WMO Klimabericht 2025: „Jeder wichtige Klimaindikator blinkt rot“

Die Jahre 2015 bis 2025 waren die elf heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen vor 176 Jahren.

Der WMO Klimabericht 2025 lässt keinen Raum für Interpretationsspielraum: Die Erde befindet sich in einem Zustand, der in der gesamten Beobachtungsgeschichte ohne Beispiel ist. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat ihren jährlichen Flaggschiff-Report „State of the Global Climate“ veröffentlicht und darin erstmals das Energieungleichgewicht der Erde als neuen Schlüsselindikator aufgenommen. Die Botschaft: Das Klimasystem gerät nicht nur aus dem Gleichgewicht, es beschleunigt sich dabei.

Für Deutschland und Europa bedeuten die Daten konkret, dass die Hitzewellen des Sommers 2025 mit nationalen Temperaturrekorden in Portugal, Spanien und der Türkei kein statistischer Ausreißer waren, sondern Teil eines systemischen Trends.


Der WMO Klimabericht 2025 bestätigt, was Klimawissenschaftler seit Jahren warnen:

Die globale Durchschnittstemperatur lag 2025 bei etwa 1,43 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau von 1850 bis 1900. Und obwohl La-Niña-Bedingungen das Jahr 2025 leicht abkühlten, war es das wärmste Jahr ohne El-Niño-Einfluss, das jemals gemessen wurde.

Globale Oberflächentemperatur bis 2025 WMO Klimabericht 2025

Neuer Indikator macht das Ungleichgewicht sichtbar

Die bedeutendste Neuerung des WMO Klimaberichts 2025 ist die Einführung des Earth Energy Imbalance (EEI) als offiziellen Schlüsselindikator. Dieser Wert misst die Differenz zwischen der Energie, die die Erde von der Sonne empfängt, und der Energie, die sie ins All abstrahlt. Unter stabilen Klimabedingungen wären diese beiden Größen im Gleichgewicht. Doch steigende Treibhausgaskonzentrationen haben dieses Gleichgewicht fundamental gestört.

Das Energieungleichgewicht hat 2025 den höchsten Wert seit Beginn der Messreihe im Jahr 1960 erreicht. Besonders alarmierend: Die Beschleunigung. Über den gesamten Zeitraum von 1960 bis 2025 stieg die Energieimbalanz um 0,13 Watt pro Quadratmeter und Dekade. Für den kürzeren Zeitraum ab 2001 beträgt die Rate jedoch bereits 0,30 Watt pro Quadratmeter pro Dekade. Die Erde speichert also nicht nur mehr Wärme, sie tut es mit zunehmender Geschwindigkeit.

WMO Klimabericht 2025: Neuer Indikator Energieungleichgewicht

Rund 91 Prozent dieser überschüssigen Energie landen im Ozean. Weitere fünf Prozent erwärmen die Landmassen, drei Prozent schmelzen Eis, und nur ein Prozent erwärmt die Atmosphäre. Die Oberflächentemperatur, die wir als Hitze spüren, repräsentiert also nur einen Bruchteil des tatsächlichen Energieüberschusses.

Ozean als Wärmepuffer erreicht seine Grenzen

Der Ozean fungiert als gigantischer Puffer gegen noch stärkere Erwärmung an Land, doch dieser Puffer hat seinen Preis. Der Wärmeinhalt der Ozeane erreichte 2025 einen neuen Rekordwert in der 66-jährigen Messgeschichte. Seit neun Jahren in Folge wird jedes Jahr ein neuer Höchststand registriert. Die Erwärmungsrate der letzten zwei Jahrzehnte (2005 bis 2025) hat sich gegenüber dem Zeitraum 1960 bis 2005 mehr als verdoppelt.

In absoluten Zahlen bedeutet das: Die Ozeane nehmen pro Jahr Energie in einer Größenordnung von 11 bis 12,2 Zettajoule auf. Das entspricht etwa dem 18-Fachen des gesamten jährlichen Energieverbrauchs der Menschheit. Trotz der kühlenden La-Niña-Bedingungen erlebten rund 90 Prozent der Meeresoberfläche mindestens eine marine Hitzewelle im Jahr 2025.

Die Konsequenzen sind weitreichend: Meeresökosysteme werden geschädigt, die Biodiversität nimmt ab, und die Fähigkeit der Ozeane, CO₂ aufzunehmen, verringert sich. Gleichzeitig treiben wärmere Ozeane tropische und subtropische Stürme an und beschleunigen den Verlust von Meereis in den Polarregionen.

