Florida Eis green: In Schönebeck entsteht die weltweit erste CO₂-freie Eisfabrik

PRODUKTION · 12. Mai 2026

Florida Eis green: In Schönebeck entsteht die weltweit erste CO₂-freie Eisfabrik

Unternehmer Olaf Höhn hat die Florida Eis-Produktion in Spandau ‚grün' gemacht. Sein Lebenstraum geht noch weiter. Bei Magdeburg soll er Realität werden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit


Olaf Höhns liebste Mittagspause sieht so aus: Er sitzt in seinem Eiscafé an der Spandauer Klosterstraße, isst Spaghetti-Eis mit Soße und schaut den Gästen zu. Das Café existiert seit 1927. Höhn hat es 1984 übernommen. Wenige Kilometer entfernt steht die Manufaktur von Florida Eis green, mitten im westlichsten Berliner Bezirk, Spandau. Hier produziert Höhn seit 2013 CO₂-neutral. Adsorptionskälte, Permafrostboden aus Recyclingglas, Photovoltaik aufs Dach, eutektisch gekühlte E-Lieferwagen. Florida Eis green gehört zu den anerkannten Klimaschutz-Unternehmen Deutschlands und beliefert knapp 2.000 Kunden bundesweit.

Doch Höhns Pläne reichen weiter. In Schönebeck bei Magdeburg soll die weltweit erste CO₂-freie Eisfabrik entstehen. Im August 2026 will der 76-Jährige endlich den lange ersehnten Grundstein legen. Sein letztes großes Projekt, wie er es selbst nennt. Und sein erstes Werk außerhalb Berlins.

Vom Stummfilmkino zur Manufaktur

Die Geschichte der Eisproduktion beginnt 1927. Im Vorraum des Spandauer Stummfilmkinos Concordia stehen drei Tische. Das Ehepaar Blotko verkauft Vanille- und Erdbeereis aus einer der ersten Trommel-Eismaschinen Berlins. Auf der Leinwand flackern Chaplin und Keaton. Krieg und Wiederaufbau überlebt das Geschäft im Holzschuppen, ab 1953 wieder im neu errichteten Wohnhaus an gleicher Stelle. Es läuft vor sich hin, ohne Wachstumsambitionen.

Dann kommt Höhn. Maschinenbauingenieur, Mitte dreißig, im Streit mit der elterlichen Bäckerei in Berlin-Neukölln. „Da habe ich gesagt, ich mache mich selbstständig und kaufe ein kleines Eiscafé in Spandau", erinnert er sich. Vier Mitarbeiter, ein Geschäft, ein neuer Name: Florida Eis. Mitübernehmerin ist Simone Gürgen, Konditorin, vorher im Hotel Kempinski. Dort bereitete sie einst Desserts für Herbert von Karajan zu.

Doch im ersten Jahr läuft es schlecht. Höhn traut sich nicht, mit Frau und Sohn in Urlaub zu fahren, das Minus ist zu groß. Doch Schritt für Schritt zieht das Geschäft an. Aus einem Café werden vier. In der Hochsaison beschäftigt Florida Eis über 240 Menschen. 2009 beliefert die Manufaktur sieben Kunden in Spandau, heute sind es knapp 2.000 in ganz Deutschland. Das Sortiment führt rund 50 Sorten aus mehr als 120 Rezepten. Vanille und Erdbeere wie 1927 stehen neben Popcorn Caramel, Tiramisu Crunch und Pecannuss mit karamellisierten US-Cake-Style-Stücken.

Olaf Höhn zwischen Solarmodulen auf dem Dach der Florida Eis Manufaktur
Olaf Höhn auf dem Dach der Spandauer Manufaktur. Foto: Florida Eis

Was Höhn antreibt, ist einfach: Eis verkaufen macht ihm Spaß. Er sitzt am liebsten selbst im Café, isst sein Spaghetti-Eis und sieht den Gästen beim Eis-Genuss zu.

