Energietransformation: Entsteht mit Indien der nächste Elektrostaat?

Ember zeigt: Indien elektrifiziert schneller und sauberer als China – und überspringt dabei den fossilen Umweg.

Die fossile Industrie hat Indien jahrelang als ihren letzten großen Hoffnungsträger gepriesen. 1,4 Milliarden Menschen, rasantes Wirtschaftswachstum, steigender Energiehunger – das Narrativ schien klar: Indien braucht Kohle, Öl und Gas, um sich zu industrialisieren. Genau wie China. Genau wie der Westen. Doch eine neue Analyse des Energie-Think-Tanks Ember stellt dieses Narrativ fundamental infrage. Die Daten zeigen: Indien nimmt einen fundamental anderen Entwicklungspfad. Wo China vor einem Jahrzehnt auf Kohle setzte, baut Indien heute auf Sonne. Wo der Westen den fossilen Umweg nahm, nimmt Indien die Abkürzung.

Die zentrale Frage: Entsteht hier der nächste „Elektrostaat“ – ein Land, das seinen Energiebedarf überwiegend durch saubere, heimische Elektrizität deckt?


Der Vergleich, der alles verändert

Embers Analyse macht etwas Kluges: Sie vergleicht nicht Indien und China heute – das wäre unfair, denn Chinas Wirtschaftsleistung ist mehr als doppelt so hoch. Stattdessen vergleicht sie beide Länder auf gleichem Entwicklungsstand.

Indien erreicht heute ein kaufkraftbereinigtes Pro-Kopf-Einkommen von etwa 11.000 US-Dollar – exakt das Niveau, auf dem China 2012 stand. Der Vergleich ist ernüchternd für jeden, der an die Unvermeidbarkeit fossiler Brennstoffe glaubt:

  • Solar: 9 % Anteil an Indiens Stromerzeugung 2025 – gegenüber praktisch 0 % in China 2012.
  • Kohle: Pro-Kopf-Kohlestrom in Indien bei etwa 1 MWh – rund 40 % des chinesischen Niveaus.
  • Öl: Pro-Kopf-Straßenölverbrauch 96 Liter – etwa 60 % unter China 2012.
  • E-Mobilität: Bereits 5 % elektrische Neuwagen – in China 2012 praktisch Nullmarkt.
Indien eletrifiziert sauberer und schneller als China

Warum Indien den fossilen Umweg überspringt

Der Grund für Indiens anderen Pfad ist simpel: Timing. Als China 2012 seinen Elektrifizierungs-Sprint startete, kostete Solarstrom noch das Zehnfache von Kohlestrom. Die Entscheidung für Kohle war ökonomisch rational.

Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt. Solar plus Speicher liegen in Indien heute deutlich unter den Kosten neuer Kohlekraftwerke – und die Schere öffnet sich weiter. Gleichzeitig sind Batteriepreise seit den frühen 2010er-Jahren um rund 80–90 Prozent gefallen, E-Autos unterbieten Verbrenner beim Preis.

Kingsmill Bond, Energie-Stratege bei Ember und einer der Autoren der Analyse, bringt es auf den Punkt: Der Entwicklungspfad, der für das Land heute ökonomisch sinnvoll ist, ist nicht der Pfad, der für China vor einem Jahrzehnt sinnvoll war.

Das aufstrebende Land profitiert von den Lernkurven, die China durch massive Investitionen in den 2010er Jahren angestoßen hat. Die Ironie: Chinas fossiler Aufstieg hat die Technologien verbilligt, die anderen Ländern erlauben, den fossilen Aufstieg zu überspringen.

150 Milliarden Dollar fossile Abhängigkeit

Indiens Motivation ist nicht primär Klimaschutz – es ist wirtschaftliche Notwendigkeit. Das Land importiert über 40 Prozent seiner Primärenergie in Form von Kohle, Öl und Gas. Die jährliche Rechnung: rund 150 Milliarden US-Dollar.

Diese Abhängigkeit ist ein strategisches Risiko. Preisschocks auf den Weltmärkten treffen Indiens Wirtschaft direkt. Die Rupie leidet unter dem permanenten Devisenabfluss. Und in einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen ist Energieabhängigkeit eine Schwachstelle.

Genau hier liegt der strategische Kern der Electrostate-These: Elektrifizierung ist nicht nur Klimaschutz, sondern eine industrie-, währungs- und sicherheitspolitische Entscheidung.

