Kohle-Comeback durch Iran-Krise: Wie STEAG die fossile Panik nutzt

STEAG-Chef Reichel will Reservekraftwerke zurück am Markt. Uniper widerspricht. Und STEAGs eigene Tochter baut längst Batteriespeicher.

Das Kohle-Comeback hat wieder Konjunktur in Deutschland. Mitten in der Energiekrise durch den Krieg im Iran fordert Andreas Reichel, Chef von STEAG iqony, stillgelegte Kohlekraftwerke aus der Reserve zu holen und zurück an den Strommarkt zu bringen. Die Bundesregierung unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche prüft den Vorschlag ernsthaft, wie POLITICO und das Handelsblatt berichten. Es ist ein Déjà-vu. 2022, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, wurden Kohlekraftwerke reaktiviert, um Gas zu sparen. 2024 kehrte man zum ursprünglichen Ausstiegsplan zurück. Jetzt, 2026, soll dasselbe Drehbuch erneut abgespielt werden.

Doch diesmal liegt die Sache anders. Die Batteriespeicher-Branche boomt, Deutschlands installierte Großspeicherkapazität hat sich fast verdoppelt, und STEAGs eigene Tochtergesellschaft Iqony baut einen der größten Batteriespeicher Deutschlands. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Geht es bei der Forderung wirklich um Versorgungssicherheit, oder um das Geschäftsmodell eines Kohlebetreibers, der seine letzten profitablen Jahre sichern will?


6,7 Gigawatt Kohlereserve: Was STEAG wirklich will

Deutschland hält derzeit eine Kohlereserve von rund 6,7 Gigawatt vor. Das sind Kraftwerke, die eigentlich zur Stilllegung angemeldet sind, aber von der Bundesnetzagentur als systemrelevant eingestuft wurden. Sie dürfen nur eingesetzt werden, wenn das Stromnetz stabilisiert werden muss, nicht um am Markt Gewinne zu erzielen.

Genau das stört die Betreiber. „Reservekraftwerke sollten zur Abfederung von Preissteigerungen eingesetzt werden, zumindest vorübergehend“, sagte Reichel dem Handelsblatt. Er verweist auf eine Klausel im Koalitionsvertrag, die einen entsprechenden Mechanismus verspricht. Sein Argument: Wenn Kohlekraftwerke am Markt Strom produzieren, sinken die Großhandelspreise, weil weniger teures Gas verstromt werden muss.

Ein STEAG-Sprecher sagte gegenüber POLITICO, die 6,7 Gigawatt Kohlereserve könnten theoretisch rund 7 Millionen Haushalte mit Strom versorgen. An Tagen mit niedriger Erneuerbaren-Einspeisung könnten Reservekraftwerke die Strompreise um bis zu 60 Prozent senken. Die Anlagen seien innerhalb von 12 Stunden einsatzbereit.

Der Interessenkonflikt hinter der Forderung

Was STEAG nicht dazusagt: Im Reservemodus erhalten die Betreiber zwar eine Kostenerstattung, aber keinen Gewinn. Im Marktbetrieb hingegen verdienen sie an jedem Megawattstunde, die sie verkaufen. Der Unterschied zwischen „Systemrelevanz“ und „Marktbetrieb“ ist für STEAG kein technischer, sondern ein finanzieller.

Seit Januar 2024 gehört STEAG dem spanischen Infrastrukturinvestor Asterion Industrial Partners. Der neue Eigentümer hat sich nie ausdrücklich zur Kohleausstiegs-Selbstverpflichtung bis Mitte 2026 bekannt. Das Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) warnte schon im Oktober 2023, dass ein Private-Equity-Investor die Lebensdauer der Kohlekraftwerke maximieren würde, bis jedes einzelne zwangsweise stillgelegt wird.