Vom Solardach zum System

Den Wendepunkt zur Klimaschutz-Manufaktur datiert Höhn auf 2013, den Neubau in der Berliner Zeppelinstraße. Rückblickend sagt er: „Anfangs dachte ich, dass ich einfach eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach installiere." Aus der Solaranlage wurde mehr. Höhn hat das System Stück für Stück selbst zusammengetragen, mit der Beharrlichkeit eines Ingenieurs und dem Risiko eines Mannes, der bereit ist, Lehrgeld zu zahlen. Manche Technologien haben sich nicht bewährt. Andere mussten umgebaut werden. Aus jedem Fehler folgte die nächste Verbesserung.

Heute steht das Ergebnis auf der Best-Practice-Liste des Bundeswirtschaftsministeriums: Photovoltaik mit 182 Kilowatt installierter Leistung, Solarthermie 90 Kilowatt, Adsorptionskälteanlage 60 Kilowatt, Wärmerückgewinnung 65 Kilowatt, Pelletheizung 112 Kilowatt für die Wintermonate. Dazu Glasschaumschotter aus recyceltem Altglas als Isolierung unter der gesamten Tiefkühlzelle. Er ersetzt die elektrische Bodenheizung von Tiefkühlzellen durch einen passiven Permafrostboden.

Eine Besonderheit ist die Schockfrostung. Florida Eis verwendet dafür Stickstoff, der als Abfallprodukt der Stahlindustrie anfällt. Auch die Lieferflotte fährt mit eutektischen Plattenkühlern, die das Gelände bereits geladen verlassen und unterwegs ohne Verbrennungsmotor das Eis kühl halten. „Ich besitze die ersten Tiefkühl-LKW der Welt mit Elektroantrieb", sagt Höhn.

Mit dem Neubau wuchs Florida Eis green von 600 auf 4.000 Quadratmeter Produktionsfläche. Die Stromrechnung blieb gleich.

Nächste Stufe: Schönebeck

Auf einem Grundstück in Schönebeck bei Magdeburg, konkret in der Wilhelm-Dümling-Straße im Salzlandkreis, soll bis 2027 die weltweit erste CO₂-freie Eisfabrik entstehen. Drei Hallen in Holzbauweise, alle Dächer mit Photovoltaik belegt, mindestens zwei eigene Windräder, eine Wasserstoff-Erzeugung am Standort für die LKW-Logistik nach Berlin. Höhn rechnet mit 98 Prozent Autarkie. Sein Ziel ist 100 Prozent. "In der Fabrik in Spandau haben wir einen Energiekostenanteil von unter drei Prozent", erklärt der Unternehmer.

Aus seiner Sicht ist somit die nächste Stufe zur CO₂-freien Eisfabrik keine Vision, sondern Konsequenz aus 50 Jahren als Ingenieur. Die Komponenten dafür hat er nach eigener Aussage zusammen, das Fachwissen ebenfalls. Was in Spandau Schritt für Schritt entstanden ist, baut er in Schönebeck einmal komplett neu.

Auf dem Gelände entstehen außerdem ein Bürogebäude mit Eiscafé, eine Außenterrasse und ein Spielplatz für Kinder.

Und ein Gewächshaus. Darin soll wachsen, was Florida Eis seit 1927 verarbeitet: Vanille. Bisher kommen die Schoten über französische Importeure aus den klassischen Anbaugebieten. Künftig soll Vanilla planifolia in Schönebeck gedeihen, beheizt durch die Abwärme aus der Adsorptionskälte. Die Pflanze braucht 26 Grad Celsius und kontrollierte Luftfeuchte (96 Prozent), beides liefert die Eisfabrik im Nebenprodukt.

Die erste Sorte aus dem Stummfilmkino wird die regionalste Sorte der Marke. Das verkürzt die Lieferkette und drückt den CO₂-Fußabdruck weiter.

