Ölnachfrage 2026 sinkt erstmals seit Corona. Bild: KI
Ölnachfrage 2026: Iran-Krieg dreht den globalen Markt
Fossile Panik
Erstmals seit Corona schrumpft die globale Ölnachfrage 2026, UN-Klimachef Stiell spricht von „immenser Ironie”.
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat ihre Prognose für die Ölnachfrage 2026 radikal korrigiert. Statt eines Wachstums um 730.000 Barrel pro Tag erwartet sie nun einen Rückgang um 80.000. Damit kontrahiert der globale Ölmarkt erstmals seit dem Coronaschock 2020. Auslöser ist der Iran-Krieg mit der faktischen Schließung der Straße von Hormus.
Petrochemie am stärksten getroffen
Bei Flüssiggas, Ethan und Naphtha gingen in einem einzigen Monat 1,8 Millionen Barrel täglicher Nachfrage verloren. Asiatische Petrochemie-Konzerne fuhren ihre Anlagen herunter, weil die Vorprodukte fehlten. Der April-Rückgang der globalen Ölauslieferungen lag bei 2,3 Millionen Barrel pro Tag – der schärfste Monatseinbruch seit Anfang 2021. Für das zweite Quartal 2026 erwartet die IEA einen Nachfragerückgang von 1,5 Millionen Barrel pro Tag.
Im März brach das globale Ölangebot insgesamt um 10,1 Millionen Barrel pro Tag ein. Die IEA bezeichnet diesen Einbruch in ihrem April-Bericht als die größte Versorgungsdisruption der Ölgeschichte. Der Durchfluss durch Hormus sank von zuvor über 20 auf nur noch 3,8 Millionen Barrel täglich. Physische Rohölkontrakte erreichten zwischenzeitlich Spitzenpreise von rund 150 Dollar pro Barrel – weit über dem Niveau der Futures-Märkte, was zeigt, wie verzweifelt Raffinerien um die wenigen verfügbaren physischen Mengen konkurrierten.
Ölnachfrage 2026 sinkt: „Immense Ironie”
UN-Klimachef Simon Stiell sieht in der Krise einen Strukturbruch. Bei einem Treffen im IEA-Hauptquartier in Paris sagte er Ende April, die fossile Kostenkrise habe dem globalen Wirtschaftssystem den Fuß auf die Kehle gesetzt. Aus dieser Tragödie entfalte sich eine „immense Ironie”: Wer die Welt am Haken der fossilen Brennstoffe halten wollte, treibe nun den globalen Erneuerbaren-Boom an.
Stiell verwies laut Bloomberg auf konkrete Zahlen. Die Investitionen in saubere Energie hätten 2025 das Doppelte der fossilen Investitionen erreicht. Die globale Solarerzeugung sei gegenüber 2024 um 600 Terawattstunden gestiegen. Frankreich verdopple gerade seine Finanzierung für Elektrifizierung. Länder wie Spanien und Pakistan, beide mit hohem Erneuerbaren-Anteil, seien deutlich besser durch die Preiskrise gekommen als ihre Nachbarn.
Pakistan und China: Wo Stiells These schon Empirie ist
Pakistan ist das Lehrstück, das Stiell meint. Der Solaranteil im Energiemix stieg laut Ember-Daten von 2,9 Prozent im Jahr 2020 auf 32,3 Prozent im Jahr 2025. Solar-Importe wuchsen von unter einem Gigawatt im Jahr 2018 auf 51 Gigawatt Anfang 2026, fast ausschließlich aus China. Rooftop-Solar hat Pakistan seit 2018 über 12 Milliarden Dollar an Brennstoffimporten gespart, allein 2026 voraussichtlich 6,3 Milliarden Dollar.
Kingsmill Bond, Senior Principal beim Energie-Thinktank Ember, nennt Pakistan das Vorzeigebeispiel der Solar-Revolution. Der ökonomische Kern: Eine einmal installierte Solaranlage liefert kostenlosen Strom, während ein Gaskraftwerk täglich Brennstoff einkaufen muss. Bei den aktuellen Preisspannen wird diese Differenz für jeden Investor sichtbar.
China profitiert wie kein anderer Akteur von der fossilen Krise. Allein im März exportierte das Land 68 Gigawatt Solartechnik, 50 Prozent über dem bisherigen Monatsrekord. 50 Länder verzeichneten neue Importrekorde für chinesische Solarmodule. Chinas Batterieexporte erreichten 10 Milliarden Dollar in einem einzigen Monat, mit besonders hohen Wachstumsraten in EU, Australien und Indien. Was Stiell theoretisch beschreibt, lässt sich in den Hafenstatistiken von Karatschi und Schanghai nachzählen.
Was bedeutet das für Verbraucher*innen?
Die Verschiebung der Ölnachfrage 2026 lässt sich auch in Europa an der Nachfrage ablesen. Auf mobile.de hat sich der Anteil der Suchanfragen für Elektrofahrzeuge seit Anfang März verdreifacht, von 12 auf 36 Prozent. Britische EV-Verkäufe erreichten im März mit 86.120 Fahrzeugen einen Rekordwert. In Frankreich verdoppelte sich der E-Auto-Anteil bei Aramisauto binnen drei Wochen. Wer seinen Stromverbrauch von Gas und Öl entkoppelt, ist gegen den nächsten Hormus-Schock besser gewappnet.
Die Frage bleibt: Wann schwenken Friedrich Merz und Katherina Reiche auf den Elektrifizierungskurs ein – bislang ist das, was der Kanzler und die Wirtschaftsministerin tun, zu zaghaft und teilweise: In die falsche Richtung streben. Das muss und wird ein Ende haben.
Lesen Sie auch: Wie Europas Souveränitätskurs gelingen kann

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.