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Streit ums Berliner Gasnetz: YouTuber beleidigt Grünen-Abgeordneten
Tirade von „Politik mit Kopf“ / Michael Joukov kontert Hubert Aiwanger auf X
Die Berliner Grünen planen langfristig den Ausstieg aus dem Berliner Gasnetz. Seit dem entsprechenden Beschluss der Delegiertenkonferenz reißt die Hetze nicht ab. Hubert Aiwanger (Freie Wähler) behauptete jüngst auf X, dass 80 Prozent der Berliner Wohnungen am Gasnetz hingen und warnte: „Frieren, bis man grün im Gesicht ist.“ Der grüne Landtagsabgeordnete Michael Joukov widersprach mit Fakten zur tatsächlichen Netzabhängigkeit. Die Reaktion folgte prompt: Der YouTuber Maurice Klag („Politik mit Kopf“) beschimpfte Joukov in einem Video als „Idiot“ und „wohlstandsverwahrlost“. Während die BILD-Zeitung die technische Umsetzung (Tiefengeothermie vs. Gasetagenheizung) infrage stellt, sortiert dieser Artikel die Fakten hinter der hitzigen Debatte.
Bayerns Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger hat auf X (Twitter) geschrieben: „Berliner Grüne wollen das Gasnetz abschalten (In Berlin hängen 80% der Wohnungen am Gasnetz, in München 50%, Bundesdurchschnitt über 50%).“ Er verlinkt dazu eine BILD-Kolumne von Gunnar Schupelius und setzt nach: „Also frieren bis man grün im Gesicht ist. Oder vorher die Grünen abschalten.“

Der grüne Landtagsabgeordnete Michael Joukov aus Baden-Württemberg kontert zum Thema Berliner Gasnsetz mit einer kurzen Recherche und einem Link: 700.000 Wohnungen in Berlin werden mit Fernwärme versorgt – nicht mit Gas. Seine nüchterne Schlussfolgerung: „Zu dumm für diese Recherche oder einfach widerlicher Lügner?“

Was folgt, ist ein Lehrstück über fossile Desinformation in Zeiten energetischer Transformation – und darüber, warum das bewusste Vertauschen von Infrastrukturen brandgefährlich ist.
Aiwangers Rechentrick: 50 plus 30 gleich 80
Die offiziellen Zahlen der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe zum Berliner Gasnetz auf berlin.de zeigen: Rund 50 Prozent der Berliner Haushalte heizen direkt mit Gas über das Gasverteilnetz. Etwa 30 Prozent der Berliner Wärmeversorgung entfallen auf Fernwärme. Dazu kommen 13 Prozent Heizöl und weniger als 3 Prozent andere Energieträger wie Kohle, Biomasse oder Solarthermie.
Aiwangers 80 Prozent lassen sich mathematisch nachvollziehen: 50 Prozent Gas plus 30 Prozent Fernwärme ergibt 80 Prozent. Aber diese Addition ist fundamental irreführend, denn sie verschmilzt zwei komplett getrennte Infrastrukturen zu einer einzigen Zahl. Die 30 Prozent Fernwärme-Haushalte „hängen“ eben nicht am Gasnetz. Sie haben keinen Gasanschluss, keinen Gasvertrag, kein Gasrohr in der Wand.
Sie hängen am Fernwärmenetz – einem physisch völlig anderen System mit anderen Betreibern, anderen Leitungen und anderen Dekarbonisierungspfaden. Einem Netz, das auch die Berliner Grünen nicht stilllegen wollen.
Der Bundesdurchschnitt für direkten Gasanschluss liegt bei rund 48 bis 52 Prozent. München bei etwa 50 Prozent. Und Berlin – die Stadt mit dem größten Fernwärmenetz Westeuropas – liegt mit rund 50 Prozent Gasanteil ziemlich genau im Durchschnitt. Nicht bei 80 Prozent.
Zu behaupten, 80 Prozent der Berliner Wohnungen hingen am Gasnetz, ist faktisch falsch.
Das ist keine Schlampigkeit von Aiwanger, das ist eine bewusste Verdrehung, die Berlin als gasabhängigste Stadt Deutschlands darstellt, während es dank Fernwärme eine der am wenigsten gasabhängigen Großstädte ist. Aiwanger will mutmaßlich suggerieren, 80 Prozent der Wohnungseigentümer oder Mieter seien von einer Gasverteilnetzstilllegung betroffen – wenngleich das der langfristige Plan über 20 Jahre ist.
