Cleanthinking / KI-generiertSolar plus Speicher liefern jetzt gesicherte Leistung rund um die Uhr
IRENA-Studie "24/7 Renewables": Was gesicherte Stromgestehungskosten sind, warum sie fossile Kraftwerke schlagen - und was das für Deutschland bedeutet
Wenn Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche über "gesicherte Leistung" spricht, meint sie: Gaskraftwerke. Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) widerspricht - mit Daten. Ihr neuer Report "24/7 Renewables" belegt: Solar plus Speicher liefern heute gesicherten Strom rund um die Uhr. Billiger als Gas, schneller gebaut, unabhängig von Importen.
Der Report führt dafür eine neue Kennzahl ein: die gesicherten Stromgestehungskosten, im Fachjargon Firm LCOE. Und er liefert die unbequeme Rechnung für die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung gleich mit.
Was "gesicherte Leistung" aus Erneuerbaren bedeutet
Die klassischen Stromgestehungskosten (LCOE) beantworten eine einfache Frage: Was kostet eine Kilowattstunde Strom aus einer Solaranlage über ihre gesamte Lebensdauer? Die Antwort liegt heute global bei rund 4 Cent. Aber diese Zahl hat einen blinden Fleck: Sie sagt nichts darüber aus, ob der Strom auch dann da ist, wenn man ihn braucht. Nachts scheint keine Sonne. An bewölkten Tagen fällt die Erzeugung. Das weiß jeder.
Die gesicherten Stromgestehungskosten rechnen genau diese Lücke mit ein. Sie beantworten die Frage: Was kostet eine Kilowattstunde Strom, die zuverlässig rund um die Uhr verfügbar ist - mit Batterie, mit Überbau, mit allem, was nötig ist? Das ist der Gesamtpreis für gesicherten Strom. Nicht für Schönwetter-Strom. Für Strom, auf den man sich verlassen kann.
Und dieser Preis fällt rasant.
Die Zahlen: 3 Cent für gesicherten Solarstrom in China
In China liegen die gesicherten Stromgestehungskosten für Solar plus Speicher heute bei 30 US-Dollar pro Megawattstunde - das entspricht rund 3 US-Cent pro Kilowattstunde. Wohlgemerkt: Das ist nicht der Preis für Solarstrom, wenn die Sonne scheint. Das ist der Preis für Strom, der in mehr als 90 Prozent aller Stunden des Jahres zuverlässig geliefert wird. IRENA hat dafür 252 chinesische Solar-Großprojekte analysiert, die 2024 in Betrieb gegangen sind.
Zum Vergleich: Ein neues Gaskraftwerk in den USA kostet laut BloombergNEF inzwischen 102 US-Dollar pro Megawattstunde - ein Rekordwert. Neue Kohlekraftwerke in China liegen bei 70 bis 85 US-Dollar pro Megawattstunde. Solar plus Speicher unterbietet beide, und zwar nicht knapp, sondern deutlich.
Aber China hat viel Sonne, niedrige Löhne und billige Finanzierung. Was sagen die IRENA-Daten über den Rest der Welt?
Was das für Deutschland bedeutet - und warum auch hier die Rechnung aufgeht
IRENA hat auch einen deutschen Standort modelliert: Schleswig-Holstein, Windkraft plus Batteriespeicher. Die gesicherten Stromgestehungskosten liegen dort 2025 bei 91 US-Dollar pro Megawattstunde und fallen bis 2030 auf 73 US-Dollar. Das ist teurer als in Abu Dhabi oder Indien - aber immer noch günstiger als der Bau neuer Gaskraftwerke.
Und das ist nur Wind plus Speicher, ohne die Kombination mit Solar. Der IRENA-Report zeigt am Beispiel Namibia, was passiert, wenn man Wind und Solar gemeinsam einsetzt: Die gesicherten Stromgestehungskosten sinken von 95 auf 60 US-Dollar pro Megawattstunde - ein Drittel weniger, allein durch die natürliche Ergänzung beider Erzeugungsprofile. Wind weht oft, wenn die Sonne nicht scheint, und umgekehrt.
