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Katherina Reiches Selbsttäuschung: Kein neuer Gedanke in der schwersten Energiekrise
Ein offener Brief über Selbsttäuschung von Chefredakteur Martin Jendrischik an die Bundeswirtschaftsministerin.
Sehr geehrte Frau Reiche,
es ist gut, dass Sie durch die neue PR-Unterstützung präsenter in den Medien sind. Zuletzt sah ich ein Interview bei Welt TV um 12 Uhr mittags. Ihre Ministeriums-Videos sind professioneller geworden. Und jetzt haben Sie über Ostern einen Gastbeitrag für die FAZ über Selbsttäuschung in der Energiepolitik geschrieben.
Enttäuschend daran ist, dass in Ihrem Gastbeitrag „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik” keinerlei neue Aspekte zu finden sind. „Eine der schwersten Energiekrisen der Geschichte” ist eine richtige Aussage – aber daraus folgen bei Ihnen keinerlei neue Erkenntnisse oder Maßnahmen? Das ist angesichts dessen, was überall auf der Welt passiert, sagen wir: seltsam.

Sie schreiben über die „Selbsttäuschung” – und meinen damit, man habe in den Jahren zuvor einseitig erneuerbare Energien ausgebaut, aber die Systemkosten nicht im Blick gehabt. In Ansätzen mag das stimmen, aber: Sie sind jetzt fast ein Jahr in Amt und Würden. Wollen Sie immer weiter einseitig den erneuerbaren Energien die Schuld für steigende Strompreise allein zurechnen? Das ist nicht seriös.
Was ebenfalls enttäuschend ist: Zahlen nennen Sie konkret immer nur in Bezug auf Kosten für erneuerbare Energien sowie Ausbau- und Klimaziele. Und diese stimmen größtenteils nicht einmal. Es ist schlicht falsch, dass die Abregelung von Solar- und Windkraftanlagen pro Jahr drei Milliarden Euro kosten würde. Wieso brauchen Sie solche Unwahrheiten, um Ihre Politik zu begründen?
Keine konkreten Zahlen liefern Sie hingegen in Bezug auf die Kosten für fossile Importe (80 Milliarden Euro pro Jahr!), entsprechende fossile Subventionen (65 Milliarden Euro pro Jahr laut Umweltbundesamt) oder im Hinblick darauf, wie Sie eigentlich die Klimaziele einhalten wollen.
Aus meiner Sicht ist Ihr gesamter Politikansatz eine Selbsttäuschung. Sie torpedieren die Bürger-Energiewende und somit all das, was wir als Flexibilitäten bezeichnen. Marktakteure versichern, dass über ihre virtuellen Kraftwerke ebenfalls „gesicherte Leistung“ erbracht werden kann. Eine Marktchance erhalten sie bei Ihnen allerdings nicht.
Sie schauen viel auf Kosteneffizienz. Das ist gut, Frau Reiche. Aber Sie heben die Effizienzpotenziale der Erneuerbaren nicht. Etwa Überbauung von Netzknotenpunkten, weil Wind und Solar kaum zeitgleich ihre Maximalleistung erreichen. Oder die Einsparpotenziale beim Netzbau auf allen Ebenen – vom Verteilnetz bis zum Europäischen Verbundnetz.
Besonders besorgniserregend ist Ihre Strategie bei der Gasversorgung. Mitten in einer Krise, die durch fossile Abhängigkeit entstanden ist, streben Sie langfristige Lieferverträge mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko an. Sie schaffen damit genau die Abhängigkeiten neu, die uns in diese Krise geführt haben. Nur mit anderen Lieferanten. Das ist keine Diversifizierung – das ist ein fossiler Lock-in für Jahrzehnte.
Kanzler Merz hat Ostern als Moment des Aufbruchs beschrieben. Meine Empfehlung: Kloppen Sie Ihre bisherigen Gesetzentwürfe in die Tonne, stoppen Sie die Selbsttäuschung und starten Sie einen neuen Aufbruch. Einen, der ein erneuerbares System denkt, und nicht einem halben erneuerbaren System ein fossiles System überstülpen möchte. Ja, die Erneuerbaren sind erwachsen geworden: Setzen Sie sie auch so ein!
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Hier ist der Gastartikel der Ministerin Katherina Reiche nachlesbar (Bezahlschranke).
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
[…] Kritik auslöste. Cleanthinking.de beantwortete ihn mit einem „Offenen Brief“ zu Reiches Selbsttäuschung. Am heutigen Donnerstag antwortet Nina Scheer, die energiepolitische Sprecherin der SPD mit einer […]
Ich dachte wir haben keine Energiekrise?
Ach, Michael.
Sehr gut. Volle Zustimmung.
Selbsttäuschung? Das sehe ich nicht so.
Sie will nur ihre Schäfchen ins trockene bringen.
Alles was sie bisher gemacht hat, nutzt den Gas-Konzernen und so auch ihr selber.
Bekommt sie ja Geld von denen, dafür daß mehr Gas verkauft und das auch noch teurer als anders wo.
Lieber Kommentator,
es ist nicht erwiesen, dass Katherina Reiche Geld von Gas-Konzernen erhält. Ich bitte darum, mit solchen Aussagen vorsichtig zu sein.
Dass sie eine ordoliberale Politik macht, die vor allem Konzernen nützt – da stimme ich in Gänze zu.
Martin Jendrischik
Danke Herr Jendrischik für Ihren offenen Brief an die WiMiin. Ich stimme ihren Ausführungen voll zu. Ich befürchte allerdings, dass die WiMi nichts davon versteht oder es nicht will. Sie ist eine Gas Lobbyistin. Wir müssen Offshore vorantreiben. Ich hoffe, dass Druck auf die Dame entsteht, dass sie das unterstützt!
Danke für Ihre Worte.
Ich denke, Frau Reiche „tickt“ so, dass die vor allem Großkraftwerke will. Offshore-Windkraft und der dazugehörige Netzausbau passen da durchaus in ihr Bild vom Energiesystem der Zukunft. Es gibt schlaue Ansätze, dass nicht Windpark A die bayerische Wirtschaft versorgt und fertig, sondern dass die europäischen Staaten sich die Offshore-Kapazitäten im Verbund teilen. Das würde Offshore deutlich kosteneffizienter machen – sogar Herr Merz war vor einer Weile bei entsprechenden Planungskonferenzen zugegen. Zwei Tage danach musste er dann wieder verkünden, Windkraft sei Übergangstechnologie. Nunja.
Was ärgerlich macht ist, dass Frau Reiche die Potenziale dezentraler Energiestrukturen nicht erkennt oder gezielt nicht nutzen möchte, um Platz etwa für Gaskraftwerke oder gar Atomkraft „freizuhalten“. Das ist pure Ideologie und wird für uns alle sündhaft teuer.
BG Martin Jendrischik
Selbst wenn Frau Reiche diesen offenen Brief lesen sollte – ist sie willens ihn verstehen zu wollen? Was ist los mit dieser Regierung und warum greift der Kanzler nicht ein? Das ist belegbar eine rückwärtsgewandte, zukunftsfeindliche Energiepolitik zu Lasten des Allgemeinwohls …und das für Jahrzehnte. Frau Reiche, es reicht!
Ja. Ich bin ja glücklicherweise nicht der Einzige, der diese Dinge erkennt und anspricht. Folgt man den Kommentaren unter den Social Posts der Ministerin, wird das alles sehr oft thematisiert. Es ist „Crunch“-Time und die Stimmung dreht sich gerade mit voller Wucht wieder in Richtung Zukunft. Es wird sehr einsam rund um Frau Reiche.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik