Ein erstes Bauteil für den Offshore-Windpark Nordlicht I von Vattenfall. Foto: CS Wind
Robert Zurawski: Der Mann, der Vattenfall in Deutschland fossilfrei macht
Warum der Deutschland-Chef des schwedischen Energiekonzerns Gaskraftwerke für Preistreiber hält – und lieber Pumpspeicher baut
Robert Zurawski hat einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Europa bleibt nur wettbewerbsfähig, wenn es fossile Energie hinter sich lässt. Nicht umgekehrt.“ Das klingt nach Greenpeace-Pressemitteilung. Kommt aber vom Deutschland-Chef eines Konzerns, der fünf Millionen Kunden mit Strom versorgt und in der Nordsee Offshore-Windparks betreibt, die ohne staatliche Förderung auskommen.
Zurawski führt seit Anfang 2025 das Deutschlandgeschäft von Vattenfall. Der schwedische Staatskonzern war einmal einer der vier großen deutschen Stromkonzerne – mit Braunkohletagebauen in der Lausitz, Atomkraftwerken in Schleswig-Holstein und einem Übertragungsnetz. Von alldem ist nichts mehr übrig. Was geblieben ist: erneuerbare Erzeugung, 2,7 Gigawatt Pumpspeicherleistung, Energiehandel und ein wachsendes Geschäft mit Wärmepumpen und E-Mobilität.
Robert Zurawski nennt das nicht Schrumpfung, sondern Transformation. „Eigentlich sind wir in Deutschland jetzt der perfekte Stromkonzern”, sagte er der Süddeutschen Zeitung im Juli 2025. Ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.
Denn er beschreibt exakt das Gegenteil dessen, was Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche gerade vorantreibt.
Gaskraftwerke als Preistreiber, nicht als Lösung
Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung benennt Zurawski den zentralen Denkfehler der aktuellen Energiepolitik: „Für den Strompreis sind nicht Wind- und Solarparks preissetzend, sondern die Gaskraftwerke.” Weil am Strommarkt das Grenzkostenprinzip gilt, bestimmt immer das teuerste gerade laufende Kraftwerk den Preis für alle. Und das sind in der Regel Gaskraftwerke, deren Erzeugungskosten am Gaspreis hängen.
Während Reiche 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke plant und einen Kapazitätsmarkt einführen will, warnt Zurawski: Dieser Kapazitätsmarkt werde kurzfristig nicht für niedrigere Strompreise sorgen, im Gegenteil. Kraftwerksbetreiber sollen dafür bezahlt werden, dass sie Kapazitäten bereithalten – eine zusätzliche Kostenkomponente, die auf den Strompreis draufkommt. Vattenfall selbst werde nicht in Gaskraftwerke investieren.
Robert Zurawskis Gegenvorschlag: eine Flexibilitätsoffensive auf beiden Seiten des Marktes. Auf der Angebotsseite: Batterien und Pumpspeicher. Vattenfall ist mit 2,7 Gigawatt der größte Pumpspeicherbetreiber Deutschlands und plant ein neues Werk in Thüringen mit 500 Megawatt – so viel Leistung wie ein Gaskraftwerk, nur ohne Gas, ohne Importabhängigkeit und ohne laufende Brennstoffkosten.
Auf der Nachfrageseite: digitale Zähler, flexible Tarife, Anreize, Strom dann zu verbrauchen, wenn er reichlich und billig vorhanden ist. „Da sind andere in Europa längst weiter“, sagt Robert Zurawski und verweist auf Skandinavien.

Was bedeutet das für Verbraucher und Industrie?
Für Verbraucher hat Zurawski eine klare Botschaft: Eine Wärmepumpe rechne sich für die meisten Haushalte jetzt schon. Drei Faktoren sprechen dafür. Der CO₂-Preis im europäischen Emissionshandel steigt weiter. Die Netzkosten für Gas werden teurer, weil immer weniger Kunden das Verteilnetz finanzieren. Und bei Wärmepumpen gab es in den letzten fünf Jahren extreme technische Fortschritte.
Gleichzeitig warnt er vor der kommunikativen Verunsicherung durch die geplante Änderung des Heizungsgesetzes. 2024 sei „nicht das Jahr der Wärmepumpe“ gewesen – wegen politischer Unsicherheit. Jetzt drohe eine Wiederholung, weil niemand wisse, wie genau das Gesetz geändert werde. Die Technik ist bereit, die Wirtschaftlichkeit stimmt – nur die Politik sendet widersprüchliche Signale.