In Großbritannien treten Tage, an denen gleichzeitig Wind und Solar niedrig sind, laut Ember nur an zwei Prozent aller Tage auf.
Für Deutschland heißt das: Selbst ohne Sahara-Sonne funktioniert das Konzept. Es funktioniert anders als in Abu Dhabi - mit mehr Wind im Mix, mit etwas mehr Speicher, mit etwas höheren Kosten. Aber die entscheidende Benchmark ist nicht Abu Dhabi. Die entscheidende Benchmark ist das Gaskraftwerk, das die Bundesregierung mit der Kraftwerksstrategie bauen will. Und dieses Gaskraftwerk ist teurer, dauert 5 bis 7 Jahre statt 1 bis 2 Jahre Bauzeit, und macht Deutschland abhängig von Gasimporten, deren Preise bei jeder geopolitischen Krise nach oben schießen.
IRENA-Generaldirektor Francesco La Camera bringt es auf den Punkt:

Warum die Batterie den Unterschied macht
Was diese Entwicklung möglich macht, ist der beispiellose Kosteneinbruch bei Batteriespeichern. Seit 2010 sind die Kosten für Großspeicher um 93 Prozent gefallen. Allein 2025 sanken die Systempreise laut BloombergNEF nochmals um 31 Prozent auf ein historisches Tief. In China kosten Batteriespeicher inzwischen weniger als 75 US-Dollar pro Kilowattstunde, die günstigsten Konfigurationen liegen unter 65 US-Dollar.#
In Europa und den USA sind die Kosten noch 2,5- bis 3-mal höher - Handelszölle, Lokalisierungsanforderungen und engere Lieferketten treiben die Preise. Aber auch hier sinkt die Kurve steil. Und mit jedem Preisrückgang bei Batterien wird die "Verstetigungsprämie" kleiner - also der Aufpreis, den man zahlt, um aus variablem Solarstrom gesicherten Dauerstrom zu machen.
Weltweit wurden 2025 bereits rund 90 Gigawatt Solar-plus-Speicher-Anlagen in Betrieb genommen. Das ist nicht mehr Nische. Das ist eine neue Anlageklasse.
Fossile Kraftwerke verlieren nicht nur gegen Neubau - sondern gegen ihre eigenen Betriebskosten
Die vielleicht härteste Erkenntnis des IRENA-Reports betrifft nicht den Neubau, sondern den Bestand. In China, Ägypten, Deutschland, Spanien und Großbritannien liegen die gesicherten Stromgestehungskosten von Wind plus Speicher laut BloombergNEF bereits unter den reinen Betriebskosten bestehender Kohle- und Gaskraftwerke. Nicht unter den Baukosten - unter den Kosten, die anfallen, um ein bereits bezahltes Kraftwerk am Laufen zu halten.
Das ist ein ökonomischer Kipppunkt. Wenn es billiger ist, ein neues Wind-plus-Speicher-System zu bauen, als ein bestehendes fossiles Kraftwerk weiter mit Brennstoff zu füttern, dann ist die wirtschaftliche Logik eindeutig. Wer trotzdem am fossilen Betrieb festhält, tut das nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
IRENA formuliert es so: Gesicherter erneuerbarer Strom wird nach Kapital- und Technologiekosten bepreist, nicht nach Brennstoffkosten. Einmal gebaut, ist er strukturell gegen die Preisschocks isoliert, die fossile Energien immer wieder verteuert haben.
Die "Battery Wall" - und wie man sie umgeht
Ein faszinierendes Detail des IRENA-Reports ist das Phänomen der "Battery Wall". Am Beispiel Las Vegas zeigt IRENA, was passiert, wenn man versucht, allein mit Batterien eine immer höhere Zuverlässigkeit zu erreichen.
Bis zu einer Abdeckung von etwa 80 Prozent der Jahresstunden funktioniert das problemlos. Die Kosten bleiben moderat. Aber ab etwa 86 Prozent steigen die Kosten steil an. Jeder zusätzliche Prozentpunkt Zuverlässigkeit erfordert drastisch mehr Batteriekapazität, weil die verbleibenden Lücken immer seltener, aber länger werden.