Das Panik-Orchester spielt auf: NIUS, Apollo News und YouTube-Kanäle warnen vor der Gasmangellage (KI)
Droht Deutschland wirklich eine Gasmangellage 2026?
Gasmangel: NIUS, Apollo, Oli & die Günther-Debatte über journalistische Standards
Die Debatte über journalistische Qualitätsstandards bei Online-Medien wie NIUS oder Apollo News ist in vollem Gange. Ausgelöst durch Äußerungen von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther bietet ein aktueller NIUS-Artikel mit der Überschrift „Speicher auf Rekord-Tiefstand! Experte: ‚Eine Gas-Mangellage ist nicht mehr abzuwenden‘“ Anlass für einen genaueren Blick auf Quellen, Zitate und Experten. Droht tatsächlich eine Gasmangellage – oder trägt die Berichterstattung zu Gasspeichern und Gasmangel weiter, als die zugrunde liegenden Aussagen es hergeben? Lesen Sie die Analyse und entscheiden Sie selbst.
Wie viel Gas braucht Deutschland – und woher kommt es heute?
Um beurteilen zu können, wie realistisch eine Gasmangellage tatsächlich ist, reicht der Blick auf Speicherfüllstände allein nicht aus. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus täglichem Verbrauch, laufenden Importen und der Fähigkeit des Systems, kurzfristig auf Wetter, Preise und Nachfrage zu reagieren.
Deutschland verbraucht im Winter – abhängig von Temperatur, Wirtschaftsaktivität und Stromerzeugung – zwischen drei und fünf Terawattstunden (TWh) Erdgas pro Tag. An milden Wintertagen liegt der Bedarf typischerweise im Bereich von etwa drei TWh. Bei normalen winterlichen Bedingungen steigt er auf rund vier TWh. In ausgeprägten Kältephasen können kurzfristig auch fünf TWh und mehr erreicht werden.
Dieser Verbrauch verteilt sich auf mehrere Sektoren. Im Winter entfallen rund 40 bis 45 Prozent auf Raumwärme in Haushalten, Gebäuden und Fernwärmenetzen. Etwa 30 bis 35 Prozent werden in der Industrie für Prozesswärme und stoffliche Nutzung benötigt. Weitere 15 bis 20 Prozent fließen – insbesondere bei wind- und sonnenarmen Wetterlagen – in die Stromerzeugung in Gaskraftwerken. Der verbleibende Anteil entfällt auf Gewerbe, kleinere Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und systembedingte Verluste.
Wichtig ist dabei: Dieser tägliche Bedarf wird nicht primär aus den Gasspeichern gedeckt. Die Speicher sind kein Ersatz für laufende Versorgung, sondern fungieren als Puffer im System. Die Grundversorgung erfolgt über kontinuierliche Importe.
Über Pipelines aus Norwegen und den westeuropäischen Nachbarländern fließen auch im Winter stabil rund 2,5 bis 3 TWh Erdgas pro Tag nach Deutschland wie die Grafik zeigt. Hinzu kommen LNG-Importe über die deutschen Terminals, die aktuell etwa 0,4 TWh täglich beisteuern und bei entsprechenden Preissignalen deutlich ausgeweitet werden können. Die Speicher schließen schließlich die verbleibende Lücke – insbesondere an kalten Tagen, wenn der Verbrauch kurzfristig über den Importmengen liegt.
Entscheidend ist: Gasspeicher ersetzen keine Importe. Sie stabilisieren ein System, das im laufenden Betrieb vor allem auf kontinuierliche Zuflüsse angewiesen ist.
Was hat sich seit dem Ende von Nord Stream verändert?
Seit dem Wegfall der russischen Pipeline-Lieferungen hat sich die Struktur der deutschen Gasimporte grundlegend verschoben. Bis 2021 war Deutschland stark von Ost-Routen abhängig – insbesondere von Nord Stream. Diese Abhängigkeit existiert heute faktisch nicht mehr.
Rund 90 Prozent der Pipeline-Importe stammen inzwischen aus europäischen Nachbarländern – vor allem aus Norwegen, den Niederlanden sowie über Transitpunkte auch aus Belgien und Frankreich. Norwegen ist dabei mit Abstand der wichtigste Lieferant und stellt einen stabilen Grundlaststrom dar.
Parallel dazu wurde innerhalb von nur zwei Jahren eine vollständig neue Importebene aufgebaut: LNG-Terminals an der Nord- und Ostseeküste. In Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Mukran kann heute verflüssigtes Erdgas direkt aus dem Weltmarkt angelandet und in das deutsche Netz eingespeist werden – überwiegend aus den USA, aber auch aus anderen Exportregionen wie etwa Katar.
Tatsächlich macht LNG derzeit noch einen vergleichsweise geringen Anteil an den realen Importmengen aus – je nach Tag und Marktlage etwa zehn bis fünfzehn Prozent. Entscheidend ist jedoch nicht der aktuelle Anteil, sondern die verfügbare Reservekapazität. Die Terminals sind technisch in der Lage, ihre Durchsätze deutlich zu erhöhen, sobald europäische Preise zusätzliche Lieferungen wirtschaftlich attraktiv machen.
Viele Kapazitäten sind derzeit nicht vollständig gebucht – nicht aus Mangel an Infrastruktur, sondern weil sie bislang schlicht nicht benötigt wurden.
Hinzu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Strukturwandel: Deutschland hat die Gasflüsse im europäischen Netz von einem früher dominierenden Ost-West-System auf ein Nord- und West-Ost-System umgestellt. Zusätzliche Einspeisepunkte über Frankreich, Belgien und die Benelux-Staaten wurden erschlossen.
Gas kann heute grenzüberschreitend flexibel umgeleitet werden – abhängig von Angebot, Nachfrage und Preis.
Das deutsche Gasversorgungssystem ist damit deutlich breiter aufgestellt als noch im unmittelbaren Krisenjahr 2022. Neben stabilen Pipelineflüssen existiert erstmals eine flexible maritime Importoption, die kurzfristig reagieren kann. Diese neue Architektur erhöht die Resilienz gegenüber regionalen Engpässen erheblich – ein struktureller Unterschied, der in vielen aktuellen Debatten kaum berücksichtigt wird.
Diese Veränderung wirkt direkt auf die Rolle der Gasspeicher. Sie sind nicht mehr der alleinige Rettungsanker der Versorgungssicherheit, sondern ein Element in einem diversifizierten System aus laufenden Importen, Marktmechanismen und infrastruktureller Redundanz. Niedrige Speicherstände wirken optisch alarmierend – sind isoliert betrachtet jedoch kein hinreichender Indikator für eine reale Versorgungskrise.
