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VW, Mercedes und Porsche: Das hausgemachte Scheitern
Von wegen „Öko-Scheiß“: Die Abrechnung mit der fossilen Arroganz von Poschardt, Söder & Co.
Es ist dieser eine Moment im Jahr 2007, der rückblickend wie ein Brennglas auf das heutige Desaster der deutschen Automobilindustrie wirkt. Mario Buchinger, Physiker und Transformationsexperte, reicht einen Verbesserungsvorschlag bei Daimler ein. Es geht um die Zukunft des Elektroautos. Die Antwort, die er erhält, ist so kurz wie entlarvend: Er möge das Unternehmen bitte mit diesem „Öko-Scheiß“ in Ruhe lassen.
Fast zwei Jahrzehnte später ist dieser „Öko-Scheiß“ zur Existenzfrage geworden. Buchinger, der heute Unternehmen weltweit bei genau dieser Transformation berät, sieht sich in seiner düstersten Prognose bestätigt. Sein Urteil über die aktuelle Lage ist ebenso präzise wie vernichtend:
„Die deutschen Autohersteller sind gerade einfach nicht sexy. Sie sind technisch überholt und haben im alten Saft geschmort, während die Welt an ihnen vorbeigefahren ist. Das ist kein Schicksal, das ist hausgemachtes Versagen der unfähigen Automanager, die über Jahre versucht haben, ihren alten Mist weiterzuverkaufen.“
Die Schlagzeilen geben ihm recht: Volkswagen plant den Abbau von 50.000 Stellen, Mercedes-Benz kämpft mit massiven Einbrüchen und das Ergebnis bei Porsche ist fast vollständig kollabiert. Doch wer jetzt von einem plötzlichen Schock spricht, ignoriert die Geschichte eines angekündigten Niedergangs.
Das Innovator’s Dilemma im Endstadium
Warum haben die Konzerne trotz ihrer Ingenieursmacht den Anschluss verloren? Die Antwort liegt im klassischen Innovator’s Dilemma nach Clayton Christensen. Es beschreibt das tragische Muster, bei dem etablierte Marktführer so sehr damit beschäftigt sind, ihre profitablen alten Produkte (den Verbrenner) zu pflegen, dass sie radikale Innovationen (das E-Auto) als minderwertig oder „Öko-Spinnerei“ abtun – bis es zu spät ist.
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VW, Mercedes und Porsche hingen an den fetten Margen ihrer alten Welt. Während sie ihre Effizienz im Gestern perfektionierten, haben Tesla und BYD die Spielregeln von morgen geschrieben. Die Quittung folgt nun gnadenlos: Volkswagen plant den Abbau von 50.000 Stellen, Mercedes-Benz kämpft mit massiven Einbrüchen und das Ergebnis bei Porsche ist fast vollständig kollabiert.
Der Offenbarungseid des Oliver Blume
Konzernchefs sind nicht in jeder Lebenslage für Selbstkritik bekannt. Doch wenn der Chef von Volkswagen sagt, sein Geschäftsmodell sei kaputt, sollte man genau hinhören. Anlässlich der erwartbar mauen Jahreszahlen ließ Oliver Blume die Bombe platzen: Das Modell, das VW und die gesamte Branche über Jahrzehnte getragen habe, funktioniere in dieser Welt nicht mehr.
Wenn der Spitzenmanager des größten Industriekonzerns Europas dies offen ausspricht, ist das mehr als eine Diagnose – es ist ein industriepolitischer Warnschuss, der die Ignoranz der letzten 20 Jahre besiegelt. Buchinger ergänzt:
„Man hat die chinesischen Produkte als ‚Reisschüsseln‘ belächelt, genau wie man Tesla belächelt hat. Jetzt ist man plötzlich überrascht, dabei war das Scheitern mit Ansage geplant.“
Die Mahner, die recht behielten: Habeck und Özdemir
Dieser Warnschuss kam für viele nicht überraschend. Einer, der die Zeichen der Zeit glasklar benannte, war Robert Habeck. Bereits 2019 warnte er die VW-Spitze: Wer 2025 kein günstiges, bezahlbares Elektroauto im Portfolio hat, wird am Markt scheitern. Habeck sah kommen, was Blume heute zugibt.
Ergänzt wurde diese Warnung immer wieder durch Cem Özdemir, der das technologische Zielbild skizzierte: Das Auto der Zukunft ist kein dröhnender Verbrenner mehr, sondern ein hochvernetztes, autonom fahrendes „Gadget auf Rädern“. Während man in Deutschland noch den Diesel rettete, bauten Tesla und Xiaomi genau diese rollenden Computer.
