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Energieschock durch Iran-Krieg beschleunigt Energiewende in Asien
Chinas Batterie-Giganten gewinnen 70 Milliarden Dollar an Börsenwert, während Ölkonzerne trotz Preisrally zurückfallen
Der Energieschock durch den Iran-Krieg könnte sich als mächtigster Beschleuniger der Energietransformation in Asien erweisen. Während die Schließung der Straße von Hormus die Ölmärkte erschüttert und Regierungen von Sri Lanka bis Pakistan zu drastischen Sparmaßnahmen zwingt, setzen Anleger massiv auf Batteriehersteller, Elektroauto-Produzenten und Erneuerbare-Energien-Unternehmen. Seit Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran Ende Februar 2026 haben allein die drei chinesischen Technologieführer CATL, BYD und Sungrow zusammen mehr als 70 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung hinzugewonnen.
Energieanalyst Neil Beveridge, Leiter der Energieforschung beim Wall-Street-Finanzdienstleister AB Bernstein, geht in der Financial Times davon aus, dass China als weltgrößter Erdöl-Importeur seine Anstrengungen im Hinblick auf Erneuerbare Energien, Batterien und Elektroautos verdoppeln wird. Auch Japan, Südkorea und Taiwan werden der Einschätzung zufolge den Ausstieg aus fossilen Energieträgern deutlich intensivieren. Das Signal der Börsen ist eindeutig: Electrotech schlägt Fossil.
Aktienmärkte zeigen den Paradigmenwechsel
Als Indiz für seine Einschätzung wertet Beveridge vor allem die Entwicklung der Aktienkurse seit Kriegsbeginn. Auf der einen Seite stehen asiatische Hersteller wie CATL, Sungrow und BYD, die zusammen 70 Milliarden Dollar an Börsenwert hinzugewonnen haben. Auf der anderen Seite die westlichen Ölkonzerne Chevron, ExxonMobil und BP, die trotz eines Ölpreis-Anstiegs von 47 Prozent nur ein moderates Plus zwischen 4,7 und 15,2 Prozent verzeichnen konnten.
Die Zahlen im Detail: Der Batteriehersteller CATL, der 2025 einen Nettogewinn von 72,2 Milliarden Yuan erzielte und gemeinsam mit BYD rund 65 Prozent des chinesischen Heimatmarktes hält, legte um 19 Prozent zu. Der Photovoltaik- und Wechselrichter-Spezialist Sungrow gewann 19,4 Prozent. Und BYD, der weltweit führende Hersteller von Elektroautos, kletterte um 21,9 Prozent nach oben.
Dass die Batterie- und Speicherhersteller die Ölkonzerne so deutlich hinter sich lassen, ist bemerkenswert. Denn üblicherweise profitieren Ölunternehmen stark von steigenden Rohstoffpreisen. Dass Anleger stattdessen auf die Gewinner der Energiewende setzen, zeigt: Die Investoren erwarten langfristig einen strukturellen Wandel, der weit über den aktuellen Konflikt hinausgeht.
Kein Zurück mehr: Warum der Krieg das Energieparadigma verändert
Beveridge sieht in der Krise einen fundamentalen Wendepunkt für das globale Energiesystem. China werde seinen Plan, alles zu elektrifizieren, konsequent vorantreiben. Andere große asiatische Volkswirtschaften dürften dem Beispiel folgen und verstärkt auf saubere Energien und Elektromobilität setzen.
Selbst ein rasches Kriegsende würde daran nichts ändern, argumentiert der Bernstein-Analyst. Die Krise habe die strukturelle Verwundbarkeit fossiler Lieferketten schlagartig sichtbar gemacht. Angriffe auf Flüssigerdgas-Infrastruktur im Persischen Golf treffen vor allem Ostasien hart, das in hohem Maße von importiertem LNG abhängig ist.
Tatsächlich gingen 2024 rund 84 Prozent des Öls und 83 Prozent des verflüssigten Erdgases, das durch die Straße von Hormus transportiert wurde, nach Asien. Diese extreme Abhängigkeit von einer einzigen, umkämpften Meerenge macht asiatische Staaten verwundbarer als Europa oder die USA.