Zwei getrennte Netze, zwei getrennte Welten
An dieser Stelle muss man verstehen, wie Berlins Wärmeversorgung tatsächlich aufgebaut ist. Es gibt zwei klar getrennte Systeme, die Wärme an Endkunden liefern.
Das Gasverteilnetz wird von der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg betrieben, einer hundertprozentigen Tochter des GASAG-Konzerns (Eigentümer: E.ON 36,85%, Engie 31,575%, Vattenfall 31,575%). Es umfasst rund 7.000 Kilometer Leitungen in Berlin, die Gas bis in die einzelnen Häuser und Wohnungen transportieren – zu jeder Gastherme, jeder Etagenheizung. Das ist das Netz, an dem die Wohnungen mit Gasheizung tatsächlich „hängen“.
Das Fernwärmenetz besteht in Berlin aus drei separaten Netzen: Das größte betreibt die BEW Berliner Energie und Wärme (seit 2024 in Landesbesitz, für 1,4 Milliarden Euro von Vattenfall gekauft), dazu kommen die Netze der BTB in Südostberlin und der FHW Neukölln AG. Zusammen umfassen sie über 2.000 Kilometer Leitungen und versorgen rund 700.000 Wohnungen und 8.000 Gebäude. Die angeschlossenen Wohnungen haben keinen Gasanschluss. Kein Gasrohr in der Wand, keine Therme im Keller, keinen Vertrag mit der GASAG.
Das sind zwei verschiedene Netze, zwei verschiedene Betreiber, zwei verschiedene Anschlussverträge. Eine Wohnung mit Fernwärmeanschluss „hängt am Gasnetz“ genauso wenig wie eine Wohnung mit Stromanschluss an einem Kohlekraftwerk „an der Kohlemine hängt“.
„Aber die Fernwärme wird doch mit Gas erzeugt!“
Das ist das Argument, das Aiwangers Verteidiger vorbringen – allen voran der YouTube-Kanal „Politik mit Kopf“ von Maurice Klag, der Joukovs Post ein ganzes Video widmete. Der Betreiber Maurice Klag klickte sogar auf Joukovs verlinkte Quelle, die Website der BEW, las selbst „2.000 Kilometer Fernwärmenetz, 700.000 Wohnungen“ vor – und schaute sich dann die Erzeugungsanlagen an: Erdgas, Erdgas, Erdgas. Sein triumphaler Schluss: Seht ihr, alles Gas!
Der Denkfehler – oder die bewusste Verdrehung – ist fundamental. Ja, die Berliner Fernwärme wird heute noch überwiegend mit Erdgas erzeugt. Aber das Gas kommt nicht über das 7.000 Kilometer lange städtische Gasverteilnetz, an dem die Endkunden mit Gasthermen hängen. Es kommt über Hochdruck-Transportleitungen, die die großen Heizkraftwerke mit Brennstoff versorgen. Diese Leitungen sind funktional Teil der Fernwärme-Infrastruktur – der Brennstoff-Input eines Kraftwerks, nicht ein Endkundenanschluss. So wie die Kohlelieferung per Schiene zum Kraftwerk Moabit Teil der Fernwärme-Logistik war, nicht Teil des Schienennetzes im Sinne des Personenverkehrs.
Der vorgelagerte Fernleitungsnetzbetreiber ONTRAS (7.700 Kilometer Fernleitungsnetz in Ostdeutschland) liefert heute Erdgas an die Übernahmestationen am Berliner Stadtrand. Von dort transportieren Hochdruckleitungen der NBB das Gas zu den Heizkraftwerken der BEW. Genau diese Kette wird dekarbonisiert: Die NBB plant bis 2030 ein Wasserstoff-Startnetz, das einen erheblichen Teil des Berliner Gasverbrauchs durch Wasserstoff ersetzen soll. Die großen Heizkraftwerke werden als Erste umgestellt.
Wann ONTRAS tatsächlich Wasserstoff statt Erdgas liefert, hängt am bundesweiten Wasserstoff-Kernnetz, an der Bundesnetzagentur und an den Investitionsentscheidungen der Unternehmen. Es ist keine Berliner Senatsentscheidung. Aber genau darauf kommt es an.
Was der Senat kann – und was nicht
Aiwangers Post suggeriert, der Berliner Senat wolle 80 Prozent der Wohnungen das Gas abdrehen. In Wahrheit hat der Senat genau eine Stellschraube: die kommunale Wärmeplanung. Er kann planen, wo perspektivisch das Gasverteilnetz zurückgebaut und durch Fernwärme, Wärmepumpen oder kalte Nahwärmenetze ersetzt wird. Das ist seine Zuständigkeit, und das ist das, was die Berliner Grünen in ihrem Wahlprogramm ausdrücken, wenn sie vom Rückbau des Gasnetzes sprechen.