Was bedeutet „Gasmangellage“ eigentlich?
Genau an dieser Stelle lohnt der präzise Blick auf die rechtliche und technische Definition der Gasmangellage.
Was bedeutet „Gasmangellage“ rechtlich und technisch?
Der Begriff „Gasmangellage“ ist kein journalistischer Kampfbegriff, sondern ein klar definierter Zustand im europäischen und deutschen Energierecht. Maßgeblich sind die EU-Gasversorgungsverordnung (EU) 2017/1938, das Energiesicherungsgesetz (EnSiG) sowie die nationale Notfallstufen-Logik der Bundesnetzagentur.
Das Krisensystem kennt drei Stufen:
1. Frühwarnstufe
Wird ausgerufen, wenn sich eine erhebliche Verschlechterung der Versorgungslage abzeichnet. Der Markt funktioniert weiterhin vollständig. Staatliche Eingriffe erfolgen noch nicht.
2. Alarmstufe
Wird ausgerufen, wenn die Gasversorgung spürbar beeinträchtigt ist, der Markt die Lage aber noch selbst ausgleichen kann – etwa durch Preisreaktionen, Mehrimporte oder freiwillige Verbrauchsreduktionen.
3. Notfallstufe (faktische Gasmangellage)
Erst in dieser Stufe liegt eine Gasmangellage vor. Der Staat greift aktiv ein, weil Angebot und Nachfrage nicht mehr ausgeglichen werden können. Die Bundesnetzagentur wird zum „Bundeslastverteiler“ und ordnet hoheitlich an, wer Gas erhält und wer nicht.
Wer wird geschützt – wer nicht?
Priorität genießen: Private Haushalte, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, kritische Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Sicherheitsdienste).
Nachrangig behandelt werden: Industrieanlagen, gewerbliche Großverbraucher, nicht systemrelevante Prozesse.
Technische Schwelle der Mangellage
Ein erheblicher Teil der deutschen Speicher sind sogenannte Porenspeicher. Mit sinkendem Füllstand nimmt der Gasdruck ab. Unterhalb von etwa 20 Prozent Füllstand kann nicht mehr das gesamte Arbeitsgas mit ausreichender Leistung entnommen werden.
📌 Kurz gesagt:
- Sinkende Speicherstände allein = keine Gasmangellage
- Steigende Preise = keine Gasmangellage
- Gasmangellage erst, wenn: Markt versagt + Staat eingreift + physische Grenzen erreicht
Alles darunter ist Marktdynamik – keine Krise im rechtlichen Sinn.
Wie nah ist ein Gasmangel wirklich?
Vor diesem Hintergrund lässt sich die aktuelle Lage nüchtern einordnen. Mitte Januar liegen die deutschen Gasspeicher bei rund 38 bis 42 Prozent. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres lagen sie bei etwa 60 bis 65 Prozent. Der Unterschied ist erheblich – aber er erklärt zunächst nur einen Befund, keine Krise.
Die entscheidende Frage lautet nicht, dass die Speicher niedriger gefüllt sind, sondern warum.
Der Grund ist relativ einfach: Während die Speicher in den vergangenen Jahren über den Sommer so gefüllt wurden, dass sie zu Beginn des Winters praktisch voll waren, war dies 2025 anders. In die aktuelle Heizsaison startete Deutschland Anfang Oktober mit einem Füllstand von nur 75 Prozent – nach rund 96 Prozent Anfang Oktober 2024. Diese Differenz von gut 20 Prozentpunkten bleibt bis heute ziemlich konstant.
Dahinter stehen strukturelle Veränderungen auf dem Gasmarkt. Während es sich für Gasimporteure in früheren Jahren rechnete, Gas im Sommer günstig einzukaufen, einzuspeichern und im Winter teurer zu verkaufen, gibt es diesen sogenannten Sommer-Winter-Spread beim Preis nicht mehr – mitunter war Gas sogar im Sommer teurer als im Winter. Händler haben entsprechend zurückhaltend eingespeichert. Das System hat marktwirtschaftlich funktioniert – nur mit einem Ergebnis, das optisch ungewohnt ist.
Die Bundesregierung verzichtete zuletzt darauf, in den Markt einzugreifen, um Mindestvorgaben für die Füllstände zu erreichen – so wie sie es nach Russlands Angriff auf die Ukraine getan hatte, als sie für Milliardensummen Gas einkaufen ließ.
Gleichzeitig greifen heute andere Stabilitätsmechanismen als noch vor wenigen Jahren. LNG-Importe können bei steigenden Preisen hochgefahren werden. Pipelinezuflüsse sind diversifiziert. Der europäische Markt erlaubt flexible Umlenkungen. Speicher dienen primär der Glättung kurzfristiger Schwankungen – nicht als alleinige Versorgungsquelle.
Was sagen die zuständigen Behörden und Marktakteure?
Am 12. Januar – also vor der aktuellen Debatte – veröffentlichte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, einen ausführlichen Thread auf X oder Mastodon. Seine Kernpunkte:
- Der Speicherfüllstand ist „nicht allein relevant“ für die Versorgungssicherheit
- Deutschland verfügt über ausreichende Importmöglichkeiten
- Händler können jederzeit zusätzliches Gas beschaffen
- Die Gasflüsse wurden von Ost-West auf Nord/West-Ost umgestellt
- Der Weltmarkt hat ausreichend Gas verfügbar
- LNG-Terminals haben noch freie Kapazitäten
- Die Nachfrage in Asien ist rückläufig
- Gaspreise bei 28-30 Euro/MWh zeigen „keine Zeichen von Knappheit“
Sein Fazit: „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist aktuell gewährleistet.“
Das Bundeswirtschaftsministerium verweist auf die neue Importflexibilität und den fehlenden Bedarf an staatlichen Markteingriffen. Auch andere, zentrale Marktakteure teilen diese Einschätzung – mit unterschiedlichen Akzenten:
- Stefan Dohler (EWE) warnt gegenüber der dpa vor strukturellen Fehlanreizen bei der Speicherbefüllung, relativiert jedoch ausdrücklich die Wahrscheinlichkeit eines extremen Mangels und fordert langfristig eine strategische Reserve.