CO₂-Konzentration so hoch wie seit zwei Millionen Jahren nicht

Die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre haben 2024, dem letzten Jahr mit konsolidierten globalen Daten, neue Höchststände erreicht. Die CO₂-Konzentration lag bei 423,9 ppm (parts per million), was 152 Prozent des geschätzten vorindustriellen Niveaus von 1750 entspricht. Der Anstieg um 3,5 ppm gegenüber 2023 war der größte jährliche Zuwachs seit Beginn moderner Messungen im Jahr 1957.

Verantwortlich für den Rekordanstieg waren nicht nur weiterhin hohe fossile Emissionen, sondern auch eine verringerte Wirksamkeit der natürlichen CO₂-Senken an Land und im Ozean sowie erhöhte Emissionen durch Brände. Auch Methan erreichte mit 1.942 ppb (parts per billion) das 2,66-Fache des vorindustriellen Niveaus, und Lachgas stieg auf 338 ppb. Echtzeit-Daten einzelner Messstationen zeigen, dass alle drei Treibhausgase auch 2025 weiter angestiegen sind.

Eis schmilzt, Meeresspiegel steigt beschleunigt

Die Kryosphäre, also die gefrorenen Bereiche der Erde, zeigt ebenfalls alarmierende Trends. Das jährliche Durchschnitts-Meereis in der Arktis war 2025 das niedrigste oder zweitniedrigste in der Satellitenära seit 1979. Die maximale Ausdehnung des arktischen Meereises im Frühjahr 2025 war mit 14,19 Millionen Quadratkilometern der niedrigste jemals gemessene Wert. In der Antarktis war die Meereisausdehnung die drittniedrigste seit Beginn der Messungen, und die letzten vier Jahre verzeichneten die vier niedrigsten antarktischen Meereis-Minima überhaupt.

Bei den Gletschern setzte sich der Trend fort: Der Massenverlust im hydrologischen Jahr 2024/2025 gehörte zu den fünf schlimmsten seit 1950. Besonders betroffen waren Island, das sein wärmstes Jahr überhaupt erlebte, und die Pazifikküste Nordamerikas. Acht der zehn Jahre mit dem größten Gletscherverlust seit 1950 liegen nach 2016.

Der globale Meeresspiegel lag Ende 2025 rund elf Zentimeter über dem Niveau zu Beginn der Satellitenmessungen 1993. Die Rate des Meeresspiegelanstiegs hat sich beschleunigt: Von 2,65 Millimetern pro Jahr im Zeitraum 1993 bis 2011 auf 4,75 Millimeter pro Jahr seit 2012. Ozeanerwärmung und Meeresspiegelanstieg werden laut IPCC-Projektionen über Jahrhunderte anhalten, selbst wenn die Emissionen deutlich sinken.

Ozeanversauerung bedroht marine Ökosysteme

Ein weniger sichtbarer, aber ebenso gravierender Indikator ist der pH-Wert der Ozeane. Der globale Oberflächen-pH sank über die letzten 41 Jahre mit einer Rate von 0,017 pH-Einheiten pro Dekade. Die heutigen Werte sind laut IPCC mit sehr hoher Sicherheit beispiellos seit mindestens 26.000 Jahren. In 47 Prozent der beprobten Ozeanfläche verläuft die Versauerung sogar schneller als im globalen Durchschnitt.

Die Ozeanversauerung beeinträchtigt bereits heute die Bildung von Schalen und Skeletten mariner Organismen, verändert Nahrungsnetze und schädigt Korallenriffe. Für Muschelzucht und Fischerei sind die Auswirkungen konkret messbar. Die Veränderungen der Tiefsee-Chemie sind auf Zeitskalen von Jahrhunderten bis Jahrtausenden irreversibel.

Extremwetter 2025: Von der Hitzewelle bis zum Hurrikan

Der WMO Klimabericht 2025 dokumentiert eine Reihe verheerender Extremereignisse. In Europa setzten die Hitzewellen des Sommers nationale Rekorde: Portugal erreichte 46,6 Grad Celsius, Spanien 46,0 Grad Celsius, die Türkei sogar 50,5 Grad Celsius. In Spanien brannten bis Jahresende mehr als 390.000 Hektar, das Fünffache des Durchschnitts der Jahre 2006 bis 2024. Auch in Teilen Deutschlands wurden Hochtemperaturrekorde gebrochen.

Die Waldbrände in Kalifornien im Januar verursachten wirtschaftliche Schäden von über 60 Milliarden US-Dollar, die höchsten jemals für ein Waldbrandereignis dokumentierten. Hurrikan Melissa traf Jamaika im Oktober mit Windgeschwindigkeiten von 298 Kilometern pro Stunde, einer der intensivsten Landungen in der Geschichte des Nordatlantiks. In Südostasien forderten die tropischen Zyklone Senyar und Ditwah im November über 2.000 Menschenleben und verursachten Schäden von mehr als 20 Milliarden US-Dollar.

