Super El Niño 2026: Wenn die Natur das fossile Casino sprengt

Super El Niño 2026

Unter dem Pazifik rollt eine Warmwasserwelle heran. Sie trifft auf eine Welt, die gerade dabei ist, den Klimaschutz zurückzudrehen. Warum der drohende Super El Niño nicht nur ein Wetterphänomen ist, sondern eine Abrechnung mit fossiler Abhängigkeit.

In 100 bis 250 Metern Tiefe, unsichtbar für Satelliten und Schlagzeilen, schiebt sich gerade eine der mächtigsten Kräfte des Klimasystems nach Osten. Im westlichen Pazifik hat sich ein riesiger Pool anomal warmen Wassers angesammelt. „Diese sogenannte Kelvinwelle breitet sich nach Osten aus und wird dann als Wärmeanomalie zutage treten“, erklärt der Meteorologe Andrej Flis von der Plattform Severe Weather Europe. Was Flis beschreibt, ist der Countdown zu einem Ereignis, das die Welt zuletzt 2015/16 erlebt hat: einem Super El Niño 2026.


Die US-Klimabehörde NOAA schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass El Niño bereits im August eintritt, inzwischen auf rund 80 Prozent. Noch Mitte Februar lag die Prognose bei 60 Prozent für den Herbst. Die Entwicklung beschleunigt sich schneller als erwartet. Ob der El Niño die Schwelle zum „Super“ überschreitet, bei der die pazifischen Meerestemperaturen über längere Zeit mehr als zwei Grad über dem Durchschnitt liegen, werden die kommenden Monate zeigen.

NOAA selbst gibt die Wahrscheinlichkeit für ein extremes Ereignis mit rund 13 Prozent an. Europäische Klimamodelle sehen sie doppelt so hoch.

Super El Nino Wahrscheinlichkeit laut NOAA - Februar 2026
ENSO-Prognose der US-Klimabehörde NOAA vom Februar 2026. Neuere Prognosen sehen die El-Niño-Wahrscheinlichkeit noch höher. Quelle: NOAA/CPC

Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, der bereits den Super El Niño von 1997 vorausgesagt hat, findet deutliche Worte: „Der Revolver ist geladen.“ In diesem Jahr entwickle sich alles wie nach Lehrbuch. Die charakteristischen Schübe von Westwinden im Westpazifik, die den Passat ausbremsen, seien bereits messbar, vor der Küste Perus steigen die Meerestemperaturen.

Laut NOAA besteht eine Wahrscheinlichkeit von eins zu drei, dass der kommende El Niño mindestens so stark wird wie jener von 2023/24, der die globalen Temperaturen erstmals über die 1,5-Grad-Schwelle trieb. Schon Anfang Februar registrierte das australische Bureau of Meteorology starke westliche Windanomalien im Pazifik und eine Erwärmung unter der Oberfläche. Die Signale waren da. Die Welt hat nur nicht hingeschaut.

Was ein Super El Niño 2026 anrichtet

Einen sogenannten Super El Niño gab es erst zweimal in den letzten 30 Jahren. 1997/98 führte er zu einer Jahrhundertdürre in Australien, Überschwemmungen in Kalifornien und Tropenstürmen in Hawaii. Experten bezifferten die Gesamtschäden für die Weltwirtschaft im Nachhinein auf 5.700 Milliarden Dollar.

2015/16 wiederholte sich das Muster. Extreme Niederschläge in Südamerika, verheerende Dürren in Südostasien, globale Temperaturrekorde. In Indonesien nutzten Palmöl-Bauern die Trockenheit, um Regenwald im großen Stil zu roden. Auf Satellitenbildern waren Tausende kleine Feuer zu erkennen. Und jedes Mal dauerte es Jahre, bis sich die betroffenen Regionen wirtschaftlich erholten.