- Uniper sieht die Versorgung aktuell als gewährleistet, verweist aber auf Risiken bei außergewöhnlichen Extremszenarien.
Claudia Kemfert (DIW) sieht ebenfalls keinen Grund zur Besorgnis. Im SWR-Interview vom 12. Januar sagte die Energieökonomin: „Es droht jetzt keine Versorgungskrise – wir haben ja immer noch ausreichend Gas auf den internationalen Märkten und die Importe bleiben auch stabil.“ Die Lage sei nicht vergleichbar mit dem ersten Ukraine-Winter 2022. Heute gebe es genug Gas auf dem Weltmarkt und ausreichend Infrastruktur. Kemfert warnt allerdings: „Die Sicherheitsmargen werden dünner.“
Besonders relevant ist die Rolle der Initiative Energien Speichern (INES). In ihren Szenarien taucht im Extremkälteszenario eine sogenannte „Unterdeckung“ auf. Dieser Begriff wird in der öffentlichen Debatte häufig mit einer Mangellage gleichgesetzt – fachlich zu Unrecht.
Was sagen die Gasspeicherbetreiber selbst?
Die Initiative Energien Speichern (INES) vertritt über 90 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten. In ihrem Januar-Update vom 20. Januar 2026 ordnet sie die Lage ein:
„Der milde Winterverlauf hat die Lage kurzfristig entschärft, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Speicherbefüllung vor dem Winter 2025/26 unzureichend war.“
Die INES-Szenarien modellieren drei Temperaturverläufe: warm (EU-Wetterjahr 2020), normal (2016) und extrem kalt (2010). Nur im Extremszenario – bei Temperaturen wie im historisch kalten Winter 2010 – weist das Modell eine rechnerische Unterdeckung aus.

Entscheidend ist der Temperaturvergleich:
| Monat | Realität 2025/26 | Extremszenario (2010) |
|---|---|---|
| Dezember | +3,1°C | −4,1°C |
| Januar (bisher) | −0,4°C | −4,6°C |
Der Dezember 2025 war über 7 Grad wärmer als im Extremszenario erforderlich. INES schreibt dazu: „Dies hat die Ausgangslage für den weiteren Winterverlauf verbessert und den in den Modellen ausgewiesenen Gasmangel gegenüber dem November-Update reduziert.“
INES-Chef Sebastian Heinermann ordnet ein: „Der milde Winterverlauf hat die Lage kurzfristig entschärft.“ Der Januar verlaufe bislang zwar kälter als in einem Normaljahr, jedoch „ohne Extremwerte“. Dadurch entleerten sich die Speicher langsamer als im Worst-Case-Szenario vorgesehen. Von einer flächendeckenden Kältewelle, die Verbrauch und Speicherentnahmen massiv treiben würde, ist derzeit wenig zu sehen.

Und zur Einordnung des Begriffs „Gasmangel“:
„Ein in der Modellierung ausgewiesener Gasmangel bedeutet jedoch keine physische Nicht-Versorgung, sondern würde sich in der Realität zunächst durch starke Preissteigerungen äußern, die Verbrauchsreduktionen erzwingen und so den Markt wieder in einen ausgeglichenen Zustand bringen.“
Was bedeutet „Unterdeckung“ in den INES-Szenarien?
In der öffentlichen Debatte wird häufig aus den Szenarien der INES zitiert – insbesondere aus dem Extremszenario, das eine sogenannte „Unterdeckung“ ausweist. Dieser Begriff wird dabei oft mit einer drohenden Gasmangellage gleichgesetzt. Fachlich ist das jedoch nicht korrekt.
INES weist ausdrücklich darauf hin, dass ihre Modellierung keine Preisreaktionen abbildet. Das Modell rechnet mechanisch: Temperatur führt zu Verbrauch, Verbrauch führt zu Speicherentnahme, Speicher sinken – bis rechnerisch ein Defizit entsteht. Doch dieser modellierte „Gasmangel“ bedeutet nicht, dass physisch kein Gas mehr verfügbar wäre.
In der Realität würde eine solche Situation zunächst Preissignale auslösen, die sowohl die Nachfrage dämpfen als auch zusätzliche Importe anziehen – lange bevor es zu staatlichen Eingriffen käme.
Dieser Unterschied ist zentral für die Einordnung aktueller Medienberichte. Wer „Unterdeckung“ mit „Gasmangellage“ gleichsetzt, verwechselt ein Preissignal mit einem Versorgungsbruch – und dramatisiert eine Modellrechnung zu einer Krise, die so nicht eintreten würde.
Was unterscheidet „Unterdeckung“ von einer echten Gasmangellage?
INES selbst formuliert es eindeutig: „Ein in der Modellierung ausgewiesener Gasmangel bedeutet jedoch keine physische Nicht-Versorgung, sondern würde sich in der Realität zunächst durch starke Preissteigerungen äußern, die Verbrauchsreduktionen erzwingen und so den Markt wieder in einen ausgeglichenen Zustand bringen.“
Das INES-Modell bildet bewusst keine Preisreaktionen ab: „Die Modellierung berücksichtigt keine preiselastische Nachfragereaktion.“ Es rechnet mechanisch: Temperatur → Verbrauch → Speicherentnahme → Defizit. Doch dieser rechnerische „Gasmangel“ ist kein physischer Versorgungsbruch.
Der entscheidende Unterschied:
| „Unterdeckung“ (Modell) | Gasmangellage (physisch) |
|---|---|
| Rechnerisches Defizit | Physisch kein Gas verfügbar |
| Preise steigen | Marktmechanismen versagen |
| Industrie drosselt freiwillig | Staat greift hoheitlich ein |
| Mehr LNG wird angeliefert | Industrie wird abgeschaltet |
| → Höhere Rechnungen | → Kalte Wohnungen |
Der doppelte Marktmechanismus
Bei steigenden Preisen greifen zwei Effekte gleichzeitig:
1. Nachfrageseite: Industrie und flexible Verbraucher reduzieren ihren Verbrauch, weil Gas zu teuer wird.
2. Angebotsseite: Höhere Preise locken zusätzliche LNG-Schiffe nach Europa – der Spotmarkt reagiert.
📌 Kurz gesagt:
Eine echte Gasmangellage würde voraussetzen, dass beide Marktmechanismen gleichzeitig versagen. Unter den aktuellen Bedingungen – diversifizierte Importe, verfügbare LNG-Kapazitäten, funktionierender europäischer Markt – gilt dieses Szenario als extrem unwahrscheinlich.
