Octopus Energy CEO Greg Jackson (Bild: Octopus Energy)
Octopus-Chef Greg Jackson fordert Marktreformen – Apollo macht daraus eine Atom-Kampagne
Greg Jackson kritisiert Europas Energiemarkt-Design. Apollo News verzerrt seine Systemkritik zu einer Anti-Energiewende-Erzählung.
Greg Jackson ist Gründer und CEO von Octopus Energy, dem inzwischen größten britischen Energieversorger mit 7,8 Millionen Kunden im Vereinigten Königreich und über einer Million Haushalten in Deutschland. Im ntv-Podcast „Klima-Labor“ äußerte er sich Anfang Februar 2025 zur europäischen Energiewende. Seine Kernthese: Europa organisiert erneuerbare Energien so, dass deren Kostenvorteile beim Endkunden nicht ankommen.
Das umstrittene Medienportal Apollo News hat dieses Interview aufgegriffen – und dabei systematisch umgedeutet. Aus Jacksons differenzierter Markt- und Regulierungskritik wurde eine pauschale Deutschland-Schelte mit dem Atomausstieg als vermeintlichem Hauptproblem. Der Vergleich zwischen Original und Apollo-Artikel offenbart: Hier wird Agenda-Journalismus betrieben.
Was Greg Jackson tatsächlich sagt
Jacksons Argumentation im Original-Interview folgt einem klaren Dreiklang: Erstens sei nicht der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix entscheidend, sondern wie das gesamte Energiesystem organisiert werde. Nur 25 bis 30 Prozent des Endenergieverbrauchs seien überhaupt Strom – der Rest ist Gas in Fabriken oder Benzin in Autos. Wer sich ausschließlich auf den „grünen Stromanteil“ konzentriere, verfehle das eigentliche Ziel der Dekarbonisierung.
Zweitens kritisiert Jackson das europäische Marktdesign: „Wenn man erneuerbare Energien richtig nutzt, senken sie die Strompreise. Das machen wir in Europa aber nicht.“ Er bemängelt fehlende Flexibilitätsmärkte, zu geringe Nutzung von Batteriespeichern und Elektrofahrzeugen als Puffer sowie starre Marktregeln, die für fossile Kraftwerke entwickelt wurden. In Großbritannien sorgten flexible Verbraucher für viermal günstigere Strompreise als Kohlekraftwerke auf Stand-by – es sei in Europa jedoch das einzige Land, das Verbraucherflexibilität in großem Maßstab umsetze.
Drittens benennt Jackson die Ursache der hohen Endkundenpreise präzise: „Teuer wird der Solarstrom komischerweise erst, sobald er im Netz landet: 60 Prozent der deutschen Stromkosten sind Steuern, Abgaben und Netzentgelte.“ Nicht Wind und Solar seien das Problem, sondern Regulierung und Kostenweitergabe.
Wie Apollo News die Aussagen verdreht
Apollo News macht aus Jacksons Systemkritik ein deutsches Kulturkampfthema. Die Überschrift lautet: „Chef des größten britischen Energieversorgers rechnet mit Europas Energiewende ab“ – dabei „rechnet“ Jackson mit dem Marktdesign ab, nicht mit der Energiewende selbst. Im Gegenteil: Er fordert mehr Tempo bei der Elektrifizierung und bessere Integration erneuerbarer Energien.

Die gravierendste Verzerrung betrifft den Atomausstieg. Im Original erwähnt Jackson die Atomkraft genau einmal, eingebettet in eine allgemeine Lobby-Kritik: „Eine andere Lobby hat die Regierung überzeugt, alle Atomkraftwerke stillzulegen.“ Das steht gleichrangig neben seiner Kritik an der Abhängigkeit von russischem Gas, an der fossilen Industrie und an den etablierten Stromkonzernen. Bei Apollo wird der Atomausstieg hingegen zum zentralen Beleg für das „Scheitern“ der Energiewende hochgezogen.
Besonders irreführend ist Apollos Framing, ein „zu starker Fokus auf Erneuerbare“ treibe den Strompreis. Das ist das exakte Gegenteil von Jacksons Aussage. Er sagt wörtlich: „Wenn man erneuerbare Energien richtig nutzt, senken sie die Strompreise.“ Das Problem sei nicht zu viel Wind und Solar, sondern dass Europa diese nicht wie erneuerbare Energien behandle, sondern wie fossile Kraftwerke.
Gegenüberstellung: Original vs. Apollo-Framing
Die folgende Tabelle zeigt die systematische Verdrehung:
| Thema | Jackson im Original | Apollo-Darstellung |
| Atomausstieg | Ein Beispiel unter vielen für Lobby-Einfluss (gleichrangig mit Gasabhängigkeit, fossiler Industrie) | Zentraler Beleg für das Scheitern der Energiewende |
| Erneuerbare Energien | „Richtig genutzt, senken sie die Strompreise“ | „Fixierung auf Erneuerbare“ verhindere günstigen Strom |
| Preistreiber | 60% sind Steuern, Abgaben, Netzentgelte – nicht Erzeugung | Atomausstieg und „mangelnde Reformen“ |
| Lösungsvorschlag | Marktreform, Flexibilität, Speicher, dynamische Tarife | Bleibt offen – implizite Rückführung auf Atomkraft |
| Kernaussage | „Die Straße überqueren“ – Reformen durchführen | „Energiewende zum Scheitern gemacht“ |
Was Apollo komplett unterschlägt
Mehrere zentrale Aussagen Jacksons fehlen im Apollo-Artikel vollständig. Die Verbraucherflexibilität, für Jackson ein Schlüsselelement günstiger Strompreise, wird nicht erwähnt. Dabei ist dies sein konkreter Lösungsvorschlag: In Großbritannien sorgen flexible Verbraucher für viermal günstigere Preise als fossile Backup-Kraftwerke. Europa ignoriere dieses Potenzial. Auch in Deutschland fordert die „New Energy Alliance“ oder die SPD-Politikerin Nina Scheer viel mehr Fokus auf Flexibilisierung.