Die Konsequenz: Energiesouveränität durch Erneuerbare ist nicht mehr nur Klimapolitik, sondern geopolitische Notwendigkeit.
Batteriespeicher-Markt in China vor Vervierfachung
Wie schnell die asiatischen Cleantech-Märkte jetzt wachsen könnten, unterstreicht eine Prognose der Forschungsgruppe Mobility Foresights. Allein im chinesischen Binnenmarkt erwartet sie ein Wachstum für Netzbatteriespeicher von heute 48 Milliarden Dollar auf 199 Milliarden Dollar im Jahr 2032. Das entspricht einer Vervierfachung innerhalb von nur sieben Jahren.
China unternimmt bereits konkrete Schritte, um diese Entwicklung zu beschleunigen. Das Land plant, seine Batteriespeicherkapazität bis 2027 auf 180 Gigawatt mehr als zu verdoppeln. CATL baut sein Geschäftsmodell derweil über die reine Batterieproduktion hinaus aus: Eine strategische Partnerschaft mit der Transfar Group umfasst die Absicherung kritischer Lieferketten, emissionsfreie Lösungen für Transportlogistik und die Integration intelligenter Roboter in Energieanlagen.
Allerdings zeigt sich der Trend nicht in allen Cleantech-Bereichen gleichermaßen. Solar- und Windkraftunternehmen konnten bislang nicht im gleichen Maße von der Ölkrise profitieren wie Batterie- und Speicherhersteller. Offenbar preisen die Märkte vor allem den wachsenden Bedarf an flexibler Energiespeicherung als Kerninfrastruktur ein, die notwendig ist, um volatile erneuerbare Erzeugung netzstabil zu machen.
Was bedeutet das für Verbraucher und die Weltwirtschaft?
Die asiatischen Staaten sind aufgrund ihrer Abhängigkeit von der Straße von Hormus stärker vom Energieschock betroffen als Europa oder die USA. Sri Lanka hat den Mittwoch kurzerhand zum Feiertag erklärt und eine Vier-Tage-Woche für Behörden, Schulen und Universitäten eingeführt, um Treibstoff zu sparen. Die Regierung warnt, die Ölreserven des Landes reichten nur noch für sechs Wochen. Pakistan hat ähnliche Maßnahmen ergriffen: eine Vier-Tage-Woche für den öffentlichen Dienst, 50 Prozent Homeoffice, dazu geschlossene Schulen.
Weitere Länder reihen sich ein. Die Philippinen haben ebenfalls die Arbeitswoche verkürzt. Myanmar hat Fahrverbote eingeführt. Bangladesh hat Universitätsferien vorgezogen und das Militär mit der Überwachung der Treibstoffdepots beauftragt. Thailand fordert seine Bürger auf, kurzärmelige Hemden zu tragen, um den Klimaanlagenbedarf zu senken. Quer durch Süd- und Südostasien kaufen Verbraucher panikartig Treibstoff und schränken alle nicht-essentiellen Ausgaben drastisch ein.
Diese realen Einschränkungen im Alltag von Hunderten Millionen Menschen unterstreichen, warum die Energietransformation zusätzlichen Schwung bekommt. Wer Erneuerbare und Speicher ausbaut, reduziert seine Verwundbarkeit gegenüber fossilen Lieferketten. Das ist die zentrale Lehre dieser Krise für Asien.