Die Investition liegt im niedrigen zweistelligen Millionen-Bereich bei etwa 25 Millionen Euro. Sachsen-Anhalt fördert das Projekt mit einem signifikanten Anteil aus seinen Cleantech-Programmen, die Höhn als Voraussetzung für das gesamte Vorhaben bezeichnet. Geplant sind zunächst 100 Arbeitsplätze, perspektivisch bis zu 250. Schönebecks Bürgermeister Bert Knoblauch (CDU) hat die Ansiedlung im November 2025 öffentlich begrüßt: „Diese Ansiedlung ist hier in der Region sehr nachgefragt."

Dass solche Ansiedlungen überhaupt möglich werden, sieht Dennis Helmich, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt, eng mit der Förderkulisse des Landes verknüpft. Er hebt hervor, dass Landesförderinstrumente und die Beratungsstruktur der Landesenergieagentur LENA einen unverzichtbaren Beitrag leisten, um Investitionsrisiken zu reduzieren und neue Technologien in den Markt zu bringen.

Der Demokrat aus Spandau

Wer Höhn fragt, wofür er steht, bekommt selten Marketing-Sprache zu hören. In der IHK-Mitgliederzeitschrift sprach er kürzlich über bezahlbare Wohnungen in Berlin. Und er erzählte von Mitarbeitern, die in Geflüchteten-Unterkünften lebten und abends aus den Randbezirken nicht mehr nach Hause kämen. Sich selbst beschreibt er als „Demokrat und Weltbürger mit pazifistischer Einstellung". Diese Haltung soll auch in das Schönebecker Werk einfließen: Holzbau, Eiscafé, Spielplatz, Vanille-Gewächshaus, Kinderfest zur Grundsteinlegung.

Wer Höhn besucht, trifft nicht nur den Inhaber, sondern auch Coco. Der kleine Yorkshire Terrier ist Höhns Bürohund und auf Instagram eine eigene Marke. Coco fordert dort gelegentlich eine Gehaltserhöhung. Zwischen den Bildschirmen wird gespielt. Wer ein Lebenswerk so führt, nimmt sich selbst nicht zu wichtig.

CO₂-Neutral seit 2013

Spandau

Berliner Manufaktur, 4.000 m² Produktionsfläche

Photovoltaik182 kW
Solarthermie90 kW
Adsorptionskälte60 kW
Wärmerückgewinnung65 kW
HeizungPellets, 112 kW (Winter)
BodenisolierungGlasschaumschotter, Permafrost
LieferflotteEutektisch gekühlte E-LKW
SchockfrostungStickstoff aus Stahlindustrie
VanilleImport über französische Lieferanten
Investition7 Millionen Euro
CO₂-frei ab 2027

Schönebeck

Neubau im Salzlandkreis, 100 bis 250 Arbeitsplätze

BauweiseHolz
PhotovoltaikAuf allen Dachflächen
WindkraftMindestens zwei eigene Windräder
WasserstoffErzeugung am Standort für LKW
KühlungAdsorptionskälte plus Wärme für Gewächshaus
VanilleEigener Anbau in Sachsen-Anhalt
LieferflotteE-LKW mit Wasserstoff
AnlagentechnikFraunhofer-Institut
Autarkie-Ziel98 bis 100 Prozent
InvestitionZweistelliger Millionen-Bereich
Quellen: BMWE Best-Practice, Florida Eis Green, Stadt Schönebeck

Die Grundsteinlegung ist für den 20. August 2026 geplant. Achtzehn Tage später wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag.

Modell Spandau

Florida Eis green ist im deutschen Lebensmittelmarkt ein Sonderfall. Die Branche dominieren seit Jahrzehnten industrielle Großhersteller mit standardisierten Rezepturen, hohem Luftaufschlag und Tiefkühl-Logistik auf Diesel-Basis. Höhn produziert handwerklich, ohne Luftaufschlag, mit elektrifizierter Lieferflotte und seit 2013 CO₂-neutral. Wenn Schönebeck wie geplant 2027 in Betrieb geht, wird Florida Eis green der erste Lebensmittelhersteller mit einer komplett CO₂-freien Industriefabrik in Deutschland sein.

