Das LNG-Schiff Ernergos Power / Deutsche ReGas/Christian Morgenstern
Nord-Stream-Wende: Putins Gas-Knoten hilft jetzt der Ukraine
Über das LNG-Terminal von Deutsche ReGas in Mukran fließt US-Gas via Lubmin ins europäische Netz – und weiter nach Kiew.
Bis heute ist die angebliche Gasmangellage im Winter 2026 ein bestimmendes Thema in sozialen Medien und bei rechten Nachrichtenportalen. Die Gasspeicher seien bedenklich leer, Deutschland stehe vor einem Versorgungsproblem, die Energiewende habe versagt. Die Forderung: Nur die Eröffnung der unzerstörten Nord-Stream-Pipeline und der Gasbezug von Putin könne das noch verhindern. Doch nun die Nord-Stream-Wende: Putins Gas-Knoten in Lubmin hilft jetzt der Ukraine.
Wie die Bild-Zeitung heute Abend berichtet, hat sich die ukrainische Naftogaz-Gruppe die Lieferung von US-amerikanischem Flüssigerdgas über das Terminal der Deutschen ReGas in Mukran auf Rügen gesichert. Das LNG wird per Schiff aus den USA bezogen und in Mukran regasifiziert. Von dort fließt es per Pipeline nach Lubmin.
Lubmin – der Name dürfte klingen. Von 2011 bis 2022 war es der Anlandepunkt von Nord-Stream 1 und 2. Putins Gas-Knoten. Jetzt die Nord-Stream-Wende – wie BILD zuspitzt:
„Heißt: Nordstream-Infrastruktur könnte FÜR die Ukraine genutzt werden!“
Technisch bedeutet das nicht, dass Gas durch die Nord-Stream-Röhren zurückgepumpt wird. Vielmehr wird die in Lubmin gebündelte Netzinfrastruktur heute als Teil eines diversifizierten europäischen Gasnetzes genutzt – und pumpt regasifiziertes LNG über Polen in Richtung Kiew.
Naftogaz-Vorstand Sergeji Koretskyi bestätigt: Das Gas ist geflossen. Dieser Winter sei der schwierigste seit Kriegsbeginn – wegen der ständigen Zerstörung der Gasinfrastruktur durch russische Angriffe und der extremen Kälte. Deshalb brauche die Ukraine unterschiedliche Quellen und Routen.
Dieser Winter ist für die Ukraine der schwierigste seit Kriegsbeginn. Russland bombardiert die Energieinfrastruktur des Landes seit drei Jahren systematisch mit Raketen und Drohnen. Millionen Menschen sind bei extremer Kälte ohne verlässliche Wärmeversorgung.
Ingo Wagner, Chef der Deutschen ReGas, sagt dazu: „Wir sind besonders stolz darauf, als einziges privat finanziertes und betriebenes LNG-Terminal in Deutschland einen direkten Beitrag zur Energiesicherheit der Ukraine zu leisten.“
Über das konkrete Volumen der Lieferungen und die Vertragsstruktur ist bisher nichts bekannt. Ob es sich um Spot-Mengen oder strukturelle Lieferverträge handelt, bleibt offen.
LNG-Importe verdreifacht
Geht Deutschland jetzt das Gas aus? Die täglichen LNG-Importe liegen aktuell bei durchschnittlich 224 Gigawattstunden pro Tag. Im Vorjahr waren es 79,7 GWh pro Tag – nicht einmal ein Drittel des heutigen Werts. Die konventionellen Gasspeicher leeren sich zwar planmäßig zum Winterende und die Füllstände sind historisch niedrig – aber die LNG-Kapazitäten sichern die Versorgung.
Allein über Mukran werden seit Ende vergangener Woche 167 Gigawattstunden pro Tag ins Netz eingespeist. Das Erdgas stammt von TotalEnergies und wurde per Tanker aus dem US-Hafen Lake Charles angeliefert.
Die Bundesnetzagentur sieht keinen Grund zur Sorge. Es komme weiterhin genug Gas über Pipelines und LNG-Terminals in Deutschland an. Das Bundeswirtschaftsministerium teilt diese Einschätzung. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, hatte bereits am 12. Januar erklärt, die Gasversorgung sei stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet.
Rügen: Vom Protestziel zum Solidaritätsinstrument
Gegen das LNG-Terminal in Mukran hatte es erheblichen lokalen Widerstand gegeben. Die Kritik kam von verschiedenen Seiten – Umweltschützer sorgten sich um die Ostsee, Anwohner um den Tourismus. Aber die Debatte wurde auch von Akteuren befeuert, die grundsätzlich gegen LNG-Infrastruktur argumentierten – oft mit dem Hintergedanken, dass günstigeres russisches Pipeline-Gas die bessere Alternative sei.
Das Terminal zeigt jetzt seinen strategischen Wert: Es sichert nicht nur die deutsche Versorgung, sondern ermöglicht Solidarität mit einem angegriffenen Nachbarn. Energiesouveränität bedeutet eben nicht nur, selbst versorgt zu sein. Sie bedeutet auch, handlungsfähig zu sein, wenn andere Hilfe brauchen.
Dass die Lieferungen überhaupt anliefen, war nicht selbstverständlich: Zwei Wochen lang blockierte Eis den Hafen Mukran. Erst das Mehrzweckschiff „Mellum“ brach dem LNG-Tanker „Minerva Amorgos“ den Weg frei.
Laut Naftogaz sollen die Lieferungen ausgebaut werden. Die neue Route eröffne eine zuverlässige Importmöglichkeit für das gesamte Jahr 2026.
Diversifizierung ist keine Ideologie
Wer bis heute die Wiedereröffnung russischer Pipelines fordert, muss sich fragen lassen: Woher sollte das Gas für die Ukraine kommen, wenn Deutschland von Moskaus Lieferwillen abhinge? Wer Gas von einem Aggressor kaufen will, kann schlecht gleichzeitig dessen Opfern helfen.
Die Nordstream-Infrastruktur wurde zum Symbol deutscher Abhängigkeit von Russland. Dass dieselbe Netzinfrastruktur jetzt dazu beiträgt, die Ukraine durch den härtesten Kriegswinter zu bringen, zeigt den Wert von Diversifizierung – und entlarvt das Narrativ der Gasmangellage als das, was es ist: fossile Panikmache ohne Substanz.
Eines muss dabei klar bleiben: LNG ist fossil, teurer als Pipeline-Gas und globalen Preisschwankungen ausgesetzt. Diversifizierung erhöht die Resilienz, ersetzt aber keine Dekarbonisierung. Die strukturelle Antwort auf Energieabhängigkeit – ob von Russland oder von LNG-Märkten – bleibt der Ausbau erneuerbarer Energien sowie von Electrotech wie Wärmepumpen und E-Autos.
Oder kürzer: Die beste Antwort auf die erfundene Gasmangellage ist ein LNG-Terminal, das genug Gas liefert – für Deutschland und die Ukraine. Die beste Antwort auf fossile Abhängigkeit insgesamt sind Wind und Sonne.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.