„Unterdeckung“ ist kein Blackout – es ist eine Rechnung, die höher ausfällt.
Vor diesem Hintergrund überrascht die nüchterne Einordnung der WirtschaftsWoche kaum: Gasspeicher bleiben ein wichtiger Puffer – aber sie sind nicht mehr der alleinige Maßstab für Versorgungssicherheit. Deutschland ist heute deutlich flexibler aufgestellt als im Krisenjahr 2022. „Keine Panik, der Markt regelt das schon“, kommentiert Autor Florian Güßgen.
Unterdessen spielt die Industrie zwar eine Gasmangellage durch – glaubt aber selbst nicht an eine Gefahr. Als sehr unwahrscheinlich bezeichnet auch Daniel Wetzel bei WELT TV eine solch schwierige Situation – wenngleich im Interview auch über den unwahrscheinlichen Konjunktiv gesprochen wird.
Mit dieser Faktenlage im Hintergrund stellt sich nun die Frage, wie ausgewählte Medien, YouTube-Kanäle und Experten diese Situation darstellen – und welche Folgen daraus entstehen. Hier werden die Ansätze von NIUS, OutdoorChiemgau und Apollo News dokumentiert. Entscheiden Sie selbst!
NIUS: „Speicher auf Rekord-Tiefstand! Experte: Eine Gas-Mangellage ist nicht mehr abzuwenden“
Am 21. Januar veröffentlichte NIUS einen Artikel zur Gasspeicher-Lage. Der Text zitiert zwei Stimmen: EWE-Chef Stefan Dohler und Stefan Spiegelsperger vom YouTube-Kanal „Outdoor Chiemgau“, den NIUS als „Energieexperten“ einführt.
Dohler wird mit den Worten zitiert: „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war.“ Der relativierende Satzbeginn findet sich in der Überschrift nicht wieder.
Der Artikel enthält ein Auszug aus der Verordnung mit der Bildunterschrift: „Die Gasspeicherfüllstandsverordnung (GasSpFüllstV) regelt klar: Zum 1. Februar gehören die Speicher zu 40 Prozent gefüllt.“ Die Verordnung schreibt 30 Prozent als Durchschnittswert vor – nicht 40 Prozent.
Weiter heißt es: „Die Initiative Energien Speichern e.V. (INES) geht davon aus, dass zwischen März und Mai eine Gas-Mangellage entstehen wird.“ INES spricht in ihren Szenarien von einer möglichen „Unterdeckung“ im Extremszenario – ein Begriff, den die Initiative ausdrücklich von einer physischen Gasmangellage unterscheidet.
Das Fazit des Artikels liefert Spiegelsperger: „Egal, wie man es dreht und wendet. Ich denke, eine Gas-Mangellage ist nicht mehr abzuwenden.“
Spiegelsperger im NIUS-Morgenmagazin
Zwei Tage später, am 23. Januar, war Spiegelsperger live im NIUS-Morgenmagazin zugeschaltet – per Handy aus seinem Wohnmobil, mit dem er zu diesem Zeitpunkt Deutschland verließ.
Im Interview wiederholte er die zentralen Aussagen: Die Speicher würden sich mit „ungefähr 1% pro Tag“ leeren, ab 20 Prozent trete eine Gasmangellage ein, die INES-Berechnungen zeigten einen Endstand von „10 bis 12 Prozent“. Auf die Entwarnung der Bundesregierung angesprochen, sagte Spiegelsperger: „Wenn die Bundesregierung sagt, es ist keine Panik, dann ist Panik.“
Zur LNG-Infrastruktur erklärte er: „Es fehlen die LNG-Schiffe, um das zu transportieren.“ Die Bundesnetzagentur hatte zehn Tage zuvor mitgeteilt, dass die deutschen LNG-Terminals über freie Kapazitäten verfügen.
Die Moderatoren u.a. NIUS-Chef Julian Reichelt ordneten Spiegelspergers Aussagen nicht ein. Einer kommentierte: „Das, was er zu sagen hat, ist wahnsinnig wichtig.“
Spiegelspergers YouTube-Kanal: 147.000 Aufrufe
Die Aussagen, die Spiegelsperger bei NIUS verbreitet, stammen von seinem YouTube-Kanal „Outdoor Chiemgau“. Dort veröffentlichte er am 20. Januar ein 13-minütiges Video zur Gasspeicher-Lage, das bis heute 147.000 Aufrufe erreicht hat.
Im Video analysiert Spiegelsperger die INES-Szenarien und kommt zu dem Schluss: „Gasmangellage ist nicht mehr abzuwenden.“ Er rechnet die INES-Prognosen mit eigenen Annahmen auf einen Endstand von „10 bis 12 Prozent“ herunter. INES selbst weist in ihrem Januar-Update einen Wert von 18 Prozent aus – und betont, dass auch dieser nur im Extremszenario mit Temperaturen wie im Jahr 2010 eintreten würde.
Zur LNG-Infrastruktur sagt Spiegelsperger: „Du brauchst für LNG Schiffe und da gibt’s halt nicht so viele, als dass man davon genug Gas bekommen könnte.“ Die Bundesnetzagentur hatte am 12. Januar mitgeteilt, dass die deutschen LNG-Terminals über ungenutzte Kapazitäten verfügen.
Das Video endet mit den Worten: „Ich bereite meinen Camper vor. Schauen wir mal, was passiert.“
Apollo News: „Gasspeicher nur noch zu unter 41 Prozent gefüllt“
Am 22. Januar veröffentlichte Apollo News einen Artikel zur Gasspeicher-Situation. Darin heißt es, ausgehend von einem Speicherstand von „57 Prozent am 1. Januar“ sei „von einem massiven Gasmangel schon im Februar auszugehen“. Der tatsächliche Füllstand am 1. Januar lag bei rund 69 Prozent.
Der Artikel zitiert die Initiative Energien Speichern (INES) als Quelle für die Prognose eines „massiven Gasmangels“. INES selbst verwendet den Begriff „Unterdeckung“ und betont, dass diese „nicht physische Nicht-Versorgung bedeutet, sondern sich zunächst durch starke Preiserhöhungen äußern würde“.
Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, wird im Artikel als „Grünen-Politiker und Habeck-Vertrauter“ eingeführt. Seine fachliche Einschätzung zur Versorgungslage – „Händler und Lieferanten könnten zusätzliches Gas beschaffen“ – wird nicht inhaltlich eingeordnet.