Das Modell ist übertragbar. Adsorptionskälte ist heute auch in Rechenzentren angekommen. Glasschaumschotter wird im Hochbau eingesetzt. Eutektische LKW-Kühlung gehört in der City-Logistik zum Standard. Florida Eis war in vielen dieser Anwendungen Pionier. Was Höhn in Spandau bewiesen und in Schönebeck skaliert, beantwortet eine Frage, die für die deutsche Lebensmittelindustrie systemisch wird: Geht klimaneutrale Produktion ohne Wettbewerbsnachteil?

Handwerkliche Schokoladen-Produktion bei Florida Eis green
Handwerkliche Schokoladen-Verarbeitung bei Florida Eis green. Foto: Florida Eis

Die Antwort steht im operativen Beleg. 4.000 Quadratmeter Produktionsfläche, gleiche Stromrechnung wie bei 600. 240 Mitarbeiter in der Hochsaison, bundesweite Belieferung. Ein Lebensmittelhersteller, der seit zwölf Jahren keine fossile Energie mehr für seine Kernprozesse braucht.

Helmich sieht in der Schönebecker Ansiedlung ein Modell für ein klimaneutrales Industrieland Sachsen-Anhalt. Sein Land könne sich als moderner Industriestandort mit einer starken Green Economy profilieren, sagt der Grünen-Landesvorsitzende auf Cleanthinking-Anfrage.

Fazit und Ausblick: Die kleine Sensation aus Spandau

Olaf Höhn baut in Schönebeck nicht das erste Mal eine Eisfabrik, sondern das zweite Mal. Beim zweiten Mal mit allem, was er in zwölf Jahren Klimaschutz-Praxis in Spandau gelernt hat. Wasserstoff, Vanille-Anbau und ursprüngliche Inspiration durch Klimaforscher Prof. Schellnhuber machen aus dem Projekt mehr als eine Werkserweiterung. "Prof. Schellnhuber hat uns beispielsweise den Weg bereitet weg von Kunststoff und hin zum Bambusbecher", sagt Höhn.

Florida Eis green Vanille-Eis Becher in der Produktion
Vanille-Eis aus der Manufaktur in kompostierbarem Becher. Foto: Florida Eis

Höhn versucht, einen kompletten Standort als Kreislauf zu denken. Strom kommt aus der eigenen Erzeugung, Wärme fällt als Nebenprodukt ab, der Rohstoff Vanille wächst auf dem Gelände, die Logistik fährt mit selbst erzeugtem Wasserstoff.

Damit das gelingt, braucht es politische Verlässlichkeit. Das von der AfD Sachsen-Anhalt im April beschlossene Regierungsprogramm fordert genau das Gegenteil: die Streichung der Subventionen für erneuerbare Energien, die Abschaffung der Landesenergieagentur LENA und das Ende des Einspeisevorrangs. Helmich ordnet die Folgen dieses Programms so ein: „Für Unternehmen wie Florida Eis bedeutete das höhere Risiken, steigende Energiekosten und deutlich schlechtere Standortbedingungen."

Wenn das mit Florida Eis green gelingt, hat Sachsen-Anhalt nicht nur einen Mittelstandsbetrieb mit 100 bis 250 Arbeitsplätzen gewonnen. Sondern ein Modell, das andere Lebensmittelhersteller in Deutschland kopieren können. Höhn selbst sieht das mit dem Optimismus, den er sich seit dem ersten Geschäftsjahr 1984 antrainiert hat. Er formuliert es so: „Mit meiner positiven Denkweise können manchmal Andere nichts anfangen."

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