Das Söder-Narrativ: Die Täter-Opfer-Umkehr
Doch genau hier setzt ein gefährliches Narrativ an, das aus den Ecken der politischen Talkshows kriecht. Markus Söder schimpfte erst kürzlich im ntv Frühstart über eine „einseitige ideologische Entscheidung“ gegen den Verbrenner. Er träumt vom „Hightech-Verbrenner“ und fordert eine Rückkehr zur alten Welt.
Das Narrativ ist perfide: Die Grünen – und insbesondere Leute wie Habeck und Özdemir – sollen nun schuld an der Misere sein. Söder flüchtet sich in Visionen von kleinen Atomreaktoren (SMRs), die industriell gar nicht existieren. Buchinger entlarvt das als das Gegenteil von Technologieoffenheit: „Merz, Söder und Spahn sind in Wahrheit technologiefeindlich. Sie möchten die alte sterbende Technologie bewahren und verachten die Zukunft als grüne Ideologie.“
Die „Springer-Brigaden“ und der Porsche-Ulf-Faktor
Flankiert wird dieses politische Ablenkungsmanöver von den „Springer-Brigaden“. Protagonisten wie Ulf Poschardt („Porsche-Ulf“) nutzen Kampfbegriffe wie „Ökostalinisten“, um von der technologischen Unfähigkeit der Branche abzulenken. Auf LinkedIn goss Poschardt seine Verachtung kürzlich in Worte, die tief blicken lassen:
„Beim Verbrenneraus wie jetzt bei der Atomkraft: die ÖkoStalinisten im Deutschlandfunk und den anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ignorieren einfach so lange die Realität, bis auch ihre Löhne nicht mehr gezahlt werden können. Darauf freue ich mich fast schon.“
Buchinger sieht darin ein gefährliches Muster: Wer keine Argumente hat, braucht Feindbilder. Portale wie das umstrittene „Apollo News“ liefern dazu die passenden Schein-Analysen. Sie behaupten, BYD dominierte nur wegen niedriger Energiekosten. Das ist Bullshit. Fakt ist: Die deutschen Hersteller erhalten in China die gleichen Subventionen – sie haben nur keine Produkte mehr, die dort jemand will.
NIUS und die brandgefährliche Masche
In die gleiche Kerbe schlägt „NIUS live“. Pauline Voss gibt dort konsequent den Grünen die Schuld. Die Masche: Man nimmt einen realen Fakt – den Gewinneinbruch bei VW –, bauscht ihn emotional auf und interpretiert ihn als „grünes Versagen“.
Mehr dazu auch hier bei Facebook.
Der Zuschauer glaubt, er sähe Nachrichten, bekommt aber ideologische Dauerbeschallung. Wenn Julian Reichelt dann Politiker wie Manuel Hagel attackiert, weil diese nicht mit NIUS reden, zeigt das die Aggressivität dieser Kampagnen.
Es geht um die Diskreditierung derer, die Fakten vor Ideologie stellen.
Fazit: Arroganz und Öko-Scheiß
Mario Buchinger bringt es auf den Punkt:
„Das zeugt von einem ganz miesen Charakter. Es ist wie der Alkoholiker, der kurz vor der Leberzirrhose steht und der Ärztin die Schuld gibt, die ihn jahrelang gewarnt hat. Diese Leute benehmen sich wie pubertäre Kinder – nur in gefährlich. Sie geben denen die Schuld, die immer davor gewarnt haben.“
Die Rettung liegt nicht in Söders Verbrenner-Träumen, sondern in Projekten wie der PowerCo in Salzgitter. VW begreift endlich, dass man die Wertschöpfung der Batterie nicht den Chinesen überlassen darf. Skoda und die kleineren Modelle sind heute die Gewinnbringer, während Porsche massiv Federn lässt. Der „Öko-Scheiß“ zieht davon.
Die Geschichte schließt sich: Was 2007 bei Daimler als „Öko-Scheiß“ abgetan wurde, ist heute die einzige Technologie, die den Industriestandort Deutschland noch retten könnte. Wer weiterhin auf die Desinformation von Poschardt, Söder und NIUS hört, wird den Aufprall an der Leitplanke nicht verhindern können. Die Warner hatten recht. Es wird Zeit, dass man ihnen endlich zuhört.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
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Oder aber die Produktion ist in Deutschland einfach zu teuer wegen der hohen Energie- und Lohnkosten.
Die Industrie wandert schon seit 2017 ab. Der Produktionsindex sinkt seither.
Lobbyistischer Blödsinn in Reinform!!
Hallo Hondo,
können Sie das bitte etwas ausformulieren? Mir ist nicht klar, was „lobbyistischer Blödsinn“ sein soll.
Danke, Martin Jendrischik