Elektrifizierung Symbolbild E-LKW und leeres LNG-Terminal
Elektrifizierung als Bollwerk: Was Wärmepumpe und E-Lkw gegen die Iran-Krise leisten
Energiesicherheit
1,3 Milliarden Euro eingesparte LNG-Importe, 1.760 Euro weniger Energiekosten pro Lkw im Monat. Die Zahlen zum Nutzen der Elektrifizierung liegen vor. Wirtschaftsministerin Reiche geht trotzdem den entgegengesetzten Weg.
Seit den ersten Angriffen auf den Iran vor über einem Monat sind die Öl- und Gaspreise um bis zu 70 Prozent gestiegen. Ein Fünftel der weltweiten Rohöl- und Flüssiggasversorgung läuft über die Straße von Hormus, die der Iran blockiert. EU-Energiekommissar Dan Jørgensen spricht von einer „sehr ernsten Lage“, deren Ende nicht absehbar sei, und fordert die Mitgliedstaaten auf, den Ausbau erneuerbarer Energien zu verdoppeln.
Doch während der EU-Kommissar Elektrifizierung fordert, liegen die Zahlen vor, die zeigen, wie wirksam der Schutz bereits ist. Neue Analysen des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) und der Denkfabrik Transport & Environment (T&E) belegen in drei Sektoren gleichzeitig dasselbe Muster: Wer elektrifiziert hat, ist geschützt. Wer fossil bleibt, zahlt drauf.
Bemerkenswert ist, dass die Bundesregierung in allen drei Sektoren Entscheidungen trifft, die diesen Schutz schwächen statt ihn auszubauen. Im Gebäudebereich wird die 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel abgeschafft. Im Straßengüterverkehr drängen Hersteller auf eine Aufweichung der CO2-Flottengrenzwerte. Und im Stromsektor sollen neue Gaskraftwerke mit einer Technologie dekarbonisiert werden, die an keinem Gaskraftwerk in Europa je funktioniert hat.
1,3 Milliarden Euro, die nie ausgegeben werden mussten
Capital nannte es kürzlich „die unsichtbare Revolution im Heizungskeller“. Zwischen 2022 und 2025 wurden 1,1 Millionen Wärmepumpen in deutschen Haushalten installiert. Im vergangenen Jahr erreichten Wärmepumpen mit 299.000 verkauften Geräten und 48 Prozent Marktanteil erstmals Platz eins unter den Heizsystemen in Deutschland.
Das IEEFA hat in seinem aktuellen Bericht „Germany’s gas dependence: An energy security risk” berechnet, was diese Wärmepumpen für den Gasmarkt bedeuten. Der Gasverbrauch privater Haushalte sank seit dem Peak im Jahr 2021 um 23 Prozent. Ohne die 1,1 Millionen installierten Wärmepumpen hätte Deutschland rund 16 Prozent mehr LNG importieren müssen. Die Mehrkosten: 1,3 Milliarden Euro in drei Jahren.
Diese Einsparungen wiederholen sich jedes Jahr, weil die Wärmepumpen stehen bleiben und weiter Gas verdrängen. Gleichzeitig stehen die im Eilverfahren gebauten LNG-Terminals zu fast zwei Dritteln leer. Die Auslastung lag 2025 bei 36,3 Prozent, weit unter dem EU-Durchschnitt von 50,8 Prozent. Trotzdem plant die Bundesregierung, die LNG-Importkapazitäten bis 2028 von 19,7 auf 56,1 Milliarden Kubikmeter fast zu verdreifachen.
92 Prozent des deutschen Flüssigerdgases kamen zuletzt aus den USA. 2022 war Deutschlands Energiesicherheit gefährdet, weil über die Hälfte der Gasimporte aus Russland kam. Vier Jahre später droht eine neue geopolitische Abhängigkeit, diesmal von US-LNG, dem teuersten Flüssigerdgas für europäische Käufer.
„Die Krise im Nahen Osten ist der größte Weckruf für die Elektrifizierung, den Deutschland seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 erlebt hat”, sagt Ana Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin beim IEEFA. „Es besteht ein erhebliches Potenzial für Deutschland, den Einbau von Wärmepumpen zu beschleunigen und seine Abhängigkeit von Gasimporten weiter zu verringern.”
