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Globaler Gasmarkt: Wie eine Roland-Berger-Studie die Gasmangellage-Panik widerlegt
Fünf Megatrends zeigen, warum YouTube-Paniker falsch liegen – und wo die Studie selbst zu kurz greift
Während YouTube-Paniker behaupten, Deutschland hänge am seidenen Faden, beschreibt die Strategieberatung Roland Berger eine Welt, in der Flexibilität, Diversifikation und sinkende Fossilabhängigkeit das Risiko auf dem Gasmarkt Jahr für Jahr reduzieren. Die Studie „The Global Gas Game“ zeichnet ein nüchternes Bild des globalen Gasmarkts, das mit der deutschen Angst-Debatte wenig zu tun hat. Eine Einordnung mit Daten statt Angst.
In den vergangenen Wochen war es wieder so weit. NIUS titelte „Gasmangellage nicht mehr abzuwenden“. Stefan Spiegelsberger rechnete auf YouTube vor, warum Deutschland den Winter nicht überstehen könne. Kolja Barghoorn sprach von einer „Schockmeldung aus Niedersachsen“. Es war die bekannte Mischung aus niedrigen Speicherständen, dramatischen Prognosen und dem Wort „Gasmangellage“ in der Überschrift.
Passend dazu veröffentlicht die Strategieberatung Roland Berger jetzt ihre Gasmarkt-Studie „The Global Gas Game“. 32 Seiten, geschrieben für Regierungen und Energieunternehmen weltweit. Kein YouTube-Thumbnail mit Ausrufezeichen. Keine Sponsoring-Blöcke für Datenschutz-Apps. Stattdessen: eine nüchterne Analyse des globalen Gasmarkts, seiner Trends und der Strategien, die in den kommenden 20 Jahren entscheidend sein werden.
Die Studie zeichnet ein Bild, das mit der deutschen Panik-Debatte wenig zu tun hat. Es ist eine Welt, in der LNG-Tanker in Echtzeit zu den Märkten mit den höchsten Preisen umgeleitet werden. In der Regasifizierungskapazitäten die Verflüssigungskapazitäten übersteigen. In der Infrastruktur nicht vom Stranden bedroht ist, sondern der neue Engpass sein wird.
Fünf Trends im globalen Gasmarkt
Roland Berger identifiziert fünf Megatrends. Jeder einzelne widerspricht der These, Deutschland stehe vor einer unabwendbaren Gasmangellage.
Trend 1: Mehr LNG, mehr Flexibilität. Die Studie beschreibt eine massive Verschiebung von Pipeline-Gas zu LNG. Regasifizierungsterminals werden weltweit ausgebaut. Allein bis 2030 kommen laut Roland Berger rund 390 Milliarden Kubikmeter an neuer Regasifizierungskapazität hinzu.
Der Zugang zu solchen Terminals wird als „nationale Sicherheitspriorität“ behandelt. Deutschland hat in der Energiekrise 2022 genau diesen Schritt gemacht. Die LNG-Terminals stehen. Sie sind nicht ausgelastet. Und genau das ist der Punkt: Es gibt Kapazität.
Trend 2: Der Markt wird global. Preisunterschiede zwischen den Handelsplätzen Henry Hub (USA), TTF (Europa) und JKM (Asien) schrumpfen. Roland Berger schreibt: Der Gasmarkt wird „zu einem wirklich globalen, vernetzten Rohstoffmarkt“. Rund 50 Prozent der Gasvolumen werden bereits über Handelsplätze bepreist.
Die Zeiten starrer, langfristiger Verträge mit festen Zielorten gehen zu Ende. Das bedeutet: Wenn Europa zahlt, kommt das Gas. Genau das hat 2022 funktioniert.
Trend 3: China als Swing-Trader. Hier wird es für die deutsche Debatte besonders interessant. China hat bis 2026 mehr als 100 Millionen Tonnen LNG pro Jahr unter Vertrag genommen. Doch bei schwacher Binnennachfrage leiten chinesische Käufer ihre Ladungen um.
Roland Berger beziffert: Bis zu 40 Prozent der chinesischen Vertragsmengen landeten über flexible Klauseln auf dem Spotmarkt. Hauptziel: Europa. Die Studie nennt das eine „Swing-Trader-Strategie“, die Europas Versorgungssicherheit stützt.
Trend 4: Gas als Diplomatie-Instrument. Diversifikation wird zur Staatsräson. Die EU hat im Januar 2026 eine verbindliche Verordnung verabschiedet, russisches Gas schrittweise zu verbannen. Neue Verträge sind sofort verboten, bestehende laufen bis Ende 2027 aus. Das erzwingt Diversifikation und stärkt die Position der LNG-Importeure.
Trend 5: Sinkende Fossilabhängigkeit. Erneuerbare Energien, Wärmepumpen, Energieeffizienz: Alle Länder-Archetypen in der Studie verfolgen als „No-Regret-Move“ die Reduktion der Gasnachfrage dort, wo es bessere Alternativen gibt.