Die STEAG Iqony Group betreibt an fünf Standorten in Nordrhein-Westfalen und im Saarland sechs Kohlekraftwerke mit sieben Blöcken. Mehrere Kraftwerke im Saarland werden nach Einschätzung der Bundesnetzagentur noch bis 2031 gebraucht. Das sind Anlagen, die zum Teil bald ihren 50. Geburtstag feiern. Technisch sind sie für Dauerbetrieb ausgelegt, nicht für das ständige Hoch- und Herunterfahren, das der Reservemodus erfordert.

Uniper widerspricht: Kohle-Comeback schadet der Investitionssicherheit

Nicht alle Energieunternehmen teilen STEAGs Analyse. Michael Lewis, Chef des Energieversorgers Uniper, widerspricht direkt. Eine Rückkehr der Reservekraftwerke an den Markt würde „Marktsignale schwächen und dringend benötigte Investitionssicherheit untergraben“, sagte Lewis. Das ist mehr als ein Branchenstreit. Es ist eine grundsätzlich andere Diagnose.

Denn wer heute Kohlekraftwerke ans Netz zurückholt, senkt zwar kurzfristig die Strompreise. Gleichzeitig aber zerstört er genau die Preissignale, die den Ausbau von Batteriespeichern und flexiblen Gaskraftwerken wirtschaftlich machen. Hohe Strompreise in Spitzenzeiten sind das Geschäftsmodell der Speicher: Sie kaufen billig ein, wenn Wind und Sonne viel liefern, und verkaufen teuer, wenn die Erneuerbaren-Einspeisung sinkt.

Wenn stattdessen Kohlekraftwerke diese Spitzen abfangen, rechnet sich der Speicherausbau nicht mehr. Das ist die Crux: Die kurzfristige Preissenkung durch Kohle verzögert den Aufbau genau jener Infrastruktur, die Deutschland langfristig von fossilen Preiskrisen unabhängig machen würde.

Batteriespeicher-Boom: Die Alternative steht bereit

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Ende 2025 waren in Deutschland 2,4 Gigawatt an Großbatteriespeichern installiert, mit 842 Megawatt Neuzubau allein im vergangenen Jahr. Das war fast eine Verdopplung gegenüber 2024. Die Energiekapazität wuchs auf 3,5 Gigawattstunden. In der Pipeline für 2026 und 2027 stecken weitere 5,6 Gigawatt an Projekten.

Insgesamt sind in Deutschland inzwischen rund 2,4 Millionen Batteriespeicher in Betrieb, davon die meisten als Heimspeicher in Kombination mit Photovoltaikanlagen. Die Gesamtspeicherkapazität liegt bei über 25 Gigawattstunden. Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) erwartet weiteres Wachstum, besonders bei Großspeichern der Megawattklasse, die sich 2025 mehr als verdoppelt haben.

Die Bundesnetzagentur prognostiziert bis 2037 einen Bestand von etwa 41 Gigawatt Batteriespeicherleistung. Das ist fast doppelt so viel, wie noch vor zwei Jahren erwartet wurde. Und eine Studie von Frontier Economics zeigt: Ohne Großbatteriespeicher müsste Deutschland bis 2030 zusätzlich 9 Gigawatt Gaskraftwerke bauen, um die Stromnachfrage zu decken. Speicher sind also keine Ergänzung, sie sind systemisch notwendig.

Die Ironie: STEAGs Tochter baut Deutschlands größten Batteriespeicher

Besonders pikant wird die Lage mit Blick auf STEAGs eigene Unternehmensstrategie. Die Tochtergesellschaft Iqony ist auf erneuerbare Energien, Speichertechnologie und Fernwärme spezialisiert. Am Standort Duisburg-Walsum baut Iqony den Batteriespeicher „Steady Green Energy“ mit rund 50 Megawatt Leistung und 200 Megawattstunden Kapazität. Der Speicher soll 2026 in Betrieb gehen und zählt zu den größten netzgekoppelten Batteriespeichern Deutschlands.

Die Deutsche Bahn hat sich frühzeitig 35 Megawatt der Speicherkapazität über ein Power Storage Agreement gesichert. Darüber hinaus betreibt Iqony bereits seit 2017 sechs Großbatterie-Systeme mit einer Gesamtleistung von 90 Megawatt für die Bereitstellung von Primärregelleistung. Am Standort Bergkamen plant die Gruppe zudem ein neues Gaskraftwerk.