Stattdessen schließen deutsche Energiekonzerne wie EnBW, RWE und Uniper weiter Langfristverträge für LNG-Importe ab, mit Laufzeiten von bis zu 20 Jahren. Sollten alle aktuellen Importverträge zustande kommen, würde Deutschland im Jahr 2030 rund 26,2 Milliarden Kubikmeter LNG importieren, fast das Dreifache der Menge von 2025. Selbst 2045, wenn das Land Treibhausgasneutralität erreichen will, wären noch 10 Milliarden Kubikmeter vertraglich gebunden. Womöglich, um als Umschlagplatz für andere Regionen zu dienen.
Doch statt dieses Elektrifizierungs-Potenzial zu heben, hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel beim Heizungseinbau gestrichen. Öl- und Gasheizungen dürfen wieder uneingeschränkt verbaut werden. Ab 2029 sollen sie einen steigenden Anteil grüner Brennstoffe nutzen. Deren Verfügbarkeit ist absehbar gering, die Preise werden steigen.
Für Verbraucher, die jetzt eine neue Gasheizung einbauen, wird die Iran-Krise zum Vorgeschmack auf ein permanentes Kostenrisiko. Der Bundesverband Wärmepumpe rechnet vor, dass die Betriebskosten einer Wärmepumpe rund 50 Prozent unter denen fossiler Heizsysteme liegen. Mit jedem Ölpreisschock verschiebt sich diese Rechnung weiter zugunsten der Wärmepumpe.
Zwei Prozent der Fahrzeuge, zwanzig Prozent der Ölimporte
Dasselbe Muster zeigt sich auf der Autobahn, nur mit anderen Vorzeichen. Lkw machen nur zwei Prozent aller Fahrzeuge auf Europas Straßen aus, sind aber für fast zwanzig Prozent der Ölimporte im Straßenverkehr verantwortlich. Jeder Ölpreisschock trifft den Güterverkehr deshalb überproportional – und damit die gesamte Wirtschaft.
Eine aktuelle Analyse von Transport & Environment zeigt, wie unterschiedlich die Iran-Krise Diesel-Lkw und E-Lkw trifft. Bei einem Dieselpreis von rund zwei Euro pro Liter, wie zuletzt während der Energiekrise 2022, steigen die monatlichen Kraftstoffkosten für einen Diesel-Lkw in Deutschland um durchschnittlich 1.210 Euro. Die Ladekosten eines E-Lkw steigen im selben Szenario um nur 460 Euro. Die Differenz: 1.760 Euro pro Lkw und Monat.

Für eine Branche, die mit Margen von zwei Prozent arbeitet und bei der Kraftstoff ein Drittel der Betriebskosten ausmacht, kann diese Differenz über die Existenz entscheiden. Steigende Logistikkosten schlagen am Ende auf die Verbraucherpreise durch, vom Supermarkt bis zur Baustelle. E-Lkw sind von den Schocks am Ölmarkt weitgehend unabhängig. Spediteure, die zusätzlich in eigene Solaranlagen und Batteriespeicher investieren, könnten ihre Energiekosten noch weiter senken.
„Die Iran-Krise zeigt wieder deutlich, wie anfällig Diesel-Lkw für Schocks am Ölmarkt sind”, sagt Johanna Braun, Managerin E-Mobilität Lkw bei T&E Deutschland. „E-Lkw sind krisenfester und günstiger im Betrieb. Trotzdem versuchen europäische Hersteller ihren Hochlauf zu verzögern, indem sie die Flottengrenzwerte für Nutzfahrzeuge aufweichen wollen. Am Ende ist die Wirtschaft mit steigenden Logistikkosten konfrontiert.”
Die Rechnung auf europäischer Ebene ist eindeutig: Würden die CO2-Flottengrenzwerte für Nutzfahrzeuge konsequent umgesetzt, könnten Europas Ölimporte bis 2035 um 22 Prozent sinken. Die Ersparnis: 28 Milliarden Euro. Die jüngst abgeschwächten Grenzwerte gefährden dieses Einsparpotenzial und verlängern Europas Abhängigkeit von fossilen Importen.