Bei der Gebäudeheizung ist die Studie bemerkenswert deutlich: Moderne Luft-Wärmepumpen seien bereits heute der „Kostenführer“, selbst wenn die Strompreise doppelt so hoch liegen wie die Gaspreise.
Biomethan sei mengenmäßig auf etwa zehn Prozent des EU-Gasbedarfs begrenzt und fließe zuerst in die Industrie. Grüner Wasserstoff koste vier bis zehn Dollar pro Kilogramm und werde „in dieser Dekade kaum unter zwei bis drei Dollar fallen“.
Die Studie ist hier ehrlich: Wärmepumpen bleiben auf Netzstrom angewiesen, und im Strommix spielt Gas weiterhin eine Rolle. Aber der Trend ist eindeutig. Deutschland senkt seinen Gasverbrauch seit Jahren. Das reduziert die Abhängigkeit von Speicherfüllständen strukturell.
Was Roland Berger über Europas Strategie sagt
Deutschland gehört in der Roland-Berger-Systematik zum Archetyp „reifer Importeur“ – zusammen mit Japan und Südkorea. Für diesen Archetyp empfiehlt die Studie zwei zentrale Strategien.
Erstens: den Schwenk von starrer Pipeline-Abhängigkeit zu flexibler LNG-Beschaffung. Das soll den Wettbewerb unter Lieferanten intensivieren. Genau diesen Schritt hat Deutschland mit dem LNG-Terminal-Ausbau seit 2022 vollzogen.
Die Infrastruktur steht. Die Kapazitäten sind nicht ausgelastet. Das Argument von Stefan Spiegelsberger, es gebe „nicht genug Schiffe“, ist vor diesem Hintergrund nicht haltbar. Roland Berger beschreibt einen Markt, in dem Tanker in Echtzeit umgeleitet werden.
Zweitens: langfristige Abnahmeverträge für große Volumina zur Sicherung der langfristigen Versorgung. Japan investiert beispielsweise in Alaska-LNG-Projekte. Deutschland kann hier aufholen, ist aber durch die bestehende LNG-Infrastruktur und die EU-weite Diversifikation bereits deutlich besser aufgestellt als vor der Energiekrise.
Vom starren zum flexiblen Gasmarkt
Eine der wichtigsten Grafiken der Studie zeigt die „LNG Market Structure Evolution“. Sie stellt zwei Modelle gegenüber.

Das alte Modell: Langfristige bilaterale Verträge. Feste Zielorte. Starre Lieferpläne. Wenige Marktteilnehmer.
Das neue Modell: Verträge mit Zielort-Flexibilität. Kurzfristige Volumina. Dynamische Schiffslogistik. Hub-basierte transparente Preisbildung. Cargos können weiterverkauft, getauscht oder als Teil eines Portfolios gehandelt werden.
Für die deutsche Debatte ist das entscheidend. Die YouTube-Paniker argumentieren in der Logik des alten Modells: Speicher leer, Gas weg, Krise. Roland Berger beschreibt eine Welt, in der ein niedriger Speicherstand ein Preissignal ist. Und Preissignale funktionieren. Wenn der TTF-Preis steigt, kommen die Tanker. 2022 hat das bewiesen.
Was die Studie über Versorgungssicherheit sagt
Roland-Berger-Partner Dieter Billien bringt es auf den Punkt: „Security of gas supply is high on the agenda. LNG is expected to contribute to more flexibility in the market.“ Versorgungssicherheit ist ganz oben auf der Agenda. LNG soll für mehr Flexibilität sorgen. Nicht weniger.
Die Studie betont: Regasifizierungskapazitäten übersteigen weltweit die Verflüssigungskapazitäten. Das bedeutet: Es gibt mehr Import-Infrastruktur als Export-Infrastruktur. Das Problem ist nicht, dass Europa kein Gas bekommen könnte. Das Problem wäre, wenn alle gleichzeitig dieselben Ladungen haben wollen. Und selbst dann regelt der Preis die Verteilung.
Roland Berger beschreibt dabei keine Wunschvorstellung. Die Studie benennt Risiken klar: Chinas Rolle als Swing-Trader kann Volatilität erhöhen. Der EU-Ausstieg aus russischem Gas kann kurzfristig zu Verwerfungen führen. Aber die Antwort auf diese Risiken ist nicht Panik. Es sind die „No-Regret-Moves“: Nachfrage senken, Handelsflexibilität aufbauen, strategische Infrastruktur sichern.
Wo Roland Berger selbst eine Lücke lässt
So stark die Studie bei der Marktanalyse ist – an einer entscheidenden Stelle wird sie selbst selektiv. Auf Seite 10 schreibt Roland Berger, Erdgas emittiere „deutlich weniger CO2 (53 kg/MMBtu) als Kohle (91-113 kg/MMBtu)“, komme aber mit „höheren Methan-Emissionen über den Lebenszyklus“. Und dann? Dann kommt sofort Biomethan als Lösung. Die Methan-Problematik wird in einem Halbsatz abgehakt.