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Apollo News: Interview mit Fritz Vahrenholt
Am selben Tag veröffentlichte Apollo News ein Interview mit Fritz Vahrenholt, den der Sender als Energieexperten und ehemaligen Umweltsenator der Stadt Hamburg vorstellt. Das Video erreichte bis heute 215.000 Aufrufe.
Zur LNG-Infrastruktur sagt Vahrenholt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Lücke des Speichergases nicht durch unsere LNG-Kapazitäten abgedeckt werden kann.“ Die Bundesnetzagentur hatte am 12. Januar mitgeteilt, dass die deutschen LNG-Terminals über freie Kapazitäten verfügen und „Händler jederzeit zusätzliches Gas beschaffen“ könnten.
Vahrenholt erklärt, Deutschland werde „bis Anfang Februar bei den kritischen 30 Prozent“ ankommen. „Darunter wird’s dann kritisch, weil der Gasdruck bei der Entnahme dann absinkt.“ Die technische Schwelle, ab der Porenspeicher Druckprobleme bekommen, liegt nach Branchenangaben bei etwa 20 Prozent.
Als Lösung fordert Vahrenholt die Aufhebung des deutschen Fracking-Verbots: „Wir hätten in der norddeutschen Tiefebene für die nächsten 30 Jahre ausreichend Schiefergas.“ Mehr zu Fritz Vahrenholt gibt es hier bei Cleanthinking.de.
Die Erzählung verbreitete sich über weitere YouTube-Kanäle: „Meinung mit Kopf“ titelte „WARNUNG Gasmangellage – Habecks Vermächtnis macht uns ENERGIELOS“, Oliver Haas warnte „Firmen müssen ABSCHALTEN – Deutschlands Gaskrise spitzt sich zu“, und das klimaskeptische Portal EIKE veröffentlichte ein eigenes Vahrenholt-Interview unter dem Titel „Die Stunde der Wahrheit hat geschlagen“.
Fazit: Zwei Realitäten zum Gasmangel 2026
Auf der einen Seite stehen Bundesnetzagentur, Bundeswirtschaftsministerium, die Gasspeicherbetreiber selbst, EWE-Chef Dohler, Uniper, DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert – und Medien wie Capital, WirtschaftsWoche, Handelsblatt und WELT, die von einer angespannten, aber beherrschbaren Lage berichten.
Auf der anderen Seite stehen NIUS, Apollo News und eine Handvoll YouTube-Kanäle, die eine unmittelbar bevorstehende Gasmangellage als unabwendbar darstellen – gestützt auf eigene Berechnungen, falsch wiedergegebene Schwellenwerte und einen YouTuber, der Deutschland im Wohnmobil verlässt. Vielleicht glauben die alternativen Medien das wirklich, was sie erzählen.
Entscheiden Sie selbst. Hat Daniel Günther recht, neue Qualitätsstandards zu fordern? Was ist Ihre Meinung? Lassen Sie es mich in den Kommentaren wissen!

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
Es werden mehrere Dinge gleich ganz hier weggelassen.
Mein Fazit ist, dass die Pflicht zu umfassenden Information erstmal und besonders bei den staatlichen, halbstaatlichen Verbänden und der regierungsfreundlichen Presse liegt. Aber letztere versucht unter anderem durch solche einseitigen Artikel lieber die Kritiker zu diffamieren als offen und umfassend zu informieren.
Und die Verbände und Behörden machen seit Monaten fast nur Psychologie und versuchen eine Panik zu vermeiden.
Hallo T.K.,
Sie haben Ihren Kommentar gleich viermal abgeschickt – ich antworte bewusst nur einmal.
Zunächst eine Klarstellung:
Niemand wird hier „diffamiert“. Ich analysiere öffentliche Aussagen, Dateninterpretationen und mediale Inszenierungen. Das ist legitime journalistische Kritik. Wer das als „Diffamierung“ bezeichnet, verlässt die Sachebene und bewegt sich juristisch bereits selbst auf dünnem Eis.
Zu Ihren inhaltlichen Punkten:
1. Exporte und Nachbarländer
Ja, es gibt grenzüberschreitende Gasflüsse – das ist seit Jahrzehnten Normalität im europäischen Verbundnetz. Genau deshalb sind nationale Speicherstände isoliert betrachtet kein Krisenindikator. Wer daraus eine nationale Mangellage konstruiert, ignoriert bewusst die europäische Systemlogik.
2. Eigentum an Gas in Speichern
Richtig: Gas gehört verschiedenen Marktakteuren. Das ist bekannt und im Artikel keineswegs bestritten. Daraus folgt aber nicht automatisch ein Versorgungsrisiko. Im Gegenteil: Marktliquidität und Vertragsstrukturen sind Teil der Versorgungssicherheit – nicht ihr Gegenteil.
Dass staatliche Eingriffe erst im formalen Notfall greifen, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis.
3. „Ab 30 % beginnen die Probleme“ / „unter 20 % Einschränkungen wahrscheinlich“
Das ist eine unbelegte Behauptung.
Technisch entscheidend sind Entnahmeleistung, Netzkapazitäten, Importflüsse und Lastmanagement – nicht eine magische Prozentzahl. Historische Daten zeigen, dass Speicher auch deutlich unter diesen Marken betrieben wurden, ohne systemische Versorgungsausfälle. Genau diese Differenzierung fehlt in vielen Panikvideos.
4. Vorwurf der angeblichen Informationsunterdrückung
Bundesnetzagentur, INES, Speicherbetreiber und Marktberichte veröffentlichen täglich detaillierte Daten zu Speicherständen, Importen, Flüssen und Preisen. Das ist das Gegenteil von Intransparenz.
Was manche YouTube-Kanäle tun, ist selektive Datennutzung und emotionale Dramatisierung – nicht Aufklärung.
5. Der eigentliche Kern
Die Panik entsteht nicht, weil Informationen fehlen.
Sie entsteht, weil Informationen verzerrt, vereinfacht und emotionalisiert werden – oft bewusst, weil Alarm Reichweite erzeugt.
Das zu benennen ist keine Diffamierung, sondern Medienkritik.
Wenn Sie sachlich über reale Risiken, Szenarien und Systemgrenzen diskutieren wollen: gerne.
Wenn Sie jedoch versuchen, Kritik pauschal als „Diffamierung“ zu framen, verlassen Sie die Debatte auf argumentative Weise selbst.