STEAG weiß also aus eigener Erfahrung, dass Speicher funktionieren. Aber während die Iqony-Seite des Konzerns die Zukunft baut, versucht die Steag Power-Seite, die Vergangenheit zu verlängern. Das ist kein Widerspruch, das ist ein Geschäftsmodell: Aus beiden Welten so lange wie möglich Rendite ziehen.

Das fossile-Panik-Muster: Jede Krise als Hebel

Die Forderung nach einem Kohle-Comeback folgt einem Muster, das Cleanthinking als „fossile Panik“ bezeichnet. Jede Energiekrise wird von fossilen Akteuren als Hebel genutzt, um Ausnahmen vom Klimaschutz zu erzwingen. 2022, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, wurden Kohlekraftwerke reaktiviert. Damals hieß es: vorübergehend. 2024 kehrte man zum Ausstiegsplan zurück. Jetzt, mit der Iran-Krise, steht dieselbe Forderung wieder im Raum.

Jan Rosenow vom Environmental Change Institute der Universität Oxford beschreibt das Grundproblem präzise: Während einer Krise werden mutige Ideen diskutiert. Sobald die Krise vorbei ist, kehrt man zum Normalzustand zurück. Oder schlimmer noch: Es gibt Rückschritte. Genau das geschieht gerade in Deutschland. Das Heizungsgesetz, das 65 Prozent erneuerbare Energie für neue Heizungen vorschrieb, wurde Anfang März 2026 abgeschafft. Ironischerweise nur Tage, bevor die Iran-Angriffe begannen.

Auch Christian Seyfert, Chef des Verbands der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), springt auf den Zug auf. Bei hohen Gaspreisen und niedrigen Gasspeicherständen sei es „zunehmend fraglich, Gas zur Stromerzeugung zu verbrennen, wenn es Alternativen gibt“, sagte Seyfert. Was er nicht sagt: Die eigentliche Alternative wären Erneuerbare und Speicher, nicht Kohle.

Was bedeutet das für Verbraucher und Industrie?

Die Verbraucher stecken in einer Zwickmühle. Die Gaspreise in Europa sind seit Kriegsbeginn Ende Februar um 60 Prozent gestiegen. Diesel kostet in Deutschland über 2 Euro pro Liter. Der DAX hat deutlich nachgegeben. Die Forderung nach günstiger Kohleverstromung klingt da auf den ersten Blick vernünftig.

Doch die kurzfristige Erleichterung hat einen hohen Preis. Jedes Kohlekraftwerk, das ans Netz zurückkehrt, emittiert deutlich mehr CO₂ als Erdgas. Und es blockiert den Investitionsrahmen für Speicher und Erneuerbare. Die Studie von Frontier Economics zeigt, dass Großbatteriespeicher die Großhandelspreise im Durchschnitt um 1,1 Euro pro Megawattstunde senken, und zwar genau zu den Zeiten, in denen viel Strom verbraucht wird. Der Effekt ist also verbraucherfreundlicher als ein pauschal billiges Kohlekraftwerk.

Für die Industrie gilt dasselbe Muster. Wer heute in fossile Rückfalloptionen investiert, vertieft die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten. Die Denkfabrik Bruegel formuliert es unmissverständlich: Nur durch die Verringerung der strukturellen Abhängigkeit von Öl- und LNG-Importen kann Europa sich dauerhaft gegen wiederkehrende externe Schocks absichern. Kohle liefert das Gegenteil dieser Absicherung.

Europas Gasspeicher sind halb leer: Die wahre Verwundbarkeit

Die Dimension der aktuellen Krise ist enorm. Der Krieg im Iran hat rund 20 Prozent der globalen Ölversorgung und einen erheblichen Teil der LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus unterbrochen. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat die größte Freigabe von Notreserven in ihrer Geschichte angeordnet: 400 Millionen Barrel, mehr als das Doppelte der bisherigen Rekordfreigabe.