Auch Jacksons Prognose zur Abkopplung vom Netz fehlt bei Apollo. Er beschreibt, wie in Pakistan der nationale Netzbetreiber „im Grunde bankrott“ sei, weil sich immer mehr Menschen mit Solaranlagen und Batterien selbst versorgten. Dies werde auch in anderen Ländern passieren – Solaranlagen und Batterien würden jedes Jahr günstiger. Diese Aussage passt nicht ins Apollo-Narrativ, weil sie zeigt: Die Energiewende funktioniert, der Markt umgeht bereits die trägen Strukturen.
Ebenso unterschlagen wird Jacksons Vergleich mit dem Nahen Osten. Saudi-Arabien plane bis 2030 70 Gigawatt erneuerbare Energien – mehr als das gesamte britische Stromsystem. Die Vereinigten Arabischen Emirate setzten trotz Ölreichtums auf 24/7-Versorgung aus Solar und Batterien. Jacksons Pointe: Selbst Ölstaaten verstehen, dass erneuerbare Energien günstiger sind. Diese Fakten konterkarieren Apollos Erzählung von der gescheiterten Energiewende.
Die Technik der Verzerrung
Apollo nutzt klassische Framing-Techniken. Durch selektive Zitation wird Jacksons vielschichtige Argumentation auf einen einzigen Aspekt verengt – den Atomausstieg. Die eigentlichen Reformvorschläge (Flexibilitätsmärkte, dynamische Preise, Speicherausbau) werden ausgelassen, sodass der Leser keine konstruktive Alternative erfährt. Stattdessen bleibt als implizite Lösung: zurück zur Atomkraft.
Das Headline-Framing verstärkt die Verzerrung. „Chef des größten britischen Energieversorgers rechnet mit Europas Energiewende ab“ suggeriert fundamentale Kritik an der Energiewende selbst. Greg Jackson kritisiert jedoch das Marktdesign – und fordert explizit mehr Tempo bei Elektrifizierung und bessere Integration der Erneuerbaren. Er will die Energiewende beschleunigen, nicht abbremsen.
Die Nationalisierung einer systemischen Kritik ist ein weiteres Element. Greg Jackson spricht von „Europa“ und meint alle europäischen Länder, die an alten Marktregeln festhalten. Apollo macht daraus eine spezifisch deutsche Schuldfrage – verstärkt durch Verlinkung auf weitere Apollo-Artikel zu Gasspeichern und angeblichen „Grünen Märchenstunden“.
Einordnung: Pro-Reform, nicht Anti-Energiewende
Greg Jacksons Position lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Erneuerbare Energien sind billig – Europa macht sie teuer, weil es sie wie fossile Kraftwerke behandelt. Seine Forderung: Ohne Markt-, Netz- und Flexibilitätsreform wird die Energiewende unnötig teuer; mit Reform wird sie extrem günstig. Das ist keine Anti-Energiewende-Position und keine Pro-Atom-Kampagne, sondern eine Pro-Systemreform-Analyse.
Jackson nutzt im Interview das Bild von Margaret Thatcher: „Der gefährlichste Ort ist mitten auf der Straße, weil man von beiden Seiten angefahren wird.“ Europa stehe bei der Energiewende genau dort. Die Lösung sei nicht, stehen zu bleiben oder umzukehren, sondern die Straße zu überqueren – also die Reformen durchzuführen. Apollo unterschlägt dieses zentrale Zitat und suggeriert stattdessen, Jackson plädiere für Rückwärtsgehen.
Octopus Energy ist eines der erfolgreichsten Cleantech-Unternehmen Europas, gewachsen von null auf über acht Millionen Kunden in zehn Jahren. Das Geschäftsmodell basiert auf der intelligenten Integration erneuerbarer Energien – flexible Tarife, Smart-Grid-Technologie, Wärmepumpen-Integration. Dass ausgerechnet der CEO eines Unternehmens, dessen Geschäftsmodell auf Flexibilität, Digitalisierung und erneuerbaren Systemen basiert, Marktreformen fordert, unterstreicht: Diese Kritik kommt aus dem Inneren der Energiewende, nicht von ihren Gegnern.
Hinweis zur Einordnung: Apollo News wird hier nicht wegen einer anderen energiepolitischen Meinung kritisiert, sondern wegen der nachweisbaren Umdeutung eines Originalinterviews. Die Gegenüberstellung basiert ausschließlich auf dem Vergleich zwischen ntv-Original und Apollo-Artikel.
Fazit: Apollo News nutzt die Reformkritik eines führenden Cleantech-Unternehmers, um eine Atom-Nostalgie-Erzählung zu konstruieren. Das Original-Interview zeigt das Gegenteil: Nicht die Energiewende ist das Problem, sondern Europas Weigerung, sie endlich wie ein erneuerbares System zu organisieren.
Die Lösung liegt in Flexibilitätsmärkten, dynamischen Tarifen, Speicherausbau und Netzentgeltreform – nicht in der Rückkehr zu einer Technologie, die Greg Jackson nur als eines von vielen Lobby-Beispielen erwähnt.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.