Ja, sorry, ich bekam hier keine Bestätigung und habe mit der Anmeldung anscheinend zusätzliche Probleme. Aber danke für die schnelle Antwort.
Das Thema ist viel zu ernst, um hier jedes Argument zu verschleiern. Allein schon die Tatsache, dass es INES-Szenarien zu warmen und kalten Wintern gibt, zeigt schon in welcher dramatischen wetterabhängigen Krise wir sind. Sollten wirklich Industriebetriebe im großen Stil abgeschaltet werden müssen, werden die meisten ihre Produktionsstätten wahrscheinlich nicht mehr hochfahren und in ein Land mit einer stabileren Energieversorgung gehen.
Ihre Kritik ist i.w. dass die „Differenzierung in vielen Panikvideos fehlt“. Meine Auffassung ist, dass etliche Informationen, allein die dramatisch sinkenden Speicherstände, eine Panik rechtfertigen. Über die Details können sich die Experten unterhalten. Aber mein Eindruck ist, dass die Politik und ihre Anhängsel in den Verbänden und Medien kein Interesse an einer Diskussion über die Verbesserung der Situation haben und deshalb die ganze Diskussion abwürgen will und als „Panik“ von bösen Medien diffamiert.
Wir müssten jetzt über Fracking in Deutschland diskutieren, vielleicht über Kohlegas, über die Reaktivierung von Kohle- und Atomkraftwerken, um Gas zu sparen und allgemeine über unsere Versorgungssicherheit. Und die ganze Thematik mit dem Neubau von Gaskraftwerken, aber der gleichzeitig geplanten Stilllegung von Gasleitungen ist voller grüner Lebenslügen.
Sorry, ich habe keine Zeit für längeren Argumentenaustausch, zum Schluss noch zwei Sachen:
Garmisch liegt am weitesten in Deutschland von der Kaltluft weg und auch dort wurde die Milde wieder rausgerechnet. Berlin zum Beispiel soll ganz im Dauerfrost bleiben die nächsten zwei Wochen. Und was ist, wenn die LNG-Terminals im Eis liegen?
Der Gas-Export aus Deutschland hat nach dem Ausfall der Ukraine-Pipeline eine ganz andere Dimension und Dynamik, ebenso die Verpflichtungen Deutschland zur Versorgung unserer Nachbarländer mit Gas. Das kann man nicht so leicht mit dem früheren Management der Gasflüsse vergleichen.
Hallo T.K.,
danke – und ja: das Thema ist ernst. Genau deshalb ist es problematisch, wenn Sie aus ernsthaften Risiken immer wieder Worst-Case-Behauptungen machen und sie dann als „notwendige Panik“ rechtfertigen.
Ich antworte Ihnen noch einmal – dann ist für mich Schluss, weil Sie selbst schreiben, dass Sie keine Zeit für längeren Austausch haben.
1) „INES hat warme/kalte Winter-Szenarien – das zeigt die dramatische Krise“
Nein. Das zeigt, dass professionelle Risikokommunikation funktioniert: Szenarien sind Standard in jeder kritischen Infrastruktur.
Szenarien zu haben heißt nicht „wir sind in der Krise“, sondern: „Wir planen für Bandbreiten.“
Wenn Sie aus der Existenz von Szenarien bereits „dramatische Krise“ ableiten, ist das eine logische Fehlinterpretation.
2) „Dramatisch sinkende Speicherstände rechtfertigen Panik“
Das ist der Kern Ihres Fehlers: Sie behandeln einen Indikator (Speicherfüllstand) als Beweis für eine Mangellage.
Für die Versorgungssicherheit sind u. a. relevant:
„Speicher sinken“ ist im Winter normal. Entscheidend ist wie und wodurch das System kompensiert wird.
3) „Politik, Verbände, Medien würgen Diskussion ab – diffamieren Kritiker“
Das ist eine pauschale Unterstellung ohne Beleg.
Es gibt täglich veröffentlichte Daten und Lageeinschätzungen (Netz, Speicher, Importe, Preise). Was Sie „abwürgern“ nennen, ist häufig schlicht das Zurückweisen von verkürzten oder falschen Schlussfolgerungen.
Und hier die Klarstellung:
Wenn ich kritisiere, dass in Videos wesentliche Informationen weggelassen werden, ist das keine Diffamierung, sondern eine inhaltliche Medienkritik. Sie können das widerlegen – aber nicht wegframen.
4) Ihre „Lösungen“: Fracking, Kohlegas, Atom reaktivieren, Kohle hochfahren
Das ist ein Feuerwerk an Schlagworten – aber keine kurzfristig realistische Antwort auf einen Winter.
Wenn Sie ernsthaft Versorgungssicherheit verbessern wollen, ist der stärkste Hebel Elektrifizierung + Effizienz + Ausbau – nicht Retro-Fossil + Wunschreaktivierung.
5) Wetterargumente: „Garmisch ist warm, Berlin Dauerfrost“ / „LNG-Terminals im Eis“
Das ist genau die Sorte Spekulation, die ich kritisiere.
Wer so argumentiert, baut keinen Risikodiskurs – er baut ein Angst-Narrativ, das immun gegen Fakten ist, weil jederzeit ein neues Worst-Case nachgeschoben wird.
By the way: Garmisch ist kein „Warmstandort“, sondern ein konservativer Kälteindikator. Wer selbst dort keine signifikante Frostlage sieht, aber trotzdem bundesweite Dauerfrostszenarien behauptet, argumentiert nicht meteorologisch, sondern narrativistisch.
6) „Gasexporte nach Ausfall Ukraine-Pipeline – völlig neue Dimension“
Grenzüberschreitende Flüsse und Verpflichtungen sind Teil des europäischen Gasmarktes – gerade deshalb taugt „Deutschland ist allein“ nicht als analytischer Rahmen.
Wenn Sie eine konkrete Behauptung aufstellen („ganz andere Dimension“), dann gehören dazu:
Ohne das bleibt es eine Behauptung, die lediglich die gewünschte Dramatik erzeugt.
Mein Schluss dazu
Sie dürfen Risiken benennen. Sie dürfen auch harte politische Forderungen stellen.
Was Sie nicht tun sollten, ist:
Das ist keine seriöse Debatte, sondern ein Panik-Mechanismus.
Wenn Sie weiterdiskutieren wollen, gern – aber nur datenbasiert (Quellen, Zahlen, Zeitraum, Vergleich). Ansonsten ist das hier für mich beendet.