Was fehlt: Die viel diskutierte Studie der Cornell University von Robert Howarth aus dem Jahr 2024. Sie zeigt, dass LNG aus Fracking über einen Zeitraum von 20 Jahren rund 33 Prozent klimaschädlicher sein kann als Kohle. Der Grund: Methan-Leckagen entlang der gesamten Lieferkette, von der Förderung über die Verflüssung bis zum Transport. Methan ist über 20 Jahre betrachtet rund 80 Mal klimawirksamer als CO2.
Für eine Strategieberatung, die Regierungen und Energiekonzernen Empfehlungen gibt, ist das eine bemerkenswerte Lücke. Roland Berger beschreibt den globalen Gasmarkt exzellent. Aber die Studie behandelt LNG ausschließlich als Versorgungsfrage, nicht als Klimafrage. Die Klimabilanz von LNG, insbesondere von amerikanischem Fracking-Gas, bleibt außen vor.
Das ist kein Grund, die Marktanalyse zu verwerfen. Die fünf Trends stimmen. Die Mechanismen funktionieren. Aber es ist ein Grund, die Schlussfolgerungen weiterzudenken. Denn Versorgungssicherheit durch LNG und Klimaschutz sind zwei unterschiedliche Fragen. Wer nur die erste beantwortet, erzählt nur die halbe Geschichte.
Die Panik-Erzählung im Realitätscheck
Zurück nach Deutschland. Was haben wir in den vergangenen Wochen auf YouTube und bei NIUS gehört?
NIUS behauptete: „Gasmangellage nicht mehr abzuwenden.“ Die Initiative Energien Speichern (INES), auf die sich NIUS berief, berichtete gleichzeitig von einer „Entschärfung der Lage durch milderes Wetter“.
Kolja Barghoorn machte aus dem Speicher Rehden bei elf Prozent eine nationale Krise. Der nationale Durchschnitt lag bei 33 bis 34 Prozent. Rehden ist ein Porenspeicher, der seit 2022 an Systemrelevanz verloren hat. Diese Einordnung fehlte im Video.
All diese Narrative ignorieren, was Roland Berger als Kernthese formuliert: „Success will favor those who move fastest to embrace flexibility.“ Erfolg haben die, die am schnellsten auf Flexibilität setzen. Deutschland hat genau das getan. Die LNG-Terminals stehen. Die Regasifizierungskapazitäten sind da. Die Hälfte davon ist ungenutzt.
Was das für Deutschland wirklich bedeutet
Die Roland-Berger-Studie ist keine Entwarnung im Sinne von „alles ist gut, machen wir nichts“. Sie beschreibt einen Markt im Umbruch, der aktives Handeln erfordert. Aber sie beschreibt diesen Markt nüchtern, datenbasiert und mit dem Blick auf funktionierende Mechanismen. Die Gasmangellage-Panik von NIUS und YouTube hält dieser Analyse nicht stand.
Doch die Studie denkt nicht weit genug. Roland Berger will das Gasspiel gewinnen. Cleanthinking fragt: Warum nicht das Spiel beenden? Raus aus dem Gas-Casino – mit klarer Ausstiegsstrategie.
Deutschlands Gasspeicher sind ein wichtiger Baustein. Aber sie sind nicht mehr der allein entscheidende Indikator für die Versorgungssicherheit. Klaus Müller von der Bundesnetzagentur hat genau das gesagt. Die LNG-Terminals haben das Spiel verändert. Der globale Markt hat sich verändert. Die Nachfrage sinkt durch Erneuerbare und Effizienz. All das ist richtig und all das widerlegt die Panik-Narrative.
Aber Flexibilität im Gasmarkt ist eine Brücke, kein Ziel. Roland Berger selbst liefert die Daten: Wärmepumpen sind der Kostenführer bei der Gebäudeheizung. Erneuerbare verdrängen Gas in der Stromerzeugung. Abwärme-Nutzung für Prozessenergie.
Die „No-Regret-Moves“ der Studie zielen alle in eine Richtung: weniger Gas, nicht mehr. Wenn man diese Logik konsequent zu Ende denkt, führt sie nicht in eine LNG-Republik, sondern in ein elektrifiziertes Energiesystem, das fossile Brennstoffe Schritt für Schritt überflüssig macht.
Die Antwort auf die YouTube-Panik ist also doppelt: Kurzfristig gibt es keine Gasmangellage, weil der Markt funktioniert und die Infrastruktur steht. Langfristig wird die Frage nach Speicherfüllständen irrelevant, weil die Nachfrage sinkt. Nicht durch Verzicht. Durch bessere Technologie.
Wer heute vor leeren Gasspeichern warnt, ohne den globalen Markt zu verstehen, betreibt Desinformation. Wer LNG als Dauerlösung feiert, ohne die Klimabilanz zu kennen, erzählt nur die halbe Geschichte. Die ganze Geschichte ist: Deutschland ist auf dem Weg aus dem Gas-Casino. Nicht so schnell, wie es das Klima verlangt. Aber schneller, als die Paniker behaupten.
Die Gasmarkt-Studie von Roland Berger gibt es hier zum Download.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
Erster 🙂