Vorgaben, eigenen Softwaresystemen, eigenen Formularen und Prozessen. Ein Transformator, der in Netzgebiet A vorgeschrieben ist, darf in Netzgebiet B nicht eingebaut werden. Ein Elektriker, der Haushalte in mehreren Netzgebieten betreut, braucht unterschiedliche Klemmen für unterschiedliche Vorschriften. Projektentwickler müssen für jedes Netzgebiet eigene Ausschreibungen mit tausenden Seiten Spezifikationen bearbeiten.


Tim Meyer bringt es im ARD-Interview auf den Punkt:

„Wenn das mobile Internet nicht ausreichend ausgebaut wäre, würden wir auch nicht sagen, dann bestellen wir noch ein paar Faxgeräte. Doch genau das passiert im Stromnetz. Statt die Organisation zu modernisieren, wird der Netzausbau vorangetrieben, als gäbe es keine Alternative.”

Die heutige Anreizregulierung belohne Investitionen in Kupfer und Transformatoren stärker als Investitionen in Digitalisierung und intelligente Auslastung. Das Prinzip „Netzausbau vor Digitalisierung" sei im System eingebaut, so Meyer.

Netzentgelte: Die Verdopplung ist ein Drohszenario, keine Prognose

Netzentgelte Grafik Einsparepotentiale durch drei zentrale Maßnahmen

Die oft zitierten Prognosen zur Verdopplung der Netzentgelte bis 2045 basieren auf der Fortschreibung genau dieser veralteten Strukturen. Sie schreiben die heutige Fragmentierung fort, die niedrige Auslastung der Netze, die fehlende Digitalisierung und die überhöhten Renditen der Netzbetreiber. Es sind Drohszenarien, keine zwangsläufigen Entwicklungen.

Die Studie identifiziert drei zentrale Hebel, um die Netzkosten zu senken:

Erstens: Höhere Auslastung der Verteilnetze durch Digitalisierung und Flexibilisierung. Der Monitoringbericht der Bundesregierung selbst sieht hier Investitionskostensenkungen von rund 30 Prozent. Doch konkrete Zielbilder und verbindliche Managementkennzahlen fehlen.
Die Smart-Meter-Quote in Deutschland liegt bei 3,8 Prozent. Nur ein Prozent der Verteilnetzbetreiber verfügt auf Niederspannungsebene über vollständige Echtzeitdaten. Das Niederspannungsnetz, das Rückgrat der Energiewende, wird weitgehend als Black Box betrieben.

Zweitens: Effizientere Organisation durch Standardisierung und Defragmentierung. Allein die Zusammenführung technischer Standards, Softwaresysteme und Geschäftsprozesse könnte nach Meyers Berechnungen die Strukturkosten im Netzbetrieb um 15 Prozent senken und die Anschaffungskosten für Netzkomponenten um 7,5 Prozent.
E.On hat konzernintern durch Reduktion der Variantenvielfalt von 300 auf 50 Betriebsmitteltypen bereits 10 bis 15 Prozent Beschaffungskosten eingespart.

Drittens: Abschmelzen überhöhter Eigenkapitalrenditen. Die Studie weist für 22 untersuchte Netzbetreiber im Jahr 2024 eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 24 Prozent aus. Kalkulatorisch vorgesehen sind 3,5 bis 5,1 Prozent. Netzbetrieb ist ein Monopol mit gesicherten Erlösen und minimalem Risiko. 24 Prozent Rendite in einem solchen Geschäft sind schwer zu rechtfertigen. Die Differenz zahlen die Stromkunden über ihre Netzentgelte.

Was bedeutet das für Verbraucher und Industrie?

Würden alle drei Hebel genutzt und zusätzlich die Bemessungsgrundlage für Netzentgelte verbreitert, also Eigenverbraucher stärker beteiligt und Industrieprivilegien abgebaut, könnten die spezifischen Netzentgelte bis 2045 rechnerisch sogar unter das heutige Niveau sinken. Trotz massiven Netzausbaus, trotz Verdopplung des Stromverbrauchs, trotz Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie.

Für einen durchschnittlichen Haushalt entspräche die Einsparung gegenüber dem Drohszenario etwa 80 Euro pro Jahr.

Das klingt nach einer politischen Aufgabe. Meyer formuliert es deutlich: „Das Kostenproblem der Energiewende ist im Kern ein Management- und Anreizproblem in deutschen Verteilnetzen. Dieses zentrale Rückgrat unserer Volkswirtschaft betreiben wir mit Logiken aus der Vergangenheit."

Netzentgelte senken ist auch ein europäisches Thema

Was Meyer für die deutschen Verteilnetze zeigt, spiegelt sich auf europäischer Ebene. Die EU-Kommission hat im Dezember 2025 das European Grids Package vorgelegt, die bisher ambitionierteste Reform der europäischen Energieinfrastruktur. 1,2 Billionen Euro Investitionen in Stromnetze bis 2040, acht grenzüberschreitende „Energy Highways", über 500 Gigawatt neue Erneuerbare-Kapazitäten.