Sie möchten also datenbasiert diskutieren? Dann sollten Sie aber am besten bei Ihrem eigenen Artikel anfangen! Wenn Sie schon die Gasimporte anführen, sollten Sie auch die Gasexporte nennen. Wenn Sie schon neue LNG Terminals nennen, erwähnen sie bitte auch die weggefallene Pipeline über die Ukraine, wodurch wir zum großen Teil Österreich und Tschechien beliefern müssen. Wenn Sie schon, warum auch immer, eventuell warmes Wetter in Garmisch nennen, sagen Sie auch etwas über das Wetter etwa in Berlin! Und vor allem behaupten Sie nicht weiter wahrheitswidrig, dass zu den Importmengen in der Grafik in Ihrem Artikel noch das LNG von den deutschen Terminal hinzukäme, das ist da schon enthalten!!!
Also ergänzen und korrigieren Sie bitte ihren eigenen Artikel!
Don, die angesprochenen Punkte habe ich bereits beantwortet – inklusive des Kapitels zu Nord Stream im Artikel. Auch zur Verwendung von Garmisch habe ich in anderen Kommentaren bereits Stellung genommen. Es ist in der Bildunterschrift unzweideutig als „Indiz“ gekennzeichnet. Es ist sozusagen eine Antwort auf dem Niveau von Herrn Spiegelsperger.
Ich wiederhole die genannten Punkte hier nicht noch einmal.
Herzliche Sonntagsgrüße,
Martin Jendrischik
Da sich der Autor nach eigenen Angaben seit mehr als 15 Jahren mit „sauberen Technologien“ und nicht mit Erdgas beschäftigt, hat er wohl übersehen, dass die importierte Gasmenge keinesfalls komplett in Deutschland verbraucht oder gespeichert werden kann. Deutschland ist Gastransitland und leitet einen erheblichen Anteil des importierten Gases (ca. 700 GWh täglich) an Österreich, Tschechien und die Schweiz weiter. So absurd das klingen mag, Deutschland ist rein technisch auch Gasexporteur!!! Auch stehen das Gas in den Gasspeichern nicht nur Kunden aus Deutschland zu Verfügung!
Also bitte bei den Tatsachen bleiben und den Importen die Exporte gegenüberstellen! Dann wird aus den ca. 3 TWh täglicher Importmenge (siehe Grafik im Artikel) nur 2,3 TWh. Und bei einem durchschnittlichen Verbrauch von ca. 4 TWh täglich müssen 1,7 TWh aus den Speicher entnommen werden. Wie dieses Defizit mit den kümmerlichen LNG Restkapazitäten in Deutschland, Belgien oder den Niederlanden die ja auch noch hochgefahren werden müssten, nennenswert gemildert werden soll, ist mir schleierhaft.
Retten kann uns daher nur eine Reduzierung des Verbrauchs…ein sehr milder Restwinter oder eben Zwangsmaßnahmen…
Lieber Don,
Deutschland ist in der Tat Teil des europäischen Gastransitsystems und leitet – abhängig von Marktlage, Preisen und Netzsituation – Gasmengen an Nachbarländer weiter. Ebenso sind Gasspeicher und Netze europäisch integriert und nicht ausschließlich national gebunden.
Diese Transitflüsse sind jedoch keine feste Größe, sondern variabel und reagieren dynamisch auf Angebot, Nachfrage, Speicherstände und Preisunterschiede. Eine pauschale Gegenrechnung von Importen und konstant angenommenen Exportmengen bildet diese Systemdynamik nur eingeschränkt ab.
Auch die Rolle von LNG ist nicht isoliert auf einzelne nationale Terminalkapazitäten zu reduzieren. Neben den deutschen Importpunkten stehen Kapazitäten in Belgien, den Niederlanden und Frankreich zur Verfügung, die über das kontinentale Netz angebunden sind und zur Versorgung beitragen können.
Unstrittig bleibt: Eine Reduzierung des Verbrauchs verbessert grundsätzlich die Versorgungssicherheit. Aussagen über zwangsläufige Mangellagen oder notwendige Zwangsmaßnahmen lassen sich aus den vorliegenden Import- und Transitdaten jedoch nicht unmittelbar ableiten. Maßgeblich ist das Zusammenspiel aus Importen, Speicherbewirtschaftung, Netzflüssen, Marktmechanismen und europäischer Koordination.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik
Korrekte Zahlen bitte! Reine Semantik, der nebulöse Hinweis auf Preissignale, Koordination und nicht näher bezifferte bisher ungenutzte Kapazitäten, und dem wundersamen Zusammenspiel dieser Faktoren mit dem „allmächtigen“ Weltmarkt, wird kaum zur Beruhigung der Zweifler beitragen. „Alles im Griff, bitte gehen Sie weiter“ ist keine Lösung.
Lieber Don,
niemand behauptet hier „Alles im Griff, bitte weitergehen“. Das ist eine Unterstellung – nicht mein Argument.
Der zentrale Denkfehler in Ihrer Rechnung ist, dass Sie ein hochdynamisches europäisches Gasnetz wie eine statische Badewanne behandeln: Import minus fixe Exporte minus fixer Verbrauch = zwangsläufige Mangellage. So funktioniert dieses System nicht.
Ein paar belastbare Klarstellungen:
1. Transitflüsse sind keine konstanten Abflüsse.
Die von Ihnen genannten ca. 700 GWh/Tag Richtung AT/CZ/CH schwanken erheblich – abhängig von Preisen, Temperaturen, Speicherständen, Netzrestriktionen und kurzfristigen Handelsentscheidungen. In Stresssituationen sinken diese Flüsse erfahrungsgemäß deutlich, weil sich die Arbitrage verändert und nationale Nachfrage priorisiert wird. Eine starre Gegenrechnung verzerrt daher die reale Lage.
2. Speicher werden nicht leergezogen, solange Importflüsse stabil bleiben.
Bei Importen um ca. 3 TWh/Tag und einem Verbrauch um ca. 3,5–4 TWh/Tag liegt die notwendige Speicherentnahme typischerweise im Bereich von 0,5–1,5 TWh/Tag – nicht zwangsläufig bei den von Ihnen unterstellten Defiziten. Genau deshalb beobachten BNetzA und INES nicht „Alarm“, sondern eine angespannte, aber beherrschbare Situation.