Die teuerste Wette im Stromsektor
Im Stromsektor setzt die Bundesregierung auf mindestens 10 Gigawatt neue Gaskraftwerke als Backup für Zeiten mit wenig Wind und Sonne. Rund 10 GW sollen voraussichtlich noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden. Die Kraftwerke sollen als Brücke dienen, bis sie eines Tages mit Wasserstoff oder mithilfe von CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) dekarbonisiert werden.
Das Problem: CCS hat an keinem einzigen Gaskraftwerk in Europa je funktioniert. Es gibt kein Referenzprojekt. Es gibt keine CO2-Pipeline-Infrastruktur in Deutschland. Die Kosten für CO2-Abscheidung im Stromsektor liegen laut IEEFA bei über 150 Euro pro Tonne, rund doppelt so hoch wie der aktuelle EU-Emissionshandelspreis. Und selbst Vorzeigeprojekte wie Northern Lights in Norwegen und Porthos in den Niederlanden liegen über dem Budget und hinter dem Zeitplan.
Das IEEFA schätzt, dass der Versuch, 10 GW Gaskraftwerke mit CCS zu dekarbonisieren, Deutschland Hunderte Milliarden Euro an Subventionen kosten könnte. Ein Vergleich aus Großbritannien zeigt die Dimension: Für das Projekt Net Zero Teesside, ein einziges Gaskraftwerk mit 860 Megawatt und CCS, werden allein 10 Milliarden Pfund an Subventionen für das Kraftwerk und weitere 7 Milliarden für Transport und Speicherung veranschlagt.
„Deutschland steht vor erheblichen technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, wenn es CCS zur Dekarbonisierung von Gaskraftwerken einsetzt”, sagt Andrew Reid, Energiefinanzanalyst beim IEEFA. „Das Risiko ist, dass die Abhängigkeit von CCS praktikablere Alternativen verzögert und Deutschland hohen Stromkosten und gescheiterten Projekten aussetzt.”
Die praktikableren Alternativen existieren. Das IEEFA rechnet in seinem Bericht vor, dass Deutschland bis 2045 nur noch fünf Prozent seines Stroms aus Gas und Wasserstoff beziehen müsste, wenn Erneuerbare Energien, Batteriespeicher, grenzüberschreitende Netzverbindungen und Lastmanagement konsequent ausgebaut würden. Eine Kombination aus überreichlicher Erneuerbarer Kapazität, Kurz- und Langzeitspeichern sowie intelligentem Netzmanagement könnte die Versorgungssicherheit gewährleisten, ohne dass neue fossile Infrastruktur nötig wäre.
Drei Sektoren, ein Muster
Im Heizungskeller, auf der Autobahn, im Kraftwerk: Die Iran-Krise zeigt in drei Sektoren gleichzeitig, was jede fossile Preiskrise seit 2022 bestätigt hat. Elektrifizierung senkt Kosten, schafft Unabhängigkeit und ist technologisch erprobt. Fossile Abhängigkeit erzeugt Preisrisiken, geopolitische Verwundbarkeit und bindet Kapital in Infrastrukturen, die mit sinkender Nachfrage zu rechnen haben.
Die IEEFA-Empfehlung ist unmissverständlich: Deutschland sollte keine neuen LNG-Terminals mehr bauen, die Gasinfrastruktur-Investitionen sorgfältig überwachen und nicht auf CCS zur Dekarbonisierung von Gaskraftwerken setzen. Stattdessen: Erneuerbare Energien, Elektrifizierung der Wärme, Energieeffizienz, grenzüberschreitende Netzverbindungen.
1,3 Milliarden Euro eingesparte LNG-Importe durch Wärmepumpen. 1.760 Euro geringere monatliche Energiekosten pro E-Lkw gegenüber Diesel. 5 Prozent als realistische Gas- und Wasserstoff-Restquote im Strommix bis 2045. Die Zahlen erzählen eine Geschichte, die keiner politischen Interpretation bedarf.
Die Frage ist nicht mehr, ob Elektrifizierung Versorgungssicherheit schafft. Die Frage ist, wie lange sich Deutschland leistet, den Beweis zu ignorieren.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.