Die Überschwemmungen in Texas im Juli mit 135 Todesopfern waren die schwerste Binnenhochwasser-Katastrophe in den USA seit fast 50 Jahren. Im Monsungebiet Südasiens waren allein in Pakistan über 1,57 Millionen Menschen betroffen, mit mehr als 1.000 Toten durch Überschwemmungen. Südwestasien erlebte die schwerste Dürre seit 1964.

Klimawandel und Gesundheit: Dengue und Hitzestress

Erstmals widmet der klimatische Statusbericht ein eigenes Kapitel den Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Dengue-Fieber ist die am schnellsten wachsende durch Mücken übertragene Krankheit weltweit. Nach Angaben der WHO ist etwa die Hälfte der Weltbevölkerung gefährdet, und die gemeldeten Fallzahlen sind so hoch wie nie zuvor. Steigende Temperaturen begünstigen die Ausbreitung der Überträgermücke in neue Regionen und verlängern die Übertragungssaison dort, wo Dengue bereits endemisch ist.

Hitzestress betrifft mehr als ein Drittel der globalen Arbeitskraft: 1,2 Milliarden Menschen sind jährlich am Arbeitsplatz Hitzerisiken ausgesetzt, besonders in der Landwirtschaft und im Baugewerbe. Die Folgen reichen von Erschöpfung und Nierenschäden bis zu Produktivitätsverlusten. Dennoch bieten nur rund die Hälfte aller Länder Hitze-Frühwarndienste an, die auf die Bedürfnisse des Gesundheitssektors zugeschnitten sind.

Was bedeutet das für Deutschland und Europa?

Die Daten des WMO Klimaberichts 2025 sind für Deutschland und Europa von unmittelbarer Relevanz. Westeuropa, Fennoskandinavien und der Mittelmeerraum gehörten 2025 zu den Regionen mit signifikant überdurchschnittlichen Temperaturen. Teile Zentral- und Westeuropas verzeichneten ungewöhnlich trockene Bedingungen. Die Waldbrände in Südeuropa führten zu massiven Vertreibungen.

Für die deutsche Energiepolitik unterstreicht der Bericht die Dringlichkeit der Transformation. Während fossile Lobbys regelmäßig Krisenszenarien nutzen, um den Weiterbetrieb fossiler Infrastruktur zu rechtfertigen, zeigen die WMO-Daten unmissverständlich: Jede Verzögerung beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffen erhöht den gespeicherten Energieüberschuss im Erdsystem, mit Konsequenzen, die über Jahrhunderte und Jahrtausende wirken werden.

Der beschleunigte Meeresspiegelanstieg betrifft auch die deutsche Nordseeküste direkt. Die Zunahme von marinen Hitzewellen hat Auswirkungen auf die Fischerei in Nord- und Ostsee. Und die zunehmende Häufigkeit von Extremhitze stellt das deutsche Gesundheitssystem und die Arbeitswelt vor neue Herausforderungen, auf die viele Kommunen noch unzureichend vorbereitet sind.

Guterres warnt vor tödlicher Verzögerung

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WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo betonte, dass die wissenschaftlichen Fortschritte das Verständnis des Energieungleichgewichts der Erde verbessert hätten. Menschliche Aktivitäten störten das natürliche Gleichgewicht zunehmend, und die Konsequenzen würden über Hunderte und Tausende von Jahren spürbar bleiben.

Klare Daten erfordern klares Handeln

Der WMO Klimabericht 2025 ist der umfassendste Zustandsbericht zum Weltklima, den die Weltwetterorganisation je veröffentlicht hat. Die Einführung des Energieungleichgewichts als Schlüsselindikator schärft den Blick auf das, was bisher unsichtbar blieb: Die Erde speichert nicht nur mehr Wärme, sie tut es mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Veränderungen im Ozean, bei Eis und Meeresspiegel sind auf menschlichen Zeitskalen irreversibel.

Doch der Bericht enthält implizit auch eine konstruktive Botschaft. Die Präzision, mit der das Erdsystem inzwischen vermessen wird, ermöglicht bessere Vorhersagen, gezieltere Anpassungsstrategien und eine klarere Zuordnung von Ursache und Wirkung. Das Wissen ist da. Die Technologien für eine emissionsfreie Energieversorgung existieren und werden immer günstiger. Was fehlt, ist der politische Wille, die Erkenntnisse in der Geschwindigkeit umzusetzen, die das Erdsystem verlangt.

Die elf heißesten Jahre in Folge sind kein abstraktes Datenmuster. Sie sind ein klares Signal, das keine fossile Lobby mehr wegdiskutieren kann. Die Frage ist nicht mehr, ob gehandelt werden muss, sondern wie schnell die Transformation beschleunigt werden kann, bevor die Energieimbalanz der Erde noch weiter zunimmt.

Quelle: WMO Klimabericht 2025 zum Download

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