Europa startete in die Krise mit historisch niedrigen Gasspeicherständen. Ende Februar 2026 lagen die Füllstände bei nur 46 Milliarden Kubikmetern, verglichen mit 60 Milliarden im Vorjahr und 77 Milliarden 2024. Der niederländische TTF-Gasbenchmark hat sich seit Kriegsbeginn fast verdoppelt. Die Wirtschaftsinstitute warnen vor einer Stagflation, das Ifo-Institut sieht Deutschland in der Rezessionsgefahr.

In dieser Lage Kohlekraftwerke ans Netz zu holen, ist kein Krisenmanagement. Es ist Symptombekämpfung, die die Krankheit verschlimmert. Denn die Krankheit heißt: fossile Abhängigkeit. Und Kohle ist ein fossiler Brennstoff, der auf importierte Steinkohle angewiesen ist, die ebenfalls auf dem Weltmarkt gehandelt wird.

Das Wirtschaftsministerium zögert, aber hält die Tür offen

Das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche hat bislang keine Entscheidung getroffen. Es gebe „mehrere wirtschaftliche und rechtliche Erwägungen“, die noch geprüft werden müssten, darunter die Vereinbarkeit mit EU-Regeln. Das Ministerium selbst merkt an, dass die meisten Reservekraftwerke „relativ alt und ineffizient“ seien. Ein Monitoring-Bericht zum Fortschritt des Kohleausstiegs soll bis zum 15. August 2026 vorgelegt werden.

Gleichzeitig hat die Regierung am Donnerstag ein Paket von Kraftstoffmaßnahmen verabschiedet, das Preiserhöhungen abfedern soll. Reiche selbst sagte im Bundestag, das Paket könnte nicht ausreichen, wenn die Krise andauert. Weitere Hilfspakete könnten folgen. Zwischen den Zeilen heißt das: Die Tür für ein Kohle-Comeback steht offen.

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Das passt zur grundsätzlichen Ausrichtung der Reiche-Politik. Anfang dieser Woche sprach sich die Wirtschaftsministerin auf einer Ölkonferenz in Texas dafür aus, das EU-Netto-Null-Ziel zu lockern. Das Heizungsgesetz wurde abgeschafft. Die Anti-Erneuerbaren-Gesetze stehen in der Kritik. Die Muster fügen sich zu einem Bild: Fossile Panik als politisches Programm.

Kohle-Comeback löst kein Problem

STEAG nutzt die Iran-Krise, um ein Geschäftsmodell zu verlängern, das nach eigener früherer Planung Mitte 2026 enden sollte. Der neue Private-Equity-Eigentümer Asterion hat offensichtlich andere Pläne. Was als „Versorgungssicherheit“ verkauft wird, ist in Wahrheit der Versuch, aus alten Kohlekraftwerken noch einmal Gewinn zu schlagen, bevor sie endgültig vom Netz müssen.

Die Alternative ist längst da. 2,4 Gigawatt Großbatteriespeicher sind installiert, 5,6 Gigawatt in der Pipeline. STEAGs eigene Tochter Iqony baut den 50-Megawatt-Speicher in Duisburg-Walsum. Die Technologie funktioniert, die Kosten sinken, die Branche wächst zweistellig. Was fehlt, ist nicht Kapazität, sondern politischer Wille, den Ausbau zu beschleunigen statt ihn durch fossile Rückfalloptionen zu untergraben.

Jede Megawattstunde Kohle, die heute ans Netz zurückkehrt, schwächt die Preissignale für Speicher und verlängert die Abhängigkeit von fossilen Weltmärkten. Die eigentliche Lehre der Iran-Krise ist nicht, dass Deutschland mehr Kohle braucht. Die Lehre ist, dass jedes Solarpanel, jeder Batteriespeicher und jede Wärmepumpe ein Stück Souveränität bedeutet, das kein Krieg und kein Ölscheich wegnehmen kann.

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