Die Dekarbonisierung der Fernwärme-Erzeugung – also ob die Heizkraftwerke mit Erdgas, Wasserstoff oder Großwärmepumpen laufen – liegt außerhalb des Senats-Einflusses. Sie hängt an ONTRAS, am Wasserstoff-Kernnetz, an der Bundesnetzagentur. Das ist Bundes- und Unternehmenssache.
Aiwanger verschmilzt zwei getrennte Prozesse auf zwei getrennten Zuständigkeitsebenen zu einem einzigen Horrorszenario. Kommunale Wärmeplanung (Land) und Dekarbonisierung der Energieerzeugung (Bund/Unternehmen) werden zu „Grüne schalten 80 Prozent das Gas ab“ verkürzt. Das ist entweder Ahnungslosigkeit oder billiges politisches Kalkül.
Drei Wege für Berlins Gaskunden
Für die rund 50 Prozent der Berliner Haushalte, die tatsächlich am Gasverteilnetz hängen, gibt es drei realistische Dekarbonisierungspfade, die der Berliner Senat im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung vorsieht.
In dicht bebauten Innenstadtgebieten ist der Anschluss an das bestehende Fernwärmenetz der naheliegende Weg. Die Infrastruktur existiert, sie muss nur erweitert werden. Sobald die Fernwärme-Erzeugung dekarbonisiert ist – über Geothermie, Großwärmepumpen, Abwärme aus Rechenzentren oder Wasserstoff – heizen diese Wohnungen klimaneutral, ohne dass eine einzige Therme ausgetauscht werden muss.
In Gebieten mit guter Abwasser-Infrastruktur bieten sich kalte Nahwärmenetze an – ein oft übersehener zweiter Weg. Berlins Abwasser hat ganzjährig Temperaturen von 10 bis 15 Grad Celsius. Über Wärmetauscher im Kanal wird diese Wärme in ein Niedrigtemperaturnetz eingespeist, und im Gebäude sitzt eine dezentrale Wärmepumpe, die das auf Heiztemperatur bringt. Die Quelltemperatur ist höher und konstanter als Außenluft im Winter, was die Wärmepumpe deutlich effizienter macht. Und die Kanalinfrastruktur existiert bereits.
In lockerer Bebauung der Außenbezirke, wo weder Fernwärme noch kalte Nahwärme wirtschaftlich sind, bleiben individuelle Wärmepumpen – Luft-Wasser oder Erdwärme – die Alternative.
Alle drei Wege haben eines gemeinsam: Sie machen das Gasverteilnetz überflüssig. Nicht morgen, nicht übermorgen – aber perspektivisch. Und mit jedem Haushalt, der umsteigt, werden 7.000 Kilometer Gasrohre für immer weniger Anschlüsse gewartet. Das wird betriebswirtschaftlich irgendwann untragbar – nicht weil Grüne es so wollen, sondern weil sinkende Anschlussdichte ein Netz unwirtschaftlich macht.
Keine grüne Ideologie: CDU und SPD haben die Roadmap beschlossen
Die Darstellung von „Politik mit Kopf“, der Rückbau des Gasnetzes sei ein grünes Ideologieprojekt, wird durch einen Blick in die jüngere Berliner Geschichte widerlegt. Am 25. Juli 2023 beschloss der CDU/SPD-geführte Berliner Senat eine Geothermie-Roadmap. CDU-Senatorin Dr. Manja Schreiner und SPD-Senatorin Franziska Giffey stellten ein 98-Millionen-Euro-Investitionspaket vor: neun Tiefenbohrungen, 3D-seismische Messungen über das gesamte Stadtgebiet, mit dem Ziel, die Fernwärme über Geothermie und Großwärmepumpen zu dekarbonisieren.
Giffey sagte damals: „Berlin hat das größte Fernwärmenetz Westeuropas. Gerade hier kann Tiefengeothermie einen wertvollen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten.“ Das war kein grüner Senat. Das war schwarz-rot.
Die Dekarbonisierung der Berliner Wärmeversorgung ist parteiübergreifender Konsens – nur dass Aiwanger, Schupelius und der YouTuber „Politik mit Kopf“ so tun, als sei es ein Angriff einer „irren Sekte“, wie Schupelius die Grünen in seiner BILD-Kolumne gleich zweifach nennt. Strategische Weitsicht ist das Machwerk einer „irren Sekte“? Es ist wirklich absurd.
