Koalition der Entschlossenen: Wie neue Allianzen die fossile Blockade umgehen

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 zeigen vier Stimmen aus vier Kontinenten, warum die Energiewende nicht mehr aufzuhalten ist – und warum Deutschland gerade auf der falschen Seite steht.

Ein australischer Bergbau-Milliardär, ein kalifornischer Gouverneur, eine portugiesische Konservative und ein pazifischer Inselminister sitzen auf einer Bühne in München. Klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes. Ist aber die vielleicht wichtigste Podiumsdiskussion der Münchner Sicherheitskonferenz 2025. Denn während im Saal nebenan über Billionen für Verteidigung verhandelt wird, stellt sich die Koalition der Entschlossenen eine unbequeme Frage: Was nützt militärische Aufrüstung, wenn Europa energiepolitisch ein Vasallenstaat bleibt?

Donald Trump hat die USA aus dem Pariser Abkommen abgemeldet, alle Umweltvorschriften de facto abgeschafft und – in den Worten von Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom – den Amerikanern gesagt: „Verschmutzt das Land, so viel ihr wollt.“ China schickte fast 800 Delegierte zur COP, die USA nicht einmal einen Stenografen. Die größte Volkswirtschaft der Welt ist klimapolitisch ausgefallen.


Aber statt Resignation passiert etwas Bemerkenswertes: Eine neue Koalition formiert sich. Nicht aus Idealismus, sondern aus Notwendigkeit. Quer zu den alten Hierarchien, quer zu den Kontinenten, quer zu den politischen Lagern.

Neue Diplomatie: Der Gouverneur spricht mit dem Kanzler

Die Szene an sich ist bemerkenswert. Gouverneur Newsom spricht auf der Sicherheitskonferenz selbstverständlich mit Kanzler Merz – ein Gouverneur redet mit einem Kanzler, weil er von diesem mehr Verbindlichkeit bekommt als vom eigenen Präsidenten. Das ist die neue Klimadiplomatie: subnational, pragmatisch, ergebnisorientiert.

Newsom hat bei der COP in Belém Absichtserklärungen mit 22 brasilianischen Bundesstaaten unterzeichnet – keine Absichtserklärungen im üblichen Sinne, sondern konkrete Verpflichtungen zu technischer Hilfe und Zusammenarbeit.

Ralph Regenvanu, Klimaminister von Vanuatu, organisiert mit rund 80 Ländern ein Treffen im April in Kolumbien, um einen Ausstiegspfad aus fossilen Brennstoffen zu erarbeiten – außerhalb des COP-Prozesses, weil der von wenigen Blockierer-Staaten als Geisel gehalten wird. „Es ist ein konsensbasiertes System“, sagt Regenvanu. „Ein paar Länder können uns als Geisel halten. Also haben wir es nach außen verlagert.“

Die Koalition der Entschlossenen umgeht die Blockade. Und sie tut es mit einer neuen Selbstverständlichkeit: Newsom betont, dass Kalifornien – bevölkerungsmäßig so groß wie 21 US-Bundesstaaten zusammen und die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt – ein „stabiler und verlässlicher Partner“ sei. Die Botschaft an die Welt: Verlasst euch nicht auf Washington. Aber verlasst euch auf uns. „Donald Trump ist vorübergehend“, sagt Newsom. „Er wird in drei Jahren weg sein.“

Andrew Forrest: „Vor neun Monaten ging das noch nicht“

Dann betritt Andrew Forrest die Bühne – und liefert den härtesten Business Case des Tages. Forrest ist Executive Chairman von Fortescue, einem der größten Bergbaukonzerne der Welt. Sein Unternehmen verbrennt eine Milliarde Liter Diesel pro Jahr, beschafft aus der ganzen Welt. Damit ist in diesem Jahrzehnt Schluss, sagt Forrest. Nächstes Jahr schaltet Fortescue das weltweit erste grüne Netz im industriellen Maßstab ein.