IEA warnt vor schwerster Energiekrise der Geschichte
IEA-Chef Fatih Birol hat am Montag beim National Press Club in Australien erstmals ausführlich zur Krise Stellung genommen und dabei einen dramatischen Vergleich gezogen: Die aktuelle Lage sei schlimmer als zwei Ölkrisen und eine Gaskrise zusammen. Die IEA hat bereits 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven freigegeben, so viel wie nie zuvor. Doch anders als bei der Freigabe von 180 Millionen Barrel im Jahr 2022 nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine dürfte die Maßnahme diesmal weniger Wirkung zeigen, weil das Grundproblem ein physischer Ausfall der Lieferwege ist.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß: Der Öltransport durch die Straße von Hormus ist auf weniger als zehn Prozent des Vorkriegsniveaus eingebrochen. Die Golfstaaten mussten ihre Ölproduktion um mindestens zehn Millionen Barrel pro Tag drosseln. Die Gasverluste beziffert Birol auf 140 Milliarden Kubikmeter, fast doppelt so viel wie der Verlust von 75 Milliarden Kubikmetern nach Russlands Einmarsch in die Ukraine. Betroffen sind auch Düngemittel, Petrochemie, Schwefel und Helium, die zu einem erheblichen Teil über die Meerenge transportiert werden.
IWF-Chefin Kristalina Georgieva warnte bereits Mitte März vor einem Inflationsrisiko für die Weltwirtschaft. Führende Ökonomen erwarten, dass das Wachstum in der Eurozone auf nur 0,5 Prozent sinken könnte, während Chinas Wirtschaft unter drei Prozent Wachstum fallen könnte, sollte der Krieg mehrere Monate andauern. In den USA bleiben Brent-Preise trotz Trumps Ankündigung einer fünftägigen Feuerpause bei rund 100 Dollar pro Barrel. Die Europäische Zentralbank steht vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Zinsen zum Kampf gegen die Inflation anheben muss, obwohl die Konjunktur schwächelt.
Einordnung: Jeder Ölschock beschleunigt den Wandel
Die Geschichte zeigt ein klares Muster: Jeder große Ölpreisschock hat eine politische Reaktion ausgelöst, die den Wandel des Energiesystems beschleunigt hat. Das Ölembargo von 1973 trieb Frankreichs Atomkraftprogramm voran. Die Iranische Revolution von 1979 machte Japan zum Vorreiter bei der Energieeffizienz. Und nun könnte die Krise von 2026 zum Katalysator für Asiens Elektrifizierung werden, mit Batterien, Elektrofahrzeugen und erneuerbaren Energien als Kernelementen.
Der Unterschied zu früheren Krisen liegt im Reifegrad der Alternativen. Batteriespeicher, Solarenergie und Elektroautos sind heute nicht mehr teure Zukunftstechnologien, sondern wirtschaftlich konkurrenzfähige Lösungen, die schnell skaliert werden können. China hat sich in den vergangenen Jahren eine industrielle Führungsposition erarbeitet, die es dem Land erlaubt, auf die Krise mit Beschleunigung statt mit Hilflosigkeit zu reagieren.
Energiesouveränität als neue Leitwährung
Die Börsendaten rund um den Energieschock sprechen eine eindeutige Sprache: 70 Milliarden Dollar Wertzuwachs für Batteriehersteller gegenüber moderaten Gewinnen bei Ölkonzernen zeigen, dass Investoren auf eine strukturelle Verschiebung setzen. Der Iran-Krieg macht die Verwundbarkeit fossiler Lieferketten für jedermann sichtbar, von Regierungschefs bis zu Pendlern in Colombo. Für asiatische Länder ist es besonders entscheidend, aus der fossilen Abhängigkeit herauszukommen.
Die entscheidende Frage ist nun, ob die asiatischen Staaten die richtigen Schlüsse ziehen und die Krise als Katalysator für einen dauerhaften Umbau nutzen. Die Vorzeichen stehen gut: China investiert massiv in Speicherkapazitäten, Japan und Südkorea suchen nach Alternativen zu importiertem LNG, und selbst kleinere Volkswirtschaften wie Sri Lanka erkennen, dass ihre ökonomische Stabilität an der Frage der Energiesouveränität hängt.
Eines ist klar: Die Energietransformation in Asien wird durch den Iran-Krieg nicht ausgebremst, sondern beschleunigt. Und davon profitieren letztlich alle, die auf saubere Technologien setzen, denn jede Kilowattstunde aus erneuerbaren Quellen ist eine Kilowattstunde weniger Abhängigkeit von der Straße von Hormus.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.