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Kipppunkt Amazonas: Wenn Wälder aufhören, das Klima zu schützen

Wie der Regenwald kippt – und was das für europäische Wälder bedeutet

Regenwälder galten lange als verlässliche Verbündete im Kampf gegen die Erderhitzung. Doch diese Erzählung bekommt Risse. Kommt nach dem Kipppunkt Korallenriffe rasch der Kipppunkt Amazonas dazu? Messungen zeigen, dass Teile des südöstlichen Amazonas inzwischen netto mehr CO₂ abgeben als aufnehmen. Auch Australiens tropische Regenwälder werden durch Stürme, Hitze und Trockenstress zeitweise zur Netto-Quelle. Aber was bedeutet das für die Waldgebiete bei uns in Europa?

Die unbequeme Wahrheit, die viel zu selten klar ausgesprochen wird: Nicht „Wald“ an sich ist die Kohlenstoffsenke – sondern ein intaktes Ökosystem, das Wasser, Temperatur und Bodenprozesse stabil hält. Genau diese Stabilität gerät ins Wanken. Und damit gerät auch eine bequeme Annahme ins Wanken, auf der viele Klimabilanzen stillschweigend aufgebaut sind.

Der Wald, der seinen eigenen Regen macht

Der Amazonas ist kein passiver Kohlenstoffspeicher, sondern ein aktives Klimasystem. Ein erheblicher Teil des Regens fällt dort mehrfach: Feuchtigkeit wird über Verdunstung in die Atmosphäre gebracht und später wieder als Niederschlag recycelt. Diese Wasserpumpe hält den Wald mit am Leben – und reicht weit über ihn hinaus.

Wenn Waldflächen verloren gehen, sinkt die Verdunstung, und das wirkt wie ein systemischer Leistungsabfall. Weniger Feuchte in der Luft, längere Trockenzeiten, höhere Brandwahrscheinlichkeit – eine Abwärtsspirale, die sich selbst antreibt. Entwaldung ist damit nicht nur „Fläche weg“, sondern ein Eingriff in die Infrastruktur, die den Wald überhaupt erst ermöglicht.

Wo der Kipppunkt Amazonas diskutiert wird

In der Fachliteratur taucht seit Jahren eine kritische Größenordnung auf: Wenn Entwaldung und Degradation in Richtung 20 bis 25 Prozent kumulieren, steigt das Risiko, dass Teile des Systems in einen savannenähnlichen Zustand kippen. Das ist keine punktgenaue Vorhersage, sondern eine Risikomarke – abhängig von regionalen Mustern, Feuerregimen und dem globalen Erwärmungsniveau.

Dass es nicht nur Modellkurven sind, zeigen Beobachtungsdaten: In besonders gestressten Regionen werden bereits Verschiebungen in Richtung Netto-Emissionen gemessen. Der Amazonas wäre damit einer der großen Kipppunkt-Kandidaten im Erdsystem – so wie Korallenriffe zeigen, wie abrupt Funktionen kollabieren können, wenn Schwellen überschritten werden.

Warum Bäume bei Hitze aufhören zu arbeiten

Die Fotosynthese hat Temperatur- und Wassergrenzen, und Bäume reagieren darauf mit einem Schutzmechanismus. Bei Hitze und Trockenheit schließen Pflanzen ihre Spaltöffnungen – die sogenannten Stomata –, um Wasserverlust zu begrenzen. Das Problem: CO₂ gelangt über dieselben Öffnungen ins Blatt, also bricht die CO₂-Aufnahme mit ein.

Zusätzlich fällt ein Teil der Kühlung weg, die über Verdunstung funktioniert. Der Stress verstärkt sich selbst: weniger Aufnahme, weniger Kühlung, mehr Hitze, noch weniger Aufnahme. Das ist der biophysikalische Kern hinter den „Wald wird zur Quelle“-Beobachtungen – keine Panikmache, sondern Pflanzenphysiologie.

Die Wissenschaftskommunikatorin Aerri hat diesen Mechanismus kürzlich anschaulich erklärt: Die Pflanze muss sich entscheiden zwischen Wasser halten und CO₂ aufnehmen. Bei Hitze und Trockenheit gewinnt das Wasser – und die Senkenfunktion schrumpft.

Auch die Wissenschafts-Youtuberin Aerri beschäftigt sich mit dem Kipppunkt Amazonas und blickt auf Europas Wälder.

Das meiste CO₂ steckt nicht im Holz, sondern im Boden

Wenn von Wald als Kohlenstoffspeicher die Rede ist, denken die meisten an Stämme und Kronen. In Wirklichkeit ist der Boden oft der größere Pool: Humus, Feinwurzeln und Pilznetzwerke binden gewaltige Mengen organischen Kohlenstoffs. In österreichischen Wäldern liegt ein erheblicher Anteil des gesamten Kohlenstoffvorrats unter der Erde.