Der Aufstieg der Elektrostaaten

Ember prägt für diesen Entwicklungspfad einen neuen Begriff: Elekrostaaten. Gemeint sind Länder, die den Großteil ihres Energiebedarfs durch saubere, überwiegend heimische Elektrizität decken – statt durch importierte fossile Brennstoffe.

Noch ist kein Land ein echter Elektrostaat. Aber der Trend ist eindeutig. Und das Land hat die besten Voraussetzungen, einer der ersten zu werden:

Indien auf dem Weg zum Elektrostaat

Skalierungspotenzial: Die Solarindustrie boomt. Die Modulfertigungskapazität ist auf 120 GW gestiegen – eine Verzwölffachung in zehn Jahren. Die Zellfertigung, vor einem Jahrzehnt praktisch nicht existent, liegt bei 18 GW.

Struktureller Vorteil: Die Wirtschaft ist weniger energieintensiv als Chinas. Das Land generiert ein Drittel mehr Wirtschaftsleistung pro Energieeinheit. Weniger Schwerindustrie, mehr Dienstleistungen – ein Wachstumsmodell, das zum Electrotech-Zeitalter passt.

Elektrifizierungs-Dynamik: Knapp 20 Prozent der Endenergie werden bereits elektrisch bereitgestellt. Das Tempo – etwa fünf Prozentpunkte pro Jahrzehnt – entspricht Chinas beeindruckender Elektrifizierungs-Geschichte.

Die fossile Panik

Für die fossile Industrie sind diese Daten ein Albtraum. Indien war die letzte große Hoffnung auf Jahrzehnte weiteren Wachstums. Die Zahlen von Ember zeigen: Diese Hoffnung ist unbegründet.

Die Kohlenachfrage nähert sich nach Ember-Analyse dem Peak – zumindest auf Pro-Kopf-Basis. Der Straßen-Ölverbrauch wird seinen Höhepunkt weit unter chinesischem Niveau erreichen. Die fossile Industrie verliert nicht nur die entwickelten Märkte an die Energiewende – sie verliert auch den größten Wachstumsmarkt der Welt.

Das erklärt die zunehmende Nervosität in fossilen Kreisen. Die verzweifelten Versuche, Zweifel an Erneuerbaren zu säen. Die Lobbyoffensiven für neue Kohlekraftwerke. Die Warnungen vor „Versorgungssicherheit“ und „Bezahlbarkeit“.

Doch die strukturelle Disruption lässt sich kaum noch aufhalten – sie lässt sich allenfalls verzögern, zum Preis höherer Kosten und verpasster Chancen.

Die Blaupause für den globalen Süden

Der Electrotech-Fast-Track ist mehr als eine nationale Erfolgsgeschichte. Es ist eine Blaupause für andere Entwicklungs- und Schwellenländer.

Die Botschaft: Industrialisierung erfordert keinen fossilen Umweg mehr. Die Technologien sind da. Die Kosten sind gefallen. Der saubere Pfad ist heute oft der billigere Pfad.

Länder, die weniger entwickelt sind als Indien, werden noch stärker profitieren. Für sie werden Solar, Batterien und E-Fahrzeuge noch günstiger sein. Sie können direkt in die Electrotech-Zukunft springen – ohne den teuren, schmutzigen Zwischenschritt.

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Afrika könnte der nächste Kontinent sein, der diesen Pfad einschlägt. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.

Die offenen Fragen

Der Electrotech-Pfad ist beeindruckend, aber nicht ohne Risiken. Die Regierung prüft Pläne, die Kohlekraftwerkskapazität bis 2047 zu verdoppeln – ein Widerspruch zur Ember-Analyse, der die Spannung zwischen kurzfristiger Versorgungssicherheit und langfristiger Transformation zeigt.

Die Abhängigkeit von chinesischem Equipment bleibt ein Problem. Reliance Industries musste kürzlich Pläne für eine Batteriefertigung pausieren, weil notwendige Ausrüstung aus China nicht verfügbar war.

Und trotz der guten Pro-Kopf-Zahlen: Absolut steigt Indiens fossiler Energieverbrauch weiter. Die Frage ist, ob der Ausbau von Solar und Speicher schnell genug ist, um das Nachfragewachstum aufzufangen.

Doch die Richtung stimmt. Indien zeigt, dass der Electrotech-Pfad möglich ist. Dass Schwellenländer nicht den fossilen Fehler des Westens wiederholen müssen. Dass die Zukunft der Energie elektrisch ist – und dass diese Zukunft schneller kommt, als die fossile Industrie wahrhaben will.

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