Die Quelle: Schupelius versteht das bestehende System nicht
Aiwangers einzige Quelle ist eben genau jene BILD-Kolumne von Gunnar Schupelius. Und genau dort liegt der Ursprung des Missverständnisses. Schupelius fragt in seiner Kolumne: „Wie soll eine Gasetagenheizung durch Tiefengeothermie ersetzt werden?“ – und hält das für ein Killerargument.
Die Antwort ist so einfach, dass sie offenbart, wie wenig Schupelius das bestehende System versteht: Die Gasetagenheizung wird durch einen Fernwärmeanschluss ersetzt. Die Geothermie erzeugt die Wärme zentral im Heizkraftwerk, das heiße Wasser fließt über das Fernwärmenetz in die Wohnung. Das ist exakt das System, das in Berlin bereits für 700.000 Wohnungen funktioniert. Schupelius beschreibt als unmögliche Zukunftsvision etwas, das seit Jahrzehnten Realität ist.
Sein Verdikt über das Grünen-Wahlprogramm: „Das neue Programm der Grünen sieht nicht aus wie ein Parteiprogramm, sondern eher wie der Fahrplan einer irren Sekte.“ Auf dieser Grundlage baut Aiwanger sein 80-Prozent-Narrativ.
Die B.Z. verstärkt das Narrativ
Am 17. Februar 2026 – dem Tag, an dem dieser Faktencheck erscheint – titelt auch die B.Z.: „Können die Grünen uns einfach das Gas abschalten?“ Die eigenen Daten im Artikel zeigen rund 40 Prozent direkte Gasheizung. Dennoch wird der Eindruck erweckt, als drohe Berlin der Wärme-Kollaps.
Der Artikel zitiert ausführlich zwei Gaslobbyisten: Prof. Gerald Linke vom DVGW (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches) und Timm Kehler vom Verband „Zukunft Gas“ – der sich inzwischen in „Gas- und Wasserstoffwirtschaft e.V.“ umbenannt hat. Beide argumentieren für den Erhalt des Gasnetzes.
Erst am Ende des Artikels kommt Prof. Ingo Sass vom Deutschen GeoForschungsZentrum Potsdam zu Wort: 25 Prozent des Berliner Wärmebedarfs könnten über Geothermie gedeckt werden. Der Experte wird von den Lobbyisten eingerahmt und seine Einschätzung dadurch relativiert. Klassischer Aufbau: Angst-Überschrift, Lobby-Positionen, Experte als Fußnote.
„Politik mit Kopf“: Wer steckt hinter dem Kanal?
Der YouTube-Kanal „Politik mit Kopf“ hat über 230.000 Abonnenten und erreichte Millionen Menschen. Er zählt zu den lautstärksten Vertretern des rechten Panik-Orchesters, das eine Gasmangellage in diesem Winter herbeireden möchte. Betreiber ist Maurice Klag aus Worms, Geschäftsführer der MK Media & Consulting GmbH.
Was die meisten Zuschauer nicht wissen: Klag war laut einem Bericht des Portals PI-News aus dem Jahr 2013 AfD-Mitglied und zweiter stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD. Sein XING-Profil zeigt einen beruflichen Werdegang, der von einer Metallbauer-Ausbildung über ein abgebrochenes Informatik-Studium zum EU-Referenten im Bundestag führte – eine Position, die er von Dezember 2017 bis Juni 2024 innehatte, bevor er auf einen Minijob herabgestuft wurde.
Neben „Politik mit Kopf“ betreibt Klags GmbH den Kanal „Auswandern mit Kopf“ – der früher „AfD Observer“ hieß, bevor er umbenannt wurde. Ein weiterer Kanal namens „Messerradar“ kompilierte Messerangriffe mit Migrationsbezug.
Der politische YouTuber Dara hat in einer ausführlichen Analyse dokumentiert, wie Klag in seinen Videos arbeitet: Er zitiert die Thesen von Verfassungsrechtlern, liefert aber keine Gegenargumente, sondern reagiert nur mit Empörung – „absoluter Wahnsinn“. Er delegitimiert systematisch demokratische Institutionen wie Wissenschaft, Gerichte und Medien. Er behauptet, seine Community halte ihn für CDU-finanziert – eine geschickte Distanzierung vom AfD-Label, die keine tatsächliche Aussage über seine politische Verortung ist.
