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Disruption: Wie disruptive Innovationen globale Märkte umkrempeln

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Was bedeutet Disruption? Wo kommt der Begriff historisch her? Welche Beispiele für disruptive Technologien und Innovationen gibt es?

Die Welt ist in einer Dekade der Disruption. So wird die fossile, zentralistische Energieversorgung bis 2030 zerstört. Erneuerbare Energien wie Solar und Wind sind so rasant günstiger geworden, dass sie den kompletten Energiemarkt umkrempeln und die globale Verbrennung von Kohle, Öl, Erdgas und Uran zum Zweck der Energiegewinnung überflüssig machen. Aber was bedeuten disruptive Technologien konkret? Welche historischen Beispiele gibt es? Welche Märkte werden noch umgekrempelt? Der Artikel gibt den Überblick.

Solar, Wind, Batterien, E-Autos und autonomes Fahren sind disruptive Technologien und Innovationen, die innerhalb kurzer Zeit das fossile Zeitalter beenden werden. Die eng verwobenen Märkte Energie und Mobilität werden auf der Basis von Solar, Wind und Batterien dezentralisiert und somit komplett umgekrempelt. In der Dekade der Disruption bis Ende der 2020er Jahre steht der größte Wandel des Energie- und Transportsektors seit 120 Jahren an.

Damals folgte innerhalb weniger Jahrzehnte der vollständige Übergang von der Pferdekutsche zum Automobil. Die Disruption basierte auf der Innovation des Verbrennungsmotors und billigen Kraftstoffen. Trotz jahrelanger Vorbehalte und der Liebe zu Pferden und entsprechenden Kutschen setzte sich das Auto mit seinen Vorteilen wie etwa größerer Reichweite rasch durch. Und das, obwohl rund um das Fahrzeug erst Straßen und andere Infrastruktur wie Produktionskapazitäten geschaffen werden mussten.

Definition: Was bedeutet Disruption?

Das Beispiel des Übergangs von der Pferdekutsche zum Auto zeigt: Eine Disruption ist definiert als eine meist zerstörerische Veränderung eines Marktes, die von innovativen Technologien ausgelöst wird. So ist es möglich, dass sich belächelte Nischen-Lösungen wie der PKW innerhalb weniger Jahre zu dominierenden Angeboten entwickeln und globale Märkte umkrempeln.

Der Begriff Disruption kommt aus dem Englischen bzw. Lateinischen – das Verb „to disrupt“ steht für „unterbrechen“ oder „zerstören“. Disruptive Technologien wie der PKW mit Verbrennungsmotor setzen sich mit neuen Geschäftsmodellen gegen die etablierten Lösungen durch und sorgen für die Etablierung neuer, stark wachsender Innovationen, die oft preisgünstiger sind und somit für eine größere Klientel relevant werden.

Disruptive Innovation 1: Ballmer und das Smartphone

Ein Wesen der disruptiven Technologien und Innovationen ist es, dass die bisherigen Marktplayer oft nicht begreifen, dass sich ein Markt weg von ihrer eigenen Technologie entwickelt. Als Apple und Google 2007 mit dem Smartphone kamen, waren etablierte Player wie Nokia oder Blackberry überzeugt, die neue Technologie wäre zu teuer und für die Kunden uninteressant. Selbst Microsoft-Chef Steve Ballmer verkündete: “Das iPhone wird nie im Leben einen bedeutenden Marktanteil erlangen. Keine Chance.”

Was Ballmer nicht erkannt hatte: Das iPhone wurde von Apple innerhalb von nur sieben Jahren milliardenfach verkauft. Und das, obwohl es keine Tastatur hatte und mit 600 Dollar auf den ersten Blick nicht eben erschwinglich erschien. Es war kompakt, und krempelte im Endeffekt weit mehr um als nur den Markt für Mobiltelefone. So etwa die digitale und analoge Fotografie, die Art des Shoppings und der Nachrichtennutzung (Social Media) und viele, viele weitere Bereiche.

Umgedreht hatten Apple und Google exakt auf den Zeitpunkt gewartet, wo ein solches Gerät auf den Markt gebracht werden konnte. Das Zusammenspiel vieler Innovationen oder technologischer Verbesserungen ermöglichte die Disruption. Touch-Displays wurden erschwinglich, Batterien lieferten eine akzeptable Nutzungsdauer, Chips machte Fortschritte in ihrer Leistung und neue Mobilfunkstandards ermöglichen die Übertragung passender Datenmengen.