Eine Studie von Agora Energiewende und Fraunhofer beziffert das Einsparpotenzial durch koordinierte europäische Netzplanung auf 560 Milliarden Euro bis 2050. Mit vermiedenen Reservekraftwerken sogar 750 Milliarden.

National 12 Milliarden pro Jahr, europäisch 560 Milliarden über 20 Jahre. Die Größenordnungen zeigen, wie viel Geld im System steckt, das durch bessere Organisation, Digitalisierung und Standardisierung freigesetzt werden könnte. Statt die Energiewende zu bremsen, wäre es klüger, die Infrastruktur endlich ins 21. Jahrhundert zu bringen.

Explodierende Netzkosten sind politisches Versagen, kein Naturgesetz

Die drohende Verdopplung der Netzentgelte ist kein Argument gegen die Energiewende. Sie ist ein Argument für eine überfällige Reform des Netzbetriebs. Die Studie von Tim Meyer zeigt: Wer Digitalisierung vorantreibt, Standards vereinheitlicht, Monopolrenditen begrenzt und Kosten fair verteilt, kann die Netzentgelte trotz massiver Investitionen stabil halten oder sogar senken.

Was es dafür braucht, ist das, was Meyer eine „Agenda 2030" nennt: eine tiefgreifende Reform von Planung, Regulierung und Organisation der Verteilnetze. Die Bundesnetzagentur arbeitet mit dem AgNes-Prozess an ersten Schritten. Doch das Tempo und die Ambition reichen bei Weitem nicht aus.

Am Ende ist es eine politische Entscheidung. Die Frage ist nicht, ob wir uns die Energiewende leisten können. Die Frage ist, ob wir uns die Ineffizienz unserer Netzinfrastruktur weiter leisten wollen.

Die Studie gibt es hier zum Download.

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[…] Es gebe sehr günstige Möglichkeiten, Netzkosten zu senken, etwa durch flexible Netzentgelte. […]

..oder durch eine Anweisung an die BNetzA – die ÜNBs und VNBs in ihrer Kostenstruktur besser im Zaun zu halten. Doch unter Frau Reiche ist so etwas ganz weit weg.
Der Ministerialdirektor Werner Ressing , beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie a.D. hat hier von viel zu hohen Kosten auf LinkedIn gesprochen, die hier abgerechnet werden. Er konnte aber auch in den 27 Jahre kein Gehör für eine verbesserte Kostenkontrolle bei den verantwortlichen Politikern finden. Rössler, Gabriel, Altmayer etc.etc. – seiner Ansicht wäre 2 Cent (und nicht 8 Cent) ausreichend.. Für den aktuellen 440 Mrd. € ÜNB-Ausbau nur in D könnten sie auch 41 Brenner Basistunnel bezahlen. Dynamische Tarifen helfen da leider kaum bei diesem Umgang mit dem Stromkunden. https://www.bne-online.de/analyse-zeigt-verteilnetzbetreiber-erzielen-zweistellige-renditen-auf-kosten-der-stromkunden/

Vielen Dank – sehr gut, den Blick auf diese Thema zu richten ist bei der aktuellen Politik wichtiger denn je. (Ähnliche Situation ist im Übertragungsnetzausbau/betrieb seit langem zu finden).
Ein Blick in den NAP (Netz Ausbau Plan) zeigt, dass hier wohl erst von der Spitze des künstliche orchestrierten Rendite-Eisberges gesprochen wird.
Ob eine Schlussfolgerung daraus allerdings den Kern der Sache trifft? Die Vielfalt der 851. Die TAR, welche die TAB bundesweit, zur folgen haben, sind ja seit Jahrzehnten vorhanden. Deren Inhalte jedoch haben nicht unbedingt den Fokus „Effizienzmaßnahmen“.
Zu oft wird hier das Narrativ der „Versorgungssicherheit“ genutzt, um den maximalen Aufwand (Umsatz) zu rechtfertigen.
Gerade die kleinen Netzbetreiber und so manche Stadtwerke zeigen oftmals, wie agil und eben auch kostengünstig dieser mechanische Umbau sein kann.
Viele der Verantwortlichen dort, strecken sich nach der Decke (ländlicher Raum) und können mit beachtlichen Ergebnissen aufwarten.
Neben einen ausgeprägten Anteil von EE der in deren Netzen geführt wird- oftmals ein Vielfaches der eigenen Spitzenlast – zeigt sich, dass auch bei den attraktiven Strompreisen für den Endkunden und Gewerbebetriebe in der Region.
Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, dazwischen.
Doch eine dezentrale Energieversorgung und ein dezentral organisierter Netzbetrieb passen eben besser zusammen, wie sich das auch am Thema Großspeicher mit den Markt-Daten der BNetzA erkennen lässt.

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