In seinem ersten Video zum Berliner Grünen-Wahlprogramm liest Klag korrekt „Erdgasverteilnetz“ vor, versteht aber nicht, was das Wort bedeutet. Er behauptet: „80 Prozent der Wohnungen werden mit Gas geheizt. 1,6 Millionen Heizungen.“ – beides falsch. Und als die Grünen im Programm schreiben, Abwärme aus Rechenzentren könne ins Fernwärmenetz eingespeist werden, kommentiert er: „Wenn ich Abwärme benutze, muss ich das vorher warm gemacht haben. Perpetuum Mobile!“ – Er versteht offenbar nicht, dass Rechenzentren als Nebenprodukt des Betriebs massive Mengen Wärme erzeugen, die heute ungenutzt in die Luft geblasen wird.
Die Grünen-Strategie: Erst dekarbonisieren, dann erweitern
Was steht tatsächlich im Berliner Grünen-Wahlprogramm? Die Priorität ist eindeutig formuliert: „Die Dekarbonisierung der Fernwärme soll eine klare Priorität vor der Netzerweiterung haben.“
Das ist Ingenieurlogik, keine Ideologie. Erst muss die bestehende Fernwärme sauber werden – die heute zu rund 75 Prozent aus Gas erzeugt wird – bevor man weitere Haushalte ans Fernwärmenetz anschließt. Denn es ergibt keinen Sinn, Gaskunden von ihrer eigenen Gastherme auf ein Fernwärmenetz umzustellen, das ebenfalls mit Gas betrieben wird. Der Hebel liegt in der Erzeugung: Geothermie, Großwärmepumpen, Abwärme aus Industrie und Rechenzentren, und perspektivisch Wasserstoff.
Klag liest diese Priorisierung als „keine neuen Fernwärmeanschlüsse“ – das Gegenteil ist gemeint. Es heißt: Macht die Quelle sauber, bevor ihr die Rohre verlängert. Wer das falsch versteht, hat entweder das Dokument nicht gelesen oder verdreht es absichtlich.
Die Desinformations-Pipeline
Die Entstehung und Verbreitung der 80-Prozent-Lüge folgt einem klaren Muster.
Am Anfang steht die BILD-Kolumne von Gunnar Schupelius, der das bestehende Berliner Wärmesystem nicht versteht und die Grünen als „irre Sekte“ bezeichnet. Darauf baut Hubert Aiwanger auf, addiert eine falsche Zahl hinzu und verlinkt die Kolumne als vermeintlichen Beleg.
„Politik mit Kopf“ mit seinen 230.000 Abonnenten produziert zwei Empörungsvideos, in denen die falsche Zahl als Fakt präsentiert und der korrigierende Abgeordnete als Idiot beschimpft wird. Die Berliner Zeitung recycelt am selben Tag das Narrativ, zitiert Gaslobbyisten ausführlich und begräbt den einzigen unabhängigen Experten am Ende des Artikels.
Aus einer falschen Kolumne wird ein Politiker-Post, wird ein YouTube-Video, wird ein Zeitungsartikel. Jede Station gibt dem Narrativ eine neue Schicht Legitimität – und keine korrigiert die Ausgangslüge.
Fazit: Das Berliner Gasnetz, die Fernwärme und Co.
Hubert Aiwangers Behauptung, 80 Prozent der Berliner Wohnungen hingen am Gasnetz, ist falsch. Die Zahl entsteht durch Addition zweier physisch getrennter Infrastrukturen: 50 Prozent Gasverteilnetz plus 30 Prozent Fernwärmenetz. Die Fernwärme-Haushalte hängen nicht am Gasnetz – sie haben eine komplett andere Infrastruktur, andere Betreiber, andere Verträge und vor allem: einen anderen Dekarbonisierungspfad.
Die Berliner Grünen wollen perspektivisch das Gasverteilnetz zurückbauen – eine kommunale Zuständigkeit, die die 50 Prozent Gaskunden betrifft. Die Dekarbonisierung der Fernwärme-Erzeugung läuft parallel über Bundesinfrastruktur und ist bereits beschlossene Politik des CDU/SPD-Senats von 2023.
Michael Joukov hat korrekt recherchiert. „Politik mit Kopf“ hat ihn dafür als Idioten beschimpft – und dabei demonstriert, dass der Kanal den Unterschied zwischen Gasverteilnetz und Fernwärmenetz entweder nicht kennt oder bewusst verschleiert.
Angesichts der Art der Empörungs-Inszenierung mit grüner Feindbildpflege und des dokumentierten Umgangs mit Tatsachen darf man sich fragen, welche Variante wahrscheinlicher ist.
Erfahren Sie hier alles über das Mannheimer Modell rund um das Gasnetz.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.