Bundesverband Wärmepumpe / Vaillant
Kerstin Stratmann: „Die Wärmepumpe ist die beste und wirtschaftlichste Lösung.“
Warum die GMG-Eckpunkte der Branche trotz neuer Quoten keine Bauchschmerzen bereiten
In der Debatte um das Gebäudemodernisierungsgesetz von Katherina Reiche gibt es auch Stimmen, die sich unbeeindruckt zeigen von dem, was Union und SPD regeln wollen. Die Eckpunkte des neuen Gesetzes sehen unter anderem eine Grüngasquote, eine Grünheizölquote und eine Biotreppe vor. Die 65-Prozent-Regel hingegen wurde abgeschafft. Kerstin Stratmann vom Fachverband Gebäudeenergie ist dennoch entspannt – wieso, erklärte Sie jetzt im Klimalabor-Podcast von ntv.
Marktlogik statt Paragrafenreiterei
Obwohl die schwarz-rote Koalition die 65-Prozent-Regel gekippt hat, sieht Kerstin Stratmann darin kein Ende der Wärmewende. Im Gegenteil: Die ökonomische Realität hat das Ordnungsrecht längst überholt. Angesichts explodierender Gaspreise und geopolitischer Instabilitäten durch den Iran-Krieg zeigt sich die Geschäftsführerin vom Fachverband Gebäudeenergie überzeugt, dass der Markt die Richtung vorgibt.
Der Kompass im Heizungskeller richtet sich nicht mehr nach politischen Debatten, sondern nach der langfristigen Resilienz und den Betriebskosten.
Die versteckten Preistreiber im GMG
Die neuen Eckpunkte des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GMG) mögen oberflächlich nach „Wahlfreiheit“ klingen, enthalten aber massive Kostentreiber für fossile Brennstoffe. Kerstin Stratmann verweist hierbei insbesondere auf zwei Mechanismen:
- Die Biotreppe: Wer heute noch eine Gasheizung einbaut, muss ab 2029 stufenweise höhere Anteile an grünem Gas beimischen. Da Biomethan-Tarife bereits heute rund 25 % teurer sind, ist der Kostensprung programmiert.
- Die Grüngasquote: Ab 2028 müssen Anbieter ihren Standard-Gastarifen defossilisiertes Gas beimischen. Laut Kerstin Stratmann ist dies eine Teuerung, die jeden trifft – auch Bestandskunden und Mieter.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und das DIW warnen bereits vor Mehrbelastungen von bis zu 450 Euro jährlich allein durch die Grüngasquote. Zusammen mit dem steigenden CO2-Preis durch den ETS-2 wird die vermeintlich „günstige“ Gasheizung so zur teuren Kostenfalle.
„Aus dem Bundeskanzleramt hört man auch, dass Partnerschaften überdacht werden sollten und Europa mehr Wert auf Eigenständigkeit und Resilienz legen müsse.
Diesen sicherheitspolitischen Weg kann Europa nur mit einer Versorgung auf Basis der heimischen erneuerbaren Energien beschreiten. Das kommt im Wirtschaftsministerium bestimmt auch noch an.“
Eine gemeinsame Studie von ZVEI und Fraunhofer ISI zeigt: Bewohner eines Standard-Eigenheims (132 Quadratmeter Wohnfläche) können die jährlichen Energiekosten im Schnitt um etwa 80 Prozent oder rund 2500 Euro drücken, wenn anstelle eines Gasbrenners mit einer Wärmepumpe geheizt wird und zusätzlich eine Photovoltaikanlage und ein Batteriespeicher zum Einsatz kommen.
Der Fachverband Gebäudeenergie sieht die Branche bereit
Für den Fachverband Gebäudeenergie ist klar: Die Industrie und das Handwerk haben ihre Hausaufgaben gemacht. Laut Kerstin Stratmann hat die Wärmepumpe die Gasheizung bei der Nachfrage bereits überholt. Milliardeninvestitionen in Produktionskapazitäten und eine beispiellose Schulungsoffensive im Handwerk tragen Früchte.
„Die Wärmepumpe wird viel häufiger empfohlen“, so Kerstin Stratmann. „Das Vertrauen in die Technologie sei da, weil sie schlicht die effizienteste Art der Wärmeerzeugung darstellt.“

Während die Politik mit den neuen Eckpunkten versucht, regulatorische „Aufreger“ zu glätten, bleibt das fundamentale Signal für Investoren und Hausbesitzer laut dem Fachverband Gebäudeenergie gleich: Die Förderung von bis zu 70 % bleibt wahrscheinlich stabil. Damit rückt die Wärmepumpe auch in der Anschaffung immer näher an fossile Systeme heran, während sie im Betrieb uneinholbar vorbeizieht.
„Der gesamte Industriezweig hat nach der Energiekrise und dem Wärmepumpengipfel mit Robert Habeck viel Geld in Produktionskapazitäten investiert und das Handwerk eine wahnsinnige Schulungsoffensive gestartet. Das trägt jetzt Früchte. Handwerker sind für viele Kunden die erste Anlaufstelle als Beratung.“
Soziale Schieflage im Blick
Kritisch sieht Kerstin Stratmann jedoch die Situation für Mieter. Da das GMG bisher keine ausreichenden Anreize für Vermieter vorsieht, auf die teure Grüngasquote und Biotreppe zu verzichten, könnten die Kosten einfach durchgereicht werden.
Hier fordert der Fachverband Gebäudeenergie Augenmaß, damit die Wärmewende nicht auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die keine Entscheidungsgewalt über ihren Heizungskeller haben. Letztlich bleibt der Appell von Kerstin Stratmann deutlich: Wer wirtschaftlich denkt, kommt an der elektrischen Lösung nicht mehr vorbei – ganz egal, wie die 65-Prozent-Regel im Gesetzestext nun heißt.
Hier geht es zum Klimalabor-Podcast mit Kerstin Stratmann. Hier der Begleittext bei ntv.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.