Was das jetzt möglich macht, ist nicht allein Solar, Wind oder Batterien – die sind seit Jahren auf der exponentiellen Kostenkurve. Der entscheidende Durchbruch ist KI. Forrest sagt auf der Bühne in München:

„Die Technologie existiert jetzt – mit Solar, Wind, Batterien und vor allem mit KI. Vor sechs bis neun Monaten hatten wir sie noch nicht, aber jetzt haben wir sie. Sie können ein erneuerbares Energienetz mit KI betreiben, was vorher nicht möglich war. Wenn eine Wolkenbank über einen Solarpark zieht, ändert sich alles. Sie müssen Entscheidungen buchstäblich mit Lichtgeschwindigkeit treffen. Menschen können das nicht.“

Das ist der Moment, in dem das letzte große Argument der fossilen Lobby stirbt: „Erneuerbare können keine Grundlast liefern.“ Doch, können sie. Jetzt. KI optimiert in Millisekunden Stromflüsse zwischen Solar, Wind und Batteriespeichern – sie reagiert auf Wolkenbänke, Windflauten und Lastspitzen schneller, als ein menschlicher Netzbetreiber den Bildschirm ablesen kann.

Und die Rechnung? Fortescue spart damit rund eine Milliarde Dollar pro Jahr. Kein Klimaaktivismus – rationale Betriebswirtschaft im industriellen Maßstab.

„Es ist mir wirklich egal, ob Sie an die Klimawissenschaft glauben oder nicht. Ich bin weder Republikaner noch Demokrat, aber ich liebe meinen Planeten. Wir sind der industrielle Beweis: Das Zurückdrehen der Uhr zu Öl und Gas ist sehr schlechte Wirtschaft. Das ist mein einziges Argument.“

Forrest geht noch weiter. Er richtet sich direkt an Europa mit einem konkreten Vorschlag: Nordafrika, insbesondere Marokko, als Energiebank Europas zu entwickeln. „Sie haben eine Energiebank direkt vor Ihrer Haustür, die ein Vielfaches von allem ist, was Saudi-Arabien jemals produzieren wird.“ Fortescue könne 40 bis 50 Unterwasserkabel mit jeweils 2 bis 2,5 Gigawatt Kapazität verlegen – innerhalb weniger Jahre, innerhalb der eigenen Bilanz. Das Ergebnis: eine Energieversorgung für Europa in der Größenordnung Deutschlands.

Sein Appell an die Unternehmensführer weltweit: „Wann werden Sie aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen? Nennen Sie das Datum. Und wenn Sie kein Datum nennen können – dann geben Sie das Mikrofon ab.“

Lídia Pereira: Die Konservative, der das Dach wegflog

Lídia Pereira ist Vizepräsidentin der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament. Gleiche politische Familie wie Friedrich Merz. Gleiche politische Familie wie Katherina Reiche, Deutschlands neue Energieministerin. Aber Pereira redet völlig anders.

Am 28. Januar 2025 verschwand ein Teil ihres Hausdaches in einem Sturm in Portugal. Ihre Heimatstadt stand am Rande der vollständigen Überflutung. Menschen ohne Strom, ohne Wasser. Gehälter, die nicht vollständig ausgezahlt werden konnten, weil die Infrastruktur zusammenbrach. Die Schadensbilanz allein für dieses eine Wetterereignis: 4,5 Milliarden Euro. In einem einzelnen EU-Mitgliedsstaat. Bei einem einzelnen Sturm.

Und was sagt die Konservative? Nicht: Wir müssen die Klimaziele abschwächen, weil die Industrie leidet. Sondern:

„Wenn wir über Klima sprechen, sprechen wir über Sicherheit, Innovation und ein Wirtschaftsmodell, das wir in Europa wirklich vorantreiben müssen. Dafür braucht es das Engagement der Premierminister. Ich komme aus dem Europäischen Parlament – das Problem liegt nicht dort. Das Problem liegt bei den Staats- und Regierungschefs, die nationale Interessen und europäische Ziele in Einklang bringen müssen. Hier muss sich die Denkweise ändern.“

Pereira argumentiert nicht aus der Öko-Ecke, sondern aus knallharter europäischer Wettbewerbs- und Sicherheitslogik. Wir können nicht über Kampfjets reden, die mit Öl fliegen, und gleichzeitig Energieautonomie beanspruchen. Saubere Technologien sind kein Luxus – sie sind Voraussetzung für europäische Souveränität. Und die Unternehmen müssten lauter werden: „Ich sehe viel Schweigen und viel Angst, wenn es Zeit ist, sich zu bekennen“, sagt sie.

Der Kontrast zu Katherina Reiche könnte nicht schärfer sein. Beide konservativ. Aber die eine hat am eigenen Dach erlebt, was Klimawandel konkret bedeutet – und zieht die richtigen Schlüsse. Die andere baut Gasinfrastruktur aus.