Das erklärt, warum Waldsterben doppelt wirkt. Es reduziert nicht nur die Aufnahme, sondern destabilisiert gleichzeitig die unterirdischen Speicher. Trocknet der Boden aus oder stirbt der Wald, beschleunigen Mikroorganismen den Abbau – und der Boden gibt frei, was er über Jahrzehnte gebunden hat.

Europa: Wenn die Senke kippt, kippt die Klimaplanung

Die Dürre 2022 war ein Schocktest für Europas Wälder. Der Kontinent hat in diesem Jahr je nach Studie zig Millionen Tonnen Kohlenstoff weniger gebunden als in einem normalen Jahr – ein Einbruch, der zeigt, wie schnell Senkenleistung volatil werden kann.

Noch härter ist die Botschaft aus den Inventaren: In Deutschland hat sich der Landnutzungs- und Forstsektor von einer Senke in Richtung Netto-Quelle bewegt. Das Umweltbundesamt weist für 2023 netto plus 69 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente aus – wohlgemerkt plus, nicht minus. In den 1990er Jahren speicherte der deutsche Wald netto noch Größenordnungen um 70 Millionen Tonnen pro Jahr.

Auch Finnland, lange als Waldsenken-Land wahrgenommen, meldet ein Einbrechen der Senkenfunktion. Die Wälder, auf die europäische Klimapolitik als Puffer zählt, erfüllen diese Funktion immer weniger. Das ist kein Randproblem, sondern ein Loch in der Klimabilanz.

Welche Bäume werden bleiben, welche verschwinden

Neue Modellierungen zeigen, dass Buche und Fichte in großen Teilen des mitteleuropäischen Tieflands bis 2100 aus ihrem klimatischen Optimum gedrängt werden. Die Bedingungen ähneln dann eher einem mediterranen Klima – heißer, trockener, mit anderen Niederschlagsmustern.

Das ist keine ferne Zukunft: Bereits heute sterben Fichtenbestände großflächig ab, geschwächt durch Hitze und Trockenheit, dann überrollt von Borkenkäfern. Nachrücken werden trockenheitsresistentere Arten – Eichen, Kiefern, vielleicht Bäume, die wir heute eher aus Südfrankreich kennen. Das Problem: Bäume wachsen nicht auf Knopfdruck, und Waldumbau dauert Jahrzehnte, während Klimaextreme sich in Jahren verschärfen.

Warum „Bäume pflanzen“ allein nicht reicht

Aufforstung klingt politisch gut, ist aber klimatisch nicht automatisch wirksam. Junge Bestände binden anfangs wenig, während alte Wälder und ihre Böden die großen Vorräte tragen – und genau diese Vorräte sind durch Hitze, Trockenheit, Feuer und Schädlinge gefährdet. Wer nur pflanzt, aber die Ökosystemfunktion nicht stabilisiert, verschiebt das Problem.

Wirksamer ist eine dreiteilige Strategie: intakte Wälder schützen, degradierte Wälder stabilisieren, Nutzwälder so umbauen, dass sie Stress besser überstehen. Das ist weniger Romantik, mehr Risikomanagement. Und es ersetzt nicht den Haupthebel: Ohne sinkende Emissionen wird die Belastung der Ökosysteme weiter steigen, egal wie viele Pflanzkampagnen starten.

Fazit: Die Mechanismen sind bekannt, die Zeit läuft

Bei Korallenriffen zeigt die Forschung seit Jahren, wie abrupt Systeme kollabieren können, wenn Belastungen Schwellen überschreiten. Bei 1,5 Grad Erwärmung werden sehr hohe Verluste erwartet, bei 2 Grad noch deutlich höhere. Das ist ein Muster, kein Einzelfall.

Beim Amazonas geht es um Wasser, Feuer, Landnutzung und Erwärmung – gekoppelte Prozesse, die sich gegenseitig antreiben können. Dass in Teilen bereits Netto-Emissionen gemessen werden, macht das Thema politisch und wirtschaftlich unmittelbar relevant. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Wälder „wichtig“ sind, sondern ob wir schnell genug handeln, um die Wälder zu schützen, die noch funktionieren – und die umzubauen, die es unter den neuen Klimabedingungen nicht mehr tun.

Wer heute noch behauptet, Kipppunkte seien „physikalisch umstritten“, steht damit im Widerspruch zur Evidenzlage in der Fachliteratur. Die Mechanismen sind beschrieben, die Trends sind messbar, und die Risiken sind längst nicht mehr theoretisch. Was fehlt, ist Geschwindigkeit – bei Emissionsminderung und beim Umbau der Ökosysteme, die uns bislang Zeit gekauft haben.

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