Für die Industrie beschreibt Zurawski einen Weg, der eleganter ist als jede Subvention: Direktlieferverträge mit Erzeugern, sogenannte Power Purchase Agreements. Vattenfall baut Offshore-Windparks und liefert den Strom langfristig zu festen Preisen direkt an Industriekunden.
Der Clou: Der Abnehmer koppelt sich vom Grenzkostenprinzip ab und profitiert von den niedrigeren Erzeugungskosten des Windstroms. Bisher steht dieses Modell vor allem Großkonzernen offen. Zurawski will es auf den Mittelstand ausweiten – mit staatlichen Kreditgarantien, die für den Bund zunächst haushaltsneutral wären.
„In Europa werden fossile Energien immer teurer sein als in Asien oder Nordamerika”, sagt Zurawski. „Das war auch früher schon so. Deshalb müssen wir auf erneuerbare Energien, Netzausbau und Speicher setzen, um längerfristig günstigere Energiekosten zu bekommen.” Ein Satz, der die gesamte „Technologieoffenheit”-Rhetorik der Bundesregierung als das entlarvt, was sie ist: eine Chiffre für das Festhalten an einem System, das Europa strukturell benachteiligt.
Nordlicht, Netzausbau und eine tickende Uhr
Wie ernst Vattenfall die fossilfreie Strategie meint, zeigt das Projekt Nordlicht in der Nordsee. Mit über 100 Offshore-Windrädern entsteht dort einer der größten Windparks weltweit – Strom für 1,6 Millionen Haushalte. Milliarden-Investitionen, die Vattenfall ohne staatliche Förderung stemmt und über Direktlieferverträge mit Industriekunden refinanziert.
Doch Zurawski benennt auch die Hindernisse. Beim bestehenden Windpark DanTysk werde Vattenfall in einem Viertel der möglichen Einspeisezeit eingebremst, weil Stromleitungen an Land für den Weitertransport fehlen. Sauberer Strom, der produziert werden könnte, aber nicht ans Netz darf. Die Entscheidung sei klar: „Netzausbau beschleunigen, nicht den Ausbau der Erneuerbaren ausbremsen.”
Und dann ist da eine tickende Uhr, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt: Ende 2026 läuft das Erneuerbare-Energien-Gesetz aus. Die EU verlangt eine Neuregelung, und bisher ist völlig offen, wie diese aussehen soll. Für Energieunternehmen, die Milliarden-Investitionen über Jahrzehnte planen müssen, ist 2027 quasi schon morgen. Zurawski fordert die Bundesregierung auf, schnellstmöglich einen Gesetzentwurf vorzulegen. „Das ist wirklich dringend.”
Es ist ein bemerkenswerter Befund: Der größte Risikofaktor für die Energiewende ist nicht die Technik, nicht die Kosten und nicht der Widerstand der Bevölkerung. Es ist die fehlende Planungssicherheit durch die Politik. Und das in einem Land, dessen Wirtschaftsministerin sich „Technologieoffenheit” auf die Fahne schreibt.
Robert Zurawski: Ein Manager, der die Richtung kennt
Robert Zurawski ist kein Aktivist und kein Politiker. Er ist ein Manager, der seit 25 Jahren in der Energiebranche arbeitet und die Zahlen kennt. Wenn er sagt, die Energiewende sei „mittlerweile unumkehrbar”, dann ist das keine Hoffnung, sondern eine betriebswirtschaftliche Einschätzung. Vattenfall hat Braunkohletagebaue verkauft, Atomkraftwerke abgebaut und Milliarden in Offshore-Wind investiert – nicht aus Idealismus, sondern weil das Geschäftsmodell funktioniert.
Die Frage, die Zurawski implizit stellt, richtet sich an die Bundesregierung: Wenn ein Energiekonzern mit fünf Millionen Kunden den fossilfreien Weg geht und damit Geld verdient – warum baut die Wirtschaftsministerin dann in die andere Richtung?
Die Turbine im Atomkraftwerk Krümmel wird gerade zersägt. Die Windräder in der Nordsee drehen sich bereits. Die Entscheidung, in welche Richtung das Energiesystem geht, ist längst gefallen. Die Frage ist nur, ob die Politik das zur Kenntnis nimmt.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.