Der wirtschaftliche Schaden geht dabei weit über die unmittelbar betroffenen Regionen hinaus. Ernteausfälle in Südamerika und Südostasien treiben Nahrungsmittelpreise weltweit in die Höhe. Gestörte Lieferketten für Rohstoffe wie Palmöl, Soja und Reis erreichen Europa mit Verzögerung, aber mit voller Wucht. Der indirekte Effekt, warnt Matei, werde in Europa oft früher sichtbar als ein klares Wettersignal.

Der Mechanismus dahinter ist im Kern simpel: Bei einem El Niño schwächen sich die westwärts blasenden Passatwinde ab. Kaltes Tiefenwasser kann nicht mehr wie gewohnt vor der Küste Südamerikas aufsteigen. Die Wärme staut sich, die Meeresoberflächentemperatur steigt, die Verdunstung nimmt zu. Eine so intensive Erwärmung des tropischen Pazifiks könne den Jetstream grundlegend ändern und einen Domino-Effekt verursachen, der sich auf Nordamerika, Europa und den Rest der Erde auswirke, warnt Meteorologe Flis.

Daniela Matei, die am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie die Wechselwirkung der Ozeane mit dem Klima modelliert, richtet den Blick bereits auf die Folgen: „Wenn der angekündigte El Niño kommt, und insbesondere wenn er zum Super El Niño heranwächst, dann wird 2027 ein Jahr der Rekorde werden.“ In Australien drohe dann schwere Dürre, Peru und Mexiko müssten sich auf Sturzregen einstellen, die Pazifikstaaten auf eine Häufung von Taifunen.

Und Europa? Tim Hempel, der sich beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach mit saisonaler Wettervorhersage befasst, rechnet im Fall eines ausgeprägten El Niños mit Fernwirkungen im Spätwinter 2027: starke arktische Kälteeinbrüche, ausgelöst durch atmosphärische Wellen, die sich mit Verzögerung bis nach Mitteleuropa ausbreiten. Im Sommer zuvor könnten Teile Südeuropas dagegen unter extremer Hitzebelastung leiden.

Klimaforscher Karsten Haustein von der Universität Leipzig mahnt allerdings zur Differenzierung: „Es ist durchaus möglich, dass wir einen starken El Niño bekommen, aber trotzdem einen schwachen Sommer bei uns.“ Die Nordatlantische Oszillation sei für das europäische Wetter bestimmender. Europa spürt die Folgen vor allem indirekt: über steigende Nahrungsmittelpreise, gestörte Lieferketten und die globale Energiepreis-Dynamik.

Verstärker auf aufgeheizter Grundlinie

Was den drohenden Super El Niño 2026 von seinen Vorgängern unterscheidet, ist nicht das Phänomen selbst. Es ist die Welt, auf die er trifft.

Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London bringt es auf den Punkt: Ein starker El Niño treffe heute auf eine Erde, die durch Treibhausgase bereits deutlich wärmer sei als bei früheren Ereignissen. El Niño werde die Auswirkungen des Klimawandels weiter verschärfen, mit heißeren Hitzewellen, schwereren Dürren und extremeren Waldbränden. Das Phänomen sei ein natürlicher Verstärker auf einer bereits aufgeheizten Grundlinie.

Das bedeutet: Die fossile Verbrennung heizt nicht nur die Grundlinie auf, sie erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass natürliche Klimaereignisse extremer ausfallen. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der mit jedem weiteren Jahr ohne konsequenten Klimaschutz an Wucht gewinnt.

Und während sich der Kreislauf beschleunigt, wird der Katastrophenschutz zurückgebaut. In den USA hat die Trump-Administration Tausende Mitarbeiter der Katastrophenschutzbehörde FEMA entlassen, die US-Entwicklungsagentur aufgelöst, die humanitäre Hilfe in katastrophengeplagte Länder schickte. In Deutschland schwächt Wirtschaftsministerin Reiche die Ausbau-Ziele für Erneuerbare, während sie Langfristverträge für fossile Importe verhandelt. Der El Niño baut sich auf, und die Institutionen, die seine Folgen abfedern sollen, werden gleichzeitig geschwächt.