Disruptive Technologien 2: Solarenergie

Die durch die Solarenergie ausgelöste Revolution der Energieerzeugung ist die dynamischste Disruption, die die Welt je erlebt hat. Klarstes Anzeichen für die Disruption im Bereich Photovoltaik ist der Preisverfall der Solarmodule. Kostete ein Solarmodul pro Watt 1977 stolze 77 Dollar, so hat sich der Preis bis 2017 auf 0,30 Dollar je Watt reduziert. Doch diese Entwicklung ist noch lange nicht beendet, wie Investor und Marktexperte Ramez Naam im untenstehenden Video bestätigt: Er rechnet in den kommenden zehn Jahren mit einem weiteren Rückgang auf 10 Cent pro Watt.

Keynote von Ramez Naam über die Disruption von Solarenergie und Batteriespeichern.

Die Entwicklung in der Vergangenheit hat heute Auswirkungen auf den Energiemarkt. In vielen Teilen der Welt sind Solarkraftwerke günstiger als neue Gas- und Kohlekraftwerke, die Strom für ca. sechs Cent pro Kilowattstunde erzeugen. Am 28. April 2020 gab die Abu Dhabi Power Corporation bekannt, für einen Solarpark ein Gebot von sagenhaften 1,35 Dollar-Cent pro Kilowattstunde erhalten zu haben. In der Al Dhafra Region entsteht einer der größten Solarparks der Welt, der bis Mitte 2022 vollständig am Netz sein soll.

Sogar in Deutschland, einem Land das nicht als sonnenreich und somit prädestiniert für Solarenergie gilt, gehen mittlerweile die Gebote auf vier bis fünf Eurocent zurück – ohne Subventionen. Deutschland hat entscheidend dazu beigetragen, die Photovoltaik salonfähig und günstiger zu machen – ein Resultat sind die höchsten Strompreise in Europa, weil die nicht ideale Photovoltaik-Ernte hierzulande mit höherer Förderung als anderswo dazu beigetragen hat.

Aber: Selbst hier beginnt nun die nächste Phase, weil mittlerweile die ganze Welt zur weiteren Preisreduktion der Solarmodule beiträgt. Von den noch deutlich günstigeren Gestehungskosten in Spanien oder Portugal oder Nordafrika beispielsweise wird Deutschland in Zukunft indirekt profitieren: Durch den Import von günstigem, grünem Wasserstoff oder Methanol.

Technologieentwicklung längst nicht abgeschlossen

Dabei ist die Technologoieentwicklung rund um die Solarenergie noch lange nicht abgeschlossen: Ein Sprung im Hinblick auf Effizienz ist durch innovative Heterojunction- oder Perowskit-Solarzellen zu erwarten. Bifaciale Module erweitern die Anwendungsbereiche der Solarenergie ebenso wie organische Solarzellen wie sie beispielsweise Heliatek aus Dresden herstellt. Dienstleister wie Zolar oder Enpal machen Photovoltaikanlagen auf dem Hausdach attraktiv.

Die Disruption der Solarenergie ist mehr als eine Revolution. Sie ist die dynamischste Marktumwälzung, die die Welt womöglich seit dem iPhone gesehen hat. Der weitere Preisverfall, die Potenziale in für Solarzellen idealen Regionen und viele andere Fakten sprechen dafür, dass der Siegeszug der Solarenergie viel rascher kommt als von sämtlichen Experten prognostiziert.

Disruptive Innovation 3: Vom Auto zu Transport as a Service

Auch der Mobilitätsbereich ist derzeit inmitten einer technologischen Disruption. Während die Europäische Union faktisch ein Verbrenner-Verbot ab 2035 beschlossen hat, wächst die Beliebtheit von E-Autos kontinuierlich. Beobachter wie die Experten von Bloomberg gehen mittlerweile davon aus, dass der entscheidende Kipppunkt („Tipping Point“) überschritten ist. Bedeutet: Ab sofort kommt es zu exponentiellem Wachstum.

Das E-Auto ist, das ist einer der Gründe für die unbändige Kraft dieser Disruption, um den Faktor zehn energieeffizienter als ein Verbrenner. Es gibt bereits eine Batterie, die 2 Millionen Meilen übersteht. Für den einzelnen Besitzer ist diese technologische Innovation beinahe irrelevant – aber es sorgt für eine weitere Umwälzung: Plötzlich wird das Geschäftsmodell „Transport as a Service“ so unfassbar attraktiv, dass Autobesitz rasant an Bedeutung verlieren wird.  

Zu dieser Veränderung hinzu kommt innerhalb weniger Jahre das autonome Fahren. Wenig wartungsintensive E-Autos können zukünftig 10, 12 Stunden auf den Straßen unterwegs sein. Letztlich erlauben weniger Fahrzeuge deutlich mehr Mobilität. Und in den Pausen können die Elektroautos netzdienlich geladen oder entladen werden. Das Fahrzeug per Smartphone-Knopfdruck vor der eigenen Haustüre wird in den 20er Jahren höchst attraktiv werden.

Wo kommt der Begriff disruptive Technologien historisch her?