3. LNG ist ein europäisches System, kein deutsches Inselproblem.
Belgien, Niederlande und Frankreich verfügen über erhebliche Regasifizierungskapazitäten, die über das kontinentale Netz einspeisen. Die Frage ist nicht „wie viel LNG landet direkt in Deutschland“, sondern wie viel Gas insgesamt in Nordwesteuropa verfügbar und netzseitig transportierbar ist.
4. Eine Mangellage wird nicht durch Speicherprozente ausgelöst, sondern durch fehlende physische Versorgung.
40 %, 30 % oder 20 % sind keine magischen Schwellen. Entscheidend sind Entnahmeleistung, Netzstabilität und Importfähigkeit. Die deutschen Speicher können technisch deutlich weiter entleert werden, als viele Panikvideos suggerieren.
5. Risikoanalyse ist nicht gleich Paniknarrativ.
Natürlich ist ein milder Winter hilfreich. Natürlich ist Verbrauchsreduktion sinnvoll. Aber aus aktuellen Daten automatisch eine „zwangsläufige Krise“ oder gar Zwangsmaßnahmen abzuleiten, ist analytisch nicht haltbar.
Wenn Sie konkrete Zahlen diskutieren wollen: gern.
Aber bitte nicht mit statischen Milchmädchenbilanzen in einem hochvernetzten europäischen Energiesystem – und bitte ohne den Unterton, als würden Behörden, Netzbetreiber und Marktakteure kollektiv Realitäten „verschleiern“.
Viele Sonntagsgrüße,
Martin Jendrischik
So schnell geht das also hier… Sie unterstellen mir also „zentrale Denkfehler“ und „Milchmädchenbilanzen“. Ich habe weder von konstanten Gasflüssen gesprochen, noch behauptet Deutschland sei eine Gasinsel, Behörden und „Marktteilnehmer“ habe ich nicht erwähnt, trotzdem unterstellen Sie mir diesen Blödsinn?
Und Sie wollen selbst aber faktenbasiert diskutieren?
Dann sollten Sie aber am besten bei Ihrem eigenen Artikel anfangen!
Wenn Sie schon die Gasimporte anführen, sollten Sie auch die Gasexporte nennen.
Wenn Sie schon neue LNG Terminals nennen, erwähnen sie bitte auch die weggefallene Pipeline über die Ukraine, wodurch wir seit Anfang 2025 zum großen Teil Österreich und Tschechien beliefern müssen.
Wenn Sie schon, warum auch immer, eventuell warmes Wetter in Garmisch nennen, sagen Sie auch etwas über das Wetter etwa in Berlin!
Und vor allem behaupten Sie nicht weiter wahrheitswidrig, dass zu den Importmengen in der Grafik in Ihrem Artikel noch das LNG von den deutschen Terminal hinzukäme, das ist da schon enthalten!
Also ergänzen und korrigieren Sie bitte ihren eigenen Artikel!
Lieber Don,
Sie stellen jetzt eine Reihe von Forderungen („nennen Sie Exporte“, „Ukraine-Pipeline“, „Berlin-Wetter“, „LNG ist schon enthalten“) – nur: Ein großer Teil davon ist entweder bereits im Artikel enthalten oder beruht auf einem Missverständnis.
1) Nord Stream / weggefallene Pipeline
Dazu gibt es in meinem Artikel ein eigenes Kapitel. Ich verschweige das nicht – im Gegenteil: Ich ordne es explizit ein, weil es ein zentraler Teil des Gesamtsystems ist.
2) Exporte / Transitflüsse
Deutschland ist Transitland – ja. Aber Ihre Darstellung behandelt Exporte wie eine fixe Abflussgröße, die man einfach gegen Importe rechnen kann. Genau das ist der methodische Fehler: Transitflüsse sind variabel (preise-, netz- und nachfragegetrieben) und lassen sich nicht sinnvoll als konstante Subtraktion in eine Tagesbilanz pressen. Wer das tut, baut zwangsläufig ein Panik-Ergebnis.
3) „Österreich und Tschechien müssen seit Anfang 2025 beliefert werden“
Auch hier: Flüsse in Mitteleuropa sind bidirektional und dynamisch. Dass sich Routen nach dem Ukraine-Transit verändert haben, heißt nicht automatisch, dass Deutschland „zwangsläufig“ dauerhaft ein fixes Defizit exportiert. Genau deshalb betrachten Netzbetreiber und INES Szenarien und Bandbreiten statt Dreisatz-Bilanzen.
4) Wetter: Garmisch vs. Berlin
Wetter ist regional – klar. Aber aus einzelnen Orten („Berlin bleibt Dauerfrost“) eine nationale Versorgungslage abzuleiten, ist genau der Denkfehler, den ich kritisiere. Entscheidend ist die gesamtdeutsche Last, nicht der kälteste Screenshot im Netz.
5) LNG in meiner Grafik
Wenn Sie behaupten, ich würde „wahrheitswidrig“ darstellen, LNG käme zusätzlich zu den Importen hinzu, dann sprechen wir aneinander vorbei: In der Grafik geht es um Importflüsse insgesamt – LNG ist dabei als Teil des Importmixes enthalten. Ich behaupte nicht, dass LNG „oben drauf“ kommt, sondern ordne ein, dass LNG/Regasifizierung im europäischen Verbundnetz eine Rolle spielt und eben nicht nur „deutsche Inselkapazität“ ist.
Kurz: Ihre Kritik zielt weniger auf eine Korrektur als auf eine Verschiebung der Diskussion – weg von Systemlogik und hin zu einer scheinbar zwingenden Katastrophenrechnung. Genau diese Mechanik ist der Kern meines Artikels.
Viele Grüße
Martin Jendrischik
Also über die Systemlogik der Erdgasversorgung in West- und Mitteleuropa möchte ich nicht wirklich diskutieren…vielleicht im nächsten Sommer.
Sie weigern sich hartnäckig anzuerkennen, dass es Indizien gibt, die ein erhebliches Problem, sei es Preis oder Menge oder beides in den kommenden 8 Wochen bei der Gasversorgung in Deutschland nahelegen.
Ende März werden wir dann gesehen haben, wohin die „Systemlogik“, die Marktteilnehmer, der „Weltmarkt“ und die Behörden uns geführt haben.
Er hat sowas von recht !!! Danke für Eure Mühe diesen Beitrag zu erstellen 🙂
Es war in der Tat recht aufwändig. Wenn es ein paar Menschen im Panikmodus hilft, die Sachlage nüchterner zu betrachten, bin ich froh.
Viele Sonntagsgrüße,
Martin Jendrischik