Aus der Wellenbewegung des stetigen Auf und Ab der globalen Temperaturen wird bei einem fortschreitenden Erwärmungstrend eine Treppe. Mit jedem El Niño erklimmt die Erderwärmung eine weitere Stufe, weil das Klimasystem die freigesetzte Wärme nicht abbauen kann, bevor das nächste Ereignis die Grundlinie erneut anhebt. 2023 sprang die globale Durchschnittstemperatur auf rund 1,5 Grad über dem vorindustriellen Mittel.

„Es ist durchaus denkbar, dass wir 2027 1,7 oder 1,8 Grad Celsius erreichen werden“, warnt Haustein. „Jeder El Niño bedeutet, dass dann mehr Energie im System ist, die für Extremwetterereignisse zur Verfügung steht.“

Latif geht noch weiter. Für ihn ist die Frage, ob sich das 1,5-Grad-Ziel einhalten lässt, längst entschieden.

Die Rechnung des fossilen Systems

Und genau hier verlässt die Geschichte das Terrain der Meteorologie. Denn der Super El Niño 2026 ist nicht nur ein Klima- oder Wetterereignis. Er ist ein Stresstest für ein Energiesystem, das auf fossilen Abhängigkeiten gebaut ist.

Die Lage im Frühjahr 2026: Die Straße von Hormus ist durch den Iran-Konflikt bedroht. Gaspreise steigen auf dem Weltmarkt. Diesel kostet über 2,30 Euro. Wirtschaftsministerin Reiche verhandelt über Langfristverträge für fossile Importe. Und jetzt kündigt sich ein Klimaereignis an, das Rekordsommer und Extremwetter bringen könnte.

Wer in diesem Szenario mit Gas heizt, zahlt doppelt: im Winter die fossile Preiskrise, im Sommer die Klimaanlage gegen die Rekordhitze. Wer eine Wärmepumpe mit Sommerkühlung betreibt, sitzt beides durch. Moderne Wärmepumpen können ihren Kreislauf umkehren und im Sommer kühlen statt heizen. In Skandinavien ist das Standard, in Deutschland hat es sich kaum herumgesprochen. Ein Super El Niño 2026 könnte das ändern.

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Solar, Wind und Batterien haben keine Lieferkette, die durch eine Meerenge passt. Ihr Preis wird nicht von Autokraten bestimmt, nicht von Spekulanten, nicht von Kriegen. Wenn der Super El Niño 2026 kommt, wird er nicht unterscheiden zwischen Klimaskeptikern und Klimaschützern. Aber er wird unterscheiden zwischen fossiler Abhängigkeit und erneuerbarer Resilienz.

Noch ist nicht sicher, ob aus der Kelvinwelle tatsächlich ein Super El Niño 2026 wird. NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit auf 13 Prozent. Das ist weniger als die 17 Prozent, dass überhaupt kein nennenswerter El Niño eintritt. Von den letzten zehn Episoden seit 1990 waren lediglich drei sehr stark.

„Rechenleistung ist gut, aber sie ist nicht alles“, sagt Latif. „Irgendetwas fehlt uns noch.“ Allerdings spricht NOAA-Meteorologe Nathaniel Johnson von „ungewöhnlich hoher Zuversicht“, dass El Niño kommt. Und Tim Stockdale vom europäischen Wetterzentrum ECMWF betont: Praktisch alle Klimamodelle weisen in dieselbe Richtung.

Ob Super oder „nur“ stark: Die Kelvinwelle kommt. Die Frage ist nicht, ob wir sie aufhalten können. Die Frage ist, ob wir vorbereitet sind.

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Quelle Der SPIEGEL tagesschau Washington Post
Über Spektrum der Wissenschaft Süddeutsche Zeitung New York Times
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