Der Begriff Disruption oder disruptive Innovation entstand 1997. Der damalige Harvard-Professor Laytom M Christensen wirkte an der Harvard Business School und entwickelte die Disurptionstheorie. In einem Buch namens „The Innovator’s Dilemma“ beschrieb er den Begriff der disruptiven Technologien erstmalig.

Aus Sicht von Christensen ist essentiell, dass Disruptoren bei der Erschließung neuer Märkte einen Markt schaffen, den es zuvor nicht gegeben hat. Dadurch finden sie einen Weg, aus bisherigen Nicht-Nutzern beispielsweise von Mobiltelefonen, Nutzer zu machen. Seitdem ist der Begriff der “disruptiven Innovation” im alltäglichen Sprachgebrauch insbesondere von Managern eingegangen. Doch nicht immer wird er mit echten Umwälzungen in Verbindung gebracht – oft gilt eine jede Marktveränderung größeren Ausmaßes als Disruption.  

Neben dem Harvard-Professor ist es der Mitgründer des Think Tanks RethinkX, Tony Seba, der die Theorie der Disruption kontinuierlich prägt und weiterentwickelt. Seba ist Dozent für Unternehmertum, Disruption und saubere Energien an der Stanford-University. In Büchern und Publikationen, die sich vorrangig an Entscheider in Regierungen, Städten oder Unternehmen richten, leitet Seba aus der Analyse von Disruptionen der Vergangenheit zukünftige Umwälzungen ab. 

“Die 2020er Jahre werden das schnellste, tiefgreifendste und umwälzendste Jahrzehnt der Geschichte für die Sektoren Energie, Transport, Lebensmittel, Landwirtschaft, Information und Materialien sein.  

Tony Seba über die Dekade der Disruption

Seba beschäftigt sich in seinen Büchern, öffentlichen Vorträgen und sonstigen Publikationen insbesondere mit der Prognose künftiger disruptive Technologien. Er kritisiert die klassischen Analysten, die etwa den Zusammenbruch des fossilen Energiezeitalters viele Jahre nicht vorhersehen bzw. in ihren Modellen abbilden konnten. Disruptionen verlaufen entlang einer S-Kurve, was entlang des Halses exponentielles Wachstum bedeutet. Analysten gehen aber konsequent von einem lediglich linearen Anstieg des Marktanteils der Innovation aus.

Die unaufhaltsame Umwälzung

Disruption hat die Kraft, globale Märkte umzukrempeln. Dabei gehorcht eine disruptive Umwälzung klaren ökonomischen Gesetzen. Jede Technologie verfügt über ihre spezifische Lernkurve. Die Solarenergie beispielsweise wird mit jeder Verdopplung der Produktionskapazität 30 Prozent günstiger. Genau das macht ihren globalen Siegeszug trotz aller Versuche der fossilen Industrien unaufhaltsam.

Eine Disruption ist also eine unaufhaltsame Umwälzung. Uns stehen spannende Jahre bevor, denn die anstehenden Umwälzungen gehen weit über Energie und Mobilität hinaus. Auch die Bereiche Information, Material und Food werden weitere, disruptive Technologien hervorbringen. Darauf basierend und im Zusammenspiel wandelt sich unsere komplette Zivilisation – vorausgesetzt, wir setzen die richtigen Rahmenbedingungen und zerstören uns nicht selbst.

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  1. […] allein im ersten Halbjahr 2011 um 30 Prozent, wie das manager-magazin berichtete. Der Beginn einer zerstörerischen und kraftvollen Wende am Energiemarkt (Disruption). Auch, weil China massiv in das Geschäft mit Solarmodulen einstieg, große […]

  2. Ludwig Retzbach sagt

    Eine sehr erfreuliche Entwicklung! Leider wird hierbei immer wieder die Nachrüstung der Speichertechnologien vergessen, die parallel und in entspechenden Umfang zum Ausbau der volatilen Energieerzeugung aus Wind und Sonne erfolgen müsste.
    Solange die Grundlast vorwiegend aus atomarer und thermischer Energierzeugung stammt, sollte man noch nicht von disruptiven Entwicklungen reden.

    1. Martin Jendrischik sagt

      Die Entwicklung der Batteriespeicher verläuft ebenfalls disruptiv. Gleichzeitig kommt eine Fülle neuer Speichertechnologien auf den Markt. Die Entwicklung hinkt der Solarentwicklung etwas hinterher, weil noch nicht in jedem Markt, die Speicherfrage so wichtig ist wie in Deutschland oder den USA. Da aber auch UK beispielsweise erstmals negative Strompreise hatte, geht es auch hier voran.

      Übrigens: Man muss schon Erzeugung mit Erzeugung vergleichen dürfen, denn bei aller Liebe für Grundlast – Kohle oder Atom sind nicht regelbar und haben daher auch ganz klare Nachteile.

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