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Die Stimme der Opfer

Und dann ist da noch Ralph Regenvanu, der Minister aus Vanuatu, der die moralische Klammer des Panels liefert. Sein Land hat maßgeblich dafür gekämpft, dass das 1,5-Grad-Ziel ins Pariser Abkommen aufgenommen wurde. Wissenschaftler sind sich mittlerweile sicher, dass es nicht erreicht wird.

Vanuatu hat daraufhin einen anderen Weg eingeschlagen: Der Internationale Gerichtshof hat auf Initiative der Pazifik-Inseln ein Gutachten abgegeben, das Völkerrecht in Sachen Klima kristallisiert hat. Neue fossile Lizenzen sind demnach völkerrechtswidrig. Regenvanu sagt: „Staaten haben Verpflichtungen, den Klimawandel anzugehen. Die Lizenzierung neuer fossiler Brennstoffunternehmen ist jetzt eine rechtswidrige Handlung unter internationalem Recht.“

Sein Schlussstatement trifft den Saal:

„Wenn wir die Klimakrise nicht angehen, wenn wir nicht sofort einen fairen und vollständigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen durchführen, wird es keine Zukunft geben für viele Menschen auf den Pazifischen Inseln. Wir sind Teil dieser Welt. Und wir brauchen nicht dieses Zurückweichen vor dem Thema. Wir wissen, dass es die Öllobby ist. Wir wissen, dass es die Profite bestimmter Unternehmen sind, die die Welt zerstören. Es sind die Länder in diesem Raum, die entwickelten Staaten, die sich mit diesem Problem befassen müssen – denn wir sind die Opfer Ihres Problems.“

Verschmutzung ist Diebstahl

Gouverneur Newsom bringt es am Ende auf eine Formel, die das gesamte Kostenargument der fossilen Lobby umdreht:

„Die moderne Umweltbewegung in den USA begann in Kalifornien unter Ronald Reagan – nicht weil er ein leidenschaftlicher Verfechter sauberer Luft war, sondern weil Los Angeles so versmogt war, dass Unternehmen sagten: Wir können hier keine Geschäfte machen. Und jetzt macht Trump das Gegenteil: Er schafft die Umweltvorschriften ab und sagt damit: Verschmutzt die USA, so viel ihr wollt.

Das sind Defizitausgaben. Verschmutzung ist ein Akt des Diebstahls – an der Gesundheit einer Nation und durch die Sanierungskosten. Allein 2023 gab es in den USA 23 wetterbedingte Ereignisse, die die Steuerzahler jeweils über eine Milliarde Dollar gekostet haben. Sagen Sie mir nicht, es geht ums Geldsparen.“

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Kalifornien selbst ist der Gegenbeweis: 81 Prozent BIP-Wachstum seit 2000, gleichzeitig 21 Prozent weniger Treibhausgasemissionen, sieben Mal mehr saubere Energiejobs als fossile. Neun von zehn Tagen lief die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt im vergangenen Jahr mit 100 Prozent sauberer Energie. Und 29 Prozent aller Neuwagenkäufe im letzten Quartal waren Elektrofahrzeuge.

Die eigentliche Sicherheitsfrage

Die Münchner Sicherheitskonferenz 2025 wird als Verteidigungskonferenz in Erinnerung bleiben – Billionen für Aufrüstung, europäische Autonomie, strategische Souveränität. Aber dieses eine Panel zeigt, was in der Debatte zu kurz kommt: Ohne Energiesouveränität ist alles Makulatur.

Die Technologie für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ist da. KI macht sie jetzt beherrschbar. Die Wirtschaftlichkeit ist überlegen. Ein australischer Bergbaukonzern beweist es mit einer Milliarde Dollar Ersparnis pro Jahr. Eine portugiesische Konservative fordert ihre eigenen Regierungschefs zum Handeln auf. Ein pazifischer Inselstaat nutzt das Völkerrecht, um fossile Lizenzen für rechtswidrig zu erklären. Und Kalifornien zeigt im Maßstab einer Billionen-Dollar-Volkswirtschaft, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum keine Gegensätze sind.

Wer jetzt noch fossile Infrastruktur ausbaut, wählt nicht Stabilität – sondern Abhängigkeit. Die Koalition der Entschlossenen handelt. Und in Deutschland sorgt Katherina Reiche für fossile Lockin-Effekte und gewaltige Abhängigkeiten. Ausgerechnet von Donald Trumps USA.

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